Der hl. Thomas und das Zeugnis der Kunst

Der ungläubige Thomas von Michelangelo Merisi da Caravaggio

Rom, (ZENIT.org) Rodolfo Papa | 421 klicks

Wie die Ausführungen des im Jahre 1672 in Rom erschienenen Werks „Le vite de’pittori scultori et architetti moderni“ (Das Leben der modernen Bildhauer und Architekten) von Giovan Pietro Bellori sowie zahlreiche entsprechende Inventardokumente nahe legen, hatte Cavaraggio das Gemälde um das Jahr 1601 im Auftrag des Marchese Vincenzo Giustiniani für die Gemäldegalerie seines Palastes angefertigt. Dem Inventar der Sammlung Giustinianis aus dem Jahr 1638 ist folgender Vermerk zu entnehmen: „Im großen Zimmer der alten Gemälde. Ein Bild über der Türe mit halben Figuren zeigt den hl. Thomas, der die Seite Christi mit dem Finger berührt. Länge: fünf Handbreiten, Breite: etwa 6,5 Handbreiten. Es wurde von Michelangelo da Caravaggio auf Leinwand gemalt und ist in einen schwarzen mit Gold besetzten und verzierten Rahmen eingefasst.“

Das Gemälde zählt daher zur Sammlung Giustinianis und ist eine „Supraporte“, ein horizontal ausgeführtes, etwa 150 cm breites und 100 cm hohes Halbfigurenbild. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Werk mehrmals verkauft und gelangte nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges in die derzeitige Sammlung der Bildergalerie von Sanssouci in Potsdam. Im Jahre 2001 bot sich dem italienischen Publikum die Gelegenheit, das Bild in einer einzigartigen Ausstellung im Zeichen der Zusammenführung der ursprünglichen Giustiniani-Sammlung zu bestaunen.

Caravaggio folgte bei der Gestaltung seines Werkes einer einfachen Struktur. Die essenzielle Darstellung der Szene trifft in das Herz der evangelischen Erzählung. Christus ist von drei Aposteln umgeben. Hinter den beiden anderen und in einer höheren Position erkennen wir Petrus. Der verblüffte Thomas erlebt mit, wie Christus selbst seine Hand in die Seitenwunde hält. Jesu Hautfarbe ist heller als jene der Gruppe der Apostel. Somit entsteht ein starker Farbkontrast, der eine zweite Erzählebene schafft. Der Gläubigen wird einerseits direkt in das Geschehen involviert. Er wird zu einem Element und Protagonisten der  sich vor seinen Augen vollziehenden Begebenheit. Andererseits wird die Leiblichkeit des Auferstandenen gemäß der Schilderung des Evangeliums hervorgehoben.

Ihre Stirn in Falten legend, verneigen sich die Apostel spontan vor dem Geheimnis der Auferstehung. Ihre Augen sind wachsam, ihr Mund sprachlos geöffnet. Die Darstellung fängt jenen Augenblick des Erstaunens ein. Dieser unterscheidet sich in psychologischer Hinsicht von der Haltung des Thomas, dessen Blick sich aus weit aufgerissenen Augen in dem sich vor ihm auftuenden Abgrund verliert. Mit gesenktem Haupt schiebt  Jesus mit der rechten Hand sein Gewand zur Seite, um die noch offene Seitenwunde freizulegen. Mit der linken Hand ergreift er die Hand des Apostels und legt dessen bebenden Finger in die Wunde. Sein Gesicht lässt eine kaum merkliche Spur des Schmerzes erahnen, während sein Blick der mit der Hand des Thomas ausgeführten Geste folgt. In dem Gemälde sind keine weiteren Elemente sichtbar; alles ist in den Halbschatten jenes Raumes gehüllt, in dem das Ereignis stattfindet. Unseren Augen offenbaren sich lediglich vier Gestalten, die von einem von oben kommenden Licht erleuchtet sind. Eine meisterhafte Darstellung der psychischen Verfasstheit der Apostel allein bewirkt alles.

Im Evangelium nach Johannes lesen wir Folgendes: „Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!  Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen“ (Joh 20, 19-20). „Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20, 24-29).

Johannes liefert eine detailreiche Schilderung der Begebenheit und hebt die menschliche Haltung des Thomas hervor, der den Erzählungen der anderen gegenüber einen skeptischen Standpunkt einnimmt, und ebenso wie wir, wenn wir mit den Schwierigkeiten der Welt in unserem Leben konfrontiert werden, Bedingungen an den Glauben stellt. Caravaggio bringt diese Unruhe, die auch uns Eigen ist, künstlerisch zum Ausdruck und setzt den Unglauben par excellence nicht nur in der Gestalt des Thomas, sondern auch in jener der anderen beiden Apostel im Gemälde um.

So ist das Ziel des Werkes nicht allein die Darstellung der Ereignisse gemäß der Beschreibung des Johannes, sondern besteht vielmehr darin, uns die unverkennbare Leiblichkeit des Geheimnisses der Auferstehung vor Augen zu führen. Christus ist auferstanden; er ist lebendig. Das Gemälde von Caravaggio konfrontiert uns mit der Frage des Engels an die Frauen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5). Thomas legt seinen Finger in die Wunde Jesu. Diese grobe Hand mit verschmutzten Fingernägeln durch die tägliche Arbeit ist die Hand all jener, die im Glauben dazu aufgerufen sind, auf Jesus zu vertrauen. Der Zweifel löst sich in Verwunderung auf. Die Augen weiten sich beim Anblick dieser Wunden; der Mund öffnet sich bebend, während wir stammeln: „Mein Herr und mein Gott!“

Mit seinem Werk zielte Caravaggio ebenso wie viele andere Künstler im Laufe der Jahrhunderte auf die Darstellung der Leiblichkeit des Geheimnisses der Menschwerdung, des Todes und der Auferstehung Christi, des Geheimnisses Jesu, der vollkommen Gott und Mensch ist, durch die Anwendung der Techniken und Mittel der Malerei ab, um so jene Zweifel zu beseitigen, von denen nach der Erzählung des Lukas selbst die Apostel erfüllt waren: „Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen“ (Lk 24,37). Die Kunst lädt uns ein, unsere Augen zu öffnen und die Worte Christi im Herzen zu betrachten: „Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht“ (Lk 24, 38-39).

Der hl. Augustinus äußerte sich in diesem Zusammenhang folgendermaßen: „Christus hätte die Wunden in seinem Fleisch vollkommen heilen können, sodass nicht einmal eine Spur von Narben zurückgeblieben wäre. Er besaß die Macht, den Abdruck der Nägel in seinen Gliedern und die Seitenwunde  verschwinden zu lassen (…) Er beließ die Spuren der Nägel und der Lanze in seinem Leib, da er wusste, dass lästerliche und närrische Häretiker später behauptet hätten, dass unser Herr Jesus Christus seine Leiblichkeit vorgegeben und seine Jünger und unsere Evangelisten getäuscht habe, als er sagte: Fasst mich an und begreift. (…) Angenommen, ein Manichäer befände sich hier, was würde er sagen? Dass der Leib mit den Spuren der Nägel, den Thomas gesehen und berührt hatte, nicht echt gewesen sei.“ Daraus wird erkennbar, welche Aufgabe der Kunst in der Vergangenheit und Gegenwart zukommt: die Wahrhaftigkeit der Auferstehung Christi, des wahren Menschen und wahren Gottes, aufzuzeigen.  Dazu lesen wir erneut bei Augustinus: „Die Wahrheit erweckte einen wahren Leib zum Leben. Die Wahrheit offenbarte den Jüngern nach der Auferstehung einen wahren Leib. Die Wahrheit ließ die Hände die Narben eines wahrhaftigen Leibes berühren. Möge die Falschheit erröten, denn die Wahrheit hat gesiegt“.

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 Rodolfo Papa ist Dozent für Geschichte der Ästhetik an der päpstlichen Universität Urbaniana, Künstler und päpstlicher akademischer Ordinarius. Er zählte zu den Experten der 13. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode.

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