„Der Herr streckt uns die Hand entgegen“: Benedikt XVI. zeigt Ruhepunkte im Alltag auf

Angelus-Gebet am 10. August in Brixen

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ROM, 19. August 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Sonntag, dem 10. August, beim Angelus-Gebet in Brixen gehalten hat.

Der Heilige Vater betonte mit Blick auf das Sonntagsevangelium, dass Jesus Christus nicht nur dem versinkenden Petrus die Hand reiche, sondern auch uns allen. „Und wir gehen dann gut und recht, wenn wir die Hand des Herrn nehmen und uns von ihm führen lassen.“

Nach der Ermahnung, die Ferien zu nützen und nicht sinnlos den Blendwerken der Lust hinterherzurennen, um am Ende noch müder und trauriger zu sein als zuvor, appellierte der Bischof von Rom für Frieden im Kaukasus. Abschließend hielt er den Pilgern noch die Bedeutung des Sonntags vor Augen.

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Der Heilige Vater begann seine Ansprache vor dem Angelus-Gebet in deutscher Sprache:

Liebe Brüder und Schwestern!

Liebe Brüder und Schwestern, der heilige Markus erzählt einmal in seinem Evangelium, dass der Herr zu den Jüngern nach Tagen voller Stress gesagt hat: „Kommt mit mir an einen einsamen Ort, und ruht dort ein wenig aus“ (vgl. 6,31). Weil die Worte Christi nie nur in den Augenblick hineingesprochen sind, habe ich diese Einladung an die Jünger auch auf mich bezogen und bin an diesen schönen und ruhigen Ort gekommen, um mich ein wenig zu erholen. Und ich habe Bischof Egger und all seinen Helfern, der ganzen Stadt Brixen und der Region zu danken, dass sie mir diesen ruhigen Ort bereitet haben, an dem ich nun zwei Wochen lang ausatmen, an Gott denken und an die Menschen denken und so neue Kräfte sammeln konnte. Vergelt’s Gott!

Ich sollte vielen einzelnen danken, aber ich mache es einfacher: Ich empfehle Euch alle dem Segen Gottes. Er kennt jeden mit Namen und sein Segen wird jeden einzelnen mit seinem Namen berühren. Darum bitte ich von ganzem Herzen, und dies soll mein Dank an Sie alle sein.

Das Evangelium des heutigen Sonntags führt uns von diesem Ruhepunkt wieder in den Alltag zurück. Es erzählt davon, wie der Herr nach der Brotvermehrung auf den Berg geht, um allein mit dem Vater zu sein. Inzwischen sind die Jünger auf dem See, und mit ihrem armseligen Boot mühen sie sich vergebens, dem Gegenwind standzuhalten. Vielleicht ist das schon dem Evangelisten wie ein Bild für die Kirche seiner Zeit erschienen: wie dieses kleine Boot der Kirche von damals im Gegenwind der Geschichte war und der Herr es vergessen zu haben schien. Auch wir können es als ein Bild für die Kirche in unserer Zeit auffassen, die sich in vielen Teilen der Erde im Gegenwind müht und nicht voranzukommen scheint, und der Herr scheint weit weg zu sein. Aber das Evangelium gibt uns Antwort, Trost und Ermutigung und zugleich einen Weg. Es sagt uns: Ja, es ist wahr, der Herr ist beim Vater, aber eben deswegen ist er nicht weit weg, sondern sieht jeden, denn wer bei Gott ist, geht nicht weg, sondern ist nahe beim anderen. Und der Herr, in der Tat, sieht sie, und im rechten Augenblick kommt er auf sie zu. Und als Petrus, der ihm entgegengeht, zu versinken droht, nimmt Er ihn an der Hand und führt ihn sicher ins Boot zurück. Der Herr streckt auch uns immer wieder seine Hand entgegen: Er tut es durch die Schönheit eines Sonntags, Er tut es durch die festliche Liturgie, Er tut es im Gebet, mit dem wir zu ihm kommen, Er tut es in der Begegnung mit Gottes Wort, Er tut es in vielfältigen Situationen des Alltags – Er streckt uns die Hand entgegen. Und wir gehen dann gut und recht, wenn wir die Hand des Herrn nehmen und uns von ihm führen lassen.

Darum wollen wir ihn bitten, dass wir seine Hand immer wieder finden. Und zugleich liegt darin eine Aufforderung: dass wir in seinem Namen anderen die Hand hinreichen, die dessen bedürfen, und sie über die Wasser unserer Geschichte hinführen.

Der Heilige Vater setzte seine Ansprache auf Italienisch fort:

In diesen Tagen, liebe Freunde, habe ich ein wenig auch an die in Sydney erlebte Erfahrung zurückgedacht, wo ich den freudigen Gesichtern vieler Jugendlicher aus aller Welt begegnet bin. Und in diesen Tagen ist also in mir auch eine Überlegung über dieses Ereignis herangereift, die ich mit euch teilen will.

In der großen Metropole der jungen australischen Nation sind diese jungen Menschen ein Zeichen der echten Freude gewesen, die teilweise zwar geräuschvoll, aber immer friedlich und positiv war. Trotz ihrer großen Anzahl haben sie keine Unordnung gestiftet und keinen Schaden angerichtet. Um heiter zu sein, hatten sie es nicht nötig, auf grobschlächtige oder gewalttätige Mittel, auf Alkohol und Rauschgifte zurückzugreifen. In ihnen wohnte die Freude, einander zu begegnen und zusammen eine neue Welt zu entdecken. Wie sollte man da nicht den Vergleich mit ihren Altersgenossen anstellen, die auf der Suche nach falschen Ausbrüchen herabwürdigende Erfahrungen machen, die nicht selten in erschütternde Tragödien münden? Das ist ein typisches Produkt der modernen so genannten „Wohlstandsgesellschaft“, die – um eine innere Leere und die sie begleitende Langeweile auszufüllen – dazu verleitet, neue, aufregendere, „extremere“ Erlebnisse zu versuchen.

Auch die Ferien laufen so Gefahr, sich darin zu verlieren, den Blendwerken der Lust sinnlos hinterherzurennen. Auf diese Weise indessen ruht der Geist nicht aus, das Herz spürt keine Freude und findet keinen Frieden, im Gegenteil: am Ende ist es noch müder und trauriger als zuvor. Ich habe mich auf die jungen Menschen bezogen, da sie mehr nach Leben und neuen Erfahrungen dürsten und daher auch am meisten gefährdet sind. Meine Überlegung gilt jedoch für uns alle: der Mensch erholt sich wirklich nur in der Beziehung zu Gott, und Gott begegnet man dadurch, dass man lernt, seine Stimme in der inneren Ruhe und in der Stille zu hören (vgl. 1 Kön 19,12).

Beten wir also, dass in einer Gesellschaft, wo alle immer am Laufen sind, die Ferien Tage wahrer Entspannung sind, während derer sich die Menschen Momente der Sammlung und des Gebets vorbehalten können, die unverzichtbar sind, um sich selbst und die anderen in der Tiefe zu finden. Darum bitten wir durch die Fürsprache der allerseligsten Maria, Jungfrau der Stille und des Hörens.

Nach dem Angelus appellierte der Papst für den Frieden im Kaukasus:

Liebe Brüder und Schwestern!

Grund zu tiefer Bestürzung sind für mich die immer dramatischeren Nachrichten über die tragischen Ereignisse in Georgien, die von Südossetien aus schon viele unschuldige Opfer gefordert und eine große Zahl der Zivilbevölkerung gezwungen haben, ihre Häuser zu verlassen.

Es ist meine lebhafte Hoffnung, dass die militärischen Operationen unverzüglich eingestellt werden und dass auch im Namen des gemeinsamen christlichen Erbes von weiteren Angriffen und gewalttätigen Vergeltungsschlägen Abstand genommen wird, die zu einem Konflikt von noch größerer Tragweite ausarten können; statt dessen soll wieder entschlossen der Weg der Verhandlungen und des achtungsvollen und konstruktiven Dialogs eingeschlagen werden, um so weitere und zerreißende Leiden für jene liebe Bevölkerung zu vermeiden.

Ebenso fordere ich die internationale Gemeinschaft sowie diejenigen Länder, die in der aktuellen Situation am einflussreichsten sind, dazu auf, alle Anstrengungen zur Unterstützung und Förderung von Initiativen zu unternehmen, die darauf ausgerichtet sind, eine friedliche und dauerhafte Lösung für ein offenes und achtungsvolles Zusammenleben zuwege zu bringen.

Beten wir gemeinsam mit unseren orthodoxen Brüdern nachdrücklich für diese Anliegen, die wir vertrauensvoll der Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria empfehlen, der Mutter Jesu und aller Christen.

Die deutschsprachigen Pilger in Brixen begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Liebe Freunde, ich glaube, wir alle sind dankbar und freudig, dass wir einen so schönen Sonntag miteinander verleben dürfen. Dies bringt mich auf den Gedanken des Sonntags überhaupt. Euer Bischof hat mir gesagt, dass die Heiligung des Sonntags im Jahresprogramm dieser Diözese steht. Und in der Tat, wie wichtig ist der Sonntag; nicht nur als ein Moment des Ausatmens, den wir brauchen. Aber das Ausatmen allein reicht nicht aus, und der Sonntag bleibt leer, ja wir kehren vielleicht noch gestresster und leerer zurück, wenn dieser Sonntag nicht eine Mitte erhält durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Ich glaube, wir haben alle am vergangenen Sonntag und heute erlebt, wie schön es ist, wenn wir ihm in der Eucharistie begegnen dürfen und so auch alle einander begegnen. So darf ich euch alle herzlich einladen, dieses Diözesanprogramm auch persönlich und in den einzelnen Pfarreien aufzugreifen und mit darum zu ringen, dass der Sonntag wirklich Sonntag sei: Ein Tag freudigen Ausruhens und ein Tag freudiger Begegnung mit dem gütigen Gott. So wünsche ich euch allen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

In seinen Grußworten an die italienschen Besucher dankte Papst Benedikt XVI. „den Journalisten und den im Bereich der Massenmedien tätigen Menschen“, die ihn während seines Aufenthaltes in Südtirol begleitet haben: „Ich danke euch, liebe Freunde, für eure Arbeit, für eure Diskretion.“ Der Papst versicherte sie seines Gebets für ihre „privaten und beruflichen Zielsetzungen“.

[© Die Tagspost vom 12. August 2008]