Der Kampf gegen Pornographieabhängigkeit

Der Psychologe Peter Kleponis spricht über das neue Kokain und darüber, wie man es loswird

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WASHINGTON, D.C., 3. Mai 2012 (ZENIT.org). - Nach einem halben Jahrhundert intensiver Bemühungen, die Öffentlichkeit über die Risiken des Tabakgebrauchs aufzuklären, sind die Verbreitung und Akzeptanz des Rauchens stark zurückgegangen. Der katholische Psychologe Dr. Peter Kleponis glaubt, dieselben Anstrengungen könnten und sollten gemacht werden, um Pornographie zu bekämpfen.

Dr. Kleponis ist assistierender Direktor der „Comprehensive Counseling Services“ in West Conshohocken, Pennsylvania. ZENIT sprach mit ihm über Pornographie und Abhängigkeit und darüber, woran man erkennt, ob jemand abhängig ist.

ZENIT: Wann überschreitet ein Mensch die Grenze zwischen den sexuell betonten Bildern, die in unserer Kultur so allgegenwärtig sind, und echter Pornographie? Gibt es überhaupt eine klare Grenze?

Kleponis: Um zu entscheiden, ob ein Mensch die Grenze zwischen sexuell betonten Bildern und Pornographie überschritten hat, müssen wir zuerst festlegen, wie wir Pornographie definieren. Für mich ist ein Bild dann pornographisch, wenn es einen Menschen dazu verführt, einen anderen Menschen für seine eigene sexuelle Lust zu benutzen. Das Schlüsselwort ist dabei „benutzen“. Es muss sich also nicht zwingend um das Bild eines unbekleideten Menschen handeln. Eine Frau, die in verführerischer Pose auf einer Bierwerbung im Fußballstadion porträtiert ist, kann genauso pornographisch sein wie ein Hardcorefilm im Internet. Die „Grenze“ ist für jeden Einzelnen verschieden. Für manche Männer kann diese Bierwerbung eine Form von Pornographie sein, weil sie mit dem Blick kurz auf dem Bild verweilen und es sexualisieren. Andere Männer bemerken womöglich die Frau auf dem Werbeplakat nicht einmal. Für diese Männer ist diese Werbung nur ein Beispiel für die sexuell betonte Bilderwelt, die in unserer Gesellschaft vorherrscht.

Wir müssen auch den Zweck in Betracht ziehen, für den die Bilder gemacht sind. Es ist für jedermann klar, dass Hardcore-Pornographie sexuell stimulierend sein soll. Aber es gibt in unserer Gesellschaft auch Bilder von Frauen, die zwar nicht als Pornographie angesehen und bezeichnet werden, die aber trotzdem ganz offensichtlich für Männer sexuell stimulierend wirken sollen. Dazu zählen zum Beispiel der Katalog von Victoria’s Secret und der Kalender von Sports Illustrated Swimsuit. Wenige Männer würden sich ein Fußballspiel in erster Linie wegen der Werbeplakate ansehen; aber die meisten Männer sehen sich die Plakate deshalb genauer an, weil sie sexuell stimulierend sind. Darum kann man diese Plakate auch als Pornographie bezeichnen.

ZENIT: Die vorherrschende Meinung vieler Menschen ist: „Warum soll Pornographie so schädlich sein; es sind doch bloß Bilder!“. Was würden Sie darauf antworten?

Kleponis: Es gibt viele Gründe, weshalb Pornographie schädlich ist. Erstens verleitet sie einen Mann dazu, Frauen für sein eigenes sexuelles Vergnügen zu benutzen. Gott hat nicht gewollt, dass wir andere Menschen benutzen. Wenn ein Mann pornographische Bilder anschaut, denkt er meist nicht daran, dass diese Frau ein Mensch mit Gedanken und Gefühlen ist. Er denkt nicht daran, dass sie die Tochter von irgendjemandem ist, und er denkt auch nicht an die furchtbaren Umstände, die sie in die Falle der Pornoindustrie geführt haben. Er ist sich nicht darüber im Klaren, wie die Pornoindustrie Frauen ausnutzt. Alles, was er weiß, ist, dass sie für sein sexuelles Vergnügen da ist. Er benutzt sie.

Pornographie schadet der Ehe und der Familie. Wenn eine Frau entdeckt, dass ihr Mann pornographische Bilder benutzt, ist sie oft völlig am Boden zerstört. Für viele Frauen ist das nicht weniger schlimm als eine außereheliche Affäre. Die eheliche Treue ist gebrochen worden. Die Frau verliert alle Achtung vor ihrem Mann. Sie kann ihren Mann nicht mehr als ein gutes Vorbild für ihre Kinder ansehen. Viele Frauen erleben ein schweres emotionales Trauma wegen des Pornographie-Gebrauchs ihrer Ehemänner.

Pornographie schädigt die Jugend in ihrer Fähigkeit, gesunde Beziehungen einzugehen. Die Botschaft, die sie an junge Männer aussendet, ist, dass Frauen nur für ihre sexuelle Lust da sind. Für junge Frauen lautet die Botschaft, dass sie, um geliebt zu werden, aussehen und sich benehmen müssen wie Pornostars. Dadurch erklären sich Phänomene wie „Sexting“ und sexuelle Promiskuität unter Jugendlichen. Ihre Vorstellungen von gesunder Sexualität und ganz allgemein von Beziehungen werden auf schiefe Bahnen geleitet.

Und schließlich wissen wir nun, dass Pornographie abhängig macht, nicht weniger als Drogen oder Alkohol. Internetpornographie wurde schon als „das Neue Crack“ bezeichnet, weil sie so abhängig macht. Wie jede Abhängigkeit kann sie völlig vom Leben eines Menschen Besitz ergreifen. Diese Abhängigkeit zerreißt Ehen und Familien, ruiniert Karrieren und kostet die Betroffenen viel Geld.

Das Fazit ist, dass es sich bei Pornographie eben nicht nur um „bloße Bilder“ handelt. Es ist etwas sehr Schädigendes und sollte unter allen Umständen gemieden werden.

ZENIT: Betrifft dieses Problem nur Männer?

Kleponis: Zur Zeit sind 83 Prozent aller Pornoabhängigen Männer, 17 Prozent sind Frauen. Obwohl dieses Problem nach wie vor überwiegend Männer betrifft, nimmt die Anzahl abhängiger Frauen zu. Aber die Art der Abhängigkeit ist für Frauen verschieden. Um das zu verstehen, müssen wir wissen, dass Männer und Frauen unterschiedlich „gekabelt“ sind. Männer sind visuell erregbar, deshalb reagieren sie stärker auf pornographische Bilder. Frauen genießen zwar auch den Anblick attraktiver Männer, aber sie werden nicht so stark visuell stimuliert. Frauen sind stärker emotionell erregbar. Deshalb bevorzugen sie Liebesromane, Seifenopern und „Chick Flicks“. Manche Frauen schauen sich zwar pornographische Bilder an, die meisten bevorzugen jedoch Chatrooms im Internet.

In einem Chatroom kann eine Frau sein, wer sie will, und sie kann sexuelle Onlinebeziehungen eingehen. Im Grunde schreibt sie ihren eigenen Liebesroman, in dem sie selbst die Hauptperson ist. Auch wenn hier keine Bilder verwendet werden, sind die Texte inhaltlich stark pornographisch. Mit einer solchen Abhängigkeit kann eine Frau am Ende stundenlang am Computer sitzen und mehrere sexuelle Onlinebeziehungen gleichzeitig eingehen. Beunruhigend ist auch die Tatsache, dass Frauen oft bereit sind, ihre Onlinepartner auch im wirklichen Leben zu treffen. Damit bringen sie sich leicht in gefährliche Situationen. Es ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, dass Teilnehmer eines Chatrooms oft über sich selbst nicht die Wahrheit sagen. Der Mann, den eine Frau auf diese Weise trifft, könnte in Wirklichkeit gewaltbereit sein. Auch wenn Frauen zur Zeit nur 17 Prozent aller Pornoabhängigen ausmachen, glaube ich, dass diese Zahl ansteigen wird, weil immer mehr allein stehende Frauen in den Chatrooms Trost suchen.

ZENIT: Wie Sie gerade gesagt haben, kann Pornographie zu einer echten Abhängigkeit werden. Woran erkennt man, ob jemand abhängig ist?

Kleponis: Zwei häufige Anzeichen von Abhängigkeit sind die Entwicklung einer Toleranz zum Wirkstoff und ein körperlich-emotionales Verlangen nach dem Wirkstoff. Toleranz bedeutet, dass kleine Mengen des Wirkstoffs nicht mehr genug sind. Man braucht immer mehr, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Ein pornoabhängiger Mann wird immer mehr Zeit im Internet auf der Suche nach Pornobildern verbringen. Wenige Minuten werden zu Stunden, und auch der Inhalt wird extremer. Statt leichten Porno sucht er bald Hardcore-Porno, eventuell auch Gewaltbilder, Fetische, homosexuelle Pornographie und sogar pornographische Bilder von Kindern. Extreme Pornographie wird zur einzigen Art von Pornographie, die ihn noch reizt.

Neben der Toleranz entwickelt ein Porno-Abhängiger auch ein stärkeres Verlangen nach den Bildern. Sein Körper braucht die Droge, um im Alltagsleben funktionsfähig zu sein. Ohne die regelmäßige Dosis kann ein Mann echte Entzugserscheinungen bekommen, zum Beispiel Depressionen, Unruhegefühl, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsmangel, Magen- und Kopfschmerzen. Die Abhängigkeit entsteht, weil das Gehirn sich so an einen (durch den Pornogebrauch hervorgerufenen) Zustand ständiger Stimulation gewöhnt hat, dass es ohne diese Stimulation nicht mehr normal funktionieren kann.

Das sicherste Symptom einer Abhängigkeit ist ein völlig außer Kontrolle geratenes, von der Droge beherrschtes Leben. Die Abhängigkeit hat die Führung im Leben eines Mannes übernommen, und das Leben selbst ist eine fortwährende Suche nach dem nächsten Fix geworden, in diesem Fall nach Anschauen von Pornos und Masturbation.

ZENIT: Ist diese Abhängigkeit weit verbreitet? Was kann man tun, um zu verhindern, dass sie sich in der Gesellschaft weiter verbreitet?

Kleponis: Porno-Abhängigkeit ist in unserer Gesellschaft sehr verbreitet. Studien haben ergeben, dass allein in den U.S.A. etwa 16 Millionen Sexabhängige leben; viele davon sind der Pornographie verfallen. Eine andere Studie besagt, dass 40 Prozent der Christen glauben, dass Pornographie ein Problem in der Familie sei, und 10 Prozent sind bereit zuzugeben, abhängig zu sein. Weil die Betroffenen sich schämen, ihre Sex- oder Porno-Abhängigkeit einzugestehen, reden nur wenige darüber. Und weil diese Abhängigkeit privat und zu Hause gepflegt wird, sieht sie niemand. Sie ist unsichtbar. Trotzdem verfallen täglich Tausende von Menschen der Porno-Aabhängigkeit. Sie zerstört Ehen und Familien, ruiniert Karrieren und macht Menschen zu Sklaven.

Wegen unserem im „First Amendment“ verankerten Recht auf Redefreiheit wird es Pornographie in unserer Gesellschaft immer geben. Ich glaube, die beste Art, der Ausweitung der Porno-Abhängigkeit entgegenzuwirken, ist Erziehung. Ich vergleiche das mit Tabakmissbrauch. Vor fünfzig Jahren wussten die Ärzte schon, dass Rauchen die Menschen tötet. Sie wussten, dass es Krebs, Lungen- und Herzerkrankungen hervorruft. Aber es war politisch nicht korrekt, irgendetwas Negatives über das Rauchen zu äußern. Jeder Erwachsene hatte schließlich das Recht zu rauchen. Fünfzig Jahre intensiver Erziehungskampagnen und das Beispiel von Millionen von Tabaktoten sind nötig gewesen, um die Amerikaner davon zu überzeugen, dass Tabak gefährlich ist. Heute ist die Mehrzahl aller Amerikaner Nichtraucher und kennt die Risiken, die mit dem Gebrauch von Tabak zusammenhängen. Ich glaube, dass Porno-Abhängigkeit mit denselben Mitteln bekämpft werden muss. Wir müssen die Menschen über die wahren Gefahren der Pornographie aufklären, damit sie auch in diesem Fall entscheiden können, keinen Gebrauch mehr davon zu machen.

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Peter C. Kleponis, PhD, ist ein lizensierter Kliniktherapeut und assistierender Direktor der „Comprehensive Counseling Services“ in West Conshohocken, Pennsylvania. Er hat 15 Jahre Berufserfahrung mit Einzelpatienten, Paaren, Familien und Organisationen und ist spezialisiert auf Ehen- und Familientherapie, pastorale Beratung, Abbau von Aggressionen, Männerprobleme und Bekämpfung von Porno-Abhängigkeiten (www.MaritalHealing.com).

Dr. Kleponis hält ein IPS Online-Seminar über  „Ursachen, Behandlung und Vorbeugung von Pornoabhängigkeiten“ („Causes, Treatment and Prevention of Pornography Addiction“) für 3.5 CEs am 11. Mai 2012. Für mehr Information und um teilzunehmen, klicken Sie bitte hier  

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]