Der kosmische Charakter der Liturgie

Die Liturgie umarmt gleichzeitig Schöpfung und Geschichte

| 1982 klicks

Mauro Gagliardi

ROM, 26. November 2009 (ZENIT.org).- Im Vorwort zum ersten Band der Werkausgabe seiner Gesammelten Schriften, der unter dem Titel „Theologie der Liturgie“ steht, ruft Papst Benedikt XVI. seine wichtige, im Jahr 2000 veröffentlichte Monographie „Einführung in den Geist der Liturgie“ in Erinnerung.

Dabei macht der Papst drei „Kreise“ aus, das heißt drei thematische Hauptgebiete des Buches, in dem zahlreiche Sonderaspekte behandelt werden. Die ersten beiden „Kreise“ wurden bereits innerhalb dieser Serie zur Liturgie behandelt (Vgl. ZENIT vom 5. Nov. 2009 und 12. Nov. 2009).

Der dritte „Kreis“ betrifft „den kosmischen Charakter der Liturgie, die mehr als die Zusammenkunft eines mehr oder weniger großen Zirkels von Menschen darstellt: Die Liturgie wird in die Weite des Kosmos hinein gefeiert, umgreift Schöpfung und Geschichte zugleich“.

Der Theologe Josef Ratzinger hat oft über jenen Absatz des Glaubensbekenntnisses nachgedacht, der Gott als den Schöpfer bekennt, da er diesen für das Verständnis des christlichen Glaubens insgesamt für wesentlich erachtet. Gott ist der Schöpfer des ganzen Kosmos und erhält alles im Sein. In der Geschichte des Volkes Israel hat das Verständnis, dass die Welt kein reines Zufallsprodukt ist und dass alles Existierende seinen Ursprung allein in der Vernunft und Liebe Gottes hat, zur „Aufklärung“ im tiefsten Sinn geführt.

Daher ist die menschliche Vernunft „fest auf dem ursprünglichen Fundament der schöpferischen Vernunft Gottes gegründet, dies mit dem Ziel, sie auf der Wahrheit und der Liebe zu gründen“ (1). „Gott ist der Herr aller Dinge, da er ihr Schöpfer ist, und allein deshalb können wir zu ihm beten. So bedeutet dies, dass die Freiheit und die Liebe keine abstrakten Ideen sind, sondern vielmehr Kräfte, die die Wirklichkeit tragen“ (2).

Im Buch Genesis sind Schöpfung und Kult zuinnerst miteinander verbunden: Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und am siebten Tag ruhte er (vgl. Gen 2,2-3). Damit richtete er die Schöpfung auf den Tag der Ruhe aus, der auch Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Menschen ist. Den Prolog des Johannesevangeliums („Am Anfang war das Wort“: ein Ausdruck, der sich auf den Beginn des Buches Genesis bezieht) kommentierend erklärt Benedikt XVI.: „Am Anfang sprach der Himmel. Und so entsteht die Wirklichkeit aus dem Wort, sie ist »creatura Verbi«. Alles wird vom Wort geschaffen, und alles ist dazu gerufen, dem Wort zu dienen. Das bedeutet, dass letztendlich die gesamte Schöpfung dazu bestimmt ist, den Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Geschöpf zu schaffen, einen Ort, wo die Liebe des Geschöpfes auf die göttliche Liebe antwortet, einen Ort, an dem sich die Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Geschöpf entwickelt“ (3). Unsere vornehmliche Begegnung mit Gott ist die heilige Liturgie, in der wir in die Gemeinschaft mit dem Herrn eingetaucht werden, der uns mit dem Geschenk seiner sakramentalen Gegenwart segnet.

Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass die Theologie Josef Ratzingers von dem tiefen Bewusstsein der Güte und der Schönheit der Schöpfung Gottes beseelt ist. Im Kontext der kosmischen Dimension der Liturgie hat sich der Papst erneut dem Thema der Ausrichtung zugewandt, die vom Priester und den Gläubigen während der eucharistischen Liturgie eingenommen wird. Seit ältesten Zeiten war es für die Christen immer selbstverständlich gewesen, dass Priester und Gläubige gemeinsam beten, in Richtung der aufgehenden Sonne, Symbol des auferstandenen Christus, der in Herrlichkeit wiederkommen wird, um die Welt zu richten und seine Gläubigen im neuen himmlischen Jerusalem zu versammeln. (4)

Die ganze Versammlung vereint sich „hingewandt zum Herrn“, wie es die oft vom heiligen Augustinus nach seinen Predigten verwandten Gebete ausdrücken, die mit den Worten „Conversi a Dominum...“ anheben. Die gemeinsame Gebetsrichtung beim eucharistischen Hochgebet wurde dann für die christliche Liturgie und nicht zuletzt für die heilige Architektur ausschlaggebend.

Im Vorwort zum Buch „Theologie der Liturgie“ erachtet es Benedikt XVI. für wichtig, dass dieser kosmische Symbolismus Teil der Gemeindefeier ist. „Das war die Absicht, wenn man sich zum Gebet gen Osten wandte: dass der Erlöser, zu dem wir beten, auch der Schöpfer ist, und aus diesem Grund verbleiben in der Liturgie stets die Liebe zur Schöpfung und die Verantwortung für sie“.

Der letzte Aspekt spiegelt eine Sorge wider, die der Papst zu verschiedenen Anlässen zum Ausdruck gebracht hat, besonders während seines Besuches in Australien anlässlich des Weltjugendtages 2008: Gott hat uns seine Schöpfung anvertraut, insofern wir deren Hüter, nicht ihre Herren sind, und dies schließt ein, dass wir ihre Ressourcen nicht nach egoistischen Interessen ausbeuten dürfen, sondern sie vielmehr verantwortlich nutzen müssen. In einer christlichen Perspektive ist die Ökologie im Glauben an den Schöpfergott verwurzelt. (5)

Abschließend ist ein schönes Beispiel für das Verständnis des Heiligen Vaters vom kosmischen Charakter der Liturgie in der Sammlung der Meditationen „Die Bedeutung von Fronleichnam“ gegeben (6), in der er den Glanz der Fronleichnamsprozessionen in seiner bayerischen Heimat in Erinnerung ruft. Indem Christus, der Schöpfer, durch die Städte und Dörfer, über Wiesen und Seen getragen wird, kann man es gleichsam mit Händen berühren, dass es in der Liturgie „um das geht, was Himmel und Erde umfassen: um die Menschheit und die ganze Schöpfung“. (7)


Anmerkungen:

[1] J. Ratzinger, „Konsequenzen des Schöpfungsglaubens heute“, Salzburger Universitätsreden, 68. Salzburg: Pustet 1980; Aufgenommen in: „Im Anfang schuf Gott“, Vier Münchener Fastenpredigten über Schöpfung und Fall. – Konsequenzen des Schöpfungsglaubens, 2005 (mit Vorbemerkung zur Neuauflage, Rom 1996),14.

[2] Ebda. 18.

[3] 2. Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode, Meditation von Papst Benedikt XVI. bei der ersten Arbeitssitzung, 6. Oktober 2008.

[4] Benedikt XVI., Predigt in der Osternacht vom 22. März 2008.
[5] Benedikt XVI., Die Weihnachtsansprache an die Römische Kurie, 22. Dezember 2008.
[6] Vgl.. J. Ratzinger, Das Fest des Glaubens, Einsiedeln, 1993, 101-109.
[7] Ebda. 108.

[Don Mauro Gagliardi ist Professor für Theologie am Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum in Rom, und Berater des Amtes für Liturgische Feiern des Papstes. Übersetzung des italienischen Originals durch Armin Schwibach]