Der lange Kreuzweg der Kopten

Die Zukunft der Christen in Ägypten sieht düster aus

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Von Jürgen Liminski

ROM, 10. Januar 2012 (ZENIT.org). - Ayman Nabil war Kopte. Und er war stolz, Christ zu sein. Auf seiner Hand trug er ein Kreuz eintätowiert, so wie viele Kopten es haben. Das gefiel seinem Lehrer nicht. Der forderte den 17jährigen Schüler auf, das Kreuz zu verdecken. Ayman berief sich auf Recht und Verfassung in Ägypten, sie erlaubten es, Zeichen der Religion offen zu tragen. Und um dieses Recht zu unterstreichen, zog er das Kreuz heraus, das er an einer Halskette trug, und ließ es über dem Hemd hängen. Der Lehrer schrie und forderte einige muslimische Mitschüler auf, sich auf Ayman zu stürzen. Sie taten es und schlugen ihn im Klassenzimmer so lange, bis er nicht mehr atmete. Ayman Nabil starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung kamen fünftausend Menschen. Sie trugen Plakate mit der Aufschrift: „Ayman, Märtyrer des Kreuzes“.

Die Verfolgung der Kopten in Ägypten nimmt immer größere Ausmaße an. Unter Mubarak waren es zwar schon mehr als Schikanen und vereinzelte Überfälle. Seit der „Befreiung“ aber wandeln sich Übergriffe und Überfälle in Massaker, zum Teil sogar mit Hilfe der Armee. So geschehen im vergangenen Oktober, als bezahlte Banden eine Demonstration der Kopten gewaltsam störten und die Armee mit Panzern und Panzerwagen auf Seiten der muslimischen Randalierer eingriff. Sie fuhr gezielt in die Menge, überrollte Menschen und schoss hinein. 39 Menschen kamen ums Leben, fast alle waren Kopten. Auch der Mord an Ayman Nabil ereignete sich im letzten Oktober. Es waren Höhepunkte eine lange Kette von Gewalttaten, von denen nur einige bekannt geworden sind. Zum Beispiel:

-          Am 4. Mai 1992 werden 13 Kopten in Manchiet Nasser / Oberägypten getötet, angeblich aus Rache, tatsächlich aber weil diese Familie ein Haus nicht verkaufen wollte.

-          Am 12. Februar 1997 verübt ein islamistisches Kommando ein Attentat gegen die Kirche in Abu Kurquas / Oberägypten und tätet neun Gläubige.

-          Am 3. Januar 2000 werden 20 Christen im Dorf Al Koscheh / Oberägypten aus dem Hinterhalt getötet.

-          Am 14.April 2006 überfällt ein Islamist, den die Behörden später wie so oft bei islamischen Attentätern als Geistesgestörten bezeichnen werden, drei Kirchen in Alexandria.

-          Im November 2007 beten 150 koptische Familien des Dorfes Manschat Amru Markaz Fashn in ihrer gerade renovierten Kirche als muslimische Nachbarn Brandbomben auf die Häuser der Christen und ihre Kirche werfen und selbst Bäume auf den Feldern der Christen ausreißen. Es sei Christen nicht erlaubt, auf islamischer Erde Kirchen zu bauen, hieß es später und der Bürgermeister des Ortes behauptete noch bei der Polizei, die Christen selbst hätten ihre Kirche angezündet, um nachher die Muslime dieser Tat bezichtigen zu können. Einige Kopten und ihr Priester werden daraufhin verhaftet.

-          Am 31. Mai 2008 wird das Kloster Malaoui angegriffen, nicht zum ersten Mal, wobei diesmal vier Menschen ums Leben kommen, darunter zwei Mönche.

-          Im Mai 2009 werden, während des koptischen Osterfestes, in Nag Hammadi im Süden des Landes, etwa 40 Kilometer von Luxor entfernt, drei junge Christen entführt und ermordet. Aber statt die Mörder zu verhaften, nimmt die Staatspolizei rund hundert junge Kopten fest und zwingt die Verwandten der Opfer, ihre Anzeigen zurückzuziehen. Die Ermittlungen werden eingestellt.

-          Ebenfalls in Nag Hammadi werden in der Nacht vom sechsten zum siebten Januar, also in der koptisch-orthodoxen Weihnachtsnacht des Jahres 2010, sieben Kopten beim Verlassen der Kirche Mar Girgis (Hl. Georg) von einem islamistischen Kommando erschossen. Wieder werden die Täter rasch identifiziert und wieder verschleppen die Behörden den Prozess und stilisieren ihn auf eine der in Ägypten üblichen Vendetta herunter, angeblich ausgelöst durch die Vergewaltigung einer muslimischen Frau. Völlig absurd wird die Behauptung dadurch, dass der angebliche Vergewaltiger gerade mal 12 Jahre alt und die Frau deutlich älter, also physisch überlegen war. Ein Jahr später gestanden die drei Islamisten ihre Tat, dennoch hält sich das Gerücht von der Vergewaltigung und der „beschmutzten islamischen Ehre“.

-          Am 24. November protestierten Kopten in Gizeh gegen die Rücknahme einer Baugenehmigung. Solche Genehmigungen werden höchst selten erteilt und immer verschleppt. Die  Behörden gingen, von Islamisten angestachelt, gewaltsam gegen die friedlichen Demonstranten vor. Zwei Kopten starben.

-          Am 9. Mai diesen Jahres wurden waren bei Angriffen auf koptische Kirchen in Kairo zwölf Menschen getötet und 200 verletzt, drei Gotteshäuser niedergebrannt, vierzehn Häuser zerstört und zahlreiche Geschäfte ausgeplündert.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Systematisch werden koptische Mädchen entführt und vergewaltigt, zur Konversion gezwungen und mit Islamisten zwangsverheiratet. Ein Fall hatte 2010 zu größeren Demonstrationen und Straßenkrawallen geführt, weil zwei junge Frauen fliehen konnten und die Islamisten behaupteten, sie seien von ihren koptischen Familien entführt worden. Auch die Priester werden drangsaliert, Morde sind nicht selten. Immer wieder brechen Pogrome in der alten Christenstadt Alexandria aus, jene Stadt, die jahrhundertelang das Symbol der Toleranz zwischen Griechen, Juden, Armeniern, Franzosen, Italienern und eben auch Muslimen war. Seit einigen Jahren werden die Christen angegriffen unter dem Vorwand, sie seien „Agenten der Juden“ oder „Spione der amerikanischen Kreuzfahrer“. Hier brechen sich alte Ressentiments Bahn, die sogar 1928 zur Gründung der Muslimbruderschaft in Ägypten (!) geführt haben. Denn die Muslimbrüder, deren Einfluss im öffentlichen Leben und in der Politik Ägyptens stetig gewachsen ist, haben sich geschworen, die Schmach des Islam aus den Niederlagen seit dem 15. Jahrhundert zu rächen und das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen. Darunter leiden vor allem die Kopten. Sie sollen vertrieben werden.

Von Wahlen in Ägypten erwarten sich die Kopten keine Besserung. Im Gegenteil. Der Einfluss der Muslimbrüder und der Salafisten, beides radikale Islamistenorganisationen, wird weiter steigen und damit wird die Scharia noch strenger gehandhabt. Das bedeutet für alle Nichtmuslime, dass sie offen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden dürfen. Es herrscht immer offener Pogrom-Stimmung. „Kauft nicht bei Christen“ sagen immer mehr Imame. Christen in Ägypten erleben gegenwärtig die schlimmste Zeit der letzten Jahrhunderte. Das erklärte der koptisch-orthodoxe Bischof Stephanos von Beba und Elfashn jüngst gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk KIRCHE IN NOT. Christen würden unter den Augen der internationalen Medien gewaltsam umgebracht. Zum ersten Mal seit langem würden auch systematisch Kirchen verbrannt und zerstört, ohne dass die Polizei eingreife oder jemand dafür bestraft werde. In den ägyptischen Medien würden „systematisch die Tatsachen verschleiert, um zu verhindern, dass die internationalen Medien die Wahrheit berichten und so Druck von außen kommt“, beklagte er. Durch die drei von der Koptischen Kirche betriebenen Fernsehsender seien jedoch Videoaufnahmen des Massakers an koptischen Demonstranten am 9. Oktober gesendet und auf diesem Weg auch in die internationalen Medien gelangt. Dieses Mal seien die Übergriffe gegen Kopten „dokumentiert worden“. Im Alltag gebe es ebenfalls Probleme, da auch in den Medien oft dazu aufgerufen werde, nicht bei christlichen Händlern zu kaufen oder Christen etwas zu verkaufen. Geschäftsleute müssten daher ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. In Stellenanzeigen würden Christen indirekt ausgeschlossen, indem beispielsweise „eine Mitarbeiterin mit Kopftuch“ gesucht werde. Es werde „versucht, die Christen zu vertreiben“.

Viele Christen wandern aus. Von den rund 76 Millionen Einwohnern Ägyptens sind ca. 12 Millionen Christen. Die Mehrheit von ihnen gehört der Koptisch-Orthodoxen Kirche an. Knapp 200.000 sind Katholiken. Seit dem Sturz Mubaraks haben etwa hunderttausend Christen das Land verlassen, Tendenz steigend. Die Islamisten gehen gezielt vor und verbreiten Angst und Schrecken. Das Land soll „christenrein“ werden. Dabei stammen manche Klöster, die heute von Islamisten angegriffen werden, aus dem vierten oder fünften Jahrhundert, etwa St. Bishoi, rund 110 Kilometer von Kairo entfernt, dessen Fresken und Ikonen auch kunstgeschichtlich von unermesslichem Wert sind, oder St Boula am Roten Meer, das von Islamisten erst im vergangenen Februar verwüstet wurde.

Heute leiden die Kopten ganz offiziell an drei sozusagen grundgesetzlich verankerten Tatsachen:

Die Imame, auch in der Al Azhar-Universität, der bekanntesten Lehr-Autorität in der islamischen Welt, bezeichnen die Christen als „Götzendiener“, da sie drei Götter anbeteten und zudem als „Götzenfresser“, da sie ihren Gott essen würden. Hier offenbart sich der Unwille, weder die christliche Lehre von der Dreifaltigkeit noch von der Eucharistie überhaupt ernst zu nehmen, geschweige denn darüber diskutieren zu wollen.Kirchenbauten sind de facto unmöglich. Genehmigungen unterliegen strengen Auflagen (gebotene Mindest-Entfernung von Moscheen, Höhe, Umfang, etc.) und werden in der Regel trotz Erfüllung der Auflagen verschleppt. Deshalb verlegen sich die Kirchen auf das Ausbessern und Renovieren vorhandener Kirchen, was auch schon genug Schwierigkeiten mit sich bringt.Christen haben ein anderes Personenstatut, das heißt nicht die gleichen Rechte wie Muslime. Sie dürfen zum Beispiel keine Muslima heiraten, es sei denn sie konvertieren zum Islam. Auch beruflich sind sie deutlich diskriminiert. Manche Studiengänge an den Universitäten sind ihnen untersagt, etwa Gynäkologie, und sie werden in der Regel auch strenger benotet. Bei Beförderungen werden sie benachteiligt. Leitungsposten sind ihnen in öffentlichen Ämtern und Unternehmen ebenso verwehrt wie die Offizierslaufbahn in der Armee. Eine Integrationspolitik gibt es nicht.

Diese Umstände zwingen die Kopten zu freien Berufen, was in einer vom Koran und der Scharia beeinflussten Gesellschaft auch nicht ohne Risiken ist. Viele Kopten leben in Armut. Die Lumpensammler und „Müllarbeiter“, die mit bloßen Händen in Kairo den Müll durchwühlen und wegschaffen, sind geradezu symbolisch für die Lebensumstände der Kopten in Ägypten. All das ist gewollt, so dass selbst muslimische Intellektuelle – freilich im Ausland – von einer „Komplizenschaft der staatlichen Behörden“ (Magdi Kahlil) bei der Diskriminierung und Verfolgung der Kopten sprechen. In den westlichen Medien allerdings werden diese Verhältnisse meist verharmlost oder als „Auseinandersetzungen“ zwischen Christen und Muslimen beschrieben, ohne auf die Pogromstimmung und die permanenten Menschenrechtsverletzungen weiter einzugehen. Das ist nicht nur eine Frage der Ignoranz, sondern auch der Naivität gegenüber dem Islam. Die damit erkaufte bürgerliche Ruhe und Bequemlichkeit aber könnte sich in nicht ferner Zukunft als Bumerang erweisen.

Kasten

Kurze Geschichte der Kopten

Die Kopten sind Ureinwohner Ägyptens. In ihrem Alphabet haben mehrere Buchstaben hieroglyphische Wurzeln. Ursprünglich hießen sie „Het Ka Ptah“ und unter griechischem Einfluss wurde daraus „aiguptios“. Die Araber machten daraus Kupt. Das Wort Kopte bedeutet also ursprünglich Ägypter. Es wandelte seine Bedeutung mit der Eroberung Ägyptens durch die muslimischen Heere im Jahre 641 in Christen. Die Bevölkerung Ägyptens war damals überwiegend christlich. Die Kirche von Alexandrien gehört zu den ältesten der Christenheit. Es war der heilige Petrus, der dem Evangelisten Markus den Auftrag erteilte, das Evangelium nach Ägypten zu bringen.

Als die Araber im siebten Jahrhundert in Ägypten eindrangen, wurden sie von der einheimischen Bevölkerung, auch den Christen, zunächst begrüßt. Die Christen befanden sich damals im Konflikt mit dem griechisch-orthodoxen Byzanz. Bald aber wurden die Christen auf die Stufe der Dhimmis (Schutzbefohlene, de facto Menschen zweiter Klasse) herabgestuft und untrdrückt. Dennoch blieben sie die Mehrheit bis ins 13. Jahrhundert. Unter dem Regime der Fatimiden und später auch Saladins erlebten sie eine Phase relativer Autonomie, aber unter den Mameluken (1250 – 1517) wurden sie wieder unterdrückt. Erst im 19. Jahrhundert erlebten sie eine Renaissance, weil der damalige Herrscher Mehmet Ali im Kampf gegen die fanatischen Wahabiten aus Saudi-Arabien stand. Westliche Einflüsse machten sich bemerkbar und favorisierten die Kopten. Zeitweise stellten sie Kopten die Hälfte der Parlamentarier und Boutros Boutros Ghali, Großvater des späteren UN-Generalsekretärs, war sogar Premierminister unter der Monarchie. Er wurde 1910 von einem fanatischen Muslim ermordet. In seine Regierungszeit fällt die Gründung des katholisch-koptischen Patriarchats. Unter den koptischen Patriarchen Kyrillos VI. (1959 bis 1971) und Schenuda III. (seit 1971) erleben die Kopten trotz des sich radikalisierenden Islam in Ägypten eine Erneuerung nach innen. Nach außen ging die Diskriminierung weiter, vor allem unter Nasser. Mubarak ließ die Islamisten gewähren, hatte aber immerhin noch zwei koptische Minister.

[© Der Fels 42, 12/2011; Druckerlaubnis vom Verfasser]