"Der Herr ruft uns auch heute noch!"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 319 klicks

Der Heilige Vater Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Nach dem marianischen Gebet erinnerte der Heilige Vater an den Welt-Lepra-Tag, der heute begangen wird, sowie an die Opfer der Unruhen in der Ukraine und an ein dreijähriges Kind, das in Kalabrien Opfer eines Verbrechens geworden ist. Schließlich richtete der Papst einige Worte des Glückwunsches an die Menschen, die in diesen Tagen das chinesische Neujahrsfest begehen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das heutige Sonntagsevangelium erzählt von den Anfängen des öffentlichen Lebens Jesu in den Städten und Dörfern Galiläas. Seine Mission beginnt nicht in Jerusalem, also nicht im religiösen Mittelpunkt des Landes, der auch gesellschaftlicher und politischer Mittelpunkt ist, sondern in der Peripherie, in einer Gegend, die von den strenggläubigsten unter den Juden verachtet wurde, weil ein gewisser Anteil nichtjüdischer Bevölkerung dort lebte; aus diesem Grund nennt der Prophet Jesaja dieses Gebiet „das Gebiet der Heiden“ (Jes 8,23).

Es ist ein Grenzgebiet, ein Durchreiseland, wo man Menschen unterschiedlichster Volkszugehörigkeit, Kultur und Religion begegnet. So wird das Land Galiläa zum symbolischen Ort der Öffnung des Evangeliums für alle Völker. Unter diesem Gesichtspunkt ähnelt das damalige Galiläa der Welt von heute: Unterschiedliche Kulturen leben nebeneinander, begegnen sich und müssen einen Weg finden, sich zu einigen und zu verständigen. Auch wir leben täglich in einem solchen Völkermix, und es kann geschehen, dass diese Tatsache uns ängstigt und dazu verleitet, Mauern hochzuziehen, um uns sicherer, beschützter zu fühlen. Doch Jesus lehrt uns, dass die Frohe Botschaft, die er bringt, nicht nur einem Teil der Menschheit vorbehalten ist, sondern allen gehört. Sie ist eine freudige Verkündigung, die sich an jene Menschen richtet, die sie erwartet haben, nicht jedoch an die, die nichts mehr erwarten und vielleicht nicht einmal mehr die Kraft haben, etwas zu suchen oder um etwas zu bitten.

Indem er seine Mission in Galiläa beginnt, lehrt Jesus uns, dass niemand von der Erlösung ausgeschlossen ist, dass Gott es sogar vorzieht, in einem Randgebiet zu beginnen, dass er als Erstes zu den Letzten geht, um von dort aus alle zu erreichen. Er lehrt uns eine Methode, seine Methode, die jedoch auch eine Botschaft beinhaltet, nämlich die, dass Gott barmherzig ist. „Jeder Christ und jede Gemeinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt, doch alle sind wir aufgefordert, diesen Ruf anzunehmen: hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen“ (Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“, 20).

Jesus beginnt sein öffentliches Leben nicht nur in einem Randgebiet, sondern auch bei Menschen, von denen wir heute sagen würden, sie seien „wenig qualifiziert“. Um seine ersten Schüler und künftigen Apostel auszuwählen, wendet er sich nicht an die Schulen der Schreiber und der Gelehrten, sondern an die einfachen Menschen, die sich eifrig auf das Kommen des Reiches Gottes vorbereiten. Jesus sucht sie auf ihrem Arbeitsplatz auf, am Ufer des Sees, denn sie sind Fischer. Er ruft sie zu sich, und sie folgen ihm, ohne Bedenken. Sie lassen ihre Netze fallen und gehen mit ihm: Ihr Leben wird sich in ein aufregendes und faszinierendes Abenteuer verwandeln.

Meine lieben Freunde, der Herr ruft uns auch heute noch! Der Herr geht durch die Straßen unseres Alltags. Auch hier und heute; in diesem Augenblick geht der Herr über diesen Platz. Er ruft uns, mit ihm zu gehen, mit ihm für das Reich Gottes zu arbeiten, im „Galiläa“ unserer Tage. Jeder von euch denke daran: Der Herr kommt heute hier vorbei, der Herr schaut mich an, gerade jetzt! Was sagt der Herr zu mir? Und wenn einer von euch hört, dass der Herr zu ihm sagt: „Folge mir nach!“, dann habe er den Mut, dem Herrn zu folgen. Der Herr enttäuscht uns nie. Lauscht in eure Herzen, ob der Herr euch beruft, ihm nachzufolgen. Lassen wir uns von seinem Blick erreichen, von seiner Stimme, und folgen wir ihm! „Damit die Freude aus dem Evangelium bis an die Grenzen der Erde gelange und keiner Peripherie sein Licht vorenthalten werde“ (ebd., 288).

[Nach dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern,

Ihr seht jetzt, dass ich nicht allein bin: Zwei von euch stehen neben mir, sie sind zu mir hinaufgekommen. Das sind zwei fleißige Menschen!

Heute begehen wir den Welt-Lepra-Tag. Obwohl diese Krankheit immer seltener wird, trifft sie leider noch immer zahlreiche unter den ärmsten Menschen. Es ist wichtig, die Solidarität mit diesen Brüdern und Schwestern aufrechtzuerhalten. Ihnen sichern wir unser Gebet zu, und wir wollen auch für alle beten, die ihnen helfen und sich auf unterschiedliche Weise dafür einsetzen, diese Krankheit zu besiegen.

Ich stehe im Gebet der Ukraine nahe, und besonders den Menschen, die in diesen Tagen ihr Leben verloren haben, und ihren Familien. Ich hoffe auf einen konstruktiven Dialog zwischen den Institutionen und der Zivilgesellschaft. Möge der Geist des Friedens und die Suche nach dem Wohl der Allgemeinheit über alle Versuchungen der Gewalt siegen!

Heute sind viele Kinder auf dem Platz! Sehr viele! Auch mit ihnen möchte ich einen Gedanken für Cocò Campolongo haben, der im Alter von nur drei Jahren in Cassano allo Jonio im Auto seines Großvaters verbrannt wurde. Diese Grausamkeit gegen ein so kleines Kind scheint präzedenzlos in der Geschichte der Kriminalität zu sein. Wir wollen gemeinsam mit Cocò, der zweifellos mit Jesus im Himmel ist, für die Menschen beten, die dieses Verbrechen begangen haben, damit sie bereuen und sich zum Herrn bekehren.

In den nächsten Tagen werden Millionen von Menschen, die im fernen Osten oder verteilt in allen Ländern der Welt leben, darunter Chinesen, Koreaner und Vietnamesen, das Neujahr nach dem Lunisolar-Kalender feiern. Ihnen allen wünsche ich ein Leben voller Freude und Hoffnung. Die Sehnsucht nach Brüderlichkeit, die in ihren Herzen wohnt, möge im Schoß der Familie die Bedingungen vorfinden, um neuentdeckt, erzogen und verwirklicht zu werden. Dies wird ein wertvoller Beitrag zur Errichtung einer menschlicheren Welt sein, in der Friede herrscht.

Gestern fand in Neapel die Seligsprechung von Maria Cristina di Savoia statt, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte und Königin beider Sizilien war. Sie war eine Frau mit tiefer Spiritualität und großer Demut, die es verstand, sich der Leiden ihres Volkes anzunehmen, wodurch sie zu einer echten Mutter der Armen wurde. Ihr außergewöhnliches Beispiel der Nächstenliebe beweist, dass ein gutes Leben im Sinne des Evangeliums in jedem Umfeld und jeder Gesellschaftsklasse möglich ist.

Ich grüße von Herzen alle Pilger, die aus Italien und anderen Ländern gekommen sind, darunter Pfarreien, Vereine, Schülergruppen und andere. Ganz besonders grüße ich die Studenten aus Cuenca (Spanien) und die Mädchen aus Panama. Ich grüße die Gläubigen aus Caltanissetta, Priolo Gargallo, San Severino Marche und San Giuliano Milanese, sowie die ehemaligen Schüler des Gymnasiums von Minoprio. Auch den Einwohnern der Emilia, die in diesen Tagen unter den vom Unwetter verursachten Überschwemmungen zu leiden hatten, drücke ich meine Nähe aus.

Und jetzt zwei Worte für die Jugendlichen der „Azione Cattolica“ der Diözese Rom! Liebe Jugendliche, auch in diesem Jahr wieder seid ihr in Begleitung des Kardinalvikars zahlreich am Ende eurer „Friedenskarawane“ hierhergekommen. Dafür danke ich euch! Ich danke euch von Herzen! Jetzt wollen wir die Botschaft hören, die eure Freunde, die hier neben mir stehen, uns vorlesen werden.

[Die Botschaft wird verlesen.]

Und jetzt werden diese zwei fleißigen jungen Leute hier die Tauben fliegen lassen, die ein Symbol für den Frieden sind.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit. Auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]