Der heilige Augustinus: "Ich glaube an die eine, heilige Kirche"

P. Raniero Cantalamessa, OFMCap - Zweite Fastenpredigt 2014

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1141 klicks

Am heutigen Freitagvormittag hielt Pater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, in der Kapelle Redemptoris Mater die zweite traditionelle Fastenpredigt für den Papst und die Kurie.

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1. Vom Orient ins Abendland

In der einleitenden Meditation der vorigen Woche haben wir über den Sinn der Fastenzeit als einer Zeit gesprochen, in der wir mit Jesus in die Wüste gehen, uns vom Essen, aber auch von üblen Worten und Bildern enthalten und lernen können, unsere Versuchungen zu besiegen und vor allem eine festere Beziehung zu Gott aufzubauen.

In den vier Predigten, die uns noch bleiben, will ich die Überlegungen fortsetzen, mit denen wir uns in der Fastenzeit 2012 beschäftigt haben, als wir über die griechischen Kirchenväter gesprochen haben. In diesem Jahr werden wir auf die Schule der vier großen lateinischen Kirchenväter gehen: Augustinus, Ambrosius, Leo der Große und Gregor der Große. Dabei werden wir sehen, was jeder von ihnen uns heute noch zu sagen hat, vor allem bezüglich der Glaubenswahrheit, die er auf besondere Weise vertreten hat, das heißt: über das Wesen der Kirche, die Realpräsenz Christi in der Eucharistie, das christologische Dogma von Chalzedon und das geistige Verständnis der Heiligen Schrift.

Ziel ist es, hinter diesen großen Vätern der Kirche den Reichtum, die Schönheit und die Freude des Glaubens wiederzuentdecken und „aus Glauben zum Glauben“ (Röm 1,17), wie Paulus sagt, von einem geglaubten Glauben zu einem gelebten Glauben zu gelangen. Diese Zunahme im „Umfang“ des Glaubens innerhalb der Kirche wird dann zum Ausgangspunkt für eine größere Kraft bei der Verkündung des Glaubens in der Welt werden.

Der Titel dieser Reihe von Predigten ist von einem Sinnbild abgeleitet, das den Denkern des Mittelalters lieb war. Johannes von Salisbury schrieb: „Wir sind wie Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, so dass wir mehr erkennen und weiter schauen können als sie; nicht, weil unser Blick schärfer oder unser Wuchs größer wäre, sondern weil sie uns tragen und zu riesenhafter Höhe emporführen.“[1] Dieser Gedanke hat in den Statuen und Glasfenstern mancher gotischen Kathedrale eine künstlerische Umsetzung gefunden: Hier sehen wir riesenhafte Gestalten, die winzige Menschen auf ihren Schultern tragen, die fast wie Zwerge wirken. Für die Menschen des Mittelalters waren diese Riesen niemand anderes als die Kirchenväter, und sie sind es auch heute noch für uns.

Nach den Lehren von Athanasius, Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa über die Göttlichkeit Christi, den Heiligen Geist, die Dreifaltigkeit und die Gotteskenntnis hätte man glauben können, dass den lateinischen Kirchenvätern nicht mehr viel zu tun blieb, um am Gebäude des christlichen Dogmas mitzuwirken. Aber ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Theologie wird uns schnell vom Gegenteil überzeugen.

Angetrieben von ihrer Kultur, die ihnen einen starken Hang zur Spekulation vermittelt hatte, und bedingt durch die Häresien gegen die sie kämpfen mussten (Arianismus, Apollinarismus, Nestorianismus, Monophysitismus), hatten die griechischen Kirchenväter ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die ontologischen Aspekte des Dogmas gerichtet: die Göttlichkeit Christi, seine zwei Naturen und die Art ihrer Verbindung, die Einheit und Dreifaltigkeit Gottes. Die Themen, die Paulus so lieb waren – die Rechtfertigung, das Verhältnis zwischen Gesetz und Evangelium, die Kirche als Leib Christi – waren am Rande ihrer Aufmerksamkeit geblieben oder nur flüchtig behandelt worden. Für ihre Zwecke war Johannes, mit seinem Augenmerk für das Mysterium der Menschwerdung, viel brauchbarer als Paulus, der dem Ostergeheimnis, das heißt dem Wirken Christi, den Vorrang gegenüber der Frage nach seinem Wesen gibt.

Der Charakter der lateinischen Väter, die (mit Ausnahme von Augustinus) mehr dazu neigten, sich mit konkreten, juristischen und praktischen Fragen zu befassen, als mit Spekulationen, verbunden mit dem Aufkeimen neuer Häresien, wie dem Donatismus und dem Pelagianismus, förderten eine neue, originelle Besinnung auf die paulinischen Themen der Gnade, der Kirche, der Sakramente und der Heiligen Schrift. Das ist die geschichtliche Epoche, die wir zum Gegenstand dieser Fastenzeitpredigt machen wollen.

2. Was ist die Kirche?

Wir wollen unsere Vorführung mit dem größten unter den lateinischen Vätern, mit Augustinus beginnen. Der Meister aus Hippo hat seine Spur in fast allen Debatten der Theologie hinterlassen, ganz besonders jedoch in zweien: der über die Gnade und der über die Kirche. Mit dem ersten Thema befasste er sich aufgrund seines Kampfes gegen den Pelagianismus, mit dem zweiten aufgrund seines Kampfes gegen den Donatismus.

Der Lehre Augustins über die Gnade ist seit dem 16. Jahrhundert viel Aufmerksamkeit gewidmet worden, sowohl in protestantischen Kreisen (Luthers Rechtfertigungslehre und Calvins Prädestinationslehre knüpfen an ihr an), als auch im katholischen Lager, vor allem als Antwort auf die von Jansen und Bajus aufgeworfenen Kontroversen[2]. Das Interesse für seine Sichtweise der Kirche ist hingegen typisch für die Moderne, auch weil das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche zu ihrem Hauptthema gemacht hat und die ökumenische Bewegung der Definition des Begriffs „Kirche“ eine große Bedeutung beimisst. Da wir in den Kirchenvätern Hilfe und Anregung für die Gegenwart des Glaubens suchen, werden auch wir uns mit diesem zweiten Interessengebiet des heiligen Augustinus befassen, mit der Kirche.

Die Kirche als Betrachtungsgegenstand war den griechischen Vätern nicht unbekannt gewesen, und auch die lateinischen Autoren vor Augustinus (Cyprian, Hilarius, Ambrosius) hatten sich mit ihr befasst. Doch beschränkten ihre Betrachtungen sich im Wesentlichen darauf, Begriffe und Sinnbilder der Heiligen Schrift zu wiederholen und zu kommentieren. Die Kirche ist das neue Volk Gottes; ihr ist die Unfehlbarkeit versprochen worden; sie ist die „tragende Säule der Wahrheit“; der Heilige Geist ist ihr oberster Meister; die Kirche ist „katholisch“, weil sie sich auf alle Völker ausdehnt, alle Dogmen lehrt und alle Charismen besitzt; in Anlehnung an Paulus ist von der Kirche als dem Mysterium unserer Einverleibung in Christus durch die Taufe und die Gabe des Heiligen Geistes die Rede; sie ist aus der Seitenwunde des gekreuzigten Christus geboren worden, so wie Eva aus der Seite des schlafenden Adams geboren wurde[3].

Das alles jedoch wird nebenbei bemerkt; die Kirche ist noch kein Betrachtungsgegenstand für sich. Wer gezwungen sein wird, sie zu einem solchen zu machen, ist eben Augustinus, der fast sein ganzes Leben lang gegen das Schisma der Donatisten ankämpfen musste. Diese nordafrikanische Sekte wäre heute vielleicht längst vergessen, wenn sie nicht zum Anlass für die Geburt der Ekklesiologie geworden wäre, der Reflexion über das Wesen der Kirche, ihrem Auftrag im Plan Gottes und ihrer Struktur.

Um das Jahr 311 weigerte sich ein gewisser Donatus, Bischof von Numidien, jene Gläubigen wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufzunehmen, die während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian den staatlichen Behörden ihre heiligen Bücher ausgehändigt und ihrem Glauben abgeschworen hatten, um ihr Leben zu retten. 311 wurde ein gewisser Caecilianus zum Bischof von Karthago gewählt, dem vorgeworfen wurde (zu Unrecht, nach katholischer Auffassung), den Glauben während der Verfolgung unter Diokletian verraten zu haben. Diese Wahl wurde von einer Gruppe von siebzig nordafrikanischen Bischöfen unter der Leitung des Donatus nicht anerkannt. Sie setzten Caecilianus ab und ernannten an seiner Stelle Donatus zum neuen Bischof von Karthago. Von Papst Miltiades 313 exkommuniziert, blieb Donatus auf seinem Posten und löste dadurch ein Schisma aus, das zur Entstehung einer nordafrikanischen Parallelkirche führte, die bis zur Eroberung durch die Vandalen etwa hundert Jahre später existierte.

Im Laufe dieses Streits hatten die Donatisten versucht, ihre Position durch theologische Argumente zu untermauern. Durch den Versuch, eben diese Argumente zu widerlegen, gelangte Augustinus schrittweise zu seinem soliden Gedankengebäude über das Wesen der Kirche. Seine Gedanken legt er in zwei verschiedenen Arten von Schriften dar: in den Werken, die er unmittelbar gegen die Donatisten richtet, und in seinen Kommentaren zur Heiligen Schrift und Ansprachen ans Volk. Es ist wichtig, zwischen diesen zwei Kontexten zu unterscheiden, denn je nachdem, an welche Adressaten seine Schriften gerichtet waren, betont Augustinus manche Aspekte seiner Lehre über die Kirche mehr als andere, und nur aus der Gesamtheit dieser Schriften können wir uns ein Bild seiner Ekklesiologie machen. Wir wollen also die Schlussfolgerungen, zu denen der Heilige gelangt, nach diesen beiden Kontexten getrennt betrachten und dabei mit den antidonatistischen Streitschriften beginnen.

a. Die Kirche als Gemeinschaft in den Sakramenten und Gesellschaft von Heiligen. Das Schisma der Donatisten war von einer Überzeugung ausgegangen: Die Gnade des Herrn kann nicht von einem Priester vermittelt werden, der sie nicht besitzt; die Sakramente, die ein unwürdiger Priester erteilt, sind daher ungültig und unwirksam. Dieses Argument, das sich ursprünglich gegen die Bischofsweihe von Caecilianus richtete, wurde sehr bald auf alle Sakramente ausgedehnt, besonders auch auf die Taufe. Dadurch rechtfertigten die Donatisten ihre Abspaltung von den Katholiken und die Praxis, alle, die zu ihnen überliefen, neu zu taufen.

Im Gegenzug entwickelte Augustinus ein Prinzip, das zu einer bleibenden Errungenschaft der Theologie werden sollte und die Grundlage für das spätere Traktat De sacramentiis schuf: die Unterscheidung zwischen Potestas und Ministerium, das heißt, zwischen der Gnade und ihrem Verwalter. Die Gnade, die durch die Sakramente erteilt wird, ist ausschließlich das Werk Gottes und Christi; der Priester ist nur ihr Werkzeug: „Wenn Petrus tauft, ist es Christus, der getauft hat; wenn Johannes tauft, ist es Christus, der getauft hat; wenn Judas tauft, ist es ebenfalls Christus, der getauft hat.“[4] Die Gültigkeit und Wirksamkeit eines Sakraments wird von der Unwürdigkeit eines Priesters nicht verhindert. Das ist eine Wahrheit, die auch für die Christen von heute sehr aktuell ist…

Nachdem er auf diese Weise die stärkste Waffe seiner Gegner neutralisiert hat, kann Augustinus seine großartige Vision der Kirche ausarbeiten. Er beginnt mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der gegenwärtigen, irdischen Kirche und der zukünftigen, himmlischen Kirche. Nur letztere wird eine Kirche sein, die einzig und allein aus Heiligen besteht; die Kirche der Gegenwart ist ein Feld, in dem Weizen und Unkraut untrennbar zusammen wachsen; ein Netz, das gute und schlechte Fische zugleich einfängt, das heißt Heilige und Sünder.

Innerhalb der irdischen Kirche unterscheidet Augustinus zusätzlich zwischen der „Gemeinschaft in den Sakramenten“ (communio sacramentorum) und der „Gesellschaft von Heiligen“ (societas sanctorum). Die erste wird durch die Teilhabe an den äußeren Zeichen – Sakramente, Heilige Schrift, kirchliche Autorität – sichtbar zusammengehalten; die zweite umschließt nur jene Menschen, die zusätzlich zu diesen äußeren Zeichen auch an der unsichtbaren Wirklichkeit teilhaben, die hinter diesen Zeichen steht: die res sacramentorum, das heißt, der Heilige Geist, die Gnade, die Nächstenliebe.

Da es auf Erden immer unmöglich bleiben wird, mit Gewissheit zu sagen, wer den Heiligen Geist und die Gnade besitzt – und noch mehr, ob er auch bis zu seinem Tod an ihnen festhält –, identifiziert Augustinus letztendlich die echte und endgültige Gemeinschaft der Heiligen mit der himmlischen Kirche der Auserwählten. „Wie viele Lämmer, die heute drin sind, werden dann draußen sein; und wie viele Wölfe, die heute draußen sind, werden dann drin sein!“[5]

Die Neuigkeit, auch gegenüber Cyprian, besteht darin, dass während dieser die Einheit der Kirche mit etwas Äußerlichem und Sichtbarem gleichsetzte – der Eintracht aller Bischöfe untereinander –, sie für Augustinus in etwas Innerlichem besteht: dem Heiligen Geist. Die Einheit der Kirche ist daher das Werk derselben Person, die auch die Einheit der Dreifaltigkeit hervorruft. „Der Vater und der Sohn haben gewollt, dass wir untereinander und mit ihnen durch dasselbe Band verbunden werden, das auch sie zusammenhält, nämlich dem Band der Liebe, das der Heilige Geist ist.“ [6] Der Heilige Geist erfüllt in der Kirche dieselbe Funktion, die unsere Seele im Leib erfüllt: Er belebt sie und macht sie zu einer Einheit. „Was die Seele für den menschlichen Leib ist, das ist der Heilige Geist für den Leib Christi, die Kirche.“ [7]

Die volle Zugehörigkeit zur Kirche erfordert beides zugleich: die sichtbare Gemeinschaft in den sakramentalen Zeichen und die unsichtbare Einheit in der Gnade. Doch besitzt sie viele Abstufungen, weshalb es nicht gesagt ist, dass jemand notwendigerweise entweder drinnen oder draußen sein muss. Man kann teilweise drinnen und zugleich teilweise draußen sein. Es gibt eine äußerliche Zugehörigkeit in den sakramentalen Zeichen, an der auch die schismatischen Donatisten und alle schlechten Katholiken teilhaben, und eine volle und uneingeschränkte Zugehörigkeit. Erstere besteht im Besitz des äußerlichen Zeichens der Gnade (sacramentum), ohne jedoch die innere Gnade zu empfangen, die von diesen Zeichen ausgeht (res sacramenti), wie es im Fall der von den Schismatikern erteilten Taufe oder der von unwürdigen Katholiken empfangenen Eucharistie geschieht.

b. Die Kirche als vom Heiligen Geist beseelter Leib Christi. In den exegetischen Schriften Augustins und in seinen Ansprachen für das Volk finden wir dieselben grundlegenden Prinzipien der Ekklesiologie wieder; doch steht Augustinus hier weniger unter dem Druck des Streits und spricht gewissermaßen zu seiner Familie; daher kann er gewissen inneren und geistigen Aspekten der Kirche, die ihm am Herzen liegen, mehr Raum widmen. In diesen Schriften stellt Augustinus, in oft sehr lyrischen und gerührten Tönen, die Kirche als den Leib Christi dar (das Attribut „mystisch“ fehlt zur Zeit noch und wird erst später hinzukommen), der vom Heiligen Geist beseelt ist und so sehr dem eucharistischen Leib ähnelt, dass er manchmal fast mit diesem gleichgesetzt wird. Lasst uns die Worte hören, die seine Gläubigen einst an einem Pfingstfest zu diesem Thema zu hören bekamen:

„Wenn du den Leib Christi begreifen willst, höre auf den Apostel, der zu den Gläubigen sagt: ‚Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm‘ (1 Kor 12,27). Wenn ihr also der Leib und die Glieder Christi seid, dann liegt auf der Tafel des Herrn euer eigenes Mysterium. Empfangt daher euer Mysterium! Sagt Amen zu dem, was ihr seid, und bejaht es dadurch. Denn man sagt dir: ‚Der Leib Christi‘, und du wirst antworten: ‚Amen‘. Sei ein Glied des Leibes Christi, damit dein Amen wahr ist… Seid das, was ihr seht und empfangt das, was ihr seid!“ [8]

Die Analogie zwischen den beiden Leibern Christi besteht für Augustinus in der symbolischen Übereinstimmung in der Art ihres Entstehens. Das Brot der Eucharistie ist das Ergebnis einer Verschmelzung zahlreicher Weizenkörner, und den Wein erhält man aus der Pressung zahlreicher Weinbeeren; so wird auch die Kirche von zahlreichen Menschen gebildet, die durch das Band der Liebe, das heißt durch dem Heiligen Geist, zusammengehalten und verschmolzen werden.[9] So wie der Weizen am Anfang auf den Feldern stand und von dort durch die Ernte eingebracht, dann gemahlen, zu Teig geknetet und im Ofen gebacken wurde, so waren auch die Gläubigen am Anfang über die ganze Welt verstreut und wurden durch das Wort Gottes zusammengeführt, durch die Buße und die Exorzismen, die der Taufe vorangehen, gemahlen, um schließlich durch das Wasser der Taufe und das Feuer des Heiligen Geistes zu gehen. Auch über die Kirche kann man sagen, dass das Sakrament „significando causat“ (dadurch, dass es Zeichen ist, zur Ursache wird): Weil die Eucharistie die Vereinigung von zahlreichen Personen in einer einzigen darstellt, verwirklicht sie diese Vereinigung auch, wird zu ihrer Ursache. In diesem Sinne kann man zurecht sagen, dass die Eucharistie die Kirche „macht“.

3. Die Aktualität der Ekklesiologie des heiligen Augustinus

Versuchen wir jetzt zu verstehen, auf welche Weise die Ideen des heiligen Augustinus über die Kirche dazu beitragen können, Licht auf die Probleme zu werfen, mit denen die Kirche in unserer Zeit konfrontiert wird. Ich möchte mich besonders auf die Bedeutung konzentrieren, die seine Ekklesiologie für den ökumenischen Dialog hat. Diese Wahl habe ich aus einem ganz bestimmten Grund getroffen. Die christliche Welt bereitet sich darauf vor, den fünfhundertsten Jahrestag der protestantischen Reformation zu begehen. Es sind schon erste Dokumente und gemeinsame Erklärungen zu diesem Ereignis im Umlauf [10]. Es ist für die ganze Kirche von größter Wichtigkeit, dass diese Gelegenheit nicht verloren geht, dass wir nicht Gefangene unserer Vergangenheit bleiben und versuchen, wenn auch mit mehr Objektivität und Friedfertigkeit als früher, festzustellen, wer worin Recht hatte und wer welche Schuld auf sich geladen hat. Stattdessen müssen wir einen entschiedenen Schritt voran gehen, wie es durch die „Klause“ eines Flusses oder Kanals geschieht, die es Schiffen ermöglicht, auf einer höheren Ebene weiterzufahren.

Die Lage der Welt, der Kirche und der Theologie hat sich seit damals sehr verändert. Es geht heute darum, bei der Person Jesu Christi neu zu beginnen und in Demut unseren Zeitgenossen zu helfen, Christus wiederzuentdecken. Wir müssen uns an der Zeit der Apostel orientieren. Sie hatten eine vorchristliche Welt vor sich; wir haben eine größtenteils nachchristliche Welt vor uns. Wenn Paulus den Kern der christlichen Botschaft in einem Satz zusammenfassen möchte, dann sagt er nicht: „Wir verkündigen euch folgende Lehre“; sondern: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23), oder auch: „Wir verkündigen Jesus Christus als den Herrn“ (2 Kor 4,5).

Das bedeutet nicht, dass wir die große theologische und geistliche Bereicherung, die aus der Reformation hervorgegangen ist, ignorieren sollen oder die Uhr zurückdrehen wollen; es bedeutet vielmehr, ihre Errungenschaften der gesamten Christenheit zur Verfügung zu stellen, sobald sie von gewissen Radikalismen befreit werden, die durch das erhitzte Klima der damaligen Zeit oder durch spätere Streite entstanden sind. Die unverdiente Rechtfertigung durch den Glauben, zum Beispiel, müsste heute mit mehr Nachdruck denn je gepredigt werden; nicht jedoch als Verneinung des Werts der guten Taten, denn solche Argumente sind überholt, sondern als Gegengewicht zur Anmaßung des modernen Menschen, er könne sich selbst retten und benötige weder Gott noch Christus dazu. Ich bin überzeugt, dass, wenn er heute lebte, diese würde die Weise sein,  in welcher auch Luther die Rechtfertigung durch den Glauben predigen würde.

Wie kann die Theologie des Augustinus uns helfen, diese jahrhundertealten Schranken zu überbrücken? Der Weg, den wir heute gehen müssen, folgt gewissermaßen einer Richtung, die der, die er gegenüber den Donatisten einschlug, genau entgegengesetzt ist. Augustinus musste den Weg von der Gemeinschaft in den Sakramenten zur Gemeinschaft in der Gnade des Heiligen Geistes und in der Liebe gehen; wir heute müssen uns von der geistigen Gemeinschaft in der Liebe zur vollen Gemeinschaft in den Sakramenten bewegen, vor allem in der Eucharistie.

Die Unterscheidung zwischen den zwei Verwirklichungsebenen der wahren Kirche – die äußere Ebene der Zeichen und die innere Ebene der Gnade – erlaubt es Augustinus, ein Prinzip auszusprechen, das vor ihm undenkbar gewesen wäre: „Es kann daher innerhalb der katholischen Kirche Dinge geben, die nicht katholisch sind, so wie es außerhalb der katholischen Kirche etwas geben kann, das katholisch ist.“[11] Die zwei Aspekte der Kirche – der sichtbare und institutionelle einerseits, der unsichtbare und geistige andererseits – können nicht voneinander getrennt werden. Diese Wahrheit hat auch Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici corporis, sowie das Zweite Vatikanische Konzil in der Konstitution Lumen gentium wieder bekräftigt. Doch solange diese beiden Aspekte der Kirche, aufgrund von historischen Konflikten und der Sünde der Menschen, leider nicht übereinstimmen, kann man der institutionellen Einheit keinen höheren Wert beimessen als der geistigen.

Diese Überlegung konfrontiert mich mit einer ernsthaften Frage. Kann ich als Katholik mich mehr mit der großen Menge derer in Gemeinschaft fühlen, die zwar in meiner selben Kirche getauft wurden, sich aber kein bisschen für Christus und die Kirche interessieren, oder wenn dann nur, um Kritik zu üben, als ich mich mit denen in Gemeinschaft fühle, die zwar anderen christlichen Konfessionen angehören, jedoch an dieselben grundsätzlichen Wahrheiten glauben wie ich auch, Jesus Christus lieben bis zur Bereitschaft, ihr Leben für ihn hinzugeben, sein Evangelium verbreiten, sich bemühen, den Armen der Welt zu helfen, und über dieselben Gaben des Heiligen Geistes verfügen, wie wir auch? Die Verfolgungen, die in manchen Gegenden der Welt heute so häufig geworden sind, machen keinen Unterschied: Sie verbrennen Kirchen und töten Menschen, nicht, weil sie Katholiken oder Protestanten sind, sondern weil sie Christen sind. Für sie sind wir bereits geeint!

Diese Frage müssten sich natürlich auch die Christen anderer Konfessionen in Hinblick auf ihre Beziehung zu den Katholiken stellen, und Gott sei Dank geschieht dies auch tatsächlich, im Verborgenen zwar, aber in viel stärkerem Maße, als die Nachrichten erahnen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass man sich eines Tages wundern wird, wieso wir nicht schon früher gemerkt haben, was der Heilige Geist im Verborgenen unter den Christen unserer Zeit gewirkt hat. Außerhalb der katholischen Kirche gibt es unzählige Christen, die sie mit anderen Augen betrachten als früher und anfangen, in ihr die Wurzeln ihres eigenen Glaubens zu erkennen.

Die modernste und fruchtbarste Intuition des heiligen Augustinus zum Thema Kirche liegt also in der Erkenntnis, dass ihr einigendes Prinzip der Heilige Geist ist, und nicht die Eintracht unter den Bischöfen oder zwischen den Bischöfen und dem Papst. So, wie die Einheit des menschlichen Körpers von der Seele herrührt, die alle Glieder belebt und bewegt, so verhält es sich auch mit der Einheit des Leibes Christi. Sie ist in erster Linie eine mystische Tatsache, und dann erst ein Umstand, der in der Gesellschaft sichtbar wird. Sie spiegelt die vollkommene Einheit des Vaters mit dem Sohn durch das Wirken des Heiligen Geistes wider. Jesus hat diese mystische Grundlage unserer Einheit ein für allemal festgelegt, als er sagte: „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind“ (Joh 17,22). Die Einheit in der Lehre und in den Regeln wird als Folge dieser mystischen und geistigen Einheit kommen; auf keinen Fall kann sie deren Ursache sein.

Deshalb sind die wichtigsten Schritte zur Einheit nicht die, die man am Verhandlungstisch oder in den gemeinsamen Erklärungen vollbringt (so wichtig diese Dinge auch sind), sondern die, die gemacht werden, wenn Gläubige unterschiedlicher Konfessionen sich zusammenfinden, um gemeinsam in brüderlicher Eintracht Jesus als den Herrn zu verkündigen, indem sich jeder seines spezifischen Charismas bewusst ist und die anderen als Brüder in Christus anerkennt.

4. Glieder des Leibes Christi, vom Heiligen Geist bewegt!

In seinen Ansprachen fürs Volk legt Augustinus seine Ideen über die Kirche nie dar, ohne zugleich praktische Anweisungen für das Alltagsleben der Gläubigen daraus abzuleiten. Genau das wollen auch wir nun tun, bevor wir unsere Meditation beenden. Dabei werden wir uns gleichsam unter die Reihen seiner Zuhörer von damals stellen.

Das Bild der Kirche als Leib Christi hat nicht erst Augustinus erdacht. Was neu ist an seinem Denken sind die praktischen Schlüsse, die er aus diesem Bild für das Leben der Gläubigen zieht. Einer davon ist, dass wir keinen Grund haben können, um uns gegenseitig mit Neid und Eifersucht zu betrachten. Das, was ich nicht besitze und die anderen hingegen schon, gehört in Wirklichkeit auch mir. Du hörst den Apostel all diese wunderbaren Charismen auflisten: Apostolat, Prophetie, die Macht der Heilungen… und vielleicht wirst du dann traurig, weil du merkst, dass du keines davon besitzt. Doch gib acht, ermahnt uns Augustinus: „Wenn du liebst, ist es nicht wenig, was du besitzt. Wenn du zum Beispiel die Einheit liebst, dann ist alles, was irgendjemand in ihr besitzt, zugleich auch dein Eigentum! Vertreibe den Neid, und was mein ist, wird auch dein sein; und wenn ich den Neid von mir vertreibe, wird das, was dir gehört, auch mir gehören.“ [12]

Nur das Auge hat im Leib die Macht, zu sehen. Aber sieht das Auge etwa nur für sich selbst? Zieht nicht der ganze Leib Nutzen aus seiner Fähigkeit, zu sehen? Nur die Hand handelt; doch handelt sie etwa nur für sich selbst? Wenn ein Stein das Auge treffen will, wird dann die Hand untätig bleiben und sagen, der Schlag gehe sie nichts an? Dasselbe geschieht im Leib Christi: Was jedes einzelne Glied ist und tut, ist es und tut es für alle!

Das ist der Grund, weshalb die Liebe „ein Weg ist, der alles übersteigt“ (vgl. 1 Kor 12,31): Wenn ich die Kirche liebe, oder die Gemeinde, deren Mitglied ich bin, dann gehören mir in dieser Einheit alle Charismen, und nicht nur einige. Mehr noch: Wenn du die Einheit mehr liebst als ich, dann wird das Charisma, das ich besitze, dir mehr gehören als mir! Angenommen, ich besäße das Charisma, evangelisieren zu können, aber ich wäre eitel und würde damit prahlen: dann wäre ich nur „eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Mein Charisma würde mir nichts nützen; denen die mir zuhören jedoch würde es nützen, trotz meiner Sünde. Die Liebe vervielfältigt die Charismen tatsächlich; sie macht aus dem Charisma eines Menschen das Charisma aller.

Bist du ein Glied des einen Leines Christi? Liebst du die Einheit der Kirche? So fragte Augustinus seine Zuhörer. Wenn dich also ein Heide fragt, warum du nicht alle Sprachen sprichst, obwohl doch geschrieben steht, dass die, die den Heiligen Geist empfingen, alle Sprachen konnten, dann antworte ohne zu zögern: „Aber natürlich spreche ich alle Sprachen! Denn ich gehöre jenem Leib an, der Kirche, die alle Sprachen spricht und in allen Sprachen die großen Werke Gottes verkündet!“ [13]

Wenn wir eines Tages fähig sein werden, diese Wahrheit nicht nur auf die Beziehungen innerhalb unserer Gemeinde und unserer Kirche anzuwenden, sondern auch auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen, dann wird die Einheit der Christen an jenem Tag praktisch eine vollendete Tatsache sein.

Lasst uns mit dem Aufruf enden, mit dem Augustinus viele seiner Reden über die Kirche schließt: „Wenn ihr also vom Heiligen Geist leben wollt, bewahrt euch die Liebe und liebt die Wahrheit; auf diesem Weg werdet ihr die Ewigkeit erreichen. Amen.“ [14]

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]

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FUSSNOTEN

[1] Bernhard von Chartres, in Johannes von Salisbury, Metalogicon, III, 4 (Corpus Chr. Cont. Med., 98, S.116).

[2] Mit diesem Bereich des theologischen Einflusses Augustins befasst sich das Buch von H. de Lubac, Augustinisme et théologie moderne, Paris, Aubier 1965.

[3] Vgl. J.N.D. Kelly, Early Christian Doctrines, London 1968, Kap. XV.

[4] Augustinus, Contra Epist. Parmeniani II,15,34; vgl. auch den ganzen Sermo 266.

[5] Augustinus, In Ioh. Evang. 45,12:  “Quam multae oves foris, quam multi lupi intus!”

[6] Augustinus, Discorsi,  71, 12, 18 (PL 38,454).

[7] Augustinus, Sermo 267, 4 (PL 38, 1231)

[8] Augustinus, Sermo 272 (PL 38, 1247 f.)

[9] Ebda.

[10] Vgl. das gemeinsame lutherisch-katholische Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ (Italienisch: “Dal conflitto alla comunione”), http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/chrstuni/lutheran-fed-docs/rc_pc_chrstuni_doc_2013_dal-conflitto-alla-comunione_it.html

[11] Augustinus, De Baptismo, VII, 39, 77.

[12] Augustinus, Abhandlungen über Johannes, 32,8.

[13] Vgl. Augustinus, Discorsi, 269, 1.2 (PL 38, 1235 f.).

[14] Augustinus, Sermo 267, 4 (PL 38,  1231).