„Der Mensch braucht Hoffnung": Bischof Kurt Koch über die neue Enzyklika Benedikts XVI.

Hoffnung ist für den Papst „das zentrale Leitwort des christlichen Glaubens“

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BASEL, 30. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Hinführung, die der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz und Bischof von Basel, Kurt Koch, zur heute vorgestellten neuen Enzyklika Benedikts XVI. „Spe salvi“ über die christliche Hoffnung geschrieben hat.

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„DER MENSCH BRAUCHT GOTT, SONST IST ER HOFFNUNGSLOS“

Hinführung zur zweiten Enzyklika von Papst Benedikt XVI.

über die christliche Hoffnung

Bischof Kurt Koch


Die Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen, ist im Grunde die Lehre von der christlichen Hoffnung. Eine solche hat der Theologieprofessor Joseph Ratzinger im Jahre 1977 vorgelegt und von diesem Buch in seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“ gesagt, er sehe es als sein „am meisten durchgearbeitetes Werk“ an. In seinem neuen Vorwort zur Neuauflage dieses Werks, das er als Papst Benedikt XVI. geschrieben hat, gibt er als entscheidenden Hintergrund seiner damaligen Publikation an, dass die Hoffnung damals nur noch als eine die Welt verändernde Tat angesehen wurde, aus der eine „bessere Welt“ hervorgehen sollte: „Hoffnung wurde so politisch, und ihre Vollstreckung erschien dem Menschen selbst aufgetragen. Das Reich Gottes, um das im Christentum alles kreist, werde das Reich des Menschen sein, die ‚bessere Welt’ von morgen.“

Damit ist auch die Stossrichtung der zweiten Enzyklika benannt, die Papst Benedikt XVI. der christlichen Hoffnung gewidmet hat, nachdem seine erste – „Deus caritas est“ – die Liebe zum Thema hatte. Weil wir auf Hoffnung hin gerettet sind, wie Paulus sagt, hat der Papst seiner Enzyklika den Titel „Spe salvi“ gegeben. Hoffnung ist für ihn das zentrale Leitwort des christlichen Glaubens. Er erblickt das Unterscheidende der Christen darin, „dass sie Zukunft haben“: „Erst wenn Zukunft als positive Realität gewiss ist, wird auch die Gegenwart lebbar.“ Die christliche Botschaft von der Hoffnung ist dabei nicht bloss eine „informative“, sondern eine „performative“ Sprache, „die Tatsachen wirkt und Leben verändert“ (Nr. 2).

Im ersten Teil zeigt der Papst, dass der Glaube die „Substanz“ der Hoffnung ist und wie im Neuen Testament und in der frühen Kirche die christliche Hoffnung verstanden worden ist, nämlich als Warten auf etwas Kommendes, das aber von einer geschenkten Gegenwart her erfolgt: „Es ist Warten in der Gegenwart Christi, mit dem gegenwärtigen Christus auf das Ganzwerden seines Leibes, auf sein endgültiges Kommen hin“ (Nr. 9). Die christliche Hoffnung richtet sich deshalb nicht auf „Etwas“, beispielsweise auf einen in die Zukunft gerichteten Wunsch, sondern auf ein „Jemand“, auf eine Person, auf Jesus Christus, der der Menschheit Gott und damit die wahre Hoffnung gebracht hat. Christliche Hoffnung ist deshalb weder eine Utopie noch ein Prinzip, sondern eine Person.

Im nächsten Teil präzisiert der Papst, dass sich die christliche Hoffnung auf das ewige Leben ausrichtet. Mit sehr sensiblen Beobachtungen weist er auf die Paradoxie im menschlichen Leben hin, dass der Mensch auf der einen Seite nicht sterben und auf der anderen Seite auch nicht ewig und damit gleichsam endlos leben möchte. Diese Paradoxie deutet darauf hin, dass wir das eigentlich nicht kennen, auf das wir zutiefst hoffen, und dass das Wort „ewiges Leben“ versucht, diesem „unbekannt Bekannten“ einen Namen zu geben, nämlich dem Eintauchen des Menschen „in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt“ (Nr. 12).

Mit dieser Konzentration der christlichen Hoffnung auf das ewige Leben hat man dem Christentum aber den Vorwurf gemacht, dass seine Hoffnung heilsindividualistisch ausgerichtet sei. Auf diesen Vorwurf geht der Papst in einem eigenen Abschnitt ein und zeigt nicht nur, dass sich christliche Hoffnung immer auf eine gemeinschaftliche Wirklichkeit richtet, sondern er erblickt den eigentlichen Grund für diesen Vorwurf in der Umwandlung des christlichen Hoffnungsglaubens in der Neuzeit, mit der die Erlösung und damit die Wiederherstellung des verlorenen Paradieses nicht mehr vom Glauben erwartet wird, sondern von der Wissenschaft und vom politischen Handeln. Dass sich nun der Glaube an den wissenschaftlichen Fortschritt als neue Gestalt der „christlichen“ Hoffnung herausstellt, dies zeigt der Papst in den denkerischen Entwicklungen von Friedrich Engels über Karl Marx bis zu Lenin auf und legt dar, dass deren eigentlicher Irrtum der Materialismus gewesen ist: „Der Mensch ist eben nicht nur Produkt ökonomischer Zustände, und man kann ihn allein von aussen her, durch das Schaffen günstiger ökonomischer Bedingungen, nicht heilen“ (Nr. 21). Demgegenüber stellt sich die christliche Hoffnung als grossartige Verteidigung der menschlichen Vernunft und Freiheit dar.

Nachdem diese grossen Verheissungen der Neuzeit erst recht menschenunwürdige Strukturen geschaffen und sich so als ideologische Mythen entlarvt haben, ist es wieder möglich geworden, die „wahre Gestalt der christlichen Hoffnung“ zu zeigen. Bei allen kleineren und grösseren Hoffnungen, die der Mensch jeden Tag braucht und die ihn auf dem Weg halten, kann doch die ganz grosse Hoffnung nur Gott sein, der das Ganze umfasst und dem Menschen schenken kann, was er allein nicht zu geben vermag: „Die wahre, die grosse und durch alle Brüche hindurch tragende Hoffnung des Menschen kann nur Gott sein – der Gott, der uns ‚bis ans Ende’, ‚bis zur Vollendung’ geliebt hat und liebt“ (Nr. 27). Deshalb erlösen nicht die Wissenschaft und die politische Praxis den Menschen, sondern nur die Liebe.

Im letzten Teil konkretisiert der Papst weiter, was die christliche Hoffnung auf das wahre Leben beinhaltet, indem er auf praktische Lern- und Übungsorte der Hoffnung eingeht. Solche sieht er nicht nur im Gebet, sondern auch im Tun und Leiden des Menschen, in dem er des „Trostes der mitleidenden Liebe Gottes“ – und damit der con-solatio im ursprünglichen Sinn des Wortes – gewiss sein darf. Der entscheidende Lern- und Übungsort der Hoffnung aber ist der Ausblick auf das Letzte Gericht, weil nur von ihm her Gerechtigkeit für alle Menschen, vor allem für die zu kurz gekommenen und in ihrer Würde beschädigten Menschen, möglich werden kann. Der Glaube an das letzte Gericht ist deshalb keine Drohbotschaft, sondern in erster Linie Evangelium und Hoffnung, da Gott selbst in der Gestalt des leidenden Christus, „der die Gottverlassenheit des Menschen mitträgt“ (Nr. 43), sein wahres Gesicht gezeigt und Gericht und Gnade so ineinander gefügt hat, dass Gerechtigkeit für alle Menschen verwirklicht werden kann.

Die Enzyklika endet mit einem Ausblick auf Maria, den Stern und die Mutter der Hoffnung, die mit ihrem Ja-Wort Gott selbst die Türe in unsere Welt geöffnet und damit das Ziel unserer Hoffnung vor Augen geführt hat. Mit dieser Enzyklika erinnert der Papst nicht nur an die elementare eschatologische Dimension des christlichen Glaubens, sondern er gibt auch ein weiteres schönes Beispiel dafür, was Elementarisierung des Glaubens in der heutigen pluralistischen und relativistischen Welt heisst. Seine Verkündigung konzentriert sich nicht auf Gebote und Verbote, sondern auf die Schönheiten des christlichen Glaubens. Er löst damit jenes Grundsatzprogramm ein, das er selbst in seinem grossen Interview vor dem Besuch in Bayern mit den Worten formuliert hat: „Das Christentum, der Katholizismus ist nicht eine Ansammlung von Verboten, sondern eine positive Option. Und die wieder zu sehen ist ganz wichtig, weil die fast ganz aus dem Blickfeld verschwunden ist. Man hat so viel gehört, was man nicht darf, dass man jetzt hingegen sagen muss: Wir haben aber eine positive Idee“ (Interview vom 5. August 2006). Von dieser Grundüberzeugung ist die ganze Enzyklika über die christliche Hoffnung getragen.

Die Enzyklika wird bewusst am 30. November, am Fest des Heiligen Andreas, vom Papst unterzeichnet und veröffentlicht. Andreas, der Bruder des Petrus, ist der Patron des Sitzes der orthodoxen Kirche in Konstantinopel und wird in der byzantinischen Liturgie mit dem Beinamen „Protoklitos“ (der Erstberufene) verehrt. Wie zwischen Petrus und Andreas eine brüderliche Beziehung gelebt hat, so fühlen sich die Kirche von Rom und die Kirche von Konstantinopel als Schwesterkirchen, die sich an ihren Hochfesten gegenseitig besuchen. Wenn Papst Benedikt XVI. seine Enzyklika am Festtag des Heiligen Andreas veröffentlicht, bringt er damit auch seine grosse Hoffnung zum Ausdruck, dass zwischen beiden Kirchen endlich wieder volle Kirchen- und Eucharistiegemeinschaft gelebt werden kann. Denn christliche Hoffnung muss ökumenisch bewährt werden, wenn sie in der heutigen Welt glaubwürdig sein will.

[Von der Schweizer Bischofskonferenz zugesandtes Original]