"Der Mut zur Wahrheit ist meiner Meinung nach ein erstklassiges Kriterium, um Heiligkeit zu erkennen"

Benedikt XVI. erzählt in einem Interview über seine Zusammenarbeit mit Johannes Paul II.

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 522 klicks

Benedikt XVI. erzählte in einem Interview, das er dem Journalisten Wlodzimierz Redzioch gab und das unter dem Titel „Accanto a Giovanni Paolo II. – Gli amici e i collaboratori raccontano” (Neben Johannes Paul II. – Freunde und Mitarbeiter erzählen) in Buchform veröffentlicht wurde, über seine Zusammenarbeit mit Johannes Paul II..

„In diesem Buch versuche ich, Karol Wojtyla vorzustellen, als Mensch und als Papst, in zwanzig Interviews mit Menschen, die ihm gedient haben, die ihm nahestanden, die ihm geholfen haben, die Geschichte der Kirche und der Welt zu schreiben“, berichtet Redzioch über sein Buch.

In 27 Jahren habe Johannes Paul II. die Welt verändert, weil es ihm gelungen sei, die Herzen der Menschen zu berühren.

Das Interview mit Benedikt XVI. steht an erster Stelle, gefolgt von Gesprächen mit Professor Stanislaw Grygiel, der Holocaust-Überlebenden Wanda Poltawska, Kardinal Stanisław Kazimierz Nagy, den Sekretären Kardinal Stanislaw Dziwisz, Msgr. Mieczyslaw Mokrzycki und Msgr. Emery Kabongo Kanundowi, den Mitarbeitern der Diözese Rom und des Vatikans, den Kardinälen Camillo Ruini, Angelo Sodano, Tarcisio Bertone, Msgr. Pawel Ptasznik, Dr. Joaquin Navarro-Valls, dem ehemaligen Direktor des Pressesaals des Vatikans, mit Freunden und Mitarbeitern wie Msgr. Javier Echevarria, dem Fotografen Arturo Mari, dem Journalisten und Schriftsteller Gian Franco Svidercoschi, dem Gendarmen Egildo Biocca, und dem Leibarzt Prof. Renato Buzzonetti, sowie Msgr. Sławomir Oder, Kardinal Amato, Sr. Marie Simon-Pierre Normand und Sr. Florybeth Mora Diaz, die alle in das Selig- und Heiligsprechungsverfahren involviert sind.

Benedikt XVI. beginnt seine Erzählung mit der Erinnerung an das erste Zusammentreffen mit Johannes Paul II., der auf ihn einen tiefen Eindruck hinterlassen und sofort große Sympathie geweckt habe. Beide kannten sich bis zu diesem Zeitpunkt nur durch ihre Schriften. „Das erste bewusste Treffen zwischen mir und Kardinal Wojtyla fand erst auf dem Konklave statt, das zur Wahl von Papst Johannes Paul I. führte. Während des Konzils hatten wir beide an der Konstitution über die Kirche in der Welt von heute mitgearbeitet, jedoch an verschiedenen Abschnitten, so dass wir nie Gelegenheit hatten, uns zu begegnen. Im September 1978, als die polnischen Bischöfe Deutschland besuchten, war ich gerade als persönlicher Vertreter von Papst Johannes Paul I. in Ecuador. Die Kirche in München und Freising ist mit der Ecuadorianischen Kirche durch eine Partnerschaft verbunden, die durch die Bestrebungen von Erzbischof Echevarría Ruiz von Guayaquil und Kardinal Döpfner zustande kam. So verpasste ich zu meinem großen Bedauern die Gelegenheit, den Erzbischof von Krakau persönlich kennenzulernen. Selbstverständlich hatte ich viel über sein philosophisches und seelsorgerisches Wirken gehört und hatte schon lange den Wunsch, ihn kennenzulernen. Wojtyla hatte seinerseits meine ‚Einführung in das Christentum‘ gelesen und anlässlich der geistigen Exerzitien, die er in der Fastenzeit 1976 für Paul VI. und die Kurie verfasste, auch daraus zitiert. Daher kann man sagen, dass wir innerlich beide darauf warteten, uns zu begegnen. Ich habe von Anfang an eine große Verehrung und herzliche Sympathie für den Erzbischof von Krakau empfunden. Im Vor-Konklave 1978 gab er uns eine erstaunlich tiefgründige Analyse vom Wesen des Marxismus. Vor allem aber spürte ich sofort die menschliche Ausstrahlung, die von ihm ausging; und in seiner Art zu beten sah ich, wie tief er mit Gott verbunden war.“

Benedikt XVI. beschreibt die Zusammenarbeit mit Johannes Paul II. als herzlich und freundschaftlich, sowohl auf dienstlicher als auf privater Ebene: „Die Zusammenarbeit mit dem Heiligen Vater ist immer von Freundschaft und Herzlichkeit gekennzeichnet gewesen. Sie entwickelte sich auf zwei verschiedenen Ebenen: auf der amtlichen und auf der privaten. Der Papst empfängt jeden Freitag um sechs Uhr nachmittags den Präfekten der Glaubenskongregation, der ihm die aktuellen Probleme erläutert. Den Vorrang haben selbstverständlich die doktrinären Angelegenheiten, aber oft geht es auch um disziplinarische Fragen, zum Beispiel um die Rückführung in den Laienstand von Priestern, die darum gebeten haben, oder um die Vergabe des Paulinischen Privilegs für Ehen, in denen ein Partner kein Christ ist, und so weiter. Später kam noch die Arbeit für die neue Ausgabe des Katechismus der Katholischen Kirche hinzu. Von Mal zu Mal erhielt der Heilige Vater die wichtigsten Dokumente im Voraus und wusste daher immer schon, um welche Fragen es ging. Auf diese Weise haben wir immer ein fruchtbares Gespräch über die theologischen Probleme führen können. Der Papst kannte sich auch in der neuzeitlichen deutschen Literatur gut aus, und es war immer schön, für uns beide, gemeinsam nach der richtigen Lösung zu suchen. […]“

Dass Johannes Paul II. ein sehr ernsthafter Arbeiter war, betont Benedikt XVI., als er von der ersten Reise von Johannes Paul II. nach Deutschland berichtet: „Als er zum ersten Mal als Papst Deutschland besuchte (1980), machte ich die erste direkte Erfahrung seiner immensen Arbeitsbereitschaft. Ich hatte daher für seinen Besuch in München beschlossen, ihm eine längere Mittagspause zu gönnen. Während dieser Pause rief er mich in sein Zimmer. Ich sah, dass er das Stundengebet rezitierte, und sagte zu ihm: ‚Heiliger Vater, Sie sollten sich lieber ausruhen.‘ Darauf antwortete er: ‚Ausruhen kann ich im Himmel.‘ Nur wer ganz von der Wichtigkeit seiner Mission erfüllt ist, kann so handeln. […]“

Besonders habe sich die Spiritualität von Johannes Paul II. durch die Tiefe seines Gebets ausgezeichnet; er sei stets voller Fürsorge für die Kirche und Menschen gewesen: „Die Spiritualität des Papstes war vor allem durch die Tiefe seines Gebets gekennzeichnet und daher sehr mit der Eucharistiefeier und der Einheit mit der ganzen Kirche durch das Stundengebet verwurzelt. In seinem autobiographischen Buch ‚Geschenk und Geheimnis‘ kann man nachlesen, wie sehr das Sakrament der Priesterweihe sein Leben und sein Denken geprägt hatte. Deshalb konnte seine Frömmigkeit keinen rein privaten Charakter annehmen, sondern war immer auch voller Fürsorge für die Kirche und die Menschheit. […]“

Benedikt XVI. wurde im Laufe der Jahre immer klarer, dass Johannes Paul II. ein Heiliger sei. Eine tiefe Beziehung zu Gott, tiefer Glaube, Überzeugung und Mut zur Wahrheit hätten Johannes Paul II. ausgezeichnet.

„Dass Johannes Paul II. ein Heiliger war, wurde mir in den Jahren unserer Zusammenarbeit immer deutlicher. Dazu gehört in erster Linie seine tiefe Beziehung zu Gott, sein Eintauchen in die Gemeinschaft mit dem Herrn, über das ich bereits gesprochen habe. Das war die Quelle seiner Fröhlichkeit, die er inmitten der großen Mühen, die er auf sich nehmen musste, immer bewahrte; das war auch der Ursprung seines Muts, mit dem er seine Aufgabe in einer wirklich schweren Zeit erfüllte. Johannes Paul II. suchte nicht den Beifall der Menschen und machte sich auch keine Gedanken darüber, wie seine Entscheidungen aufgenommen wurden. Er handelte nach seinem Glauben und seiner Überzeugung, und er war auch bereit, Niederlagen in Kauf zu nehmen. Der Mut zur Wahrheit ist meiner Meinung nach ein erstklassiges Kriterium, um Heiligkeit zu erkennen.“

Auch heute noch denkt Benedikt XVI. voller Dankbarkeit an die Zeit mit Johannes Paul II. zurück: „Mein Andenken an Johannes Paul II. ist von Dankbarkeit erfüllt. Ich konnte und durfte ihn nicht nachahmen, aber ich habe versucht, sein Erbe aufzunehmen und seine Aufgabe fortzusetzen, so gut es mir möglich war. Deshalb bin ich mir sicher, dass auch heute noch seine Güte mich begleitet und sein Segen mich beschützt.“

(Die Übersetzungen der wörtlichen Zitate aus dem Interview mit Benedikt XVI. aus der italienischen in die deutsche Sprache stammen von Alexander Wagensommer)

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Włodzimierz Rędzioch wurde am 1. September 1951 in Częstochowa in Polen geboren. Nach dem Ingenieurstudium setzte Rędzioch seine Studien in Warschau fort. 1980 arbeitete er für das polnische Pilgerzentrum in Rom. Von 1981 bis 2012 war er Mitarbeiter des „Osservatore Romano“. Rędzioch ist außerdem Verfasser zahlreicher Bücher, wie „Das Grab des heiligen Petrus“ (1989), „Die Vatikanischen Gärten und Castel Gandolfo“ (1990) sowie von zahlreichen Führern zu Marienheiligtümern, z.B. „Lourdes“ (1992). Seit 1995 ist er Mitarbeiter der katholischen Wochenzeitung „Niedziela”. Er arbeitet außerdem für die katholisch orientierte Monatszeitung „Inside the Vatican” und die Nachrichtenagentur „ZENIT“. Im Jahr 2000 wurde er in Polen mit dem katholischen Preis für Journalismus „Mater Verbi“ ausgezeichnet. Am 14. Juli 2006 verlieh ihm Benedikt XVI. den Titel Ordensritter des Ordens von San Silvestro.