Der Kardinalkämmerer der Heiligen Römischen Kirche

Sorge für die Güter und weltlichen Belange des Heiligen Stuhls

Rom, (ZENIT.org) Ulrich Nersinger | 1140 klicks

Der höchste und wichtigste Würdenträger in der Zeit der Sedisvakanz des Apostolischen Stuhles ist der Kardinalkämmerer (Camerlengo) der Heiligen Römischen Kirche. Seiner Ernennung durch den Papst folgt eine eindrucksvolle Zeremonie der Amtseinsetzung. Aus den Händen des Heiligen Vaters erhält er einen vergoldeten, mit dunkelrotem Veloursstoff umspannten Stab: „Accipe baculum in signum iurisdictionis et auctoritatis. In nomine Patri et Filii et Spiritus Sancti. Amen – Nimm hin den Stab als Zeichen der Jurisdiktion und Autorität. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Die Aufgaben des Kardinalkämmerers kommen heute erst in der Zeit der Sedisvakanz zum Vorschein. Der Camerlengo trägt während der papstlosen Zeit Sorge für die Güter und weltlichen Belange des Heiligen Stuhles. Er ist der Hauptverantwortliche für die Vorbereitung und ordnungsgemäße Durchführung des Konklave.

Bis in die jüngste Vergangenheit besaß das Amt des Kardinalkämmerers jedoch noch eine ganz andere Gewichtung. Im 11. Jahrhundert findet sich für die Finanzverwaltung der Kurie und der zeitlichen Güter des Heiligen Stuhles der Ausdruck „cameraria thesauraria“. Als Leiter dieser Verwaltung wird im 12. Jahrhundert der „camerarius“ genannt. Seit dem 13. Jahrhundert erlosch sein Amt nicht mehr mit dem Tod des Papstes. Er erhielt im 13. und 14. Jahrhundert bestimmte Verpflichtungen in der Rechtsprechung, und zwar nicht nur in Finanzsachen, sondern auch in bestimmten Straf- und Zivilprozessen. Papst Urban VI. (Bartolomeo Prignano, 1378-1389) dehnte seine Kompetenz auf alle Fälle aus, die, wenn auch nur indirekt, die Rechte und Interessen der Apostolischen Kammer betrafen. Der Kämmerer war häufig ein Kardinal, seit dem 15. Jahrhundert ist er es immer. Seitdem hat er auch einen dauernden Stellvertreter, den Vize-Camerlengo (dessen Amt später mit dem des Gouverneurs von Rom vereinigt wurde). Die Prälaten der Apostolischen Kammer übernahmen im Kirchenstaat zahlreiche weltliche Aufgaben, so in der Verwaltung von Heer und Flotte des Papstes; unter dem seligen Pius IX (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846-1878) waren sie als Staatsminister tätig. Noch die Kurienreform des heiligen Pius X. (Giuseppe Sarto, 1903-1914) stand dem Kardinalkämmerer und der Apostolischen Kammer die Leitung der Güter und die Wahrung der Rechtsinteressen des Heiligen Stuhls zu – nicht nur in der Zeit der Sedisvakanz.

In unseren Tagen sind die Agenden des Camerlengo auf die Sedisvakanz beschränkt. Gemäß der Apostolischen Konstitution „Universi Dominici Gregis“ vom 22. Februar 1996 hat er nach dem Tod oder Rücktrit des Papstes das Arbeitszimmer und die Privatgemächer des verstorbenen oder zurückgetretenen Papstes zu versiegeln. Ferner soll er den Tod oder Rücktritt des Papstes dem Kardinalvikar von Rom mitteilen, der seinerseits die Bevölkerung von Rom durch einen eigenen Erlaß hiervon unterrichten wird. Desgleichen soll er den Kardinalerzpriester der Vatikanischen Basilika hierüber zu informieren. Er hat vom Apostolischen Palast im Vatikan und, sei es persönlich oder durch einen Delegaten, vom Lateranpalast und von jenem in Castel Gandolfo Besitz zu ergreifen und für ihre Erhaltung und Leitung Sorge zu tragen. Die Apostolische Konstitution führt aus: „Im Namen und mit Zustimmung des Kardinalkollegiums soll er schließlich für alles Sorge tragen, was die Umstände zum Schutz der Rechte des Apostolischen Stuhles und zu seiner ordnungsgemäßen Verwaltung nahelegen. Es ist Aufgabe des Camerlengo der Heiligen Römischen Kirche, während der Sedisvakanz sich [...] um die zeitlichen Güter und Rechte des Heiligen Stuhles zu kümmern und diese zu verwalten, unter der Voraussetzung der einmaligen Zustimmung des Kardinalskollegiums für die weniger wichtigen Fragen, und für die schwerwiegenderen Fragen der Zustimmung in jedem einzelnen Falle.“