Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Felix Herngrens Verfilmung vom Roman des schwedischen Autors Jonas Jonasson erreicht nicht dessen Erzähldichte, überzeugt jedoch mit einem fabelhaften Hauptdarsteller und einem durchgängigen schwarzen Humor

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 317 klicks

Jonas Jonassons Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ („Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann“, 2010) ist inzwischen in 35 Ländern mehr als sechs Millionen Mal über den Ladentisch gegangen. Allein in Deutschland wurden zwei Millionen Exemplare verkauft. Der schwedische Regisseur Felix Herngren hat Jonassons Roman nach einem zusammen mit Hans Ingemansson selbst verfassten Drehbuch für die große Leinwand adaptiert. In Schweden ist Herngrens Verfilmung zu einem großen Erfolg avanciert: In den ersten zwei Wochen sahen ihn mehr als 760 000 Kinobesucher (von 9,5 Millionen Einwohnern). Mittlerweile hat der Film im Heimatland mehr als 22 Millionen Dollar eingenommen.

Film wie Roman beginnen mit den Vorbereitungen auf die Geburtstagsfeier für Allan Karlsson (Robert Gustafsson) in einem Altersheim. Die Pfleger haben die Geburtstagstorte gebacken, der obligate Vertreter der Honoratioren hat sich auch eingefunden. Nur Allan Karlsson ist nicht aufzutreiben, denn er ist aus dem Fenster gestiegen und hat das Weite gesucht. Im Bahnhof gerät er zufällig an einen ziemlich schweren Koffer, mit dem er einfach in einen Bus einsteigt. Als er irgendwo im Nirgendwo der schwedischen Landschaft mit dem Gelegenheitsdieb Julius Jonsson (Iwar Wirklander) auf die neue Freundschaft mit reichlichem Alkohol anstößt, entdecken die beiden Betagten im Koffer 50 Millionen Kronen. Hinter dem Geld ist eine zum Glück für die beiden ziemlich dilettantische Rockerbande her – übrigens ist die Polizei nicht fähiger als die Gangster. Im weiteren Verlauf lernen Allan und Julius den ewigen Studenten Benny (David Wiberg) und die resolute Gunilla (Mia Skäringer) kennen, die stolze Besitzerin der Elefantendame Sonja.

Diese Rahmenhandlung, die als eine Art Schelmenroman erzählt wird, wird immer wieder von Rückblenden unterbrochen. Denn Allan Karlsson erlebte das 20. Jahrhundert aus nächster Nähe. Ähnlich Forrest Gump aus dem gleichnamigen Film von Robert Zemeckis (1994) befand sich Allan immer zufällig in der Nähe der Mächtigen: Im spanischen Bürgerkrieg trifft er auf Franco, dann lernt er den Atomphysiker Robert Oppenheimer, Albert Einsteins Bruder Herbert, die Präsidenten Harry S. Truman und Ronald Reagan sowie Josef Stalin und Gorbatschow kennen. Zwischendurch arbeitet er im Kalten Krieg auch noch als Doppelagent. Durch diese Hauptereignisse der Weltgeschichte bewegt er sich eher unmotiviert, ohne jegliches Interesse für Politik. Seine einzige Triebfeder bleibt ein Leben lang die unbändige Lust, alles Mögliche in die Luft zu sprengen. Im Übrigen wirbt der Roman selbst mit der Ähnlichkeit zu „Forrest Gump“. Auch die berühmte Maxime von Forrests Mutter „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie was man kriegt“ wird in „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ umgewandelt: „Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt“.

Um den mehr als 400 Seiten starken Roman auf Spielfilmlänge zu kürzen, ließen die Drehbuchautoren Felix Herngren und Hans Ingemansson einige Passagen aus Allans Leben weg. Das mag für den einzelnen Zuschauer bedauerlich sein, der die eine oder andere Episode aus dem Roman vermisst. Für die Dramaturgie des Filmes bedeutet dies, dass die Rahmenhandlung ein größeres Gewicht erhält, zumal die Rückblenden manchmal auch recht kurz ausfallen oder in Form von schnellgeschnittenen Sequenzen eingesetzt werden. Dies fördert zwar die Geschlossenheit der Erzählung. Das Besondere an Jonas Jonassons Roman, eine augenzwinkernde, recht eigentümliche und außerdem immer wieder satirische Sicht der Geschichte, bleibt jedoch dabei etwas auf der Strecke. Darüber hinaus nimmt sich die Rahmenhandlung, also die kriminalistische Geschichte um einen Koffer voller Geld, ziemlich austauschbar aus. Deren Inszenierung steht in der Tradition einer bestimmten Richtung im skandinavischen Kino, die an skurrilen Figuren und lakonischen Geschichten reich ist – so etwa in den Filmen des dänischen Regisseurs Anders Thomas Jensen „Flickering Lights“ (2000), „Dänische Delikatessen“ (2003) und „Adams Äpfel“ (2005) oder in „Elling“ (2001) des Norwegers Petter Naess. Die Musik von Matti Bye unterstreicht den schelmenhaften Charakter der Handlung.

Obwohl die Handlung sowohl in den Rückblenden als auch im in der Gegenwart spielenden Erzählstrang etwas repetitiv wirkt, überzeugt der lakonische, schwarze Humor, der sich durch den ganzen Film zieht. Der große Pluspunkt von Felix Herngren Adaption des Romans ist allerdings Robert Gustafsson, der dank einer bemerkenswerten Leistung der Make-up-Spezialisten Eva von Bahr und Love Larson den Protagonisten Allan Karlsson sowohl als jungen Mann in den Rückblenden denn auch als Hundertjährigen in der Haupthandlungsstrang glaubwürdig darstellt. Insbesondere sein schelmisches Lächeln vermittelt im Film einen Hauptcharakterzug der Romanfigur, die sich mit grandioser Gleichgültigkeit durch die wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts durchmogelte. Dass gegen einen im Umgang mit den größten Machthabern erfahrenen Hundertjährigen eine Möchtegern-Gangsterbande nichts ausrichten kann, versteht sich von selbst.

Zwar erreicht die Filmfassung insgesamt nicht die Erzähldichte des Romans. Felix Herngrens „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ kann jedoch mit einem fabelhaften Hauptdarsteller und einem durchgängigen schwarzen Humor überzeugen.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne 
Regie: Felix Herngren
Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, Mia Skäringer, David Wiberg, Jens Hultén, Alan Ford
Land, Jahr: Schweden 2013
Laufzeit: 114 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --

im Kino: 3/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.