Der heilige Liudger zeigt uns: Christusworte rufen nach Christentaten

Kardinal Meisner „Das innerste Wesen, das einen Christen zum Christen macht, ist die Mission"

| 2049 klicks

ESSEN, 19. September 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Joachim Kardinal Meisner am 6. September anlässlich der feierlichen Umtragung der Gebeine des heiligen Liudgers, des ersten Bischofs von Münster, zur 1.200-Jahr-Feier dessen Todes in Essen gehalten hat (vgl. Informationsseite des Bistums Münster).

Kardinal Meisner, der vom Papst als Sondergesandter zur Feier entsandt worden war, rief die Gläubigen dazu auf, mutig Zeugnis vom Glauben zu geben. „Erneuerung geschieht immer über den Menschen, der vom Geiste Gottes erleuchtet und vom Heiligen Geist erfüllt ist."

Auf den Spuren des heiligen Missionars und Bischofs sollten wir „jeden Tag unsere Herzen im Gebet zu Gott erheben und unsere leeren Hände dem Geiste Gottes hinhalten, indem wir auf Gottes Wort hören und das Nächstliegende tun. Vergessen wir nicht: Alle Christusinnerlichkeit des Menschen sucht nach menschlicher Veräußerlichung, und alle religiöse Praxis braucht die innere Motivation und geistliche Erfahrung. Alle Christusworte rufen dann nach Christentaten... Der Glaube, der durchbetet ist, wird ein Glaube, der praktiziert werden wird."

* * *

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Das innerste Wesen, das einen Christen zum Christen macht, ist die Mission. Christus ist der erste Missionar. Im dreifaltigen Leben ist er der vom Vater Gesandte. Dann aber, gleichsam außerhalb der heiligsten Dreifaltigkeit, ist er auch der Gesandte des Vaters in die Welt. Darum durchwandert er Judäa und Galiläa, um den Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden. Er wird dann seinen Jüngern sagen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Darin ist uns der heiligen Ludgerus, dessen 1200. Todestag wir feierlich begehen, ganz nahe verwandt. Er ist in unserem missionarischen Auftrag gleichsam unser Zeitgenosse.

Er hat den Sendungsauftrag des Herrn wie kaum ein anderer verstanden und verwirklicht. Sein Wirkungsraum war die nördliche Hälfte Europas. Er war in Friesland geboren und wurde bei der Friesenmission vom heiligen Willibrord getauft. Im Jahre 777 empfing er in Köln als 35-jähriger für die Friesenmission die Priesterweihe.

Diesem Auftrag blieb er lebenslang treu. Nachdem ihn der Kölner Erzbischof Hildebold zum Bischof geweiht hatte, übernahm er als Erster im Jahre 804 als Bischof das heutige Bistum Münster mit seinem weiten Territorium. Er hat 809 in Billerbeck westlich von Münster sein Leben in Gottes Hand zurückgegeben, nachdem er noch vorher die Heilige Eucharistie gefeiert hatte.

Ludgerus gehört als Missionar zu den großen Gestalten Europas. Sein Grab in Werden ist für uns Auftrag, nicht nur seine Grabeswächter zu sein, sondern sein Vermächtnis zu erfüllen. Sein Verkündigungsdienst hat die Spuren Christi in den europäischen Kontinent tief eingegraben und hat Europa zu einem Raum mitgestaltet, in dem Gott die Ehre und damit dem Menschen seine Würde gegeben wurde.

2. Wie wir wissen, war dieser Einsatz für Jesus Christus in unserer Heimat von so reicher Fruchtbarkeit, dass wir bis heute von dieser christlichen Substanz leben, die den Kern christlich-abendländischer Kultur ausmacht. Dieser kulturelle Kern scheint nun aufgebraucht zu sein. Erst in letzter Zeit schreckte uns eine Entscheidung des ältesten europäischen Parlaments, nämlich das in London, das durch die Wissenschaftsgläubigkeit seiner Abgeordneten die Möglichkeit geschaffen hat, menschliches Genmaterial mit tierischem zu vermischen und somit Chimären zu produzieren.

Das ist wirklich der Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte, nämlich der Gräuel der Verwüstung im Menschen, der das unantastbare Ebenbild Gottes ist. Wohin ist Europa geraten? „Nur wer Gott kennt, der kennt den Menschen“, sagt Romano Guardini. Die Gottvergessenheit hat eine Menschenvergessenheit zur Folge. Hier steht 1200 Jahre nach seinem Tod der heiligen Ludgerus und drängt uns, seine Erstevangelisierung in unserer Heimat durch eine Neuevangelisierung fortzusetzen.

3. Im Leben und Wirken des heiligen Ludgerus wird uns deutlich: Der Christ kann nur nach außen wirken, wenn er sich nach innen dem Geheimnis Gottes genähert hat. Unsere Zeit ist voller Religiosität, aber ohne Glauben an Gott. Und selbst wir Christen machen dabei oft leider keine Ausnahme! Wie meine ich das? – Gott hat sich als dreipersönlich offenbart, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das bedeutet in der Konsequenz: Wer den Gottessohn nicht kennt, kennt Gott nicht. Die Unkenntnis Christi ist folglich nur ein anderer Name für fromme Gottlosigkeit.

Am Tag nach dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin schrieb damals eine protestantische Kritikerin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in etwa: Was die so genannte ökumenische Basis katholischerseits und evangelischerseits verbindet, ist die völlige Ignoranz dessen, was ihre eigenen Kirchen glauben und lehren. Und darum ist auf dieser Grundlage keine wahre Ökumene möglich. Wir wissen gar nicht mehr, worüber wir reden, wenn wir von Eucharistie und kirchlichem Lehramt sprechen. Wir leben aber nicht nur in einem Zeitalter der Ökumene, sondern auch des interreligiösen Gespräches, weil Muslime, Buddhisten und Shintoisten unsere Nachbarn geworden sind. Aber der echte Dialog fällt nicht zuletzt deshalb aus, weil wir Christen weithin nicht mehr Rede und Antwort über die Inhalte unseres Glaubens stehen können.

Darum verliert auch die Kirche mehr und mehr an äußerem Terrain. An den Arbeitsplätzen, in den Schulen und Universitäten gibt es kaum noch jemanden, der gegen die schleichenden Häresien und gegen die Glaubensverirrungen kompetent Stellung beziehen kann, weil viele einfach ihren Katechismus nicht mehr kennen: „Was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß!“

Den heiligen Ludgerus interessierte nichts mehr als die Wirklichkeit des lebendigen Gottes. Darum nahm er alles zur Kenntnis, was ihn über Gott informierte. Deshalb nutzte er jede Gelegenheit, mit kompetenten Gottesgelehrten über Gott und seine Offenbarung zu sprechen. Er ließ kein Buch an sich vorübergehen, in dem er etwas über die Herrlichkeit Gottes erfahren konnte. Liebe will erkennen, Liebe will wissen, Liebe will erfahren.

Aber Interessenlosigkeit an Gott und seiner Offenbarung ist Lieblosigkeit gegenüber Gott und seiner Botschaft. Ich sage es noch einmal: „Was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß!“ Wenn wir kein wirklich katholisches Profil mehr haben, können wir auch unsere Umwelt nicht mehr prägen. Denn nicht die Welt hat Christus empfangen, sondern wir haben ihn für die Welt empfangen.

Später wird der heilige Bernhard von Clairvaux sagen: „Glaubst du an das Reich Gottes, dann musst du unruhig werden!“ Deshalb ging Bischof Ludger zunächst nach innen, in das Gottesstudium, das sein Herz entbrennen ließ, um dann dynamisch nach außen hin das Reich Gottes zu verkünden.

4. Ludgerus wusste, dass immer, wenn über die Erde gesprochen wurde, der Himmel dabei mit im Spiel ist; wenn über den Menschen nachgedacht wird, immer Gott mit im Gespräch ist. Unser ganzes Dasein ist nicht durch einen Urknall aus dem Nichts entstanden, sondern verdankt sich einer liebenden Intelligenz, einer schöpferischen Kraft, nämlich dem persönlichen Schöpfergott, der die Welt und den Menschen ins Dasein gerufen hat. Darum ist die Welt nicht nur Vorhandensein, sondern sie ist Dasein. Von der Wirklichkeit dieser Welt geht eine Botschaft aus, die der Mensch zu vernehmen hat. Dafür hat er übrigens Vernunft bekommen.

Wenn er der Botschaft des Seins entsprechend lebt, lebt er seinsgerecht, wahrhaftig, der Wirklichkeit entsprechend, und damit lebt er im Einklang mit dem Willen Gottes. Was ist das Charakteristische am Leben des heiligen Ludgerus? – Die Gnade setzt die Natur voraus. Der heilige Ludgerus war ein durch und durch gesunder Mensch, der die natürliche Offenbarung, die Schöpfung und den Menschen als Geschenk und Auftrag für den Menschen verstand.

Er wusste etwa genau, dass der eine Mensch in zwei Grundausführungen von Gott ins Dasein gerufen wurde: als Mann und Frau. Und er wusste auch um die seinsgemäße Berufung von Mann und Frau, ein Fleisch zu werden, sodass sie als Mitarbeiter des Schöpfers in der Ehe Leben weiterzugeben vermögen. Die Ehe wird so zur Familie. Die Liebe von Mann und Frau öffnet sich zur Mitwirkung an der Schöpferkraft Gottes. Und damit sichern sie den Fortbestand der Schöpfung. Wir leben heute in einer Zeit, in der man gar nicht genug das Gebet der hl. Messe nachsprechen kann: „Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde“.

Der heilige Ludgerus ist gleichsam ein Mann der Orientierung und der Wegweisung. Weil er hochsensibel für die Schöpfungswirklichkeit Gottes ist, wurde er damit so kompetent für das Leben der Menschen. Schon aus seiner natürlichen Vernunft heraus konnte er den Menschen Wegweisung geben, was er aus der Botschaft der Dinge des Daseins vernommen hatte.

5. Aus der tiefen Gottes- und Welterfahrung heraus wurden im Herzen des heiligen Ludgerus Kräfte freigesetzt, die buchstäblich die Welt verändert haben. „Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2). Unsere Gegenwart braucht nichts nötiger als solche Christen, die auskunftsfähig sind über ihren Glauben und die ihn deshalb auch mit ihrem Leben bezeugen können. Alles andere trägt heute nicht mehr!

Was uns über die Medien an Informationen über Kirche, Papst und Welt nahe gebracht wird, ist vielfach nicht eine Erweiterung des Wissens, sondern eine Vergrößerung von Verwirrung und Sünde. Wir brauchen einen klaren Kopf, ein tiefes und sachliches Wissen über die Wirklichkeit des lebendigen Gottes, das heisst im Klartext: Wir müssen wieder den Katechismus kennen, dann werden wir kompetente Zeugen seines Reiches sein. „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“ ist das Stoßgebet der Kirche. – Diese Erneuerung geschieht immer über den Menschen, der vom Geiste Gottes erleuchtet und vom Heiligen Geist erfüllt ist.

Dafür stehen das Wirken und das Leben des hl. Ludgerus in unserer Mitte. Wir sollten jeden Tag unsere Herzen im Gebet zu Gott erheben und unsere leeren Hände dem Geiste Gottes hinhalten, indem wir auf Gottes Wort hören und das Nächstliegende tun. Vergessen wir nicht: Alle Christusinnerlichkeit des Menschen sucht nach menschlicher Veräußerlichung, und alle religiöse Praxis braucht die innere Motivation und geistliche Erfahrung. Alle Christusworte rufen dann nach Christentaten.

Das ist gleichsam Bischof Ludgerus in Reinkultur. Seine Christuserfahrung drängte ihn zur Menschenerfahrung. Seine Feier der heiligen Liturgie wurde sichtbar in seiner missionarischen Praxis. Er bewahrte das Christentum in Europa einerseits vor einer Verspiritualisierung und andererseits vor einer Materialisierung. Indem Ludgerus immer wieder das Antlitz Christi im Gebet, in der Feier der Eucharistie und im Studium suchte, wurde er hellsichtig für seine Gegenwart in den Menschen. Er wusste, dass ihm im Worte Gottes nicht nur Informationen über Gott und sein Reich geliefert werden, sondern dass es gleichsam Gebrauchsanweisung für sein missionarisches Tun als Christ und Bischof war. Der Glaube, der durchbetet ist, wird ein Glaube, der praktiziert werden wird.

Der heilige Franziskus musste damals über das Mittelmeer reisen, um die Muslime zu bekehren. Heute sind sie unsere Nachbarn geworden. Wir brauchen keine Weltreisen mehr zu unternehmen, sondern wir können ihnen im eigenen Hause begegnen. Wo der Glaube mit Freude gelebt wird, wo es echte christliche Familien, Gemeinschaften und Gemeinden gibt, dort entsteht eine missionarische Ausrichtung geradezu wie von selbst.

Die ersten Apostel für die Fernstehenden vor Ort, für die Ausgetretenen, für die Ungetauften sind die Christen, die mit ihnen zusammen leben. Es genügt nicht, dass wir Gott lieben, wir müssen dafür sorgen, dass ihn auch andere lieben. Das ist die Botschaft vom heiligen Ludgerus. Europa sollte daher in seiner eigenen Gesetzgebung darauf achten, dass es die Freiheit der Religion fördert und schützt, denn die Religionsfreiheit begründet und garantiert Menschenrechte und Toleranz.

Aber je mehr sich die Europäer von ihren christlichen Wurzeln trennen, desto mehr fallen sie in eine kollektive Depression. Dagegen hilft allein die Hoffnung auf Christus und das gläubige Engagement der Christen. Besonders wir katholischen Christen sollten von unseren innerkirchlichen Querelen nun endlich Abstand nehmen, damit wir uns im Geist und in der reichen Tradition unserer Kirche energischer für ein Europa einsetzen, das vor Gott und den Menschen bestehen kann und damit auf Dauer Bestand hat.
Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln