Der Hoffnung Gestalt geben: Erzbischof Zollitsch über die Sendung der Kirche

Eröffnungsvortrag bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

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FULDA, 21. September 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Wir veröffentlichen das Manuskript der Ansprache, die Erzbischof Dr. Robert Zollitsch heute, Montag, anlässlich der Eröffnung der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda gehalten hat.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sprach über das Thema „Der Hoffnung Gestalt geben - Zur Sendung der Kirche im weltanschaulichen Pluralismus Deutschlands“.

Wenn sich die Hoffnung des Menschen nur auf das Menschenmögliche richte und das Gottmögliche vergessen werde, „dann verengt sich der Horizont des Lebens und Handelns“, erklärte Zollitsch, der zum Aufbau von „Orten der Hoffnung“ ermutigte. Ein solcher „Ort der Hoffnung entsteht dort, wo Menschen hingebungsvoll wirken; wo sie sich liebevoll wie Jesus einsetzen und auf diese Weise anderen eine Herberge schaffen, die eine lebendige Verheißung von Leben in sich trägt.“

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Liebe Mitbrüder,

vor sechzig Jahren, keine drei Monate nach der Verabschiedung des Grundgesetzes, fanden im August 1949 die Wahlen zum ersten deutschen Bundestag statt. Obwohl ich damals erst elf Jahre alt war, erinnere ich mich noch sehr gut daran. Die Wahlen waren ein starker Ansporn, nach vorne zu schauen, und ließen uns Hoffnung schöpfen, Hoffnung auf eine bessere und von uns selbst bestimmte Zukunft für unser Land. Nach den Jahren der Ohnmacht und der Entmündigung, nach den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der unsäglichen nationalsozialistischen Diktatur wurden die Weichen für die kommenden Jahre und Jahrzehnte gestellt. Und heute dürfen wir dankbar feststellen: Sie wurden gut gestellt. In seiner Rede zur ersten Sitzung des Parlaments am 7. September 1949 hob der damalige Alterspräsident Paul Löbe eindringlich hervor: „Die Alten und die Jüngeren sind nun hier vereint in der schweren Aufgabe, an die Stelle der Trümmer wieder ein wohnliches Haus zu setzen und in den Mutlosen eine neue Hoffnung zu wecken." Dies entspricht in nüchternen Worten dem Tenor dessen, was Barack Obama während des Wahlkampfs um die Präsidentschaft auf die kurze und griffige Formel brachte: „Yes, we can"! Und Paul Löbe blieb der Hoffnung auf der Spur, wenn er die Abgeordneten fragte: „Was erhofft sich das deutsche Volk von der Arbeit des Bundestags?" Viele der damaligen - manchmal noch recht zaghaften - Hoffnungen haben sich erfüllt. Deutschland ist im Herzen Europas für viele zu einem friedlichen und wohnlichen Haus geworden. Was wir kaum für möglich hielten, durften wir vor zwanzig Jahren miterleben: den Fall der Mauer, die unsere Nation trennte. Und doch stellt sich heute wieder neu in unserer Gesellschaft die Frage: Was erhoffen wir uns? Was sind unsere Visionen, was sind unsere Antriebskräfte?

Gerade die derzeitige Finanzmarktkrise, deren Aus- und Nachwirkungen noch lange nicht überstanden und überwunden sind, macht deutlich, wie sehr unser Leben zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Zuversicht und Sorge ausgespannt ist. Die einen schauen voll Hoffnung und Zuversicht auf den Prozess der Globalisierung, andere nehmen eher die bedrohlichen Tendenzen wahr. Die einen verweisen auf die neuen Möglichkeiten des Miteinanders von Völkern, Kulturen und Religionen; die anderen warnen vor einer Welt, in der die Ökonomie über die ethischen Werte siegen und die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinanderdriften könnte. Angesichts der aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen werden auch wir als Kirche nach unserem Beitrag und damit nach unserer Hoffnung für uns und unsere Gesellschaft gefragt: Schöpfen wir aus unserem christlichen Glauben Hoffnung für uns und unsere Welt? Und welche?

Schauen wir aber auch, liebe Mitbrüder, auf uns selbst. Die Kirche in Deutschland hat sich entschieden, den Weg der Erneuerung zu gehen. Bisweilen bringt dieser Weg die schöne und beglückende Erfahrung neuer Lebendigkeit und neuer Akzeptanz des Glaubens und seiner Verkündigung. Und wir dürfen - Gott sei Dank! - eine ganze Reihe von Aufbrüchen erleben. Manchmal ist dieser Weg der Erneuerung jedoch auch beschwerlich und eng gebunden an den Umbau der Strukturen und inneren Ordnung unserer Bistümer und Gemeinden. Eines aber ist und bleibt klar: Gelingen kann dieser Weg der Erneuerung nur, wenn er ein „Weg gelebter Hoffnung" ist. Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik hat vor 34 Jahren selbstkritisch gefragt: „Sind wir, was wir im Zeugnis unserer Hoffnung bekennen? Ist unser kirchliches Leben geprägt vom Geist und von der Kraft dieser Hoffnung?"[1]. Und sie weist mit Recht darauf hin: „Die Welt braucht keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeit durch Religion; sie braucht und sucht (wenn überhaupt) das Gegengewicht, die Sprengkraft gelebter Hoffnung. Und was wir ihr schulden, ist dies: das Defizit gelebter Hoffnung auszugleichen."[2] Zweifellos: Der Weg der Kirche muss ein Weg gelebter Hoffnung sein, im Vertrauen auf Gott, der uns Zukunft und Hoffnung schenkt (vgl. Jer 29,11).

Seit jeher spricht die Kirche von der Verheißung und von Gottes Zukunft. Es ist unsere Aufgabe, unser Auftrag, die Verheißung, die Gott uns geschenkt hat, das Evangelium der Hoffnung zu den Menschen zu bringen. In zugespitzter Weise können wir sagen: Das Leben der Kirche in Lehre, Liturgie und praktischer Glaubensbezeugung soll von der einzigartigen Hoffnung künden, die Jesus Christus selbst ist. So möchte ich in dieser Stunde dazu einladen, uns selbst zu vergewissern: Was erhoffen wir? Und: Was erhoffen die Menschen von uns, von der Gemeinschaft des Glaubens, der Kirche?

Unserem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., verdanken wir eine bewegende und inspirierende Darlegung der Hoffnungsdimension christlichen Glaubens, die er der Kirche in seiner Enzyklika „Spe Salvi"[3] geschenkt hat. Glaube ist Hoffnung: das ist das Fundament seiner Betrachtung. Im Nachdenken über die vielfältigen Transformationen des christlichen Hoffnungsgedankens in der Neuzeit findet der Heilige Vater zur Erkenntnis der wahren und maßgeblichen Gestalt christlicher Hoffnung und zu deren „Lern- und Übungsorten".

Mich persönlich beschäftigt die Frage nach der Verheißung des christlichen Glaubens und nach dessen einzigartigem Hoffnungspotential besonders im Kontext unserer Bischofskonferenz. Ich denke vor allem an unser Bemühen, den neuen, weithin organisatorischen Erfordernissen in unseren Diözesen Rechnung zu tragen. Wir wollen dies in großer Treue zu dem Geist tun, in und aus dem wir leben. Es geht uns ganz bewusst um weit mehr als Strukturen. Wir wollen den Weg der gelebten Hoffnung beschreiten, den die Menschen so voller Sehnsucht suchen, der in der heutigen Zeit oft schwierig erscheint und der im Leben der Kirche auffindbar sein muss. Darüber möchte ich in drei Schritten einige Überlegungen mit Ihnen teilen.

1.      Die Hoffnung im Leben der Gegenwart

Hoffnung ist grundlegend jene Haltung, ohne die unserem menschlichen Leben der Antrieb und die Motivation fehlen, ohne die alles gleich-gültig wirkt und wird. So braucht es in jedem Leben eine Fülle von Hoffnungen größerer und kleinerer Art. Wir Menschen hoffen - auf einen guten Verlauf unserer Unternehmungen, auf ein gelingendes Berufsleben, auf menschliche Erfüllung in einer stabilen Familie, auf ein glückliches Alter und ein umsorgtes Scheiden aus dieser Welt, auf Gesundheit und Lebenskraft, auf auskömmliche soziale Verhältnisse, auf Frieden im Nahen und im Fernen. Das gilt auch im öffentlichen und politischen Leben. Was dürfen wir für die Zukunft unseres Landes erhoffen - im Jahr der Wahlen in Bund, Ländern und Gemeinden? Die Frage von Paul Löbe ist - angesichts der Wahlen am kommenden Sonntag - brandaktuell: „Was erhofft das deutsche Volk von der Arbeit des Bundestags?" Und welche Hoffnungen, so fragen wir zu Recht, sind im wirtschaftlichen Leben begründet? Welche Hoffnungen im Hinblick auf die Beschäftigung, beim finanziellen Lastenabbau, im Bereich der Bildung und anderer Zukunftsfragen? Welche europäischen und weltumspannenden Hoffnungen sind vertretbar? Und nicht wenige fragen sich in diesen Zeiten des Umbruchs: Wohin geht die Kirche? Wie sieht unsere Hoffnung für die Zukunft des Christentums aus? Wo leben und erleben wir die „Sprengkraft christlicher Hoffnung"? Was entmutigt und lässt Hoffnungen dahinschwinden? Unsere Erwartungen an die Zukunft sind und bleiben ein zentrales Thema.

Es ist interessant, zu sehen, wie sich das Thema Hoffnung, wie sich die Frage nach der Sehnsucht des Menschen nach einem gelingenden Leben in der aktuellen religiösen Situation in Deutschland spiegelt. Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob es in Deutschland eine Art neuer Aktualität der religiösen Orientierung und einen neuen Frühling des Glaubens gibt. Es empfiehlt sich eine gewisse kritische Zurückhaltung gegenüber der These, es gebe ein Wiedererstarken der Gottesfrage. Zugleich dürfen wir aber auch skeptisch sein hinsichtlich pauschaler Urteile, die uns weismachen wollen, ein banales, rein säkular orientiertes und praktisch-atheistisches Leben verdränge die Welt der Religion und verweise Christen in die Enge kleiner Widerstandszirkel. So glaubenslos und kirchenfern sind die Menschen nicht - auch wenn so manche ihre Orientierung und religiöse Heimat leider nicht bei uns, sondern anderswo suchen. Außer Frage steht: Es gibt eine große Sehnsucht nach Hoffnung über den Tag hinaus; es gibt ein waches Gespür dafür, dass diese Sehnsucht nicht in immer mehr Konsum ihre Erfüllung findet und schon gar nicht in einem durch Drogen künstlich ausgelösten Glücksgefühl. So hat etwa der Religionsmonitor von Bertelsmann für Deutschland den klaren Nachweis erbracht, dass breite Bevölkerungskreise religiös ansprechbar sind, und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialer Prägung der Befragten. Doch zu unbestimmt ist das mit „Gott" Gemeinte, als dass es gleich möglich wäre, persönliche und gemeinsame Ziele, Erwartungen und Hoffnungen differenziert mit dem kirchlichen Glauben in Verbindung zu bringen. Eher erscheint für viele Zeitgenossen der Glaube als eine Kraft der kleinen und praktischen Lebens- und Selbstorganisation.

Und zugleich ist die religiöse Hoffnung auch gesellschaftlich lebendig. Sie belebt etwa die öffentlichen Riten des Umgangs mit Tod und Vergänglichkeit, wie nach großen Naturkatastrophen, verheerenden Unglücken oder auch menschlichen Tragödien sichtbar wird. Die Menschen versammeln sich nach einem Amoklauf zu einem Gottesdienst; sie suchen nach dem Absturz eines französischen Linienflugzeugs Trost in Notre Dame de Paris - und das im laizistischen Frankreich. Und die großen Gedenktage unseres eigenen Landes - ich erinnere etwa an die Feierlichkeiten zu sechzig Jahren Grundgesetz - werden von einem Gottesdienst begleitet, der, durchaus grundgesetzkonform, nicht nur die Zukunftshoffnung, sondern auch die Erinnerung und den Dank zum Ausdruck bringt.

Doch keine Frage: Es gibt heute auch für nicht wenige Menschen ein Leben und damit eine Hoffnung ohne Gott. Neben bewusster oder unbewusster Gleichgültigkeit treffen wir gegenwärtig auch auf Strömungen einer oft aggressiven Religionskritik. Sofern sich diese religionsphilosophisch geben, bestreiten sie zumeist die Möglichkeit eines intellektuell vertretbaren theistischen Denkansatzes. Sie werben für ein oft überraschend pantheistisches, naturalistisches, evolutionäres Weltbild. Viele Fragen der Metaphysik kommen wieder neu so auf, als ob sie durch die Jahrhunderte nie erörtert worden wären. Dass in der Wissenschaft im Zuge gewachsener Verwertungsinteressen die Naturwissenschaften an Bedeutung gewonnen haben und die früher besonders geschätzten Geisteswissenschaften in den Hintergrund treten ließen, ist für eine solche Religionskritik gewiss ein günstiger Nährboden. Sofern die neuen Religionskritiker das Christentum vornehmlich nur denunzieren und verspotten wollen, liegt ihre eigene Hoffnung ganz darin, dass sie es austreiben und so endlich die Grundlagen eines in ihrem Sinn wirklich menschenwürdigen und von religionsbestimmter Gewalt befreiten Lebens befördern können. Nicht etwa bestimmt hier die Hoffnung, dass die Kräfte des christlichen Glaubens - seine Kultur der Menschenliebe - noch stärker werden, das Denken. Im Gegenteil: Dahinter steht die Hoffnung, dass das Verschwinden der Religion und die Verdunstung des Glaubens den Weg ebnet - ja, wohin eigentlich? Etwa in eine egozentrische und hedonistische, ziemlich beziehungsgestörte Zukunft menschlichen Zusammenlebens? Es stimmt nachdenklich, dass die evolutionäre Ethik ganz und gar trostlos wirkt und auf mehr oder minder zynische Weise den „survival of the fittest" zum Programm erhebt, statt diesem Programm eine Barriere in den Weg zu stellen.

Diese Religionskritik ist ein wirkmächtiger Faktor des öffentlichen Lebens. Wir müssen uns auch politisch mit ihr befassen und ihrer Denunziation und Verspottung des Christentums selbstbewusst entgegentreten. Gefährlich ist für mich die unglaublich traurige Prägung dieses Denkens, das jede gehaltvolle Hoffnung, die über das menschlich Machbare hinausweist, ins Museum verbannen will. Auf diese Weise wird tatsächlich der Mensch des Menschen Wolf. Das soll und muss uns als gläubige Zeugen der Hoffnung bewegen und herausfordern, die unverbrauchte Zuversicht des Evangeliums in die Gesellschaft auszustrahlen. Die Kirche will ja den Weg der Hoffnung beschreiten, Hoffnung wecken und beflügeln und selbst eine Gemeinschaft, ja ein Ort der Stärkung sein für die Menschen, die hoffnungsarm geworden sind. Sie will Herbergen der Hoffnung schaffen, Kraftquellen des Gottvertrauens und dadurch Horizonte öffnen für ein Leben, das zu leben sich lohnt.

2.      Die großen Hoffnungsströme und das Rinnsal der kleinen Sehnsucht

Wir leben in einer Zeit voller Innovationen und Veränderungen. In der Politik haben der Fall des Eisernen Vorhangs und die Wiedervereinigung unseres Landes zu einer tektonischen Verschiebung der Kräfte geführt und vielfältige Modernisierungsschübe in den betroffenen Ländern ausgelöst. Wir sind dankbar für das Zusammenwachsen der europäischen Völker, für die Brücken, die über den einstigen Schützengräben entstanden sind. Wir sind dankbar, dass die Kirche im Osten Europas wieder ihre Freiheit erlangt hat und so neue Möglichkeiten pastoralen Handelns erschlossen wurden. Zugleich hat in den vergangenen Jahrzehnten die digitale Revolution weltweit wirtschaftliche Veränderungen und einen tiefgreifenden Umbau der Kommunikationswege ausgelöst. Die Menschen rücken weltweit näher zusammen, die Entwicklungen sind enger miteinander verbunden und vernetzt. Vieles verändert sich in dramatischem Tempo. All diese Veränderungen wecken ambivalente Gefühle. Sie stoßen ebenso auf Begeisterung wie auf Ablehnung; sie bergen neue Chancen und bringen auch Risiken mit sich. Doch enthalten sie auch wirklich eine tiefgreifende Verheißung? Gibt es ein gemeinsames Ziel, auf das Forschung, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft hinarbeiten? Eine Vision, die die Menschheit verbindet? Unsere Gesellschaft tut sich schwer damit. Sie hat den Pragmatismus als einen hohen Wert gewählt, der kurzatmig versucht, sich über Wasser zu halten, ohne eine große Vision zu haben.

In diesem Kontext wundert es nicht, wenn sich ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung und der Internationalisierung der Lebenshorizont vieler auf den sozialen Nahbereich verengt. Es gibt eine spürbare Sehnsucht nach Heimat und Glück in der Familie und im Freundeskreis, in der Nachbarschaft und im Stadtviertel. Die Kirche hebt zu Recht die Bedeutung beispielsweise der Familie als Ort der Geborgenheit und der menschlichen Bewährung hervor. Kritisch ist allerdings zu sehen, wenn mit der Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat die großen Wegziele aus dem Blickfeld verschwinden: Ideale wie die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, der Aufbau einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung oder die Bekämpfung von Hunger und Krankheit. Vielleicht sind die Zweifel vieler am guten Willen und an der Kompetenz der politischen und wirtschaftlichen Eliten Ausdruck einer gewissen Hoffnungsarmut. Wir haben in unserem Wahlaufruf selbst davon gesprochen.

Der Blick in die vergangenen Jahrhunderte zeigt, dass der Glaube an eine bessere und die Hoffnung auf eine menschlichere Zukunft wirkmächtige Faktoren der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung waren, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen und die unser Leben und Zusammenleben enorm erleichtern. Ich erinnere nur an die vielfältigen technischen Errungenschaften und medizinischen Entwicklungen. Kritische Beobachter wissen jedoch auch um die Ambivalenz der modernen Entwicklung. Papst Johannes Paul II. hat dies eindrucksvoll in seiner Enzyklika Sollicitudo Rei Socialis (1987)[4] analysiert. Unser Heiliger Vater hat sie ja durch seine Enzyklika Caritas in Veritate (2009)[5] neu zur Geltung gebracht und verlebendigt. Immer wieder hat Johannes Paul auch von der bemerkenswerten Dialektik gesprochen, dass die moderne, grundsätzlich richtige Hervorhebung des Menschen und seiner Würde dann aber letzten Endes doch eine Kultur der Überschätzung und Überforderung des Menschen, eine einseitige Leistungsorientierung und oft genug selbstverliebte und selbstfixierte Lebensentwürfe befördert hat und so zum Gegenteil der ursprünglichen Intentionen führte. Die Leistungsschwachen und Armen bleiben dann außen vor. Man verdrängt sie aus der Öffentlichkeit oder will sich ihrer gar entledigen.

Nicht zuletzt haben Nationalsozialismus und Kommunismus gezeigt, dass der wissenschaftliche und technische Fortschritt auch die totalitäre Barbarei ermöglicht hat, der Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die großen Versprechen einer freien und gerechten Gesellschaft stehen seither in Verdacht, den Menschen und seine Möglichkeiten radikal zu überfordern. Ist es deshalb nicht ein Zeichen von Realismus, wenn sich viele von den großen Hoffnungen und Erwartungen an die Politik und das Leben allgemein verabschieden? Wenn manche behaupten, wer hoffe sei nur schlecht informiert! Sollten wir gar dem Ratschlag Voltaires, des Aufklärers, Polemikers und Feindes jeder Form von Fanatismus, folgen und, statt die Welt zu verändern, damit zufrieden sein, „unseren Garten zu bestellen"?

Wer die Hoffnungen der modernen Welt genauer betrachtet, dem fällt auf: Trotz aller Unterschiede im Einzelnen ist ihnen gemeinsam, dass sie ein zweideutiges Verhältnis zur Hoffnung des christlichen Glaubens haben. Einerseits werden christliche Motive einer besseren, ja vollendeten Zukunft bis hinein in die Werbeindustrie aufgegriffen. Andererseits gerät der christliche Glaube immer wieder unter den Verdacht, den Menschen nicht trösten, sondern lediglich vertrösten zu wollen. Stattdessen müsse aus dem Potential dieser Welt mit eigener Kraft eine menschenwürdige Zukunft erstritten und erarbeitet werden. Die Hoffnung auf das Gottmögliche wird säkularisiert zur Hoffnung auf das Menschenmögliche - und damit läge die Gestaltung der Zukunft ausschließlich in Händen der Menschen.

Das Menschenmögliche zu tun, um unsere Gesellschaft, unseren Kontinent, unsere Welt gerechter, friedlicher und sicherer zu machen, ist unerlässlich und notwendig auf dem Weg in eine wertvolle und menschenfreundliche Zukunft. Wie viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, unterstützen Hilfsorganisationen und Hilfswerke, achten auf einen nachhaltigen Lebensstil und den Kauf von fair gehandelten Waren! Doch wer die Gestaltung der Zukunft auf das Menschenmögliche reduziert, der beraubt sich dessen, was nur Gott möglich ist. Wer dem Tod begegnet, wer hineingezogen wird in die Erfahrung des Leids und seiner Abgründe, wer die drückende Last von persönlicher Schuld aushalten muss oder auf andere Weise die Dunkelheit von Schicksalsschlägen und alltäglichem Unglück zu ertragen hat, der ist konfrontiert mit der Ohnmacht des Menschen und den Grenzen seiner eigenen Kräfte. Vielleicht bleiben ihm nur das Verstummen und die Sprachlosigkeit dessen, der Gottes Abwesenheit und Ferne für das letzte Wort hält, das über sein Leben gesagt werden kann. Wer aber seine Hoffnung zutiefst auf Gott zu setzen vermag, dem öffnen sich neue Horizonte, wer aus der Zuversicht des Glaubens und Gottvertrauens lebt, dem wachsen neue Kräfte zu, den trägt eine Hoffnung, die diese Welt nicht geben kann: die Verheißung, dass Gottes Möglichkeiten und seine Lebenskraft den Sieg davontragen. Er schaut auf eine versöhnte Zukunft, eine Vollendungsgestalt dieser Welt, die Gott selbst herbeiführen wird. Nicht ohne Grund erinnert der Apostel Paulus die Gläubigen in Kolossä eindringlich daran, wenn er sie ermutigt: „Lasst euch nicht abbringen von der Hoffnung, die euch das Evangelium schenkt" (vgl. Kol 1,23).

Wenn nämlich die Hoffnung sich nur noch auf das Menschenmögliche richtet und das Gottmögliche aus dem Blick verliert, dann verengt sich der Horizont des Lebens und Handelns. Das betrifft auch die sittlich-moralische Welt. Wenn es keine Hoffnung gibt auf eine Gerechtigkeit, die nicht erarbeitet werden muss, sondern gewährt wird - von Gott -, dann werden die moralischen Kräfte geringer und die Neigung nimmt ab, den Weg des sittlich Richtigen zu gehen. Wo am Ende nur die Eigenleistung zählt und keine Instanz mehr für Gerechtigkeit einsteht, da sind Gier und Egozentrik keine Sünde mehr. Sind nicht, frage ich mich, selbst die kühnen Forschungsziele in der Biomedizin, die modernen Behandlungswege am Ende des menschlichen Lebens, die so grassierende, vielleicht mutige, vielleicht verzweifelte Beendigung des eigenen, als sinnlos bewerteten Lebens Symbole einer kleinen und zu engen Hoffnung, die nicht mit Gottes Weite rechnet? Sind nicht heutige Formen der Absicherung und Versicherung gegen alle Gefahren und sogar der Aufbau neuer physischer Grenzen gegen Bedrohungen aller Art immer auch zugleich der Verzicht auf die Möglichkeiten Gottes?

Wenn die Hoffnung auf eine menschenwürdige Welt schwindet, breitet sich Apathie aus. „Wo Zukunftsvertrauen und Vitalität fehlen, prägen Ängstlichkeit und Abgrenzung, Fatalismus und Abkehr die vorherrschende Stimmung."[6] Dann sind vor allem die Gesunden, Wohlhabenden und gesellschaftlich Anerkannten versucht, Kriege, Hunger und Menschenrechtsverletzungen einfach auszublenden und den Blick vom leidenden Anderen abzuwenden. Dann werden nicht nur Unglück, Krankheit und Tod verdrängt, sondern auch die Unglücklichen, die Kranken und die Toten aus dem eigenen Lebensumfeld verbannt. Die Krise der Werte, die manche heute beklagen, ist genauer betrachtet Teil einer Krise der Hoffnung. Auf der zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa im Oktober 1999, kamen die Bischöfe zu der Überzeugung, dass die „größte Dringlichkeit, die im Osten wie im Westen den Kontinent durchzieht, in einem wachsenden Bedürfnis nach Hoffnung besteht, um dem Leben und der Geschichte einen Sinn geben und gemeinsam weitergehen zu können"[7]. Und auch das Motiv für eine sittliche Lebensführung droht heute schwächer zu werden. Vielleicht ist der schwindende Gottesglaube eine der Ursachen der Finanzmarktkrise, die bisher noch zu wenig bedacht wurde. Warum soll ich mich moralisch verhalten, wenn ich dadurch - in einer Welt ohne große Hoffnungen - offenkundig Nachteile habe? Steht nicht der Egoist oft besser da als der, der Solidarität übt? Ist der Ehrliche der Dumme? Schon in den Psalmen finden wir diese Erfahrung: „Wahrhaftig, so sind die Frevler: Immer im Glück, häufen sie Reichtum auf Reichtum. Also hielt ich umsonst mein Herz rein und wusch meine Hände in Unschuld" (Ps 73,12f). Erst recht kann die Erfahrung eigener Schuld das Vertrauen in das eigene Ethos erschüttern.

Woher also, so lohnt sich zu fragen, können Menschen die Kraft gewinnen, in Verhältnissen der Erniedrigung und Entwürdigung jeden Morgen aufs Neue für ein menschenwürdiges Leben einzutreten? Woher den Mut nehmen, für Gerechtigkeit einzutreten, ohne von sich aus die Gewissheit zu haben, dass der Widerstand gegen das Unrecht Erfolg haben wird? Dieser Mut und diese Kraft erwachsen aus der Hoffnung darauf, dass jemand am Ende die Gerechtigkeit und ein vollendetes Leben durchsetzen wird. „Die Frage der Gerechtigkeit", bemerkt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe Salvi, ist „das eigentliche, jedenfalls das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben" (Nr. 43). Der Hoffnungsweg der Kirche ist ein Weg zum Herrn, dem österlichen Sieger über den Tod und Urheber eines bleibenden Lebens. Der große unversiegbare Strom der Hoffnung fließt dort, wo auch das Gottmögliche erhofft wird. Christlicher Glaube bedeutet eben nicht nur „Yes, we can", sondern immer auch zugleich „Yes, He can". Er, Gott, wirkt und bewirkt. Christen wissen: Der Mensch kann von sich aus vieles und zweifelsohne Großes leisten und schaffen, aber nicht Ausreichendes.

Glauben heißt im christlichen Sinne: „Feststehen in dem, was man erhofft" (Hebr 11,1). Worauf aber hoffen wir? Eine Antwort gibt das Vaterunser, das uns Jesus selbst gelehrt hat und das wir täglich beten. Wir hoffen auf das Kommen des Reiches Gottes, auf die Wiederkunft des Herrn als Anbruch einer neuen Schöpfung in Vollendung. Wir hoffen, dass Gottes Name geheiligt wird, dass alle Menschen ihn erkennen und als den Herrn der Welt anerkennen. Wir hoffen, dass unsere Schuld vergeben wird und wir bereit zur Versöhnung sind. Diese Hoffnung prägt die ganze Geschichte und das Werden unseres Glaubens. Seine Wurzeln hat er im Glauben Israels. Wie sehr unsere Hoffnung in der Hoffnung Israels wurzelt, wird schon daran deutlich, dass der Autor der Geheimen Offenbarung die Hoffnung der Kirche in Bildern des Propheten Jesaja beschreibt (vgl. Offb 21; Jes 65f). Diese Hoffnung begründet ein besonderes Verhältnis der Kirche zum Judentum nicht nur der biblischen Zeit, sondern auch der Gegenwart. Sie ist Grundlage der christlich-jüdischen Begegnung, der wir Bischöfe in Deutschland aus geschichtlich-politischen wie auch religiösen Gründen eine große Bedeutung beimessen und die ohne die Hoffnung auf Gottes Nähe gerade unter den Bedingungen großer Schuldverstrickung kaum möglich wäre.

Der Weg der Hoffnung, den die Kirche beschreitet, ist kein Weg ohne Gefährdungen. Wie Christus selbst den Widerspruch vieler auf sich zog und sein Leben leidend am Kreuz aushauchen musste, so ist allen, die im Namen der Hoffnung auf Gott hingebungsvoll leben, immer auch zugemutet, die Erfahrung von Widerspruch, Unverständnis und Leiden zu machen - d. h. den Kreuzweg des Herrn mitzugehen. Wir wissen um die Ablehnung des Kreuzes in öffentlichen Gebäuden; wir haben die Diskussion und Abstimmung um den Religionsunterricht als ordentlichem Lehrfach in Berlin hautnah miterlebt; wir kennen den Vorwurf, dass die Kirche den Fortschritt in den Biowissenschaften blockiere, nur weil wir uns unmissverständlich auf die Seite des ungeborenen Lebens stellen. „In vielen öffentlichen Bereichen ist es einfacher, sich als Agnostiker denn als Gläubigen zu bezeichnen; man hat den Eindruck, dass sich Nichtglauben von selbst versteht, während Glauben einer Legitimation bedarf, die weder selbstverständlich ist, noch vorausgesetzt wird."[8] Wir kennen den Widerspruch und die Ablehnung. Und zugleich sind wir gewiss: Im Kreuz ist Hoffnung. Im Kreuz zeigt sich eine Hoffnung, die ihren Halt im Weg des Herrn selbst hat, der am Ostertag siegreich auferstand, der heimkehren durfte zum Vater und somit wirklich Garant göttlicher Zukunft und Grund unserer großen Hoffnung wurde. Der christliche Glaube ist keineswegs eine Anleitung bloß zum Glücklichsein. Das unterscheidet ihn von den vielfältigen spirituellen Angeboten einer Wellness-Religiösität. Die Botschaft vom Kreuz will uns davor bewahren, das Gottmögliche mit dem Menschenmöglichen zu verwechseln, will uns davor bewahren, uns selbst als absoluten Mittelpunkt allen Seins zu betrachten und zu vergessen, dass nicht der Mensch Gott erschafft, sondern Gott den Menschen erschafft.[9] Und gleichzeitig macht uns das Kreuz Mut und gibt uns Kraft, voll Hoffnung gegen alle Hoffnung zu glauben. Man kann sogar sagen: Wer um der Gerechtigkeit willen Nachteile erduldet oder gar verfolgt wird, legt gerade in seinem Leiden Zeugnis von der Hoffnung ab. Das wird besonders deutlich an Menschen, die ihr Leben für andere gegeben haben. Als Maximilian Kolbe für einen anderen Häftling in den Hungerblock ging, hat er den Nazi-Schergen den Anspruch, Herren über Leben und Tod zu sein, streitig gemacht. Er hat bestritten, dass sie das letzte Wort haben. In seiner Hingabe hat er so Zeugnis von der Hoffnung abgelegt, dass das letzte Wort über diese Welt allein Gott sprechen wird. Das Kreuz ist ein Symbol der Hoffnung. Die lebensverändernde Kraft unserer Hoffnung aber soll und muss im Handeln der Kirche wirksam werden. Darauf will ich nun abschließend näher eingehen.

3.      Herbergen des Lebens: die Kirche als innerweltliche Zeugin der Hoffnung auf Gottes Vollendung

Unsere christliche Hoffnung, liebe Mitbrüder, ist Gnade und Verantwortung, Geschenk und Auftrag. Der christliche Glaube hält auch für die Menschen unserer Tage einen großen, unerschöpflichen Hoffnungsreichtum bereit. Würde es nicht zu gewaltsam klingen, so könnte man sagen, dass die Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, eine große Hoffnungsoffensive starten muss, die das Herz und den Blick der Menschen wieder weit macht. Liegen nicht in so manchen Trends, die wir in den Blick genommen haben, in der Suche nach Hoffnung über den Tag hinaus, nach Heimat und Orientierung reichhaltige Anknüpfungspunkte und eine großartige Chance? Die Chance, diese "Sehnsuchtsfelder der Menschen" zu "Ahnungsfeldern des Heils" werden zu lassen? Denn Menschen mit Sehnsucht im Herzen sind Menschen, die suchen, sie sind auf einem Weg. Sie sind offen für Antworten, die weiterführen.

Die Kirche geht den Weg gelebter Hoffnung und lädt ein, diesen Weg der Hoffnung mitzugehen: einer Hoffnung, die nicht beschränkt ist von den Möglichkeiten dieser Welt, sondern ihr Maß in den Möglichkeiten Gottes hat. Das ist entscheidend und unterscheidet unsere Hoffnung von den zu kleinen und bisweilen anspruchslosen Formen der Hoffnung, zu denen alle innerweltliche Hoffnung schrumpft. Deshalb ist christliche Hoffnung immer auch eine leidenschaftliche Kritik an Verheißungen, die zu kurz greifen.

In der Heiligen Schrift richtet sich die Hoffnung im Letzten auf eine Vollendung, die Gott selbst jenseits dieser Welt schafft: die Hoffnung auf Gottes Reich. Es gibt viele Bilder und eine reich entfaltete Sprache der Hoffnung in der Bibel. So heißt es im Philipperbrief: „Unsere Heimat aber ist im Himmel" (Phil 3,20). In diesem Wort „Heimat" schwingen einerseits viele Motive der Heiligen Schrift mit. Israel floh aus der Fremde in das verheißene Land. In der Fremde Babylons bewegt die Exilierten eine tiefe Sehnsucht nach der Heimat. Schließlich bedient sich die Verkündigung des Herrn immer wieder der Vorstellung von einer Geborgenheit und Beheimatung bei Gott. Der Pilgerweg zum Himmel als Heimat aber führt an Herbergen vorbei, die im Diesseits vom Jenseits zeugen. Es braucht heute mehr denn je solche Herbergen der Hoffnung. Sie machen exemplarisch deutlich, wie unsere Hoffnung im Dienst der Kirche von heute Gestalt annehmen kann. Sie zeigen, wie wir an der Verheißung Gottes festhalten - auch dann, wenn wir nicht gleich einen Erfolg sehen. Unsere Aufgabe ist nicht die Ernte. Wir leben als Christen in dieser Welt, um die Samenkörner der Hoffnung auszustreuen. Wir dürfen darauf vertrauen, was der tiefsinnige Titel eines Büchleins von Ida Friederike Görres zum Ausdruck bringt: Auch „Im Winter wächst das Brot" - oft verborgen unter der Schneedecke. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns Wege weist, der Hoffnung, die er uns schenkt, Gestalt zu geben und die Kirche als einladende und wohnliche Herberge der Hoffnung erfahrbar zu machen.

Dabei gewinnt gerade die missionarische Dimension neu an Bedeutung. Unsere Mitbrüder aus den neuen Bundesländern wissen mehr noch als wir im Westen, was es heißt, dass die Taufe von Kleinkindern heute nicht selbstverständlich der Beginn eines sich nach und nach entfaltenden kontinuierlichen Glaubensweges ist. Die Zahl der Ungetauften nimmt zu. Neben der Neuevangelisierung ist immer mehr auch eine Erstevangelisierung gefordert. An vielen Stellen nehme ich in dieser Hinsicht Aufbrüche wahr, sehe ich, wo sich das zarte Pflänzchen Hoffnung Bahn bricht. Es macht Mut, wenn Menschen sich ganz bewusst für Christus entscheiden, den Glauben neu entdecken oder sich als Erwachsene taufen lassen. Jeder Neugetaufte ist nicht zuerst eine Zahl in der Mitgliederstatistik, sondern ein Hoffnungszeichen und Grund zu Freude und Dankbarkeit. Lassen wir nicht nach im „Dienst der Einführung, Vertiefung und Vergewisserung im Glauben"[10]! Ich denke auch an Schutzräume des Lebens in Gestalt von Einrichtungen der Betreuung von Kindern und jungen Menschen, von Schulen und Bildungszentren, von Orten der Bleibe für Menschen mit Behinderung und erschwerten Lebensbedingungen, von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Hospizen. Wir wissen alle sehr wohl, wie sehr in diesen Schutzräumen des Lebens alles darauf ankommt, dass sie beseelt sind von einer Hoffnung, die nicht zuerst an ökonomischen Überlegungen Maß nimmt, sondern im anderen den Menschen, den Mitmenschen, den Bruder und die Schwester im Glauben, sieht. Wir deutschen Bischöfe werden in diesen Tagen davon in einem Text „Berufen zu caritas" sprechen, den wir hier in Fulda beraten. Eines ist schon jetzt klar: Ein Ort der Hoffnung entsteht dort, wo Menschen hingebungsvoll wirken; wo sie sich liebevoll wie Jesus einsetzen und auf diese Weise anderen eine Herberge schaffen, die eine lebendige Verheißung von Leben in sich trägt. Überhaupt gleichen solche Orte und Erfahrungen einer Herberge, an denen Menschen sich selbst und etwas von sich einsetzen und hergeben - und es so dem Herrn gleichtun. Ich erinnere an all die unzähligen ehrenamtlich Tätigen in der Kirche - in unseren Gemeinden und Verbänden -, die ein großes Netzwerk gastlicher, helfender, unterstützender Kräfte bilden, die Hoffnung auf Zukunft bezeugen und bewirken. Hat nicht gerade die 72-Stunden-Aktion unsere Jugend in einer Reihe von Bistümern gezeigt, wie engagiert und motiviert junge Menschen sich einbringen. Welche Leuchtfeuer der Hoffnung werden tagtäglich in unseren Gemeinden und Verbänden gezündet, die wir neu entdecken und wertschätzen dürfen! Christliche Hoffnung gewinnt immer auch dergestalt eine wirksame Präsenz, dass Menschen sich wehren gegen die Kräfte des Todes, gegen die Missachtung von Menschenrechten, gegen Freiheitsberaubung und Erniedrigung. Christen leben einen prophetischen Nonkonformismus. Ihre Hoffnung macht sie dagegen gefeit, sich dem jeweiligen Zeitalter anzupassen, und so entwickeln sie nicht selten eine hohe politische Brisanz. Ich habe während meiner Reise nach Nigeria aufs Neue erlebt, wie gerade kirchliche Aktivitäten und Projekte Menschen Mut machen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, die Familie, das Dorf, die politische Gemeinschaft neu zu ordnen und nicht zu versinken in Lethargie und Hoffnungslosigkeit. Kinder, junge Leute, Familien, alte Menschen erfahren Wertschätzung und Achtung. Gewiss, man soll und darf das Tun der Kirche nicht überfordern oder idealisieren. Vieles kann weiter verbessert werden. Doch weiß ich, dass jede noch so kleine Überwindung der Macht der Sünde und des Todes ein Zeichen der Erfüllung jener Lebensverheißung ist, die Gott den Menschen gegeben hat. Ich bin dankbar, dass wir in dieser Vollversammlung ausführlich über unsere weltkirchliche Arbeit sprechen können, die ja ganz nachdrücklich auch die Hilfe dazu einschließt, dass die Kräfte der Hoffnungslosigkeit, der Ungerechtigkeit und Marginalisierung überwunden werden. Hier zeigt sich die Hoffnung auf ein universales Heil, das keinen ausschließt: Es ist die große Verheißung, die Christus selbst gebracht und begründet hat; eine Verheißung, die über alle menschlichen Möglichkeiten hinausreicht. Eine bedeutende und wichtige Aufgabe sehe ich im Bereich der Hochschulen. Eine „Theologie der Hoffnung" will auch intellektuell durchdacht und argumentativ vermittelt sein. Sie bringt sich in den interdisziplinären Diskurs ein und gibt Impulse, Wissenschaft und Forschung im Licht der christlichen Werte zu beleuchten. Darum bin ich dankbar für die Präsenz unserer Theologischen Fakultäten an unseren Universitäten. Nicht zuletzt hilft eine gesprächsbereite und offensive Hochschulpastoral, den Horizont über diese Welt hinaus aufzureißen und die größeren Perspektiven, die uns unsere christliche Hoffnung schenkt, in den Blick zu nehmen und im Blick zu behalten. Das Evangelium der Hoffnung muss gefeiert werden. Die Kirche, die die Botschaft der Hoffnung empfängt, ist eine Gemeinschaft, die betet, die auf das Wort Gottes hört und sich um seinen Tisch versammelt. Daher sind unsere Kirchen, Klöster und alle Räume, in denen Gottesdienst und Liturgie gefeiert werden, Herbergen der Hoffnung der ganz besonderen Art. Welche Freude und Erfüllung verheißen das Gebet und die Feier der Sakramente! Sie nehmen uns hinein in den Vollzug der Hoffnung. Wer sein Leben geistlich zu ordnen sich bemüht, wer in einer geistlichen Gemeinschaft mit anderen sich hingebungsvoll Gott öffnet, der spürt die Präsenz des Heiligen inmitten dieser Welt. Ihm sind wie in einer Herberge Verweilen und Bleiben möglich - ohne Aktivismus und ohne fragwürdige innere Unruhe. Ich hoffe, dass auch dieses „Jahr des Priesters" dazu beiträgt, in vielen die Freude an dieser besonderen Berufung zu vermehren - einem Lebensentwurf, der deutlich im Dienst der aktiven und kontemplativen Bezeugung von Hoffnung steht. Vielleicht ist das Bild von der Herberge auch gut dazu geeignet, uns an den Schutz denken zu lassen, unter den wir manche geografischen Räume unserer Erde, manche Ressourcen und manche Lebewesen stellen müssen, um so gut wie möglich eine zukunftsfähige Welt zu bewahren. Die Unterstützung und Förderung des fairen Welthandels kann zum Zeichen dafür werden. Auch darin liegt ein Hoffnungszeugnis: Hoffnung auf gerechte Löhne und menschenwürdige Arbeit, Hoffnung für die Zukunft der Schöpfung, die nicht dem Raubbau und der Zerstörung anheimfallen darf, sondern nach Gottes Willen Bewahrung findet. Ausdrücklich darf ich abschließend auf die Perspektiven der „communio sanctorum", der Gemeinschaft mit den Verstorbenen, und der Möglichkeit einer „ecclesia universalis", einer universalen Teilhabe aller an einer vollendeten Jenseitswelt, verweisen. Eine Herberge besonderer Art, die die Kirche schafft, ist die Erinnerung an die Verstorbenen. Es macht nachdenklich und besorgt, dass die Hoffnung über den Tod hinaus in unserer Gesellschaft schwächer geworden und dass vielen nur noch der Augenblick etwas wert ist. Die Kirche setzt dem das Gebetsgedächtnis der Lebenden für die Verstorbenen entgegen, in persönlicher und in gottesdienstlicher Fürbitte. So wird sie zur Gedächtnis-Herberge auch für die Verstorbenen, die ihren Namen behalten und von der Hoffnung der Kirche umfangen sind. Die Hoffnung unseres Lebens über den Tod hinaus prägt den Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden. Sie lässt im Totengedächtnis, in der gottesdienstlichen Feier und in einer würdevollen Bestattung die Hoffnung auf ein vollendetes, versöhntes und bewahrtes Leben in Gott sichtbar werden.

Ich habe das Bild von der Herberge des Lebens im Kontext der großen Hoffnung des christlichen Glaubens mit Bedacht gewählt. Zum einen greift es die ganze gefühlsmäßige und reiche Welt der Hoffnungen auf, die unsere Welt bestimmen. Hoffen wollen alle Menschen, aber viele kennen nur die zu kleine Hoffnung auf das Wirken der eigenen Kräfte und das kleine, eigene Glück. Die Herbergen, die die Kirche baut, atmen den weiten und freien Geist einer Hoffnung des Glaubens - und sie leben davon, dass Menschen so handeln, wie Jesus Christus es uns vorgelebt hat, in der Sorge um andere statt in der Konzentration auf die eigene Person. Abgehobene Utopisten sind wir Christen gerade deshalb nicht, weil wir Orte kennen und schaffen, die gleichsam eine Herberge sind auf dem Weg in Gottes Zukunft als unserer bleibenden Heimat. Zum anderen möchte ich im Bild der Herberge eine gewisse Bescheidung hervorheben, zu der die Kirche in unserem Land finden muss. Die Kirche ist zu allen Menschen gesandt, aber ihr ist nicht überall numerisches Wachstum verheißen; sie soll Sammlungsbewegung sein und realsymbolischer Ort der Zukunft, die allen Menschen angeboten ist: einer Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, im Sohn durch den Geist. Natürlich ist es nicht egal, wie sich die kirchliche Mitgliederstatistik entwickelt und welche kirchlichen Institutionen künftig möglich und welche materielle Ausstattung gegeben sein werden. Aber entscheidend ist anderes: Wir müssen unsere Identität bewahren und im Zeugnis unserer Hoffnung bekennen. Das ist eine qualitative, keine quantitative Herausforderung. Gehen wir voll Hoffnung voran. Ein weites Feld liegt vor uns.

Ich möchte es nochmals zugespitzt so ausdrücken: Wir brauchen das Zeugnis der Zeugen, in deren Leben die Botschaft der Hoffnung erkennbar wird. Die Weise, wie sie ihr Leben gestalten, gleicht der Tür einer Herberge, die einladend allen Menschen offen steht. Am Wegrand der Lebenswege Herbergen bereitwillig zu öffnen, ist für die Kirche die entscheidende Herausforderung. Unter das Wort Gottes gestellt: „Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin" (Lev 11,45), sollen wir Gott vertrauen und nicht ängstlich um uns selbst besorgt sein. Die Hoffnung auf ein Leben, das von Gott umfangen ist und in ihm sein Ziel findet, lässt die Kirche zur Herberge der Hoffnung werden. Dabei muss man nicht im umfassenden Sinn alle Lebensbereiche abdecken. Die Kirche „ist mehr ein Halt auf dem Weg ... eine Unterkunft auf einer Reise, die sich auf das Wesentliche beschränkt"[11].

Das Christentum ist eine Religion starker Hoffnung: des Wirkens Gottes, dessen Kraft über unsere Kraft hinausreicht; der im Geheimnis des hingebungsvollen Lebens und Sterbens Jesu und seiner österlichen Bewahrung im Tod seinen Willen erwiesen hat, aller Welt sich selbst als künftige Heimat zu schenken. In unseren Bistümern soll und muss der entschiedene Wille leben, den Menschen den Grund und die Perspektive wirklicher, wahrer Hoffnung zu künden und zu vermitteln. In einer Zeit, in der das moderne Prinzip Hoffnung kraftlos geworden zu sein scheint und eher Resignation sich breit macht, ist es eine besonders drängende Aufgabe der Kirche, Rechenschaft vom Grund der Hoffnung zu geben, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Deshalb ist das Leitwort des Ökumenischen Kirchentags im kommenden Jahr besonders gut gewählt: „Damit ihr Hoffnung habt" (1 Petr 1,21). Wir wollen die schwache Hoffnung stärken, indem wir die Hoffnung auf das Menschenmögliche um die Hoffnung auf das Gottmögliche erweitern. Wir können uns dabei am Apostel Paulus orientieren. Im Brief an die Römer schreibt er über Abraham: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde" (Röm 4,18). Gegen alle Hoffnung auf das Menschenmögliche hat Abraham voll Hoffnung an das Gottmögliche geglaubt. Die Hoffnung auf das Gottmögliche erweitert den Horizont unseres Lebens, eröffnet uns neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Gehen wir als Bischöfe zuversichtlich und voll Gottvertrauen voran auf dem Weg gelebter Hoffnung!

[1] Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, Offizielle Gesamtausgabe I, Freiburg 1976, 101 (= Beschluss „Unsere Hoffnung").

[2] Ebd.

[3] Enzyklika Spe salvi, Bonn 2007 (= Nr. 179 der vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hg. Schriftenreihe „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls").

[4] Enzyklika Sollicitudo Rei socialis, Bonn 1988 (= Nr. 82 der vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hg. Schriftenreihe „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls").

[5] Enzyklika Caritas in Veritate, Bonn 2009 (= Nr. 186 der vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hg. Schriftenreihe „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls").

[6] Udo di Fabio, Die Kultur der Freiheit, Freiburg 2005, 8.

[7] Johannes Paul II.: Nachsynodales Schreiben ‚Ecclesia in Europa‘. Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt - Quelle der Hoffnung für Europa, Bonn 2003 (= Nr. 161 der vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hg. Schriftenreihe „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls"), 10.

[8] Ebd., 14.

[9] Vgl. ebd., 15.

[10] Katechese in veränderter Zeit, Bonn 2004 (= Nr. 75 der vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hg. Schriftenreihe „Die deutschen Bischöfe"), 40.

[11] Herbert Schlögel, Kirche - Moral - Spiritualität, Münster 2001, 86.