Der Januar

von Erich Kästner (1899-1974)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 256 klicks

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren.
Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

***

Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren. Seine Ausbildung zum Volksschullehrer brach Kästner 1913 ab. 1917 wurde er zum Wehrdienst eingezogen. Die Kriegserfahrungen bestärkten nur seine pazifistische Haltung. Nach Kriegsende legte er das Abitur ab und begann ein Studium der Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaften, das er 1925 mit einer Promotion abschloss. Kästner war als Journalist und Theaterkritiker tätig und zählte zum intellektuellen Kreis in Berlin. 1929 erschien „Emil und die Detektive“, sein erstes Kinderbuch, das bis heute in 59 Sprachen übersetzt wurde. Weitere berühmte Kinderbücher wie „Pünktchen und Anton“ (1931) oder „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) folgten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte Kästner nicht, obgleich er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und von der Gestapo überwacht wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog Kästner nach München, wo er als Journalist, für das Kabarett und den Hörfunk arbeitete. In den folgenden Jahren gab er vor allem Kinderbücher heraus.

Erich Kästner starb am 29. Juli 1974 in München.