Der Größte der von einer Frau geboren

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 2. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Im Advent stellt uns die Liturgie der Kirche zwei große Gestalten vor Augen, die uns auf das kommende Fest der Geburt des Erlösers vorbereiten sollen. Die Jungfrau Maria und Johannes den Täufer. Beide sind ihm bei seinem Erscheinen auf Erden buchstäblich vorausgegangen. Maria ist seine Mutter, die ihm alles Menschliche mitgegeben hat. Da er keinen irdischen Vater hat, ist alles an ihm von Maria. Zwischen Maria und ihm muss es auch äußerlich eine große Ähnlichkeit gegeben haben. Ein Mystiker hat einmal gesagt: das Blut Jesu – das kostbare Blut – ist Blut Mariens.

Die vorbereitende Aufgabe Johannes´ des Täufers bezieht sich dagegen auf sein Auftreten in der Öffentlichkeit. Durch seine Bußpredigt bereitet er die Herzen der Menschen darauf vor, die Worte Jesu vom kommenden Gottesreich zu verstehen. Im Gegensatz zu Jesus spricht Johannes oft in herausforderndem, ja drohendem Ton. „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?“ Wer heute so predigen wollte, hätte damit zu rechnen, dass man ihm mangelnde „political correctness“ vorwerfen würde. Aber es geht Johannes natürlich nicht darum, die Leute zu beschimpfen (wenngleich es immer Menschen gibt, die nur so ansprechbar sind), vielmehr will er sie in ihrem eigenen Interesse zur Umkehr bringen: „Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen.“ (Lk 3, 7-8)

Nehmen doch auch wir heute, zwanzig Jahrhunderte danach, diese Aufforderung an. Umkehren ist immer, und auch gerade heute, notwendig, denn der Weg, auf dem viele unserer gottvergessenen Zeitgenossen gehen, ist ein Weg in den Abgrund. Ein Weg, der mit allen Errungenschaften des Wellness-Zeitalters ausgestattet ist, und natürlich immer gut versichert, aber dennoch ein Weg in den Abgrund. Denn wenn diese Umkehr nicht stattfindet, steht am Ende unter Umständen das blanke Nichts.

Zwischen Jesus und Johannes gibt es eine eigenartige Verbindung. Merkwürdig scheint die folgende Feststellung: Bei seiner Taufe im Jordan sieht Jesus ihn zum ersten Mal. Dennoch sind sich die beiden schon einmal begegnet. Des Rätsels Lösung: die beiden sind sich begegnet, als sie beide noch im Mutterschoß waren. In jenen seligen Kindertagen, als die Jungfrau Maria, kaum dass sie, vom Hl. Geist überschattet, den Gottessohn empfangen hatte, nach Ain Karim aufbrach, um ihrer Base Elisabeth, die noch im hohen Alter ein Kind empfangen hatte, beizustehen. Jene wundervolle Begegnung zwischen vier vom Hl. Geist erfüllten Menschen, von denen zwei sichtbar sind – die Mütter – und zwei verborgen im Schoß ihrer Mütter. Damals hat Johannes sich über die Begegnung mit Jesus gefreut und hat im Schoß seiner Mutter Elisabeth kindliche Freudensprünge vollführt. Jetzt aber sind beide erwachsene Männer und ganz erfüllt vom Ernst der Situation, da Jesus sein öffentliches Wirken nun beginnt.

Johannes erkennt bald nach der Taufe Jesu, dass seine eigene Aufgabe nun erfüllt ist, die Aufgabe, für den Messias „einen Weg durch die Wüste zu bahnen“, dafür zu sorgen, dass „jedes Tal sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken“ soll. So sieht es der Prophet Jesaja Jahrhunderte zuvor und fügt hinzu: “Was krumm ist, soll gerade werden, was hügelig ist, werde eben.“ Die selige Anna Katharina Emmerick hat diese Prophezeiung nicht nur im metaphorischen Sinne verstanden, sondern sie „sah“, dass Johannes auch buchstäblich die Orte, an denen Jesus auftreten würde, mit seiner eigenen Hände Arbeit dergestalt vorbereitete, dass sie sich für größere Menschenansammlungen u.ä. eigneten.

Jesus bezeichnet einmal Johannes den Täufer als den letzten und größten aller Propheten, ja mehr noch: als den „größten der vom Weibe geborenen“. Gewaltig und eindrucksvoll muss das Auftreten des Täufers gewesen sein. Aber dann fügt Jesus den etwas rätselhaften Satz hinzu: „Aber der Kleinste im Himmelreich ist größer als er“. Was ist damit gemeint? Ich denke, der Herr will auf den enormen Unterschied hinweisen, der zwischen dem Alten und dem Neuen Bund besteht. Mit Johannes findet der Alte Bund seinen Abschluss. In ihm ist er der größte Mensch. Im Neuen Bund ist jedoch sehr viel mehr Gnade. Jeder scheinbar unbedeutende Gläubige des Neuen Bundes ist größer, weil er durch Christus erlöst und daher ein Kind Gottes geworden ist. Ein Verdienst ist das zunächst nicht, denn die Initiative geht von Jesus aus, der seinen Jüngern sagt: “Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde”, und der nach seiner Auferstehung noch einen Schritt weiter geht und durch Magdalena den Jüngern sagen lässt: „Geh und sag meinen Brüdern, ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Jo 20,17).

Unsere wahre Größe wird darin bestehen, dass wir die Gotteskindschaft nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern uns bemühen, unserem Bruder Christus nachzufolgen und dadurch ihm ähnlich zu werden. Gemäß dem Wort des hl. Paulus vom „anderen Christus“, ja „Christus selbst“, der wir werden sollen.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.