Der historischen Wahrheit auf der Spur

Vor fünfzig Jahren starb Pius XII. – Zum Stand der Debatte nach der Öffnung der vatikanischen Archive

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Von Karl-Joseph Hummel



WÜRZBURG, 9. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Papst Pius XII. starb am 9. Oktober 1958 in weltweit hohem Ansehen in Castel Gandolfo, aus der Nähe und aus der Distanz einhellig und eindrucksvoll gewürdigt. Angelo Giuseppe Roncalli, damals Patriarch von Venedig, kurze Zeit später Papst Johannes XXIII., ließ in seiner Trauerrede keinen Zweifel daran, der Name Pius XII. werde „unter die größten und beliebtesten in der Geschichte der neueren Zeit eingehen“, und zitierte dann aus dem Markus-Evangelium: „Er hat alles gut gemacht. Die Tauben macht er hören und die Stummen reden.“ In den letzten 45 Jahren sind die Urteile der Nachwelt dann weit auseinandergedriftet. Zwischen dem in der Öffentlichkeit verbreiteten Geschichtsbild und den Ergebnissen der Zeitgeschichtsforschung klafft eine große Lücke.

Papst Benedikt XVI. hat im Februar 2006 alle Unterlagen des Vatikanischen Geheimarchivs aus dem Pontifikat Pius XI. vom 6. Februar 1922 bis zum 10. Februar 1939 der Forschung zugänglich gemacht. Die Auswertung dieser immensen Aktenmassen wird noch Jahre dauern. Schätzungsweise handelt es sich um gut hunderttausend Einheiten mit jeweils bis zu tausend Blatt Inhalt. Die Ausgangsbasis für eine neue Runde im „Streit um Pius“ hat sich dadurch aber bereits jetzt grundlegend verändert. Mit diesen Akten aus dem vatikanischen Staatssekretariat, aus dem Geschäftsgang der Nuntiaturen in München und Berlin sowie aus dem Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre können manche offenen Fragen beantwortet werden. Die neuen Quellen gestatten erstmals auch einen Einblick in die oft erbittert umkämpfte interne Meinungsbildung des Vatikan, in innerkirchliche Angelegenheiten und theologische Überlegungen. Die bisher vorherrschende Reduktion des Papstes auf eine politische Persönlichkeit und der weitgehende Verzicht auf sein geistliches, theologisches Profil können mit dem Hinweis auf die Quellenlage nicht mehr entschuldigt werden.

Lange vernachlässigter Teil der Papstbiografie

Im Vatikan wird am 4. November anlässlich des 50. Todestages von Papst Pius XII. eine Fotoausstellung eröffnet, die im Frühjahr 2009 auch in Berlin und München zu sehen sein wird. Die Päpstliche Lateran-Universität und die Gregoriana, die Universität der Jesuiten in Rom, veranstalten gemeinsam einen Kongress, in dessen Mittelpunkt der Kirchenlehrer Pacelli steht, der auf dem II. Vatikanischen Konzil der meistzitierte Theologe war. Die Ausstellung bemüht sich um ein Porträt der gesamten Persönlichkeit des Papstes, der Kongress konzentriert sich auf ein lange vernachlässigtes Teilkapitel der Papstbiografie, insofern wird zwei Versäumnissen abgeholfen.

Was ergibt sich aus der Öffnung der vatikanischen Archive für die Forschung über die Pacelli/Pius XII.–Forschung? Die Antwort auf diese Frage fällt vielschichtig aus und ist schon für die beiden hier ausgewählten Beispiele völlig konträr: Für die Zeit des Nuntius Pacelli in Deutschland 1917 bis 1929 stehen wir am Beginn einer neuen Debatte. Die Kontroverse um das Reichskonkordat und seine Vorgeschichte kann nach Durchsicht der vatikanischen Akten beendet werden.

Zunächst 1917–1929: Als Eugenio Pacelli im Mai 1917 seinen ersten diplomatischen Auslandsposten im monarchischen München antrat, ging dem damals gerade Vierzigjährigen ein uneingeschränkt positiver Ruf voraus: Pacelli wurde als vielversprechender Nachwuchsdiplomat mit glänzenden Karriereaussichten, als „Mann der Zukunft“ angekündigt, der „sogar einmal würdig befunden (werden) dürfte, wenn die Verhältnisse danach sind, zum Papste gewählt zu werden“. Zu Konrad von Preysing und Michael Kardinal Faulhaber entwickelte der Nuntius bald eine persönliche Freundschaftsbeziehung, die später auch den Belastungen im Dritten Reich standhielt. Diese persönliche Verbundenheit war für die deutschen Katholiken in den Jahren 1933–1945 eine kaum zu überschätzende Hilfe. Die deutschen Erfahrungen, zum Beispiel die gescheiterte Friedensinitiative Benedikts XV. 1917, die persönliche Auseinandersetzung mit den Vertretern der kommunistischen Räterepublik in München oder die Beobachtung des aufkommenden Nationalsozialismus einschließlich des Hitler-Putsches 1923, haben noch sehr viel später Entscheidungen des Papstes Pius XII. beeinflusst. Pius XII. sprach noch Jahre danach davon, die Zeit in München und Berlin sei „vielleicht die schönste Zeit seines Lebens“ gewesen. Der protestantische Historiker Klaus Scholder zählt die Ernennung Pacellis zum Nuntius in München sogar „zu den wichtigsten Daten des deutschen Katholizismus im 20. Jahrhundert“.

Hubert Wolf hat kürzlich eine andere Position bezogen und charakterisiert Pacelli als einen Nuntius auf „Durchgangsstation“, der sich auf Deutschland weder in seiner Einschätzung der Zentrumspartei noch in kirchlicher, kultureller oder wissenschaftlicher Hinsicht richtig eingelassen habe. Wolf beschreibt den Nuntius als Vertreter „ewiger Wahrheiten“, der in „geradezu rücksichtsloser Weise“ sein „uniformiertes, zentralistisches, römisches Modell von Kirche gegen alle deutschen Eigenheiten durchzusetzen“ suchte, wobei er sich durch die Prinzipien des unfehlbaren päpstlichen Lehramtes unterstützt fühlte. Neben der Begeisterung für Luxuskarossen und einer „Sympathie für deutsche Tugenden“ gesteht Wolf nur zwei prägende Erfahrungen zu: die Lehre aus dem Kulturkampf, es sei besser, sich als Kirche total aus der Gesellschaft zurückzuziehen als eine aufreibende Auseinandersetzung mit dem Staat zu suchen, und die Lektion der strikten Neutralität des Heiligen Stuhls, die sich aus der gescheiterten Friedensinitiative von 1917 ergab.

Der Einfluss der sprichwörtlichen „deutschen“ Umgebung Pacellis – von der „Hausdame“ Schwester Pascalina über den persönlichen Sekretär P. Robert Leiber und den Kanonisten und Zentrumsführer Prälat Ludwig Kaas bis zu seinen wichtigen Beratern aus dem Jesuitenorden oder seinem Beichtvater Augustin Bea – ist dabei nicht berücksichtigt. Die Feststellung eines „rigiden Antimodernismus“ ist – jenseits mancher theologischen Positionen – für den technikbegeisterten Diplomaten Pacelli jedenfalls nicht zutreffend. Matthias Erzberger wusste schon, bei welchem Nuntius er mit dem fabrikneuen Mercedes-Benz Eindruck machen könnte, den er zur Ankunft 1917 vor die Münchener Nuntiatur gestellt hatte. Pacellis Interesse für das neue Leichtflugzeug der Firma Junkers, das er sich auf einem Probeflug von München nach Oberammergau vorführen ließ, war stärker als seine ursprüngliche Flugangst. Der Nuntius ging modernen Erkenntnissen und Errungenschaften auch sonst nicht aus dem Weg. In Berlin hatte Pacelli intensive wissenschaftliche Gesprächskontakte, beispielsweise zu dem Theologen von Harnack oder Albert Einstein. Eine Antwort auf die Frage von Saul Friedländer: „Wie lassen sich die Beweise besonderer Vorliebe erklären, die der Papst ... den Deutschen in reichem Maße zukommen ließ, wo ihm doch das Wesen des Hitlerregimes bekannt war?“, kann sich nicht in der Begründung erschöpfen, die der deutsche Vatikanbotschafter von Bergen 1942 geliefert hat. „Pius XII. hat zu lange in Deutschland gelebt, Deutschland nach allen Richtungen bereist und gesehen, er kennt die deutsche Sprache, Literatur, Geschichte und Art zu gut, er hat zu viele persönliche Beziehungen nach Deutschland hin, als dass er dem heutigen Deutschland fremd und verständnislos gegenüberstehen könnte.“ Für das Verhalten Pacellis spielt beispielsweise auch eine Rolle, dass er sehr genau zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem „anderen“ Deutschland, zwischen der grundsätzlichen Ablehnung politischer Koalitionen mit Liberalen oder Sozialdemokraten und der realpolitisch notwendigen Tolerierung einer vorübergehenden Zusammenarbeit mit eben diesem weltanschaulichen Gegner zu differenzieren wusste. Diese Differenzierungsstrategie hat Pius XII. bis in die Kollektivschulddiskussion durchgehalten, in die er bereits 1944 eingegriffen hat. Ein weiteres Beispiel ist die aufsehenerregende Ernennung von drei deutschen Bischöfen: Clemens August Graf von Galen, Josef Frings und Konrad von Preysing zu Kardinälen an Weihnachten 1945.

Das dichte Kommunikationsnetz und die persönlichen Freundschaften des Nuntius machten es wiederholt möglich, wichtige Entscheidungen des Kardinalstaatssekretärs Pacelli und des Papstes außerhalb der kurialen und weltkirchlichen Strukturen – zum Beispiel ohne Konsultation des von Pacelli ungeliebten Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Bertram – vorzubereiten und durchzuführen.

Das Heilige Offizium plante nach dem kirchenpolitisch betrachtet beachtlichen Fehlschlag der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ ab Sommer 1937, die bilaterale Konfrontation zu internationalisieren und der „antichristlichen Bewegung“ des Nationalsozialismus mit einer groß angelegten Offensive des Weltkatholizismus entgegenzutreten. Die Katholiken aller Nationen sollten dafür zur Mitarbeit aufgerufen werden. Unter der Leitung von Nuntien, Delegaten und Bischöfen sollten in großem Stil Kurse und Kongresse veranstaltet und Artikel publiziert werden, um über die „nazistischen Theorien“ – zu denen auch der Antisemitismus zählte – „aufzuklären und sie zurückzuweisen“. Im Dezember 1937 sandte Kardinal Sbarretti, der Sekretär des Heiligen Offiziums, Mons. Luc. Giuseppe Graneris in einer bis in diese Tage geheim gebliebenen Mission nach München, um die Meinung Kardinal Faulhabers zu diesem „Aktionsplan“ einzuholen. Durch das präzise Berichtsprotokoll Graneris vom 2. Januar 1938 kennen wir jetzt auch die Antwort des Münchener Kardinals, die ohne weitere Rücksprachen offenbar als Antwort der deutschen Bischöfe gewertet worden ist. Faulhaber erwartete als Reaktion einen derart verschärften nationalsozialistischen Propaganda- und Verfolgungsdruck, dass er eine Spaltung der Katholiken befürchtete und von dieser Aktion abriet. In Rom wurde dieser Einwand ernst genommen. Die spektakuläre Großaktion wurde schließlich in verschiedene Einzelmaßnahmen aufgesplittet.

In schwierigen Entscheidungen nahm der fraglos auf die vatikanische Zentrale hin orientierte Pius XII. übrigens auch später durchaus Rücksicht auf örtliche Bedingungen und setzte auf Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen vor Ort. In einem Brief an von Preysing schrieb Pius XII. am 30. April 1943: „Den an Ort und Stelle tätigen Oberhirten überlassen Wir es abzuwägen, ob und bis zu welchem Grade die Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen und Druckmitteln im Falle bischöflicher Kundgebungen sowie andere vielleicht durch die Länge und Psychologie des Krieges verursachten Umstände es ratsam erscheinen lassen, trotz der angeführten Beweggründe, ad maiora mala vitanda, Zurückhaltung zu üben. Hier liegt einer der Gründe, warum Wir selber Uns in Unseren Kundgebungen Beschränkung auferlegen; die Erfahrung, die Wir im Jahre 1942 mit päpstlichen, von Uns aus für die Weitergabe an die Gläubigen freigestellten Schriftstücken gemacht [haben], rechtfertigt, soweit Wir sehen, Unsere Haltung.“

Faulhaber und von Preysing entsprachen – ebensowenig wie der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, und andere – dem angeblichen vatikanischen Wunschbild von den „päpstlichen Oberministranten“ oder „Ja-Sagern mit kindlicher Ergebenheit“, die Wolf als den Quellen entsprechende Idealkandidaten vorgestellt hat. Papst Pius XII. wünschte sich nach eigener Aussage Bischöfe, die „mutvoll der eigenen Regierung gegenüber für die Rechte der Religion, der Kirche, der menschlichen Persönlichkeit, für Schutzlose, von der öffentlichen Macht Vergewaltigte eintreten, gleichviel ob die Betroffenen Kinder der Kirche oder Außenstehende sind.“

Die Frage nach den „deutschen Prägungen“ des Nuntius Pacelli ist auch deshalb aktuell, weil damit inzwischen ein weitreichender Vorwurf verbunden wird: Der autoritäre, antibolschewistische Eugenio Pacelli, seit seiner Zeit als Nuntius in München und Berlin 1917–1929 ein Freund der Deutschen, habe mit dem autoritären, antibolschewistischen Dritten Reich sympathisiert und sei so „Hitlers Papst“ geworden.

Zum Reichskonkordat: Pacelli wird vorgehalten, die deutschen Katholiken durch das Reichskonkordat in eine besondere, widerstandshemmende Loyalitätsverpflichtung gegenüber Hitler gebracht zu haben. Der Kardinalstaatssekretär habe durch diesen Vertrag die Oppositionsmöglichkeiten des deutschen Klerus geschwächt, den seelischen Widerstand der deutschen Katholiken gebrochen, und die Zentrumspartei, die im Vatikan eher weniger geschätzte Vertretung des politischen Katholizismus, ohne Gegenleistung geopfert. Auf der anderen Seite habe das Reichskonkordat Hitler und den Nationalsozialismus international aufgewertet und den zentralistischen vatikanischen Einfluss auf die deutsche Kirche verstärkt. Pacelli hatte sich gegen zeitgenössische Vorwürfe bereits 1933 mit dem Hinweis verteidigt, Konkordate seien keine politischen Sympathieerklärungen oder Parteinahmen, sondern pragmatische „Akte religiös-kirchlicher Zielsetzung“.

Hitler zog aus dem Konkordat propagandistischen Vorteil

Der Vatikan wollte die Gelegenheit, der katholischen Kirche einen einklagbaren Spielraum zu sichern und sich im Konfliktfall auf eine völkerrechtliche Vereinbarung berufen zu können, nicht vorbeigehen lassen. Es war ja auch tatsächlich ein großer Vorteil, dass die katholische Kirche auch nach 1933 nicht in die Illegalität abgedrängt war wie Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern national und international organisiert blieb und sich offen ihrer dichten Infrastruktur bedienen konnte.

Es ist richtig, dass Hitler aus dem Vertragsabschluss propagandistisch Erwartungen ableitete: „Durch den Abschluss des Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und der Deutschen Reichsregierung scheint mir genügend Gewähr dafür gegeben, dass sich die Reichsangehörigen des römisch-katholischen Bekenntnisses von jetzt ab rückhaltlos in den Dienst des neuen nationalsozialistischen Staates stellen werden.“

Dass das Konkordat in seiner Wirkung den Loyalitätsdruck auf die deutschen Bischöfe tatsächlich erhöht und später den deutschen Katholiken den Widerstand erschwert haben soll, ist bisher nicht glaubhaft nachgewiesen worden. Die zeitgenössische Presse sah jedenfalls die Kirche als moralische Siegerin, das Angebot der Nationalsozialisten hatte nicht nur die Bedingungen erfüllt, an denen in der Weimarer Republik noch alle Verhandlungen gescheitert waren, sondern war sogar darüber hinausgegangen. Die nationalsozialistischen Monatshefte rechneten noch beim Tod Pius XI. das Reichskonkordat zu den größten Erfolgen seines Pontifikats.

Es ist bemerkenswert, dass sowohl Eugenio Pacelli selbst als auch seine nationalsozialistischen Gegner die These von „Hitlers Papst“ als frei erfunden zurückgewiesen hätten. Pacelli hielt Hitlers Machtergreifung für verhängnisvoller als es ein Sieg der sozialistischen Linken gewesen wäre und teilte die Einschätzung von Pater Robert Leiber, nicht das Reichskonkordat habe die Opposition der deutschen Katholiken unmöglich gemacht, sondern das Ja der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz und die voreilige Erklärung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 28. März 1933, von der das Staatssekretariat buchstäblich aus der Presse überrascht worden sei. Die in Rom jetzt zugänglichen Quellen für das Frühjahr 1933 bestätigen im Übrigen die Position, dass die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Reichskonkordat nicht aus dem Vatikan gesteuert waren, sondern die deutschen Bischöfe und die katholischen Politiker ohne römische Vorgaben selbständig gehandelt haben. Dieses Ergebnis ist nicht grundstürzend neu, neu ist, dass man sich in Kenntnis der Befunde aus den vatikanischen Akten jetzt darauf verständigen kann, dass Konrad Repgens Argumentation der Indizienkette Klaus Scholders überlegen war und ist, weil sie nicht einer hypothetischen Konstruktion, sondern den tatsächlichen Vorgängen entspricht. Die Scholder-Repgen-Kontroverse ist nach 30 Jahren beendet.

[Der Autor ist Direktor der Forschungsstelle Bonn der Kommission für Zeitgeschichte;
© Die Tagespost vom 9. Oktober 2008]