Der Moskauer Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz über das „Jahr der Barmherzigen Liebe“ in Russland

„Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen“

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MOSKAU, 16. Februar 2007 (ZENIT.org).- Nach dem „Jahr der Bibel“ 2006 steht das kirchliche Leben in Russland in diesem Jahr ganz im Zeichen der barmherzigen Liebe. Das dazugehörige Motto „Sich beeilen, Gutes zu tun“ geht auf einen deutschen Arzt zurück, berichtete der Moskauer Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz gegenüber ZENIT.



Die Ausrufung des „Jahres der Barmherzigen Liebe“ 2007 durch die Russische Bischofskonferenz ist nach Worten des Moskauer Erzbischofs Tadeusz Kondrusiewicz als Antwort auf das Nachsynodale Apostolische Schreiben Ecclesia in Europa von Papst Johannes Paul II.“ und die erste Enzyklika Deus caritas est von Papst Benedikt XVI. zu verstehen.

„Das Motto dieses Jahres – ‚Sich beeilen, Gutes zu tun‘ – sind Worte von Dr. Feodor Haas, einem deutschen Arzt, der den größten Teil seines Lebens in Moskau verbrachte, sich um Gefangene kümmerte und dessen Lebensdevise es eben war, sich zu beeilen, Gutes zu tun.“

Die Hirten in Russland beabsichtigten in voller Übereinstimmung mit dem gleich lautenden Wunsch, den der Heilige Vater in seiner Enzyklika zum Ausdruck bringt, „dass jeder versteht, dass die Nächstenliebe ein wesentlicher Bestandteil des Wesens der Kirche ist. Zu ihrer Natur gehören nicht nur die Verkündigung des Evangeliums in der Öffentlichkeit und die Verwaltung der Sakramente, sondern auch die Werke der Barmherzigkeit“, bekräftigte der Erzbischof.

In diesem Zusammenhang wies der 61-jährige Hirte von Moskau auf eine zentrale Aussage hin, die Benedikt XVI. im Rahmen seines Deutschland-Besuchs getroffen hatte. In seiner Predigt während der Heiligen Messe am 10. September 2006 auf dem Gelände der Neuen Messe München betonte der Heilige Vater: „Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen.“ Und er fügte erklärend hinzu: „Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zu wenig. Dann treten die Techniken der Gewalt ganz schnell in den Vordergrund und die Fähigkeit zum Zerstören, zum Töten wird zur obersten Fähigkeit, zur Fähigkeit, um Macht zu erlangen, die dann irgendwann einmal das Recht bringen soll und es doch nicht bringen kann: Man geht so nur immer weiter fort von der Versöhnung, vom gemeinsamen Einsatz für die Gerechtigkeit und die Liebe. Die Maßstäbe, nach denen Technik in den Dienst des Rechts und der Liebe tritt, gehen dann verloren, aber auf diese Maßstäbe kommt alles an: Maßstäbe, die nicht nur Theorien sind, sondern das Herz erleuchten und so den Verstand und das Tun auf den rechten Weg bringen.“

Wie Erzbischof Kondrusiewicz gegenüber ZENIT erklärte, wird sich das „Jahr der Barmherzigen Liebe“ 2007 in Russland nicht nur in den Hirtenbriefen und Predigten der Ortsbischöfe widerspiegeln: „Für April ist ein Kongress geplant, der Dr. Haas gewidmet sein wird, dessen Seligsprechungsprozess schon in Vorbereitung ist.“

Der Moskauer Erzbischof hat nach eigenen Angaben bereits mit dem russisch-orthodoxen Metropoliten Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, dem Vorsitzenden des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, über diese Tagung gesprochen, „weil wir die russisch-orthodoxe Kirche dazu einladen wollen. Wir hoffen, dass viele Vertreter von ihr kommen werden, da die Gefängnisseelsorge in beiden Kirchen von großer Bedeutung ist. Die russisch-orthodoxe Kirche tut diesbezüglich sehr viel, und es wird sehr bereichernd werden, ihre Erfahrungen zu hören.“

Ein weiterer Höhepunkt im „Jahr der barmherzigen Liebe“ sei der Kongress, der am 12. und 13. Mai 2007 anlässlich des 90. Jahrestages der Erscheinungen der Jungfrau von Fatima (Portugal) abgehalten werde. Diese Veranstaltung sei Ausdruck dafür, „dass solche Erscheinungen auch eine Offenbarung der wohltätigen Liebe Gottes für Russland darstellen. Damals, im Jahr 1917, sagte die allerseligste Jungfrau etwas über die Geschichte Russlands und der ganzen Welt voraus. Und augrund dessen, was hier geschehen würde, rief sie zur Umkehr auf. Mit ihrer Botschaft schenkte sie uns zugleich eine Hoffnung, von der wir heute Zeugen sind.“

Die verschiedenen Werke der Barmherzigkeit, die im Jahr 2007 verwirklicht würden, richteten sich in erster Linie an die eigenen Gläubigen. Erzbischof Kondrusiewicz: „Karitative Tätigkeiten sollen denjenigen zugute kommen, die in Not sind, und in unseren Gemeinschaften gibt es zahlreiche Menschen, die Unterstützung brauchen.“

Auf Initiative von des Moskauer Erzbischofs soll es zum in Zukunft eine enge Zusammenarbeit zwischen der Moskauer Caritas und der russisch-orthodoxen Kirche geben. Letztere wurde eingeladen, Priester zu entsenden, um den russisch-orthodoxen Gläubigen, die von katholischen Einrichtungen betreut würden, geistigen Beistand zukommen zu lassen.

In Russland herrsche große Armut, beklagte der Erzbischof von Moskau. Der Regierung sei es ein großer Anliegen, die staatlichen und kirchlichen Hilfsdienste gut zu koordinieren und sich gegenseitig zu helfen, „denn derzeitig gibt es in diesem Sinn keine entsprechenden russischen Gesetze“. Dafür gebe es aber bedauerlicherweise Schwierigkeiten und keinerlei steuerliche Begünstigungen.

Nach offiziellen Angaben nähmen in ganz Russland zwischen 12 und 13 Prozent der Gesamtbevölkerung die Dienste von kirchlichen Hilfswerken in Anspruch. „Das ist ein sehr hoher Prozentsatz“, betonte Erzbischof Kondrusiewicz. „Deshalb haben wir zu einer Gesetzesänderung aufgerufen. Falls es stimmt, was wir von der Regierung gehört haben, bin ich zuversichtlich, dass es eine geben wird.“