Der heilige Kolumban und die christlichen Wurzeln Europas

„Haben wir keine Furcht, für den Glauben einzustehen“

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ROM, 11. Juni 2008 (ZENIT.org).- Bei der heutigen Mittwochskatechese betrachtete Papst Benedikt XVI. den großen Heiligen, Wandermönch, Missionar und Vater Europas Kolumban von Luxeuil (* um 543 in Leinster, Irland; † 23. November 615 in Bobbio, Italien).

Der Heilige Vater betonte, dass das Leben und Wirken dieses irischen Mönchs auch uns heute zeigten, wo die Wurzeln liegen, aus denen Europa „zu neuer Blüte kommen kann“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über den heiligen Abt Kolumban sprechen, den bekanntesten Irländer des Mittelalters. Aus gutem Grund kann er „europäischer“ Heiliger genannt werden, da er als Mönch, Missionar und Schriftsteller in verschiedenen Ländern Westeuropas gearbeitet hat. Zusammen mit den Irländern seiner Zeit war er sich der kulturellen Einheit Europas bewusst. In einem seiner Briefe, der um das Jahr 600 verfasst wurde und an Papst Gregor den Großen gerichtet ist, findet sich zum ersten Mal der Ausdruck „totius Europae – von ganz Europa“, der auf die Gegenwart der Kirche auf diesem Kontinent Bezug nimmt (vgl. Epistula I,1).

Kolumban wurde um das Jahr 543 in der Provinz Leinster im Südwesten Irlands geboren. Nach der häuslichen Erziehung durch sehr gute Lehrmeister, die ihn zum Studium der „artes liberales“ (der freien Künste) führten, vertraute er sich dann der Führung des Abtes der Gemeinschaft von Cluain-Inis im nordirischen Sinell an, wo er seine Studien der Heiligen Schrift vervollkommnen konnte. Im Alter von ungefähr zwanzig Jahren trat er in das Kloster von Bangor im Nordosten der Insel ein, wo Comgall Abt war, ein ob seiner Tugend und seiner asketischen Strenge wohl bekannter Mönch. In vollem Einklang mit seinem Abt unterzog sich Kolumban eifrig der strengen Disziplin des Klosters und führte ein Leben des Gebetes, der Askese und des Studiums. Dort wurde er auch zum Priester geweiht. Das Leben in Bangor und das Vorbild des Abtes beeinflussten die Auffassung vom Mönchtum, die in Kolumban mit der Zeit heranreifte und die er dann im Lauf seines Lebens verbreitete.

Im Alter von ungefähr fünfzig Jahren folgte Kolumban dem typisch irischen asketischen Ideal der „peregrinatio pro Christo“, das heißt der „Wanderschaft für Christus“, und so verließ er die Insel, um mit zwölf Gefährten auf dem europäischen Kontinent ein Missionswerk in Angriff zu nehmen. Wir müssen uns nämlich daran erinnern, dass die Völkerwanderung von Nord nach Ost ganze Regionen, die bereits für Christus gewonnen waren, ins Heidentum zurückfallen ließ. Um das Jahr 590 erreichte diese kleine Gruppe von Missionaren die bretonische Küste. Als sie vom König der Franken von Austrasien (dem heutigen Frankreich) mit Wohlwollen aufgenommen wurden, baten sie nur um einen unbestellten Landstrich. Sie erhielten die alte römische Festung von Annegray, die völlig zerfallen, verlassen und von einem Wald überwachsen war. Da sie an ein Leben äußerster Entsagung gewohnt waren, gelang es den Mönchen innerhalb weniger Monate, auf den Ruinen eine erste Einsiedelei zu errichten. So begann ihre Tätigkeit der Neuevangelisierung vor allem durch das Lebenszeugnis.

Mit der neuen Bestellung der Erde nahmen sie auch eine neue Bestellung der Seelen auf. Der Ruhm dieser ausländischen Ordensmänner, die vom Gebet und in großer Strenge lebten, Häuser bauten und den Boden umackerten, verbreitete sich schnell und zog Pilger und Büßer an. Vor allem viele junge Männer baten darum, in die monastische Gemeinschaft aufgenommen zu werden, um zusammen mit ihnen dieses beispielhafte Leben zu führen, das die Pflege des Bodens und der Seelen erneuerte.

Schon bald wurde die Gründung eines zweiten Klosters notwendig. Es wurde im Abstand von wenigen Kilometern errichtet, auf den Ruinen einer alten Thermalstadt: Luxeuil. Das Kloster sollte dann auf dem europäischen Kontinent zum Mittelpunkt der monastischen und missionarischen Ausstrahlung irischer Tradition werden. Ein drittes Kloster wurde in Fontaine erbaut, eine Wegstunde Richtung Norden.

In Luxeuil lebte Kolumban fast zwanzig Jahre. Dort schrieb der Heilige für seine Gefolgsleute die „Regula monachorum“, die eine gewisse Zeit in Europa verbreiteter war als die Regel des heiligen Benedikt und die das vollkommene Bild des Mönchs umriss. Es handelt sich um die einzige irische monastische Regel, die wir heute besitzen. Als Ergänzung arbeitete er die „Regula coenobialis“ aus, eine Art Strafgesetzbuch für die Vergehen der Mönche mit für die moderne Empfindsamkeit ziemlich überraschenden Strafen, die nur aus der Mentalität der damaligen Zeit und des damaligen Umfelds heraus erklärbar sind. Mit einem weiteren berühmten Werk, das den Titel „De poenitentiarum misura taxanda“ trägt und in Luxeuil verfasst wurde, führte Kolumban auf dem Kontinent die Beichte sowie die private und wiederholte Buße ein. Sie wurde aufgrund des Verhältnisses zwischen der Schwere der Sünde und der Buße, die vom Beichtvater auferlegt wurde, „taxierte“ Buße genannt.

Diese Neuerungen erregten das Misstrauen der Bischöfe der Region; ein Misstrauen, das sich in Feindseligkeit wandelte, als Kolumban den Mut hatte, sie aufgrund der Sitten von einigen von ihnen offen zu tadeln. Die Gelegenheit dazu, dass der Gegensatz offenkundig wurde, ergab sich aus der Diskussion um das Datum des Osterfestes: Irland folgte nämlich der orientalischen Tradition, die von der römischen Tradition verschieden war.

Der irländische Mönch wurde 603 nach Châlon-sur-Saôn berufen, um vor einer Synode über seine Gewohnheiten hinsichtlich der Buße und des Osterfestes Rechenschaft abzulegen. Statt sich vor der Synode zu präsentieren, schickte er einen Brief, in dem er die Frage herunterspielte und die Synodenväter dazu aufforderte, nicht nur über die Frage des Datums des Osterfestes zu beraten – ein seiner Ansicht nach geringfügiges Problem –, „sondern auch über alle normativen kanonischen Notwendigkeiten, die von vielen – was bedeutend schwerwiegender ist – missachtet werden“ (vgl. Epistula II,1). Gleichzeitig schrieb er an Papst Bonifatius IV. – einige Jahre zuvor hatte er sich bereits an Papst Gregor den Großen gewandt (vgl. Epistula I) –, um die irische Tradition zu verteidigen (vgl. Epistula III).

Unnachgiebig, wie er in jeder moralischen Fragestellung war, geriet Kolumban dann auch mit dem Königshaus ins Gehege, da er König Theuderich wegen seiner ehebrecherischen Beziehungen streng gemaßregelt hatte. Aus all dem entstand ein Netz von Intrigen und Manövern persönlicher, religiöser und politischer Natur, das im Jahr 610 in einem Ausweisungsdekret für Kolumban und alle Mönche irischer Abstammung aus Luxeuil gipfelte, die zu einer definitiven Verbannung verurteilt wurden. Sie wurden bis zum Meer eskortiert und auf Kosten des Hofes nach Irland eingeschifft.

Das Schiff strandete allerdings bereits in geringer Entfernung vom Strand: Der Schiffsführer erkannte darin ein Zeichen des Himmels und verzichtete auf das Unternehmen. Aus Angst, von Gott verflucht zu werden, brachte er die Mönche auf das Festland zurück.

Statt nach Luxeuil zurückzukehren, beschossen sie, ein neues Werk der Evangelisierung zu beginnen. Sie schifften sich auf dem Rhein ein und reisten flussaufwärts. Nach einer ersten Etappe, die sie nach Tuggen am Zürichsee brachte, begaben sie sich in die Gegend von Bregenz am Bodensee, um die Alemannen zu evangelisieren.

Aufgrund der politischen Umstände, die seinem Werk wenig gewogen waren, beschloss Kolumban jedoch wenig später, zusammen mit dem Großteil seiner Jünger die Alpen zu überqueren. Es blieb nur ein Mönch namens Gallus zurück. Aus seiner Einsiedelei sollte später die berühmte Abtei von Sankt Gallen in der Schweiz werden.

Nach seiner Ankunft in Italien fand Kolumban beim Königshof der Langobarden wohlwollende Aufnahme, er musste jedoch sofort ansehnlichen Schwierigkeiten entgegentreten: Das Leben der Kirche war aufgrund der bei den Langobarden noch vorherrschenden arianischen Irrlehre sowie durch ein Schisma „zerrissen“, das den Großteil der Kirchen Norditaliens von der Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom getrennt hatte. Kolumban schaltete sich maßgeblich ein und schrieb ein kleines Buch gegen den Arianismus und einen Brief an Bonifatius IV., um ihn zu überzeugen, einige entschlossene Schritte zur Wiederherstellung der Einheit zu unternehmen (vgl. Epistula V). Nachdem ihm der König der Langobarden 612 oder 613 ein Grundstück in Bobbio im Tal der Trebbia zugewiesen hatte, gründete Kolumban ein neues Kloster, das dann zu einem Kulturzentrum werden sollte, das mit jenem berühmten von Montecassino vergleichbar ist. Dort kam er ans Ende seiner Tage: Er starb am 23. November 615, und an diesem Datum wird seiner im Römischen Ritus bis heute gedacht.

Die Botschaft des heiligen Kolumban konzentriert sich in einem standhaften Aufruf zur Umkehr und zum Abstand von den irdischen Gütern im Ausblick auf das ewige Erbe. Mit seinem asketischen Leben und seinem kompromisslosen Verhalten gegenüber der Korruption der Mächtigen erinnert er an die Gestalt des heiligen Johannes des Täufers. Nichtsdestoweniger ist seine Strenge nie Ziel an sich, sondern immer nur das Mittel, um sich in Freiheit der Liebe Gottes zu öffnen, mit seinem ganzen Sein den von ihm empfangenen Gaben zu entsprechen und so das Bild Gottes in sich selbst neu zu errichten und dabei gleichzeitig den Boden umzuackern und die menschliche Gesellschaft zu erneuern.

Ich zitiere aus seinen „Instructiones“: „Wenn der Mensch in rechter Weise von jenen Fähigkeiten Gebrauch macht, die Gott seiner Seele zugestanden hat, dann wird er Gott ähnlich sein. Gedenken wir dessen, dass wir all jene Gaben zurückerstatten müssen, die er in uns gelegt hat, als wir uns im ursprünglichen Zustand befanden. Dazu hat er uns die Weise mit seinem Geboten gelehrt. Das erste von ihnen ist, den Herrn aus ganzem Herzen zu lieben, da er uns als erster geliebt hat, vom Anfang der Zeiten an, von bevor wir ans Licht dieser Welt gekommen sind“ (vgl. Instr. XI).

Diese Worte verkörperte der irische Heilige in seinem Leben. Er war ein Mann von großer Kultur – er schrieb auch Gedichte in lateinischer Sprache und ein Grammatikbuch –, und er erwies sich als reich an Gnadengaben. Er war ein unermüdlicher Erbauer von Klöstern, ebenso ein unnachgiebiger Bußprediger, wobei er all seine Kraft aufgewendet hat, um die christlichen Wurzeln des entstehenden Europas zu stärken. Mit seiner geistlichen Kraft, seinem Glauben, seiner Liebe zu Gott und zum Nächsten wurde er wirklich zu einem der Väter Europas: Er zeigt auch uns heute, wo die Wurzeln liegen, aus denen dieses unser Europa zu neuer Blüte kommen kann.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der irische Abt und Glaubensbote Kolumban, über den ich heute sprechen möchte, kann als „europäischer“ Heiliger bezeichnet werden. Als Mönch und Missionar wirkte er in verschiedenen Ländern und war sich der kulturellen Einheit Europas bewusst. Kolumban wurde um 543 in Irland geboren und trat als junger Mann in das Kloster von Bangor ein, wo er ein Leben des Gebets, der Askese und des Studiums führte. Im Alter von etwa 50 Jahren brach er gemeinsam mit zwölf Gefährten unter dem Ideal der „peregrinatio pro Christo“ zur Mission auf dem europäischen Festland auf.

Zunächst wirkte er im Frankenreich und gründete dort drei Klöster, darunter Luxeuil, das zu einem wichtigen Mönchs- und Missionszentrum irischer Tradition auf dem Kontinent werden sollte. Für diese Gemeinschaften schrieb er auch zwei Regeln, die vom strengen Geist des irischen Mönchtums zeugen. Bedeutend ist auch seine Bußschrift, mit der er auf dem Festland die wiederholte persönliche Beichte und Buße einführte. Nach seiner Vertreibung von Luxeuil aufgrund politischer Machenschaften führte Kolumban sein Missionswerk unter den Alemannen in Tuggen am Zürichsee und in der Gegend von Bregenz fort.

Widerstände gegen seine Arbeit veranlassten ihn, nach Italien weiterzuziehen, während sein Schüler Gallus zurückblieb, aus dessen Einsiedelei die berühmte Abtei St. Gallen hervorgehen sollte. Kolumban hingegen gründete in Italien das Kloster von Bobbio, das sich zu einem Zentrum der Kultur entwickelte. Hier schließlich verstarb dieser große irische Glaubensbote im Jahre 615.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]


Von Herzen grüße ich alle Audienzteilnehmer aus den Ländern deutscher Sprache. Auch heute braucht es Männer und Frauen, die sich wie der heilige Kolumban ganz in den Dienst des Evangeliums stellen und die Welt nach Gottes Wort mitgestalten. Haben wir keine Furcht, für den Glauben einzustehen und Gott Wege zu den Menschen in unserer Zeit zu bereiten. Der Herr segne euch und eure Lieben.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]