Der Mensch braucht Gott: Festschrift würdigt das Werk von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Von Armin Schwibach

| 719 klicks

WÜRZBURG, 29. Januar 2006 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Glaube und Vernunft“, „Glaube und Wissen“, „Religion und Wissen“, „Religion und Wissenschaft“ – spätestens seit der Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. (der „besten Rede des Jahres 2006“, so sagte es die Universität Tübingen) ist es klar, dass die Erneuerung des christlichen Glaubens, seiner existenziellen Realität und seines öffentlichen Lebens nur durch ein neues Nachdenken über das Verhältnis von Vernunft und Glauben möglich ist. Das heißt, die immanenten Möglichkeiten des erkennenden und wissenden Menschen müssen wieder imstande sein, ihre transzendenten Grundlagen auszumachen und anzuerkennen, um dem Leben und dem Kosmos einen ganzheitlichen Sinn zuweisen zu können. Der Mensch braucht Gott, sagt der Papst, und warnt davor, die Welt als gottneutrale zu bestimmen. Der Unglaube führt nur in Haltlosigkeit, da die Sinnfrage unausweichlich ist. Selbst wenn man sich ihrer in einem künstlichen Atheismus entziehen und sie durch anderes ersetzen will, das vielleicht leichter erreichbar scheint, drängt sich diese Frage über kurz oder lang in die Abgründe des Menschseins. Dann gibt es nur eine Alternative: entweder das absolute Ja zum Guten oder das Verfallen an das Böse.



Unsere Wurzeln sind bedroht

Der Papst will den Glauben sowie säkulares Denken aus ihrer Weltlosigkeit herausreißen. Er will, dass den Gläubigen und Nichtgläubigen wieder etwas daran liegt, wie ihr Glaube und ihre Welt ausschauen. Er will sehen lassen, dass Glaube und Vernunft, „scientia et religio“, Heiligkeit und Wissenschaft keine widersprüchlichen Begriffspaare sind. Der christliche Glaube und sein existenzieller Vollzug sind für Benedikt XVI. die Heimstatt der Vermittlung von Vernunft und Kultur. Der Papst weist immer wieder auf die Dringlichkeit dieser Vermittlung hin, dies gerade in der Perspektive der Tatsache, dass das aus dem „Knowledge“ erwachsene „Power“ (Francis Bacon) zu einer Gefahr geworden ist, die den Menschen und seine Um- und Mitwelt an den Wurzeln bedroht. Eine pure, von Gott losgelöste Rationalität reicht nicht mehr, so die Warnung des Papstes. Sie reicht weder dem einzelnen Menschen noch dem kulturellen Binnenraum des Westens, noch genügt sie für den bisher selten ernsthaft geführten interreligiösen und interkulturellen Dialog.

Auf Wahrheit gerichtetes Wissen, das eine Metaphysik als innerstes Herz seiner selbst erkennt, und authentischer Glaube stehen in Harmonie. Aus diesem Grund darf der Glaube nicht in der Intimität der Seele vergraben werden. Er muss an den Stellen „mitreden“ können und dürfen, an denen sich das Wissen in seiner höchsten Form kristallisiert: an den Universitäten und Hochschulen. Tritt er dann noch in eine technische Hochschule ein, so erfüllt er im sublimsten Sinne die aus ihm kommende Sendung.

„Das Heilige“ und „die Universität“ – ein weiteres Begriffspaar, das sich zu den anderen bestens hinzugesellt. Freunde veröffentlichten für die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz eine Festschrift, mit der sie die Lehrerin und die Gelehrte, die Freundin und Kollegin, die geschätzte Professorin ehren wollten. Die aus Bayern stammende Gerl-Falkovitz lehrt an der Technischen Universität Dresden. Textarbeit, philosophiegeschichtliche Arbeiten im Bereich der Renaissancephilosophie, die zur systematischen Auseinandersetzung mit grundlegenden wissenschaftstheoretischen Fragen der modernen und zeitgenössischen Philosophie führten, kennzeichnen das Arbeiten der Wissenschaftlerin. Die Sterbeurkunde, die die Postmoderne der Metaphysik ausstellte, veranlasst sie zur Frage, ob in der De-Konstruktionsbewegung der letzten Jahrzehnte nicht auch und gerade die Absicht zu einem neuen Aufbruch stärker ist als der zerstörerische Rekurs auf eine reine Verendlichung.

Mit der Festschrift sollen die Interessen- und Arbeitsbereiche von Gerl-Falkovitz in der Konzentration auf das Zusammensein von Religion und Wissenschaft umrissen werden. Gerl-Falkovitz thematisiert das Phänomen der Religion im akademischen Horizont „primär unter der religionsphilosophischen Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Glaube“; sie tut dies konkret als Lehrstuhlinhaberin an einer technischen Universität „in der Gestalt der Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion“.

Die Beiträge der Festschrift scheinen in ihrem Gesamt nicht nur die Denkbereiche der Gewürdigten abzuschreiten. Wissenschaftler leisten einen wertvollen Beitrag zur Klärung der Wege und der Zusammenhänge der geforderten Neu-Harmonisierung zwischen Wissen und Glauben. Von Benedikt XVI. geforderte mutige Denker messen in einem schillernden Bild, das nicht nur „Fachleuten“ zugänglich ist, die Weiten eines christlichen Denkens aus. Die zentralen Themen entsprechen sowohl dem Wirken Gerl-Falkovitz als auch den großen Themen des katholischen philosophischen Denkens. Das Werk umfasst Studien zum Verhältnis von Religion, Glauben und Philosophie, zu Edith Stein, der großen Philosophin, Braut Gottes und Märtyrerin, und Romano Guardini, dem für das Denken Benedikts XVI. so wichtigen Philosophen. Arbeiten zu Themen der Anthropologie und Ethik bilden den vierten Abschnitt des Bandes, der im fünften Teil mit „interdisziplinären Exkursen“ in die evangelische Theologie und die Literatur beschlossen wird. Eine lyrische Festgabe in der Form eines Gedichts von Werner Bergengruen rundet das Buch ab.

Philosophie ist kein Kulturbetrieb

Was in den verschiedenen und verschiedenartigen Beiträgen deutlich wird (Bernhard Casper, Jörg Splett und Hans Maier seien nur stellvertretend erwähnt, ohne den anderen Autoren Würde und Rang absprechen zu wollen), ist, dass „Religionsphilosophie“ nicht als eine Sonderdisziplin der philosophischen Wissenschaften aufgefasst wird: Sie ist keine der vielen „Genitiv-Philosophien“ der Neuzeit, in denen der „behandelte Gegenstand“ den philosophischen Akt bestimmt. Leidet die Neuzeit daran, wie es einmal Martin Heidegger zum Ausdruck gebracht hat, dass das Denken zur „Philosophie als Kulturbetrieb“ verkommt und sich so Geltung verschaffen will (was ihr nur schlecht, weil in unbedeutender Weise gelingt), so ist es hingegen das Kennzeichen der authentischen Religionsphilosophie, dass sie sich der Urfrage und der Ursprungsfrage allen metaphysischen Denkens stellt: der Frage nach dem Sein, dessen Herkunft und Zukunft, dessen Weg, dessen Sinn. Es geht nicht um einen anthropologisch sezierbaren Teilbereich des Menschseins, nicht um seine „religiöse Sensibilität“ und ebenso wenig um seine „religiösen Organe“. Das, was auf dem Spiel steht, ist die Totalität des Menschseins und die Totalität der Wirklichkeit, ohne aus dieser Wirklichkeit etwas ausschließen zu können.

Die Beiträge des Bandes lassen ersichtlich werden, dass und wie Religiosität und vornehmlich das Christentum und Christsein keine Wirklichkeiten sind, die zum Menschsein und zum Sein des Kosmos hinzukommen. Sie sind kein Gewand, das beliebig an- oder ausgezogen werden könnte. Ebenso wenig kann das religiöse Phänomen in die Verschlossenheit einer Innerlichkeit oder eines Kirchenraumes verbannt werden. Gott selbst ist Kommunikation. Der christliche Gott als dreifaltiger gar ist als Ein Gott nicht einsam, ihm ist sein Geschöpf nicht gleichgültig. Gott ist der Gott mit uns. Das Mitsein Gottes mit dem Menschen begründet die notwendige Antwort (im positiven oder negativen Sinne) seitens des Menschen. Egal, wie diese Antwort ausfällt: der Mensch kann sich ihrer nicht entziehen. Darin gründet der Wahrheitsanspruch der Religion und der Philosophie, die sie als menschliches und göttliches Ereignis in der Geschichte, die Gott mit der Schöpfung lebt, erkennt. Religion, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ethik können, ohne den Menschen seiner Wahrheitsfähigkeit zu berauben und ihn zum Gefangenen einer erdrückenden Objektivität zu machen, nicht voneinander getrennt werden.

Die Wege, die Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz angeht, kondensieren sich in ihrem Werk. Das geschriebene Wort lässt sich nicht vom Leben trennen. Schüler, Freunde und Kollegen bringen dies durch ihr eigenes Arbeiten zum Ausdruck. Die Festschrift führt an die gelebte Philosophie des Heiligen als Heiligkeit (Sacrum) und des Heiligen als Person (Sanctus) heran. Sie reiht sich in das Bedürfnis nach einer „neuen Aufklärung“ ein, ohne vorschnelle Antworten oder ostentative Sicherheiten vorzubringen, in der ursprünglichen Hoffnung des Sinn stiftenden „Etsi Deus daretur“ (als ob es Gott gäbe), das sich herangehend und klärend dann dem nähert, „quod omnes dicunt Deum“ (was alle Gott nennen). Die Schrift besticht durch das in ihr offenbar werdende farbenreiche und mehrdimensionale Mosaik der Vielheit der möglichen Standpunkte. Eine Vielheit, die in der Einheit des Erstrebten, nämlich der Wahrheit und deren Gegenwart, ihren Grund hat, in freier Gefolgschaft des Heiligen Augustinus: „Si enim creditur et docetur, quod est humanae salutis caput, non aliam esse philosophiam, id est sapientiae studium, et aliam religionem“ („Glaubt und lehrt man das, was für das menschliche Wohl das Hauptsächliche ist, so ist die Philosophie, das heißt der innere Trieb nach Weisheit, nichts anderes als Religion“).

[René Kaufmann/Holger Ebelt (Hgg.): Scientia et Religio – Religionsphilosophische Orientierungen. Festschrift für Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, Thelem Universitätsverlag, Dresden 2005, 522 Seiten, ISBN 3-937672-58-3, EUR 35,–; © Die Tagespost vom 27.01.2007]