Der katholische Shakespeare

Interview mit dem US-Autor Joseph Pearce

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NAPLES, Florida, 2. September 2008 (ZENIT.org).- Beweise dafür mehrten sich, dass William Shakespeare Katholik gewesen sei, erklärt der US-amerikanische Sachbuchautor Joseph Pearce.



Im folgenden Interview mit ZENIT spricht Pearce über sein neuestes Buch, das den Titel trägt: „The Quest for Shakespeare: The Bard of Avon and the Church of Rome“ („Die Suche nach Shakespeare: Der Dichter aus Avon und die Kirche von Rom“), und im Verlag „Ignatius Press“ herausgekommen ist. In diesem Werk unternimmt der Autor den Versuch, aus Shakespeares Leben und Werk Beweise für dessen katholischen Glauben zusammenzustellen.

ZENIT: Clare Asquith gehört mit ihrem Buch „Shadowplay: The Hidden Beliefs and Coded Politics of Shakespeare“ („Schattenspiel: Der versteckte Glaube und die verschlüsselte politische Einstellung Shakespeares“) möglicherweise zu den bekanntesten Autoren, die die These vertreten, dass William Shakespeare katholisch war. Gab es im Lauf der Geschichte auch andere, die dieser Auffassung gewesen sind?

Pearce: Es gibt eine lange, illustre Geschichte von Shakespeare-Forschern, die zum Schluss gekommen sind, dass der Dichter ein gläubiger Katholik war. Von Richard Simpsons Pionierwerk im 19. Jahrhundert an wurde diese Überzeugung durch eine wissenschaftliche Detektiv-Arbeit untermauert. Zu diesen „Wissenschaftsdetektiven“ gehören die Jesuitenpatres Herbert Thurston, Mutschmann und Wentersdorf, John Henry de Groot, Ian Wilson, noch ein Jesuit, Pater Peter Milward, Hildegard Hammerschmidt-Hummel und natürlich die bereits erwähnte Clare Asquith.

ZENIT: Warum wurde dieser Faktor im Leben Shakespeares von den meisten Shakespeare-Kennern übersehen? Warum meinten viele, er stehe über der Religion; er sei so etwas wie ein säkularer Humanist oder aufgeklärter Atheist?


Pearce: In den letzten Jahren sahen sich sogar säkulare Wissenschaftler dazu gezwungen, die sich mehrenden Beweise dafür, dass Shakespeare Katholik war, zur Kenntnis zu nehmen; viele allerdings bleiben hartnäckig bei ihrer Leugnung dieser Tatsache. Der Grund dafür, dass Shakespeares katholischer Glaube weitgehend unbekannt geblieben ist, ist in einer Kombination von Faktoren zu suchen.

Erstens war der katholische Glaube zu Shakespeares Zeiten illegal, was notwendiger Weise mit sich brachte, dass Katholiken ihren Glauben nicht öffentlich praktizieren konnten. Zweitens wurden die Beweise für die katholische Gesinnung des Dichters auf Grund des anti-katholischen Vorurteils der Shakespeare-Forscher, das während der zwei Jahrhunderte nach dessen Tod herrschte, geflissentlich ignoriert. Drittens kam ein großer Teil der unwiderlegbaren dokumentarischen Beweise für Shakespeares katholischen Glauben bis hinein in die jüngste Zeit nicht ans Licht oder wurde nicht richtig gedeutet. Und schließlich verdankt sich die Meinung, dass Shakespeare ein säkularer Humanist oder Atheist war, den subjektiven Missdeutungen seines Werkes durch säkulare Rezensenten, die in seinen Dramen nur ihre eigenen Voreingenommenheiten wiederfanden.

Diese Missdeutungen werden nun durch das Gewicht der dokumentierten historischen Beweise dafür, dass Shakespeare gläubiger Katholik war, aufgedeckt.

ZENIT: Welche neuen Forschungsergebnisse und Kenntnisse konnten Sie als Katholik und Engländer zu dem „Puzzle“ des katholischen Lebens Shakespeares, wie Sie es nennen, zusammenstellen?

Pearce: Ich bin überzeugt, dass mir mein Blickwinkel als katholischer Engländer bei meiner Forschung über Shakespeares katholischen Glauben geholfen hat. Ich kenne die Geschichte meines Landes und fühle mich in der elisabethanischen und der jakobinischen Periode, die Gegenstand meines Buches sind, sehr „zu Hause“.

Der Hauptvorteil meines Buches aber besteht darin, dass es die enorme Fülle von Beweisen auf die Seiten eines einzigen Bandes bannt. Bevor „The Quest for Shakespeare“ veröffentlicht wurde, musste man viele verschiedene Werke lesen, um alle Stücke des Puzzles zusammenzubekommen. Jetzt hat man alle Puzzleteile an einem einzigen Platz zur Verfügung!

Was neue Einblicke anbelangt, so glaube ich, dass mein Buch eine Anzahl solcher Einsichten enthält, da es das Beweismaterial auf eine Weise interpretiert, die man vorher nicht angewendet hat. Vielleicht ist das Augenfälligste, worin sich meine Kenntnisse von denen der meisten anderen Forscher über Shakespeares katholischen Glauben unterscheiden, meine These, dass er von Königin Elisabeth und König James als „safe Catholic“, also als „ungefährlicher Katholik“ betrachtet wurde. Nach meiner Überzeugung war sein Glaube nicht unbekannt, sondern ein offenes Geheimnis, das von den „powers-that-be“, den Herrschenden geduldet wurde.

ZENIT: Welche Art von Beweisen kann man für seinen katholischen Glauben in seiner Familie finden?

Pearce: Das Beweismaterial dafür, dass Shakespeares Familie kämpferisch und tiefgläubig katholisch war, ist überwältigend. Die Familie seiner Mutter war eine der öffentlich bekanntesten katholischen Familien ganz Englands, und mehrere von Shakespeares Cousins wurden wegen ihrer Verwicklung in so genannte „Catholic plots“ (katholische Verschwörungen) hingerichtet.

Shakespeares Vater musste für seinen katholischen Glauben Bußgeld zahlen, ebenso wie seine Tochter Susanna. Die Entdeckung eines geistlichen Testaments, unterzeichnet von Shakespeares Vater, weist ebenfalls eindeutig auf seinen katholischen Glauben hin.

ZENIT: War die Zulassung seiner Theaterstücke am Hof Königin Elisabeths nicht ein Beweis dafür, dass er die Staatsreligion des Anglikanismus angenommen hatte?


Pearce: Viele namhafte Persönlichkeiten, die als Katholiken bekannt waren und von der Königin als „safe“ betrachtet wurden, hatten Zugang zum Hof. Dazu gehören William Byrd, der Hofkomponist, der ein bekannter, unerschrockener Katholik war, und auch der Earl von Southampton, Shakespeares Gönner, der trotz seines Glaubens ein Günstling der Königin war. Daher ist es kein Argument gegen Shakespeares katholischen Glauben, dass seine Theaterstücke vor der Königin aufgeführt wurden.

ZENIT: Sie geben triftige Gründe dafür an, dass Shakespeares Leben ein ständiger Seiltanz zwischen persönlichem Vorteil und eigener Überzeugung war. Wie kommen Sie zu dieser Annahme? Lässt sich das an seinen Stücken zeigen?

Pearce: Die Spannung dieses „Seiles“, auf dem Shakespeare seine Balance zwischen der Bekundung seiner persönlichen Glaubensüberzeugungen und der Bemühung, um ihretwillen nicht verurteilt zu werden, zu halten versucht, ist an der gewundenen Spannung in seinen Stücken erkennbar. Auch wenn der katholische Glaube deutlich feststellbar ist, ist der Dichter gleichsam stets auf der Hut, und diese subtile, indirekte Art und Vorsicht sind der Grund dafür, dass er von seinen säkularen Rezensenten so oft missdeutet wurde und wird. Der katholische Glaube ist jedoch ganz gewiss in den Dramen enthalten, und eine wahrhaftige, kritische Lektüre wird den Reichtum katholischer Ethik entdecken lassen, der sich in ihnen findet.

[Das Interview führte Carrie Gress; Übertragung ins Deutsche
von Christine und Gerhard Gutberlet]