Der heilige Odo von Cluny, entschlossener und liebenswürdiger Reformer

„Sein Beispiel sporne uns an, uns ganz auf Gott auszurichten“

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ROM, 26. August 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz gehalten hat. Der Heilige Vater verwies auf das Beispiel des heiligen Abts Odo von Cluny, der in all seiner Strenge eine tiefe Herzensgüte an den Tag gelegt hatte, die in der Göttlichen Barmherzigkeit ihre Wurzel hatte.

„So bezeichnete er Christus als 'amator hominum', der die Menschen liebt und für sie ihre Lasten trägt, und nannte Maria vertrauensvoll 'mater misericordiae', Mutter der Barmherzigkeit“, erklärte Papst Benedikt.

„Odo rief die Menschen zu einem Leben in Demut, in der Freiheit von den weltlichen Dingen und in der Liebe zu den ewigen Gütern auf.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Nach einer langen Pause möchte ich die Vorstellung großer Schriftsteller der Kirche des Ostens und des Westens aus der Zeit des Mittelalters wieder aufnehmen, da wir in ihrem Leben und in ihren Schriften wie in einem Spiegel sehen, was es heißen will, Christ zu sein. Heute möchte ich euch die leuchtende Gestalt des heiligen Odo, Abt von Cluny, vorstellen: Sie gehört zu jenem monastischen Mittelalter, das in Europa die überraschende Verbreitung des Lebens und der Spiritualität sah, die sich an der „Regel des heiligen Benedikt“ inspirierten. In jenen Jahrhunderten entstanden und vermehrten sich auf wunderbare Weise die Klöster, die sich auf dem Kontinent verzweigten und auf weiter Ebene den christlichen Geist und die christliche Sensibilität verbreiteten. Der heilige Odo führt uns im Besonderen zu einem Kloster, Cluny, das im Mittelalter zu den berühmtesten und am meisten gefeierten gehörte und aufgrund seiner majestätischen Ruinen noch heute die Zeichen einer Vergangenheit offenbart, deren Ruhm in der innigen Hingabe an die Askese, das Studium und in besonderer Weise an den von Vornehmheit und Schönheit umhüllten Gottesdienst gründet.

Odo war der zweite Abt von Cluny. Er wurde um das Jahr 880 an der Grenze zwischen Maine und der Touraine in Frankreich geboren. Der Vater weihte ihn dem heiligen Bischof Martin von Tours, in dessen Schatten es Odo zum Wohl gereichte und in dessen Gedenken er dann das ganze Leben verbrachte und es am Schluss nahe bei dessen Grab beendete. Der Wahl der religiösen Weihe ging in ihm die Erfahrung eines besonderen Moments der Gnade voraus, von dem er selbst zu einem anderen Mönch, Johannes dem Italiener, sprach, der später sein Biograph war. Odo war noch ein Heranwachsender, um die 16 Jahre, als er während einer Weihnachtsvigil spontan dieses Gebet zur Jungfrau in sich aufsteigen verspürte: „Meine Herrin, Mutter der Barmherzigkeit, die du in dieser Nacht den Heiland zur Welt gebracht hast, bitte für mich. Deine herrliche und einzigartige Geburt, o Frömmste, sei meine Zuflucht“ (Vita sancti Odonis, I,9: PL 133,747). Der Name „Mutter der Barmherzigkeit“, unter dem der junge Odo damals die Jungfrau anrief, wird derjenige sein, mit dem er sich dann immer gern an Maria wenden wird, wobei er sie auch „einzige Hoffnung der Welt“ nennen wird, „dank derer uns die Türen des Paradieses geöffnet worden sind“ (In veneratione S. Mariae Magdalenae: PL 133,721). In jener Zeit trug es sich zu, dass er auf die „Regel des heiligen Benedikts“ stieß und einige der Anordnungen zu befolgen begann, „um, noch nicht Mönch geworden, das leichte Joch der Mönche zu tragen“ (De sancto Benedicto abbate: PL 133,725). Und er wird ihn als „Meister der geistlichen Disziplin“ bezeichnen (ibid.: PL 133,727). Voller Zuneigung wird er bemerken, dass die christliche Frömmigkeit „mit lebendigster Süße seiner gedenkt“, im Bewusstsein, dass Gott ihn „unter die höchsten und erwählten Väter der heiligen Kirche“ erhoben hat (ibid.: PL 133,722)).

Fasziniert vom benediktinischen Ideal, verließ Odo Tours und trat als Mönch in die Benediktinerabtei von Baume ein, um dann in die Abtei von Cluny überzutreten, deren Abt er 927 wurde. Von jenem Zentrum geistlichen Lebens aus konnte er einen großen Einfluss auf die Klöster des Kontinents ausüben. Seine Führung und seine Reform trugen auch in Italien verschiedenen Klöstern Gewinn ein, unter diesen das Kloster von St. Paul vor den Mauern. Odo besuchte Rom mehrmals und erreichte auch Subiaco, Montecassino und Salerno. Ausgerechnet in Rom erkrankte er im Sommer 942. Da er sich dem Ende nahe fühlte, wollte er - koste es, was es wolle - zu seinem heiligen Martin von Tours zurückkehren, wo er am Oktavtag des Heiligen am 18. November 942 verstarb. Während der Biograph die „Tugend der Geduld“ hervorhebt, bietet er ein langes Verzeichnis seiner anderen Tugenden, wie die Geringschätzung der Welt, den Eifer für die Seelen, den Einsatz für den Frieden unter den Kirchen. Große Ziele des Abtes Odo waren die Eintracht unter den Königen und Fürsten, die Beachtung der Gebote, die Aufmerksamkeit gegenüber den Armen, die Besserung der Jugend, die Achtung gegenüber den alten Menschen (vgl. Vita sancti Odonis, I,17: PL 133,49). Er liebte seine Zelle, wo er „fern der Augen aller, in der Sorge, allein Gott zu gefallen“, wohnte (ebd. I,14: PL 133,49). Er unterließ es jedoch nicht, als „überreiche Quelle“ den Dienst des Wortes und des Beispiels auszuüben, „wobei er es beweinte, wie überaus armselig doch diese Welt ist“ (ebd. I,17: PL 133,51). In einem einzigen Mönch, so kommentiert sein Biograph, fanden sich die verschiedenen Tugenden gesammelt vor, die in den anderen Klöstern verstreut vorhanden waren: „Jesus bildete in seiner Güte, indem er aus den verschiedenen Gärten der Mönche schöpfte, an einem kleinen Ort ein Paradies, um aus seiner Quelle die Herzen der Gläubigen zu bewässern“ (ebd. I,14: PL 133,49).

In einem Abschnitt einer Predigt zu Ehren von Maria von Magdala offenbart uns der Abt von Cluny, wie er das monastische Leben konzipierte: „Maria, die zu Füßen des Herrn sitzend mit aufmerksamem Geist sein Wort hörte, ist das Symbol der Süße des kontemplativen Lebens; je mehr man seinen Geschmack verkostet, desto mehr veranlasst es die Seele dazu, von den sichtbaren Dingen und den Aufregungen der Sorgen der Welt Abstand zu nehmen“ (In ven. S. Mariae Magd., PL 133,717). Es ist dies ein Konzept, das Odo in seinen anderen Schriften bestätigt und weiterentwickelt, aus denen die Liebe zur Innerlichkeit, eine Sicht der Welt als gebrechliche und unsichere Wirklichkeit, aus der herauszutreten ist, eine beständige Neigung zum Abstand von den Dingen, die als Quelle der Unruhe wahrgenommen werden, eine scharfsinnige Sensibilität für die Gegenwart des Bösen in den verschiedenen Menschenkategorien, ein inniges eschatologisches Streben hervorscheinen. Diese Sicht der Welt kann unserer gegenüber als ziemlich fernstehend erscheinen, dennoch ist die Sicht Odos eine Vorstellung, die die Gebrechlichkeit der Welt sieht und daher das innere Leben in seinem Wert hervorhebt, das für den anderen, für die Liebe zum Nächsten offen ist und gerade so das Dasein verwandelt und die Welt für das Licht Gottes öffnet.

Besondere Erwähnung verdient die „Verehrung“ des Leibes und des Blutes Christi, die Odo gegenüber einer verbreiteten, von ihm nachdrücklich beklagten Nachlässigkeit immer voller Überzeugung hegte. Er war in der Tat fest von der Realpräsenz des Leibes und Blutes Christi unter den eucharistischen Gestalten durch die „substantielle“ Wandlung des Brotes und des Weines überzeugt. Er schrieb: „Gott, der Schöpfer von allem, hat das Brot genommen und gesagt, dass es sein Leib sei und dass er es für die Welt gegeben hätte, und er hat den Wein verteilt und diesen sein Blut genannt“; nun „ist es Gesetz der Natur, dass die Wandlung nach dem Gebot des Schöpfers geschieht“, und deshalb also „verwandelt die Natur sofort ihren gewöhnlichen Zustand: Ohne Zögern wird das Brot Fleisch und der Wein Blut“; dem Gebot des Herrn nach „verwandelt sich die Substanz“ (Odonis Abb. Cluniac. occupatio, ed. A. Swoboda, Leipzig 1900, S.121). Wie unser Abt anmerkt, werde dieses „hochheilige Geheimnis des Herrn, in dem das gesamte Heil der Welt besteht“ (Collationes, XXVIII: PL 133,572), bedauerlicherweise nachlässig gefeiert. Er warnt: „Die Priester, die unwürdig an den Altar treten, beflecken das Brot, das heißt den Leib Christi“ (ebd. PL 133,572-573). Nur wer geistlich mit Christus vereint ist, kann würdig an seinem eucharistischen Leib Anteil nehmen: Im gegenteiligen Fall seien das Essen von seinem Fleisch und das Trinken von seinem Blut keine Labsal, sondern gereichten zur Verdammung (vgl. ebd. XXX, PL 133,575). All dies lädt uns ein, mit neuer Kraft und Tiefe an die Wahrheit der Gegenwart des Herrn zu glauben - die Gegenwart des Schöpfers unter uns, der sich in unsere Hände begibt und uns verwandelt. Wie er das Brot und den Wein verwandelt, so verwandelt er die Welt.

Der heilige Odo ist sowohl für die Mönche als auch für die Gläubigen seiner Zeit ein wahrer geistlicher Führer gewesen. Angesichts der „Weite der Laster“, die in der Gesellschaft verbreitet sind, bestand das von ihm entschlossen vorgeschlagene Heilmittel in einer radikalen Veränderung des Lebens, die auf der Demut, der Strenge, dem Abstand von den vergänglichen Dingen und der Hingabe an die ewigen gründete (vgl. Collationes, XXX, PL 133, 613). Trotz des Realismus seiner Diagnose zur Lage seiner Zeit, frönt Odo keinem Pessimismus: „Wir sagen dies nicht – so präzisiert er – um jene in Verzweiflung zu stürzen, die sich bekehren wollen. Die göttliche Barmherzigkeit steht immer zur Verfügung, sie wartet auf die Stunde unserer Umkehr“ (ebd. PL 133, 563). Und er ruft aus: „O du unbeschreibliches Innerstes des göttlichen Erbarmens! Gott verfolgt die Schuld, und dennoch schützt er die Sünder“ (ebd. PL 133,592). Von dieser Überzeugung getragen, liebte es der Abt von Cluny, in der Kontemplation der Barmherzigkeit Christi zu verharren, des Heilands, den er eindrucksvoll als „Liebhaber der Menschen“ bezeichnete: „amator hominum Christus” (ebd., LIII: PL 133,637). Jesus hat die Züchtigungen auf sich genommen, die uns zugekommen wären – so sagt er – um auf diese Weise das Geschöpf zu retten, das sein Werk ist und das er liebt (vgl. ebd. PL 133, 638).

Hier tritt ein Charakterzug des heiligen Abtes hervor, der auf den ersten Blick fast unter dem Ernst seiner Strenge als Reformer verborgen bleibt: seine tiefe Herzensgüte. Er war streng, aber vor allem war er gut, ein Mann von großer Güte, einer Güte, die der Berührung mit der göttlichen Güte entspringt. Wie uns seine Zeitgenossen sagen, strahlte Odo in seine Umgebung die Freude aus, die ihn erfüllte. Sein Biograph bezeugt, nie aus Menschenmund „soviel Süße des Wortes“ hervorgehen gehört zu haben (ebd. I,17: PL 133,31). Er war seine Gewohnheit, so erinnert uns der Biograph, die Kinder, die er längs der Straße traf, zum Singen einzuladen, um ihnen dann kleine Geschenke zu machen, und er fügt hinzu: „Seine Worte waren voller Beglückung…, seine Heiterkeit goss in unseren Herzen eine innige Freude aus“ (ebd. II, 5: PL 133,63). Auf diese Weise nährte der kraftvolle und gleichzeitig liebeswürdige und reformbegeisterte mittelalterliche Abt in den Mönchen wie auch in den Laiengläubigen seiner Zeit auf einschneidende Weise den Vorsatz, eifrigen Schrittes auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten.

Wollen wir hoffen, dass seine Güte, die Freude, die aus dem Glauben kommt, verbunden mit der Strenge und dem Widerstand gegen die Laster der Welt auch unser Herz anrühren, auf dass auch wir die Quelle der Freude finden können, die der Güte Gottes entspringt.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Abt Odo von Cluny, über den ich heute sprechen möchte, zählt zu den großen Mönchsgestalten des Mittelalters. Um 880 geboren, verbrachte der junge Odo einige Jahre in Tours am Grab des heiligen Martin, unter dessen Schutz ihn sein Vater gestellt hatte. Angezogen vom benediktinischen Mönchsideal, trat Odo als Dreißigjähriger in die Abtei Baume ein. Im Jahre 927 wurde er der zweite Abt der Gründung in Cluny, die zu einem Zentrum des geistlichen Lebens werden sollte. Als dessen Leiter übte Odo großen Einfluss auf viele Benediktinerklöster in Europa aus, die sich seiner Reform anschlossen. Mehrere Male besuchte Odo Rom und die umliegenden Klöster. Hier erkrankte er auch und starb schließlich am 18. November 942 in Tours, der Stadt seines Schutzheiligen Martin. Odo war eine geistliche Führungsgestalt nicht nur für die Mönche, sondern auch für die Gläubigen seiner Zeit. Ein Anliegen war ihm unter anderem die würdige Feier der Eucharistie, in der das Heil der Welt geschenkt wird und Christus wirklich mit Leib und Blut gegenwärtig ist. Odo rief die Menschen zu einem Leben in Demut, in der Freiheit von den weltlichen Dingen und in der Liebe zu den ewigen Gütern auf. Dabei vertraute er auf die göttliche Barmherzigkeit, die auf unsere Umkehr wartet. So bezeichnete er Christus als „amator hominum“, der die Menschen liebt und für sie ihre Lasten trägt, und nannte Maria vertrauensvoll „mater misericordiae“, Mutter der Barmherzigkeit.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte Benedikt XVI. mit folgenden Worten:]

Gerne grüße ich die Pilger und Besucher aus Deutschland, Österreich und Luxemburg. Einen besonderen Gruß richte ich an die Teilnehmer am Fackellauf der Schönstatt-Mannes-Jugend. Das Beispiel des heiligen Abtes und Reformers Odo sporne uns an, uns ganz auf Gott auszurichten und auf dem Weg des christlichen Lebens froh voranzuschreiten. Der Herr behüte euch alle.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 – Libreria Editrice Vaticana]