Der Mensch ist keine Maschine: Warum der Staat den Sonntag vor dem Zugriff des Kapitalismus schützen muss

Von Professor Peter Schallenberg

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WÜRZBURG, 26. November 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wer in Rom die Basilika San Giovanni in Laterano betritt, der sieht im rechten Seitenschiff – hoch oben an der Wand und leicht zu übersehen – ein kleines Fresko von Giotto. Es stammt noch aus dem Vorgängerbau der jetzigen Basilika und wurde aus Ehrfurcht bei der barocken Neugestaltung des Inneren übernommen. Man sieht einen Papst auf dem Balkon der alten Lateransbasilika, segnend. Es ist Bonifaz VIII., der im Jahre 1300 das erste Heilige Jahr der Christenheit feierlich eröffnet. Seitdem werden solche „Jubel-Jahre“ gefeiert, zunächst nach der ursprünglichen Bestimmung Bonifaz‘ VIII. alle hundert Jahre, dann bald auf alle fünfzig Jahre vermindert, schließlich noch einmal verkürzt auf einen Zeitabstand von 25 Jahren – damit jeder Christ wenigstens einmal in seinem Leben Gelegenheit habe, zum Heiligen Jahr eine Pilgerfahrt nach Rom zu unternehmen und den Jubiläumsablass zu gewinnen.



Hinweis auf das Ziel des ewigen Lebens

So ist es bis heute. Und wer nach Rom im Heiligen Jahr pilgert, der macht die Sieben-Kirchen-Wallfahrt, schreitet durch die Heiligen Pforten der großen Basiliken, die nur in einem Heiligen Jahr geöffnet sind, und betet an den Gräbern der Apostel und Märtyrer. Und der Pilger denkt, wie Werner Bergengruen es unübertroffen schön im letzten Kapitel seines „Römischen Erinnerungsbuches“ ausdrückt, darüber nach, dass jedem Pilger eine Heimkehr verheißen ist und dass diese Heimkehr gut vorbereitet sein will.

Was dies alles mit dem Sonntag und der Feiertagsruhe zu tun hat? Sehr viel! Das „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ unterstreicht unter Nr. 285 in wünschenswerter Klarheit: „Der Tag des Herrn soll stets als Tag der Befreiung gelebt werden, der uns an ,einer festlichen Versammlung‘ und an der ,Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind‘ (Hebr 12,22-23), teilnehmen lässt und die Feier des ewigen Pascha in der Herrlichkeit des Himmels vorwegnimmt.“ Und etwas vorher heißt es: „Die Feiertagsruhe ist ein Recht, denn Gott ,ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte‘ (Gen 2,2).“

Das genau ist der Spannungsbogen der irdischen Pilgerschaft, den der Sonntag vor Augen stellt: Der Christ ist ein Mensch sowohl des ersten wie auch des achten Tages, wie Augustinus dies einmal in seinem großen Werk „Vom Gottesstaat“ ausdrückt. Und Papst Johannes Paul II. unterstreicht dies ähnlich in seinem Apostolischen Schreiben „Dies Domini“ von 1998: „Die Feier des Sonntags, des ersten und zugleich achten Tages, verweist den Christen auf das Ziel des ewigen Lebens.“

Im Hintergrund steht zunächst der biblische Schöpfungsbericht: Gott erschafft die Welt im Sieben-Tage-Werk. Am siebten Tag ruht er, nachdem er alles sehr gut erschaffen hat. Hier ist natürlich kein Polizeiprotokoll der Weltschöpfung gemeint, vielmehr wird mit der Zahl „Sieben“ die Vollkommenheit und Gutheit der Schöpfung zum Ausdruck gebracht. Denn die „Vier“ ist in den alten Kulturen die Zahl der begrenzten Welt (vier Himmelsrichtungen, vier Elemente), eine Zahl weniger aber, nämlich „Drei“, ist die Zahl der Nicht-Welt, also die Zahl Gottes. Drei und Vier, Gott und seine Schöpfung, ergeben Sieben, die vollkommene Einheit von Schöpfer und Schöpfung.

Und daher ist das „Ausruhen Gottes“ am siebten Tag, das die Juden bis heute durch den Sabbat und seine Ruhe nachahmen, auch kein Ausruhen in Müdigkeit, sondern eine ruhige Freude über das gelungene Werk. Jeder Sabbat war und ist daher in jüdischem Verständnis ein Tag der Befreiung, der zugleich auf die große Befreiung am Ende der Zeit hinweist und vor Augen stellt: Welt und Mensch gehören nicht sich selbst, sondern letztlich Gott, dem Schöpfer. Der Mensch verwaltet die Welt und sein eigenes Leben im Auftrag Gottes und in Verantwortung vor ihm. Und er hat dereinst Rechenschaft dafür abzulegen.

Deswegen gab es in der jüdischen Tradition nicht nur den Sabbat, sondern alle sieben Jahre auch das „Jobel-Jahr“ und ein großes „Jobel-Jahr“ nach sieben mal sieben Jahren, im 50. Jahr – ein großer Sabbat gleichsam, benannt nach dem Widderhorn (jobel), mit dem solche Jahre feierlich verkündet wurden. Wie der Sabbat, so stellte auch das Jubeljahr deutlich vor Augen: Der Mensch ist Verwalter Gottes, Welt und Mensch gehören Gott. Daher endeten in Jubeljahren alle Pacht- und Besitzverhältnisse, alles fiel zurück in Gottes Hände, alles auf der Erde wurde gleichsam auf den Punkt Null zurückgedreht, wo es bei Gott seinen Anfang genommen hatte und wohin es auch zurückkehren wird.

Die Christen übernahmen diesen jüdischen Gedanken des Sabbat und seiner Ruhe und verbanden ihn jetzt deutlicher noch als vorher mit dem ersten Tag der neuen Schöpfung, gleichsam als Überbietung der irdischen Sieben-Tage-Ordnung: Daher ist der Sonntag in christlichem Verständnis sowohl erster wie auch achter Tag, Schöpfungstag und Erlösungstag, guter Anfang und beste Vollendung. Und die Jubeljahre, die Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 in Erinnerung an die jüdische Sitte einführte, sind dann wie große Sonntage: nicht einfach Gelegenheit zum Ausruhen, sondern Zeit für die Ewigkeit! Zeit, um zu pilgern, auf die bisherige Lebenszeit zurückzublicken, zu beten und nachdenklich zu werden, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen.

Und genau so der Sonntag: Er ist nicht einfach ein Tag der Arbeitsruhe, wie die Französische Revolution es gründlich missverstand und daher praktischerweise die Zehn-Tage-Woche einführte in dem Gedanken, neun Tage Arbeiten am Stück sei wohl zumutbar. Nein: Der Sonntag ist Erinnerung an den Anfang der Welt und zugleich des eigenen Lebens, und dass es sehr gut ist, dass es die Welt gibt und auch mein eigenes Leben. Er ist Erinnerung an die eigene Verantwortung und die Aufgabe, im Auftrag Gottes in dieser Welt und im eigenen Leben zu wirken. Und Erinnerung an die enge Pforte des Todes, die jeder von uns am Ende des Lebens durchschreiten muss und an den, der dahinter auf uns wartet und die ganze Welt in seinen Händen hält: Gott. Und daher ist der Sonntag Tag der Eucharistie, der Hl. Messe, von der Georges Bernanos sagt: „Für den Moment der Messe sind wir in die Ewigkeit Gottes versetzt!“

Das könnte man mit Fug und Recht vom ganzen Sonntag sagen: An jenem Tag, wie auch an jedem Feiertag und in jedem Jubeljahr, sind wir geradezu in die Ewigkeit Gottes versetzt. Und wenn unsere Taufe deutlich machte, dass wir seitdem mit einem Bein schon im Himmel stehen, so führt uns dies der Sonntag regelmäßig vor Augen, tröstlich und anfordernd zugleich.

Ein Tag der Ruhe und der Besinnung für jeden

Wenn aber doch jeder Mensch zur Ewigkeit Gottes berufen ist, wenn doch jeder Verantwortung für sein Leben trägt, wenn jeder einst Rechenschaft ablegen muss von der Verwaltung seiner Talente, dann ist es eben aus christlicher Sicht wichtig, dass der Sonntag nach Möglichkeit nicht einfach nur ein christlich spezieller Feiertag ist, sondern ein allgemeingültiger Tag der Ruhe und Besinnung für jeden Menschen. Denn jeder Mensch trägt in sich das Verlangen, über den letzten Sinn seines Lebens nachzudenken, der sich nicht erschöpft in bienenfleißiger Emsigkeit und selbstverliebtem Kaufrausch. „Man kann doch nicht mehr von Kühlschränken, Kreuzworträtseln und Bilanzen leben!“, schreibt Antoine de Saint-Exupéry in einem seiner letzten Briefe.

Genau dies verdeutlicht der Sonntag: Der Mensch lebt nicht von Brot und Bilanzen allein, er lebt vielmehr von der Liebe Gottes, die er im eigenen Leben zu erwidern versucht. Und insofern ist der Sonntag für jeden Menschen ein Ruhe- und Angelpunkt, von wo aus jede Woche das eigene Leben und das eigene Mühen angeschaut werden soll. Das ist der letzte und tiefe Sinn des Sonntags – und der Staat tut gut daran, ihn gegen alle Versuchungen des bloßen Konsumismus und gedankenverlorenen Zeitvertreibs zu schützen und den Menschen nicht schleichend und gegen seine Würde auf eine konsumierende Arbeitsbiene zu reduzieren! Denn der Mensch ist keine Maschine, und er soll die Zeit nicht vertreiben, er soll sie erfüllen!

[Der Autor ist Professor für Moraltheologie und Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät Fulda; © Die Tagespost vom 24. November 2007]