Der hl. Josef 4 young people

Impuls zum Fest des hl. Josef

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 19. März 2012 (ZENIT org). - Der sel. Johannes Paul II. hatte ein ungewöhnlich starkes Charisma, seine persönliche Art sich zu geben war enorm anziehend. Das empfanden unzählige Jugendliche aus der ganzen Welt, wenn sie ihm begegneten. Er war genau das, was die Jugendlichen „cool“ nennen. Und „cool“ zu sein, ist das höchste Lob, zumal für einen Erwachsenen. Im Deutschen gebraucht man auch das Wort „Ausstrahlung“. Gewiss hatte er als junger Theaterschauspieler gelernt, wie man davon Gebrauch macht, aber es war in erster Linie sein Wesen. Sein Auftreten, seine männliche Art zu sprechen, seine schöne Bass-Stimme, sein Lächeln, das understatement in seinem Reden, seine unverkennbare Zuneigung, die er besonders jungen Menschen zeigte – das alles war für viele, natürlich nicht nur für Jugendliche, ein starkes Motiv, sich ihm zuzuwenden. Als er später durch Krankheit und Alter die meisten dieser „Attribute“ verlor, blieb die Beliebtheit bestehen. Was deutlich erkennen lässt, dass es sich eben doch nicht nur um eine rein menschliche Faszination handelte, sondern im Gegenteil, dass jetzt hinter der Person die Botschaft zum Vorschein kam, oder anders gesagt, dass viele anfingen, in ihm die Person dessen zu erkennen, dessen Stellvertreter er war.

Das führt uns sogleich zu einem anderen Grund der jugendlichen Begeisterung. Die Botschaft, für die er einstand, „so alt und so jung wie das Evangelium“ mit einem Wort des hl. Josefmaria Escrivá, war für die jungen Leute eben doch nicht etwas Überholtes. Vielmehr zeigte sich bei ihm jenes Phänomen, das einmal Napoleon im Gespräch mit Papst Pius VII. so formulierte: „Heiligkeit, bitte erklären Sie mir, wie folgendes möglich ist. Wenn ich, Napoleon, vor meinen Soldaten stehe und sie mit einer feurigen Rede entflamme, so dass sie sogar ihr Leben für mich hingeben würden, so weiß ich doch auch, dass wenn ich dann nicht mehr in ihrem Gesichtskreis bin, diese Begeisterung sehr schnell erlischt. Nun meine Frage: Ihr Jesus Christus, der nun schon seit über siebzehnhundert Jahren nicht mehr zu sehen ist – wie erklären Sie mir, dass er immer noch so viele Menschen begeistert?“ Es ist nicht überliefert, was Papst Pius VII. darauf gesagt hat. Was Papst Woityla ihm geantwortet hätte, können wir uns vorstellen: die Antwort, die er selbst so oft und so gern in den enthusiastischen Gesichtern seiner jugendlichen Zuhörer gelesen hat. „Jesus Christ, you are my life“.

Versuchen wir, diese Gedanken auf die Person des hl. Josef zu übertragen.

Die Heiligen sind zunächst Menschen, und das bedeutet, sie sind begrenzt. Aber durch das mächtige Wirken der Gnade, mit der sie mitgewirkt haben, öffnet sich ihre Dimension in die Unendlichkeit Gottes. Paulus drückt das aus mit dem Wort vom „alter Christus“ – der Mensch, der Christus nachfolgt, wird ein anderer Christus, ja Christus selbst: „ipse Christus“. Und so wie Menschen von dem Mensch gewordenen Gottessohn Jesus Christus begeistert waren und sich von ihm zum Vater führen ließen, so ist der Heilige oder auch die Heilige ein Weg zum Vater, das bedeutet zum ewig ersehnten Glück, insofern der Heilige Christus repräsentiert und nicht im eigenen Namen auftritt. Da nun der Heilige in seinem Wirken auf die Menschen nicht auf sich allein gestellt ist, sondern da Christus durch ihn hindurch wirkt, können wir verstehen, warum sich die Menschen auch dann noch von ihm angesprochen fühlen, wenn seine rein menschlichen Möglichkeit eingeschränkt werden wie bei dem alten und kranken Papst, dessen Sterben auf Millionen gerade junger Menschen einen großen Eindruck machte und erwiesenermaßen bei vielen eine geistliche Bewegung zu Christus hin bewirkt hat. Nach seinem Tod, da er nun „nicht mehr zu sehen ist“, hält diese Wirkung an. „Genau das ist die Rolle der Heiligen, auch und gerade dann wenn sie den Blicken der Menschen entzogen sind. Dabei spielt es offensichtlich keine Rolle, ob dieser mit Christus so innig verbundene Mensch vor sieben Jahren oder vor zwanzig Jahrhunderten gestorben ist. Von Johannes Paul II. wird es in Zukunft nur noch Bilder geben (auch bewegliche), und dennoch wird er – wenn die Gnade entsprechend wirkt und die Menschen sie auf sich wirken lassen – weiterhin die Seelen zu Gott führen.

Unter den vielen Heiligen, die die Kirche verehrt, nimmt der hl. Josef eine besondere Stellung ein, da ihm die Sorge für den Mensch gewordenen Gott anvertraut wurde. Von kaum einem Heiligen gibt es so viele Bilder, Geschichten (einschließlich der Berichte der Evangelien), Gebete etc. Für den heutigen Menschen (nicht nur die Jugendlichen) ergibt sich gerade daraus eine Schwierigkeit: es gibt zu viel, da herrscht ein Überangebot von Aussagen über diesen Heiligen. „Dass er aber, wenn wir davon absehen, für junge Menschen ein Vorbild sein könnte, liegt auf der Hand. Er ist ein gewöhnlicher Mensch, kein Mönch, kein Priester, kein Märtyrer. Er lebte ein Leben, mit dem sich jeder identifizieren kann, eine Familie wie tausend andere, eine Arbeit, die ebenfalls im normalen Rahmen bleibt.“ Gut und schön. Aber wo ist das Besondere, das für den jungen Menschen der Ausgangspunkt sein könnte, um das Licht der Heiligkeit in ihm zu entdecken, wo ist das Charisma, das zunächst nur auf menschliche Weise anzieht, um dann später in übernatürliche Dimensionen hinaufzuführen, wie es bei Johannes Paul II. der Fall war? Mit einem Wort: ist der hl. Josef „cool“? Und wenn ja, wie kann man das jungen Menschen vermitteln? Zunächst wäre festzustellen, ob man im hl. Josef einen „modernen Menschen“ sehen könnte, denn sonst ist er für Jugendliche sofort „out“. Ich denke, dass wir in diesem Mann in der Tat alles das finden, was junge Leute heute als modern oder zeitgemäß empfinden.

Er ist zunächst das, was Jugendliche unbedingt wollen: authentisch. Er hat keine Fassade, er ist „echt“ und glaubwürdig.

Er ist gütig und hilfsbereit.

Er kümmert sich um andere, übernimmt Verantwortung.

Er ist treu gegenüber Menschen, die man immer schon geschätzt hat (Jesus und Maria).

Er lebt in seinem Dorf ein normales Leben.

Er arbeitet sehr gut.

Somit wäre eine Voraussetzung gegeben: ich kann in ihm einen möglichen Kumpel sehen, vielleicht sogar einen Freund. Zunächst auf jeden Fall „the guy next door“. Aber wie kann er mir so lebendig nahe sein, dass Sympathie entsteht? Ich sehe ihn ja nicht.

Hier sind wir Christen gefordert: wir sind es, die die Gestalt dieses Mannes vor den heutigen Menschen, besonders eben den Jugendlichen, sichtbar machen müssen.

Wie machen wir das?

Da sollten wir uns genau derselben Mittel bedienen, die die „Gegenseite“ benutzt, um die Menschen von Gott wegzubringen: der Medien. Über den hl. Josef Schriften verfassen (nicht frömmlerisch, das kommt bei Jugendlichen überhaupt nicht an), sein Leben in Romanform darstellen, Filme, Videoclips, YouTube, podcasts, twitter. Natürlich muss zunächst auch Geld investiert werden, à fonds perdu. Als nächstes wird sich für junge Menschen die Frage stellen: O.k. der hl. Josef ist ein cooler Typ, aber ist er es auch für mich?

An dieser Stelle gibt uns wiederum der verstorbene Papst einen Hinweis: einer der Gründe für das „Ankommen“ von Johannes Paul II. war seine Väterlichkeit. Wie viele junge Menschen sind heute Opfer der weltumspannenden Strategie des Bösen, der sich als Hauptziel vorgenommen hat, Ehen und Familien zu zerstören. In vielen Ländern, vor allem den „fortgeschrittenen“ gibt es genauso viele zerstörte Familien wie intakte. Die Opfer sind immer die Kinder, besonders wenn sie klein sind. Aber auch Jugendliche, die bereits volljährig sind, leiden unendlich am Verlust des Vaters bzw. der Mutter. Meistens des Vaters, weil die Kinder in der Regel der Mutter zugesprochen werden. Die moderne Psychologie stellt erschreckende Defizite fest bei Kindern, die ohne Vater aufwachsen. Der junge Mensch sucht sich dann einen Ersatzvater, meist in irgendeinem Idol, das dieser Rolle gar nicht gerecht werden kann. Das eben war einer der Gründe für die Zuneigung so vieler Jugendlicher zum verstorbenen Papst. Und genau das finden sie – wenn man sie in geeigneter Weise darauf hinweist – beim hl. Josef.

Escrivá nennt den hl. Josef „Unser Vater und Herr“. Und er weist darauf hin, dass Josef wie kein anderer Heiliger die Vaterschaft des Himmlischen Vaters widerspiegelt. Wenn erst einmal die Sympathie geweckt und fundiert ist, dann können die jungen Leute weitere Züge am Hl. Josef entdecken, die sie zunächst nicht suchen würden: seine Tugenden. Wie kaum ein anderer Heiliger macht der hl. Josef deutlich – nicht durch Worte, sondern durch sein Leben – dass die Tugenden dem Menschen zu seiner wahren Verwirklichung verhelfen. Eines der Ideale des heutigen Menschen ist ja die „Selbstverwirklichung“. Der Mensch will zur Fülle dessen gelangen, was in ihm steckt. Der Irrtum liegt aber oft darin, dass der Mensch dieses Ziel, das unser Schöpfer ohnehin für uns vorgesehen hat, meint, selber erreichen zu können. Er kann es nicht. Hier kann der hl. Josef eine Hilfestellung geben, denn wenn man ihn erst als sympathisch erlebt, dann kommt man auch dahinter, dass es seine Tugenden sind, die den beispielhaften Mann hervorgebracht haben, als den wir ihn kennen.Hat man erst einmal erlebt – in einer entsprechenden Liturgie, einer Wallfahrt oder im persönlichen Gebet – wie väterlich sich dieser Heilige vom Himmel aus um die Menschen kümmert (Gebetserhörungen, miteinander darüber sprechen etc.), dann kann man auch „in Kauf nehmen“, dass seine großartige Persönlichkeit aus Tugenden hervorgeht, die man anfangs nicht wollte.

Da sind der Gehorsam, die Keuschheit, die Ausrichtung auf den Willen Gottes, die Demut. Vielleicht wird der eine oder andere sagen: „Der hl. Josef ist wie meine Oma (oder wie Johannes Paul II. oder sonst ein schon bekanntes Vorbild); ich halte mich (noch) nicht daran, was er mir durch sein Leben sagt, aber er hat recht“.

Einmal auf den Weg gebracht, werden viele Jugendliche den Weg weitergehen. Wir können sicher davon ausgehen, dass der hl. Josef selbst, der ja eine reale Person ist, nicht untätig sein wird. Ist der Kontakt einmal hergestellt (der junge Mensch hat zuhause ein Bild vom Heiligen, er geht regelmäßig zur Hl. Messe, gewöhnt sich vielleicht an, eine Kerze vor dem Bild des hl. Josef anzuzünden etc.), wird der Heilige dem Betreffenden in der Stille des Gebets Anregungen, Zeichen seiner väterlichen Zuneigung geben. Die Freundschaft vertieft sich. Und an der Hand dieses geistlichen Vaters erfährt der junge Mensch Näheres über denjenigen, der auf Erden viele Jahre seines Lebens in Josef den Vater gesehen und geehrt hat: Jesus Christus.

Nach einiger Zeit beginnt er, einige seiner bisherigen Ansichten über die Kirche, über Christus zu revidieren. Er erkennt, wie haltlos die üblen Vorwürfe sind, die er bisher von anderen oder von den Medien kritiklos übernommen hatte. Später wird er erkennen, dass es auch in der Kirche, die heilig ist, menschliche Schwächen gibt. Er wird dafür nach und nach Verständnis aufbringen und zu dem Schluss kommen, dass man für die anderen beten muss. Überhaupt wird ihm gerade durch den Gottesdienstbesuch die „Gemeinschaft der Heiligen“, zu der er sich nun zugehörig fühlt, tiefer bewusst, und er erfährt die Freude, nicht allein zu sein.

Der hl. Josef, der seinen Schützling nie verlässt, wird – genauso wie die Mutter des Herrn – alles daran setzen, dass man nicht bei ihm verbleibt, sondern das innere Leben, das inzwischen gekräftigt ist, ganz und gar auf Christus konzentriert.

Inzwischen hat der junge Mensch nach und nach seine Vorurteile gegen die Tugenden ad acta gelegt, da er erkannt hat, dass die Tugenden den Menschen nicht beengen, sondern im Gegenteil ihn erhöhen, ja sogar verschönen.

Er stellt am Leben des hl. Josef fest, wie schön die Tugend der Demut ist, dass sie nicht nur vor Gott die angebrachte Haltung ist, sondern dass der Mensch dadurch eine Würde bekommt, die die Welt nicht geben kann. Er findet auch ein neues Verhältnis zum Gehorsam, jener Tugend, die infolge des schändlichen Missbrauchs, den die Nazis damit trieben, auf Jahrzehnte hinaus in Misskredit geraten war. Nun sieht er, dass derjenige, der Gott gehorcht, nicht nur keine knechtische Kreatur ist, sondern dass er im Gegenteil einen sehr souveränen Stand im Leben hat. Und schließlich wird ihm, wenn er die Tugend der Keuschheit in sein Denken hereinlässt, bewusst, wie sehr er in dem Bereich der Sexualität von den meinungsbildenden Medien manipuliert worden ist. Er sieht auf einmal ein, dass man das Aids-Problem nicht mit der Verteilung von Kondomen lösen kann, dass junge Menschen, die den Sexrummel nicht mitmachen, nicht etwa verklemmt, sondern sympathisch und attraktiv sind, und dass es vielleicht doch nicht der Sinn des Lebens ist, möglichst viel Spaß zu haben. Am Beispiel des hl. Josef sieht er immer deutlicher, dass es den Menschen beglücken kann, alles für Christus zu tun und hinzugeben. Der hl. Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá legte Wert darauf, dass der hl. Josef in künstlerischen Darstellungen nicht als alter Mann wieder gegeben werden sollte, wie es auf manchen alten Bildern gezeigt wird, offenbar mit dem Hintergedanken, dass wohl nur ein alter Mann mit einer schönen jungen Frau zusammen leben kann, ohne dass Geschlechtlichkeit im Spiel ist. Escrivá meinte, das hieße, junge Leute zu unterschätzen, die durchaus die Tugend der Keuschheit in der Form der Enthaltsamkeit leben können, nämlich um der Liebe Christi willen.

Mit Blick auf den Gekreuzigten findet der Jugendliche dann früher oder später zu der Einsicht, dass sogar Leiden einen Sinn haben kann, und dass man eigene Schwierigkeiten und Probleme mit dem Leiden des Herrn in Verbindung bringen kann.

So kommt der junge Mensch zu einer inneren Reife, die mit der äußeren kongruent verläuft. Er stellt fest, dass die scheinbaren Paradoxa der Bergpredigt eine höhere Weisheit darstellen. Dann schaut er wieder auf seinen „Adoptivvater“, den hl. Josef, und es wird ihm – vielleicht erst nach vielen Jahren – bewusst, dass dieser einfache, treue, gottliebende Mann in der Wirklichkeit des Himmels, die die eigentliche Realität ist, ein großer Fürst und König ist. Und schließlich wird ihm klar, dass auch er selber von dem unerfahrenen Studenten oder Lehrling, der er einmal war, unbemerkt selber zu einer Persönlichkeit heranwächst und er einmal „mit den Heiligen im Licht wandeln“ wird.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.