Der „Jünger der Heiligen Schrift“: Papst Benedikt XVI. über Aphrahat den Weisen

„Für Aphrahat besteht der Mittelpunkt des christlichen Leben in der Nachahmung Christi“

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ROM, 21. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz gehalten hat.



Der Heilige Vater setzte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort und widmete sich zum ersten Mal dem syrischen Christentum, indem er auf Gestalt und Werk des heiligen Aphrahat des „Weisen“ (* vermutlich zwischen 260 und 275; † kurz nach 345) zu sprechen kam, „einer der wichtigsten und gleichzeitig rätselhaftesten Persönlichkeiten“ dieser Tradition.

In seinen 23 uns erhaltenen Reden, die als „Demonstrationes – Darlegungen“ in die Geschichte eingegangen sind, entfaltet der Heilige die verschiedenen Dimensionen des kirchlichen Glaubens. „Getreu der syrischen Tradition stellt er oft das von Christus gewirkte Heil als eine Heilung dar und folglich Christus selbst als den Arzt. Die Sünde hingegen wird als eine Wunde gesehen, die nur die Buße zu heilen vermag.“

Sich selbst habe Aphrahat als „Jünger der Heiligen Schrift“ bezeichnet, die er nach Worten Benedikts XVI. „als seine einzige Quelle der Inspiration betrachtet und auf die er deshalb in so reicher Weise zurückgreift, dass sie zum Mittelpunkt seiner Betrachtung wird“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Bei unserer Wanderung durch die Welt der Kirchenväter möchte ich euch heute in einen wenig bekannten Teil dieses Universums des Glaubens führen, das heißt in jene Gebiete, in denen die Kirchen semitischer Sprache entstanden sind, die noch nicht den Einfluss des griechischen Denkens erfahren haben. Diese Kirchen entwickelten sich während des vierten Jahrhunderts im Nahen Osten, vom Heiligen Land bis hin zum Libanon und nach Mesopotamien. In diesem Jahrhundert, das auf kirchlicher und literarischer Ebene eine Zeit des Aufbaus ist, erleben diese Gemeinden die Festigung des asketisch-mönchischen Phänomens mit autochthonen Charakteristiken, die nicht dem Einfluss des ägyptischen Mönchstums ausgesetzt sind. Die syrischen Gemeinden des vierten Jahrhunderts repräsentieren also die semitische Welt, aus der die Bibel selbst hervorgegangen ist, und sind Ausdruck eines Christentums, dessen theologische Bildung noch nicht mit anderen kulturellen Strömungen in Berührung gekommen ist, sondern in eigenen Denkgestalten lebt. Es sind dies Kirchen, in denen das Asketentum unter verschiedenen Gestalten der Einsiedlerei (Eremiten in der Wüste, Eremiten in den Grotten, Reklusen, Styliten) und das Mönchtum in der Form des Gemeinschaftslebens bei der Entwicklung des theologischen und geistlichen Denkens eine fundamentale Rolle spielen.

Ich möchte diese Welt durch die große Gestalt des Aphrahat vorstellen, der auch unter dem Beinamen „der Weise“ bekannt ist, eine der wichtigsten und gleichzeitig rätselhaftesten Persönlichkeiten des syrischen Christentums des vierten Jahrhunderts. Er stammte aus der Gegend von Ninive-Mossul im heutigen Irak, und lebte in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts. Über sein Leben besitzen wir wenige Nachrichten. Er unterhielt jedenfalls enge Beziehungen mit dem asketisch-mönchischen Umfeld der syrischen Kirche, von dem er uns in seinem Werk Nachricht hinterlassen hat und dem er einen Teil seiner Überlegungen widmet. Nach einigen Quellen stand er sogar an der Spitze eines Klosters und wurde schließlich auch zum Bischof geweiht. Er schrieb 23 Reden, die unter dem Namen „Demonstrationes – Darlegungen“ bekannt sind, in denen er verschiedene Themen christlichen Lebens wie den Glauben, die Liebe, das Fasten, die Demut, das Gebet, das Asketenleben selbst und auch die Beziehung zwischen Judentum und Christentum, zwischen Altem und Neuem Testament behandelt. Er schreibt in einem einfachen Stil mit kurzen Sätzen und Parallelismen, die manchmal zueinander in Gegensatz stehen; dennoch gelingt es ihm, eine stimmige Rede mit einer gut gegliederten Entfaltung der verschiedenen behandelten Themen aufzubauen.

Aphrahat entstammte einer kirchlichen Gemeinschaft, die sich an der Grenze zwischen dem Judentum und dem Christentum befand. Es war eine Gemeinde, die sehr stark an die Mutterkirche von Jerusalem gebunden war, und ihre Bischöfe wurden traditionell aus den so genannten „Familienangehörigen“ des Jakobus gewählt, des „Bruders des Herrn“ (vgl. Mk 6,3): Es handelte sich also um Menschen, die in Blut und Glaube mit der Kirche von Jerusalem verbunden waren. Aphrahats Sprache ist das Syrische, also eine semitische Sprache wie das Hebräische des Alten Testaments und wie das Aramäische, das von Jesus selbst gesprochen wurde. Die kirchliche Gemeinde, in der Aphrahat lebte, war eine Gemeinde, die versuchte, der jüdisch-christlichen Tradition treu zu bleiben, als deren Tochter sie sich fühlte. Sie hielt deshalb eine enge Beziehung mit der jüdischen Welt und deren Heiligen Schriften aufrecht. Bezeichnenderweise definiert sich Aphrahat als „Jünger der Heiligen Schrift“ des Alten und des Neuen Testaments (Demonstratio 22, 26), die er als seine einzige Quelle der Inspiration betrachtet und auf die er deshalb in so reicher Weise zurückgreift, dass sie zum Mittelpunkt seiner Betrachtung wird.

Aphrahat entfaltet in seinen Demonstrationes verschiedene Themen. Getreu der syrischen Tradition stellt er oft das von Christus gewirkte Heil als eine Heilung dar und folglich Christus selbst als den Arzt. Die Sünde hingegen wird als eine Wunde gesehen, die nur die Buße zu heilen vermag. „Ein Mann, der im Kampf verwundet wurde“, so sagt Aphrahat, „schämt sich nicht, sich in die Hände eines weisen Arztes zu begeben… Auf dieselbe Weise darf sich der, der von Satan verwundet wurde, nicht schämen, seine Schuld anzuerkennen und von ihr Abstand zu nehmen, indem er nach dem Medikament der Buße bittet“ (Demonstratio 7,3).

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Werk des Aphrahat ist seine Lehre über das Gebet und in besonderer Weise über Christus als Meister des Gebets. Der Christ betet, indem er der Lehre Jesu und dessen Vorbild als Betender folgt: „Unser Heiland hat uns so zu beten gelehrt und sagt: ‚Bete im Verborgenen zu dem, der Verborgen ist, aber alles sieht‘; und weiter: ‚Du aber geh in deine Kammer, und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, und der Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten‘ (Mt 6,6)… Was unser Heiland zeigen will, ist: Gott kennt die Wünsche und Gedanken des Herzens“ (Demonstratio 4,10).

Für Aphrahat besteht der Mittelpunkt des christlichen Leben in der Nachahmung Christi: sein Joch auf sich zu nehmen und ihm auf dem Weg des Evangeliums zu folgen. Eine der Tugenden, die dem Jünger Christi am meisten geziemt, ist die Demut. Sie ist kein zweitrangiger Aspekt des geistlichen Lebens des Christen: Die Natur des Menschen ist niedrig, und es ist Gott, der sie zu seiner Herrlichkeit erhebt. Die Demut ist kein negativer Wert, merkt Aphrahat an: „Wenn die Wurzel des Menschen in die Erde gepflanzt ist, so steigen seine Früchte vor dem Herrn der Größe auf“ (Demonstratio 9,14).Wenn er auch in der irdischen Wirklichkeit, in der er lebt, demütig bleibt, kann der Christ in eine Beziehung zu Gott eintreten: „Der Niedrige ist niedrig, aber sein Herz erhebt sich zu herausragenden Höhen. Die Augen seines Antlitzes beobachten die Erde, und die Augen des Geistes die herausragende Höhe“ (Demonstratio 9,2).

Die Sichtweise Aphrahats über den Menschen und seine leibliche Wirklichkeit ist sehr positiv: Der Leib des Menschen ist dem Vorbild des demütigen Christus folgend zur Schönheit, zur Freude, zum Licht berufen: „Gott nähert sich dem Menschen, den er liebt, und es ist recht, die Demut zu lieben und in der Demut zu verbleiben. Die Demütigen sind einfach, geduldig, geliebt, aufrichtig, rechtschaffen, erfahren im Guten, vorsichtig, gelassen, weise, ruhig, friedvoll, barmherzig, bereit zur Umkehr, wohlwollend, tief, abwägend, schön und wünschenswert“ (Demonstratio 9,14).

Oft präsentiert Aphrahat das christliche Leben in einer deutlich asketischen und geistlichen Dimension: Der Glaube ist dessen Basis, seine Grundlage; er macht aus dem Menschen einen Tempel, wo Christus selbst wohnt. Der Glaube macht somit eine aufrechte Liebe möglich, die in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zum Ausdruck kommt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in Aphrahat ist das Fasten, das er in einem weiten Sinn versteht. Er spricht vom Fasten, das sich auf die Nahrung bezieht, als einer notwendigen Praxis, um wohltätig und jungfräulich zu leben, vom Fasten als Mäßigung im Hinblick auf die Heiligkeit, vom Fasten als dem Verzicht auf leere oder hasserfüllte Worte, vom Fasten als Verzicht auf die Wut, vom Fasten als Entsagung des Eigentums von Gütern im Hinblick auf den Dienst und vom Fasten als Verzicht auf Schlaf, um im Gebet zu verharren.

Liebe Brüder und Schwestern, kehren wir zum Schluss auf die Lehre Aphrahats über das Gebet zurück. Laut diesem „Weisen“ der Antike verwirklicht sich das Gebet, wenn Christus im Herzen des Christen wohnt und ihn zu einem kohärenten Einsatz der Nächstenliebe einlädt. Er schreibt:

„Sei Trost für die Zerknirschten, besuche die Kranken,
sorge dich um die Armen: Das ist das Gebet.
Das Gebet ist gut, und seine Werke sind schön.
Das Gebet ist gewogen, wenn es dem Nächsten zum Trost gereicht.
Das Gebet ist erfüllt,
wenn sich in ihm auch die Vergebung des erlittenen Schadens findet.
Das Gebet ist stark,
wenn es voll der Kraft Gottes ist (Demonstratio 4,14-16).

Mit diesen Worten lädt uns Aphrahat zu einem Gebet ein, das christliches Leben wird, verwirklichtes Leben; ein Leben, das vom Glauben durchdrungen ist, von der Öffnung hin zu Gott und so von der Liebe zum Nächsten.

[Aufruf zum Frieden in Somalia:]

Es erreichen uns schmerzliche Nachrichten über die prekäre humanitäre Situation Somalias, insbesondere in Mogadischu, das immer mehr von der sozialen Unsicherheit und der Armut heimgesucht wird. Besorgt verfolge ich die Entwicklung der Ereignisse, und richte meinen Appell an alle politischen Verantwortungsträger auf lokaler und internationaler Ebene, damit friedliche Lösungen gefunden werden und jenem teuren Volk Trost gespendet werde. Ich ermuntere gleichfalls die Bemühungen aller, die trotz der Unsicherheit und der widrigen Umstände in jener Region bleiben, um den Bewohnern Hilfe und Trost zu bringen.

[Zur Zusammenfassung seiner Katechese auf Deutsch bediente sich der Papst dieses Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über Aphrahat, einen bedeutenden Vertreter der syrischen Kirche in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, sprechen. In den im Wesentlichen semitisch geprägten und vom griechischen Denken unberührten Gemeinden der syrischen Kirche entfaltete das Christentum eigene Ausdrucksformen in Theologie und Frömmigkeit, besonders in der Askese und im Mönchstum. So ist Aphrahat, der auch der „persische Weise“ genannt wird, der erste Zeuge einer eigenständigen syrischen christlichen Literatur.

Über sein Leben und seine Person ist wenig bekannt. Er stammte aus der Gegend von Mosul in Mesopotamien, aus einer Gemeinde, die in Kontakt mit der Kirche von Jerusalem stand. Aphrahat hatte Verbindungen mit dem Mönchstum und war vielleicht selbst Vorsteher eines Klosters.

Aus seiner Feder sind uns 23 „Demonstrationes“ – „Darlegungen“ in syrischer Sprache überliefert. Diese Darlegungen haben Themen gelebter christlicher Frömmigkeit und des asketischen Lebens zum Inhalt: Glaube, Liebe, Demut, Gebet, Fasten, Buße etc. Ein Teil der Darlegungen widmet sich der Beziehung von Judentum und Christentum.

Ausgangs- und Mittelpunkt der Überlegungen des persischen Weisen ist die Heilige Schrift. Jesus nachahmen und ihm auf dem Weg des Evangeliums nachfolgen ist für Aphrahat die Mitte des christlichen Lebens. Einen wichtigen Platz in den „Darlegungen“ nimmt das Gebet ein. Christus ist Lehrer und Vorbild des Gebets. Wenn der Herr im Herzen des Gläubigen wohnt, dann verwirklicht sich sein Beten im tätigen Einsatz der Nächstenliebe.

[An die Pilger aus dem deutschen Sprachraum gewandt, sagte Benedikt XVI.:]

Gerne heiße ich alle deutschsprachigen Teilnehmer an der heutigen Audienz willkommen. Einen besonderen Gruß richte ich an das Generalkapitel der Barmherzigen Brüder von Maria Hilf in Trier. Der Kirchenvater Aphrahat erinnert uns daran, dass Glaube und Gebet ihren Platz im täglichen Leben haben. Der Herr helfe euch, im Alltag Zeugnis für seine Liebe zu geben. Dazu schenke er euch seinen Heiligen Geist.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]