Der Mensch ist geschaffen für den Frieden, der ein Geschenk Gottes ist

Messe am Fest der Gottesmutter Maria und 46. Weltfriedenstag

Rom, (ZENIT.org) | 1322 klicks

Gestern Vormittag feierte Benedikt XVI. im Petersdom eine feierliche Messe zum Hochfest der Gottesmutter Maria. Am selben Tag wurde weltweit auch der 46. Weltfriedenstag unter dem Motto: „Selig, die Frieden stiften” gefeiert.  An der Zelebration nahmen Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone, Kardinal Peter Turkson, Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Kardinal Giovanni Angelo Becciu, Erzbischof von Roselle und Substitut des Vatikanischen Staatssekretariates, Dominique Mamberti, Erzbischof von Sagona und Sekretär für die Beziehung mit den Staaten und Kardinal Mario Toso, Bischof von Bisarcio und Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, teil.

[Wir dokumentieren die Predigt in der offiziellen deutschen Übersetzung:]

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 Liebe Brüder und Schwestern!

„Gott segne uns, er lasse sein Angesicht über uns leuchten.“ So haben wir mit den Worten von Psalm 66 gerufen, nachdem wir in der ersten Lesung den alten Priestersegen über das Bundesvolk gehört haben. Es ist besonders bedeutsam, dass Gott zu Beginn jedes neuen Jahres auf uns, sein Volk, den leuchtenden Glanz seines heiligen Namens legt, dieses Namens, der in der feierlichen Formel des biblischen Segens dreimal ausgesprochen wird. Und nicht weniger bedeutsam ist, dass dem Wort Gottes – das „ Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt “ hat, als „ Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9.14) – acht Tage nach seiner Geburt der Name Jesus gegeben wird, wie uns das heutige Evangelium berichtet (vgl. Lk 2,21).

In diesem Namen sind wir hier versammelt. Von Herzen begrüße ich alle Anwesenden, angefangen von den verehrten Botschaftern des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps. Herzlich grüße ich meinen Staatssekretär Kardinal Bertone und Kardinal Turkson mit allen Mitgliedern des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden; ihnen bin ich besonders dankbar für ihren Einsatz bei der Verbreitung der Botschaft zum Weltfriedenstag, dessen Thema in diesem Jahr lautet: „Selig, die Frieden stiften.“

Obwohl die Welt leider noch durch „Spannungen und Konfliktherde, deren Ursache in der zunehmenden Ungleichheit zwischen Reichen und Armen wie in der Dominanz einer egoistischen und individualistischen Mentalität liegt, die sich auch in einem ungeregelten Finanzkapitalismus ausdrückt“, gekennzeichnet und außerdem durch verschiedene Formen von Terrorismus und Kriminalität bedroht ist, bin ich überzeugt, dass „die vielfältigen Werke des Friedens, an denen die Welt reich ist, die angeborene Berufung der Menschheit zum Frieden“ beweisen. „Jedem Menschen ist der Wunsch nach Frieden wesenseigen und deckt sich in gewisser Weise mit dem Wunsch nach einem erfüllten, glücklichen und gut verwirklichten Leben. Mit anderen Worten, der Wunsch nach Frieden entspricht einem grundlegenden moralischen Prinzip, d. h. dem Recht auf eine ganzheitliche, soziale, gemeinschaftliche Entwicklung mit den dazu gehörenden Pflichten, und das ist Teil des Planes Gottes für den Menschen. Der Mensch ist geschaffen für den Frieden, der ein Geschenk Gottes ist. All das hat mich angeregt, für diese Botschaft von den Worten Jesu Christi auszugehen: Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden (Mt 5,9) “ (Botschaft zum Weltfriedenstag, 1). Diese Seligpreisung „ besagt, dass der Friede messianisches Geschenk und zugleich Ergebnis menschlichen Bemühens ist … Er ist innerer Friede mit sich selbst, er ist äußerer Friede mit dem Nächsten und mit der gesamten Schöpfung „ (ebd., 2 und 3). Ja, der Friede ist das Gute schlechthin, das als Geschenk Gottes erfleht und zugleich mit aller Anstrengung aufgebaut werden muss.

Wir können uns fragen: Was ist das Fundament, der Ursprung, die Wurzel dieses Friedens? Wie können wir in uns den Frieden verspüren trotz der Probleme, der Dunkelheiten, der Ängste? Die Antwort wird uns von den Lesungen der heutigen Liturgie gegeben. Die biblischen Texte, vor allem der eben vorgetragene Abschnitt aus dem Lukasevangelium, schlagen uns vor, den inneren Frieden Marias, der Mutter Jesu, zu betrachten. Für sie ereignet sich in den Tagen, in denen sie „ ihren Sohn, den Erstgeborenen “ (Lk 2,7) gebären sollte, viel Unvorhergesehenes: nicht allein die Geburt des Sohnes, sondern zuvor die anstrengende Reise von Nazareth nach Bethlehem, die Unmöglichkeit, einen Platz in der Herberge zu finden, die Suche nach einer Notunterkunft in der Nacht; und dann der Gesang der Engel, der unerwartete Besuch der Hirten. Bei alldem verliert Maria jedoch nicht die Fassung, sie gerät nicht in Aufregung und wird durch Tatsachen, die sie übersteigen, nicht erschüttert. Schweigend betrachtet sie einfach, was geschieht, bewahrt es in ihrem Gedächtnis und in ihrem Herzen, indem sie ruhig und gelassen darüber nachdenkt. Das ist der innere Friede, den wir haben möchten inmitten der manchmal stürmischen und wirren Ereignisse der Geschichte, deren Sinn wir häufig nicht erfassen und die uns erschüttern.

Der Evangelienabschnitt endet mit einer kurzen Erwähnung der Beschneidung Jesu. Nach dem mosaischen Gesetz musste ein Knabe am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten werden, und in diesem Moment wurde ihm der Name gegeben. Gott selber hatte durch seinen Boten zu Maria – und auch zu Joseph – gesagt, dass der Name für den Knaben „ Jesus“ sei (vgl. Mt 1,21; Lk 1,31); und so geschah es. Jener Name, den Gott schon bestimmt hatte, noch bevor der Knabe empfangen wurde, wird ihm jetzt im Moment der Beschneidung offiziell gegeben. Und das kennzeichnet ein für alle Mal auch die Identität Marias: Sie ist „die Mutter Jesu“, das heißt die Mutter des Retters, des Christus, des Herrn. Jesus ist nicht ein Mensch wie jeder andere, sondern er ist das Wort Gottes, eine der göttlichen Personen, der Sohn Gottes: Darum hat die Kirche Maria den Titel Theotokos, „Mutter Gottes“ verliehen.

Die erste Lesung erinnert uns daran, dass der Friede – gemäß dem Text aus dem Buch Numeri, das die von den Priestern des Volkes Israel in den liturgischen Versammlungen angewendete Segensformel überliefert – ein Geschenk Gottes und an das Leuchten von Gottes Angesicht gebunden ist. Ein Segen, der dreimal den heiligen Namen Gottes, den unaussprechlichen Namen wiederholt und ihn jedesmal mit zwei Verben verbindet, die eine Handlung zugunsten des Menschen bezeichnen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil“ (6,24-26). Der Friede ist also der Höhepunkt dieser sechs Handlungen Gottes zu unseren Gunsten, in denen er uns das Leuchten seines Angesichtes zuwendet.

Für die Heilige Schrift ist das Schauen von Gottes Angesicht das höchste Glück: „Wenn du ihn anblickst, schenkst du ihm große Freude“, sagt der Psalmist (Ps 21,7). Aus der Betrachtung von Gottes Angesicht gehen Freude, Sicherheit und Friede hervor. Aber was bedeutet im Verständnis des Neuen Testaments konkret, das Angesicht des Herrn zu schauen? Es bedeutet, ihn durch Jesus Christus, in dem er sich offenbart hat, unmittelbar zu erkennen, soweit das in diesem Leben möglich ist. Sich des Glanzes von Gottes Angesicht zu erfreuen bedeutet, in das Geheimnis seines Namens einzudringen, der uns durch Jesus offenbart wurde, etwas von seinem Leben und seinem Willen zu verstehen, damit wir gemäß seinem Plan der Liebe für die Menschheit leben können. Das sagt der Apostel Paulus in der zweiten Lesung aus dem Brief an die Galater (vgl. 4,4-7), wenn er von dem Geist spricht, der im Innern unserer Herzen „Abbà! Vater!“ ruft. Es ist der Ruf, der aus der Schau des wahren Angesichtes Gottes, aus der Offenbarung des Geheimnisses des Namens hervorgeht. Jesus sagt: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart“ (Joh 17,6). Der menschgewordene Sohn Gottes hat uns den Vater erkennen lassen, hat uns in seinem sichtbaren menschlichen Angesicht das unsichtbare Angesicht des Vaters wahrnehmen lassen; durch das Geschenk des Heiligen Geistes, der in unsere Herzen ausgegossen wurde, hat er uns erkennen lassen, dass in ihm auch wir Kinder Gottes sind, wie der heilige Paulus in dem Abschnitt betont, den wir gehört haben: „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater!“ (Gal 4,6).

Das ist, liebe Brüder und Schwestern, das Fundament unseres Friedens: die Gewissheit, in Jesus Christus den Glanz des Angesichtes Gottes des Vaters zu schauen, im Sohn Kinder Gottes zu sein und so auf dem Lebensweg dieselbe Sicherheit zu besitzen, die das Kind in den Armen eines guten, allmächtigen Vaters empfindet. Das Leuchten des Angesichts des Herrn über uns, das uns Frieden schenkt, ist der Ausdruck seiner Vaterschaft; der Herr wendet uns sein Angesicht zu, er erweist sich als Vater und schenkt uns Frieden. Darin liegt der Ursprung jenes tiefen Friedens – „des Friedens mit Gott“ –, der untrennbar mit dem Glauben und mit der Gnade verbunden ist, wie der heilige Paulus an die Christen Roms schreibt (vgl. Röm 5,2). Nichts kann den Christen diesen Frieden nehmen, nicht einmal die Schwierigkeiten und die Leiden des Lebens. Die Leiden, Prüfungen und Dunkelheiten zerstören nämlich unsere Hoffnung nicht, sondern sie stärken eine Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt, denn „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5).

Die Jungfrau Maria, die wir heute unter dem Titel der Mutter Gottes verehren, helfe uns, das Angesicht Jesu, des Friedensfürstes, zu betrachten. Sie unterstütze und begleite uns in diesem neuen Jahr; sie erwirke uns und der ganzen Welt das Geschenk des Friedens. Amen!

[© 2013 – Libreria Editrice Vaticana]