Der neue Generalminister der Franziskaner-Minoriten und der Besuch Benedikts XVI. am 17. Juni in Assisi

Interview mit Fr. Marco Tasca OFMConv.

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ASSISI, 14. Juni 2007 (ZENIT.org).- Zum Abschluss ihres 199. Generalkapitels werden sich die Franziskaner-Minoriten in diesem Jahr nicht wie gewöhnlich zum Nachfolger des Apostels Petrus nach Rom aufmachen, um getreu dem Beispiel des heiligen Franziskus ihre Bereitschaft zu bekunden, der Kirche zu dienen: Papst Benedikt XVI. wird vielmehr zu ihnen kommen, wenn er am 17. Juni nach Assisi pilgert.



ZENIT hat den neuen Generalminister des Ordens, Fr. Marco Tasca, zur bevorstehenden Begegnung mit dem Heiligen Vater interviewt. Er wurde während des Kapitels gewählt, das vom 15. Mai bis zum 20. Juni stattfindet.

ZENIT: Am 17. Juni wird der Heilige Vater Assisi besuchen. Welche Erwartungen verbinden Sie mit seinem Besuch, und welche Auswirkungen wird er auf internationaler Ebene haben, insbesondere hinsichtlich der Frage des Friedens und des interreligiösen Dialogs?

-- Fr. Marco: Es ist ein wunderbares Zeichen Gottes, dass der Besuch von Papst Benedikt XVI. mit dem Abschluss unseres Generalkapitels zusammenfällt. Normalerweise ist es das Kapitel, das zum Nachfolger Petri pilgert, um ihm Gehorsam zu bezeugen. Aber die Vorsehung wollte uns mit der Gegenwart des Papstes hier bei uns zu Hause beschenken, wo die sterblichen Überreste unseres Gründervaters, dem heiligen Franziskus, bestattet ist.

Wir warten alle gespannt auf seine Worte, die gewiss den Weg des Ordens für die nahe Zukunft erhellen werden. Wir sind sicher, dass der Besuch des Heiligen Vaters ein Zeichen seines besonderen Wohlwollens gegenüber diesem Ort ist, den sein Vorgänger zum „Lehrstuhl des Friedens und des Dialogs“ erhoben hat. Ferner findet sein Besuch im Rahmen der Feierlichkeiten des 800. Jahrestags der Bekehrung von Franz von Assisi statt. Die Beharrlichkeit, mit der der Heilige Vater an die zentrale Stellung Jesu Christi im Leben des Menschen erinnert, stellt für uns einen weiteren Impuls dar, dem Weg der Bekehrung entschieden zu folgen, der nicht etwas ist, was ein für allemal erworben wird, sondern ein Pfad, der täglich neu begangen werden muss.

Wir sind über diesen Besuch glücklich und Papst Benedikt zutiefst dankbar; wir erwarten ihn mit Freuden, um ihm unsere Bereitschaft zu bekunden, mit der Kirche zu gehen, getreu dem Beispiel des heiligen Franziskus, der eine große Liebe für den „Herrn Papst“ hatte.

ZENIT: Sie sagten es gerade: Der Franziskanerorden begeht in diesem Jahr den 800. Jahrestag der Bekehrung des heiligen Franziskus. Wie kann ihrer Meinung nach das Charisma des Franziskus aktualisiert werden?

-- Fr. Marco: Das Charisma des Franz von Assisi beinhaltet eine besondere Gabe, die ich gern mit „ewiger Jugend des Geistes“ definiere. Deshalb glaube ich nicht, dass es irgendeiner Aktualisierung bedarf, da es seit acht Jahrhunderten immer zeitgemäß ist! Und das kommt daher, dass Franziskus sich nicht anmaßte, etwas zu erfinden, sondern einzig und allein darum bemüht war, die Taufberufung, die alle Christen teilen, aufrichtig zu leben. Und er hat das vollends getan – so, dass er von den Biographen als ein „alter Christus“ [lat. für ein „anderer Christus“, Anm. d. Red.] bezeichnet wurde.

Wir Brüder, die wir Christus in den Fußspuren des Franziskus folgen, müssen nichts anderes tun, als den gleichen Weg zu gehen. Ansonsten ist – nach Absicht des Franz von Assisi – das Evangelium unsere Norm: Ich glaube, dass wir als Bruderschaft dazu berufen sind, das Wort Gottes in die Mitte unseres Handelns und Denkens zu stellen. In diesem Sinn erachte ich die Tatsache, dass die Weltkirche sich ernsthaft mit dieser unschätzbaren Gabe, die Gott dem Menschen gemacht hat, auseinandersetzen möchte und das Wort Gottes zum Thema der nächsten Bischofssynode gemacht hat, als providentiell.

ZENIT: Ihr Orden erlebt derzeit eine intensive missionarische Ausbreitung. In welchen Gegenden der Welt kann das Franziskanische Zeugnis Völker und politischen Mächte zu größerem sozialen Engagement anregen?

-- Fr. Marco: Der Orden der Franziskaner-Konventualen verbreitet sich besonders auf der Südhalbkugel und schlägt dort Wurzeln. Trotz des beträchtlichen Rückgangs der Klöster in Europa und in den USA blühen die Berufungen in Asien (im äußersten Orient, aber auch in der ehemaligen Sowjetunion), in Afrika und Lateinamerika. Das ist sicherlich ein Trost für die Zukunft des Ordens, obwohl es natürlich auch eine ernsthafte Verpflichtung zur Vermittlung des Charismas mit sich bringt, das inkulturiert werden muss, ohne seine wesentlichen Charakteristiken zu verlieren.

Ich meine, dass der Orden nicht so sehr dazu berufen ist, soziale und politische Anregungen zu geben, als vielmehr einen prophetischen Missionsauftrag in den Gebieten der ersten Evangelisierung auszuüben, die, obschon sie bereits seit langer Zeit evangelisiert wurden, jetzt unter den Konsequenzen des Phänomens der Entchristlichung leiden.

ZENIT: Eine der größten Herausforderungen heutzutage stellen der Berufungsrückgang und die Formung neuer Seelsorger dar. Was ist notwendig, um das Franziskanische Charisma wieder neu zu beleben, vor allem in Europa?

-- Fr. Marco: Als Generalkapitel und Leitung des Ordens haben wir diese Herausforderung uns vollends zu Eigen gemacht und zum Thema unseres sechsjährigen Projekts, mit dem wir die Bruderschaft beleben wollen, die zwei derzeitigen Prioritäten gewählt, nämlich die Ausbildung und die Mission - mit allem, was dazu gehört.

Ich glaube, dass die moderne Welt mehr der Zeugen als der Lehrer bedarf, um mit Worten des großen Papstes Paul VI. Zu sprechen. Deshalb reicht es völlig aus, dass sich die Brüder darum bemühen, ein gutes Zeugnis jener Werte zu geben, die sie mit dem Bekenntnis der evangelischen Räten angenommen haben, um das Franziskanische Charisma neu zu beleben.

Die Welt von heute dürstet nach erhabenen Werten und ist – im Gegensatz zu dem, was gemeinhin behauptet wird – für ehrliche und fundierte Vorschläge nicht unempfänglich. Das stellt für uns eine große Herausforderung dar.

ZENIT: Sie stammen aus der Provinz Patavina des heiligen Antonius, Sitz der Antonianischen Werke und der Zeitschrift „Messaggero di Sant’Antonio“. Nehmen die sozialen Kommunikationsmittel für den Franziskanerorden eine bedeutende Stellung ein, gerade auch mit Blick auf die Erfahrung eines Maximilian Kolbe?

-- Fr. Marco: In einer globalisierten Welt wie der unsrigen nimmt die Kommunikation eine grundlegende Stellung ein. Die Erfahrung des heiligen Maximilian Kolbe lehrt, dass die Kommunikationsmittel im Dienst des Evangeliums zu außergewöhnlichen Mittlern der Katechese werden können.

Der Orden hat diese Herausforderung bereits angenommen und ist in verschiedenen – zumeist lokalen – Initiativen aktiv; aber aus diesem Kapitel geht das Bedürfnis hervor, auch das Kommunikationszentrum des Ordens auszubauen. Das wollen wir in diesen sechs Jahren tun.