Der hl. Ignatius von Antiochien, der "feurige" Prediger

Über die geschichtliche Bedeutung Antiochiens, das Leben des hl. Ignatius und die Aktualität seiner Briefe

Rom, (ZENIT.org) Federico Cenci | 553 klicks

Antakya ist heute eine etwa 200.000 Einwohner zählende Stadt in der Türkei an der Grenze zu Syrien. In Europa weiß kaum jemand von ihrer Existenz. Es herrscht Kenntnislosigkeit in Bezug auf die Tatsache, dass dieses anonyme im Süden der Türkei gelegene Zentrum in der Antike mit etwa einer halben Million Einwohner eine der größten der damals bekannten Metropolen (mit Rom und Alexandrien in Ägypten) der Welt war. Vor allem bleibt jedoch unberücksichtigt, dass das alte Antiochien als wichtiger Motor der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen fungierte, bis es durch das Erdbeben von 525 vollkommen verwüstet wurde. Aus diesem Grund zögern Historiker nicht, die Stadt als einen der Stützpfeiler der Antike zu bezeichnen.

Tatsächlich war Antiochien in entscheidender Weise an der Entstehung der Geschichte des Christentums und daher der gesamten menschlichen Zivilisation beteiligt. In Bezug auf den historisch-religiösen Wortschatz ist der Beitrag Antiochiens unübertroffen, zumal dort der Begriff „Christen“ zur Bezeichnung der Jünger Christi erstmals verwendet wurde. Dies geht aus der Apostelgeschichte hervor: „In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen“ (11,26).

In der Folge nahm Antiochien in weiteren Bereichen eine Vorreiterrolle ein. So entwickelte sich die Stadt zum Mittelpunkt des umfangreichsten missionarischen Wirkens der Urchristen. Ohne Antiochien, eine Brücke zwischen dem Heiligen Land und Europa, wäre die Botschaft des Evangeliums nicht in der heidnischen Welt angekommen: „Einige aber von ihnen, die aus Zypern und Zyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn“ (Apg 11,20). Von Antiochien aus reisten Missionare in nahe gelegene Regionen, um dort neue Kirchen zu gründen.

Antiochien ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch jene Stadt, in der der hl. Matthäus während des Verfassens seines Evangeliums weilte. Dieses enthält das Gebet „Vaterunser“, die Geschichte der hl. drei Könige, die Bergpredigt und die acht Seligpreisungen und die trinitarische Formel, die wir beim Kreuzzeichen sprechen.

Ein weiterer Beleg für die enge Verbindung zwischen Antiochien und der Geschichte des Christentums ist die Tatsache, dass das erste Oberhaupt der christlichen Gemeinde in Antiochien ein Mann namens Petrus war: Er bestieg als Erster die berühmte und nach ihm benannte Cathedra und gilt als erster Papst der katholischen Kirche. Der bereits als Bischof von Antiochien bezeichnete Nachfolger des hl. Petrus war der Kirchenvater Ignatius.

Im Christentum steht die Bedeutung eines Kirchenvaters in einem unmittelbaren Zusammenhang mit jener der Stadt seines Wirkens. Die wenigen heute vorhandenen Informationen lassen nicht darauf schließen, dass Ignatius ein Bürger Roms war. Naheliegender ist die Hypothese einer Bekehrung zum Wort Christi im Erwachsenenalter. Ignatius prägte die Gemeinschaft in entscheidender Weise. Diese Eigenschaft lässt vielfach die Annahme entstehen, dass er vor dem Antritt seines Bischofsamts eine politische Funktion in Antiochien innehatte. Den Berichten seiner Jünger zufolge werde mit Ignatius eine Konkretisierung des lateinischen Ausdrucks „nomen est omen“ erreicht. Tatsächlich erwies sich Ignatius als leidenschaftlicher Prediger. Auf diesen Umstand geht das von seinem Namen abgeleitete (das lateinische Wort „ignis“ bedeutet „Feuer“) Attribut „der Feurige“ zurück. Benedikt XVI. sagte in diesem Zusammenhang: „Kein Kirchenvater hat mit der Intensität des Ignatius die Sehnsucht nach der ‚Einheit‘ mit Christus und nach dem ‚Leben‘ in ihm zum Ausdruck gebracht.“

Ignatius war auch außerhalb der Grenzen seiner Stadt Antiochien äußerst einflussreich. Bald lenkte der „feurige“ Prediger die Aufmerksamkeit des römischen Kaisers Trajan auf sich, der seine Verfolgung einleitete. Nach seiner Festnahme und Verurteilung „ad bestias[1]“ musste Ignatius in Ketten eine lange und beschwerliche Reise nach Rom zurücklegen. Nach seiner Ankunft im Jahre 107 erlitt er im Inneren des römischen Kolosseums ein grausames Martyrium: Im Rahmen der Vorführen zu Ehren des römischen Sieges in Dacia wurde er von Raubtieren zerfleischt und verschlungen.

Während dieser Reise von Antiochien nach Rom verfasste Ignatius sieben Briefe an verschiedene Gemeinden (Ephesus, Magnesia, Tralleis, Rom, Philadelphia, Smyrna) und an den hl. Polykarp, den Bischof von Smyrna. Dabei handelt es sich um eines der ersten Beispiele der sozialen christlichen Kommunikation. In den Briefen des hl. Ignatius werden eine brennende Liebe zu Christus und zur Kirche und lebendiger apostolischer Eifer spürbar. Wenngleich ihre Entstehungszeit weit zurückliegt und sich der damalige Zustand der Kirche und des christlichen Lebens von den heutigen Bedingungen insbesondere in der westlichen Welt radikal unterscheidet, können uns die sieben Briefe des hl. Ignatius dennoch eine ganz aktuell erscheinende Botschaft überbringen.

Anlässlich seines heute begangenen liturgischen Festtages führen wir hier einige Texte an:

Brief an die Magnesier:

„Es ist gut, nicht nur Christ zu heißen, sondern auch zu sein, denn es gibt Menschen, die den Bischof zwar erwähnen, aber alles ohne ihn tun“ (4-146; eigene Übersetzung).

Brief an die Römer:

„Das Christentum ist kein Werk der Überzeugung, sondern der Größe, wenn es von der Welt gehasst wird“ (3-306; eigene Übersetzung).

Brief an die Philadelphier:

„Flieht vor den Machenschaften des Bösen und der Arglist des Fürsten der Welt, sodass ihr nicht seinem Betrug zum Opfer fällt und in der Liebe schwach werdet. Vereint euch vielmehr in euren Herzen“ (6-386; eigene Übersetzung).

Brief an Polykarp:

„Bewahrt eure Taufe als Schild, den Glauben als Helm, die Liebe als Lanze, die Geduld als Rüstung“ (6-544; eigene Übersetzung).

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FUSSNOTE

[1] Bei der „damnatio ad bestias“ handelt es sich um eine im römischen Reich angewandte Hinrichtungsmethode, bei der die Verurteilten wilden Tieren vorgeworfen wurden