„Der Nuntius ist eine Brücke. Er muss etwas bringen, damit es leicht zu den anderen kommt“

Interview mit Erzbischof Pèrisset im Deutschlandfunk

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BERLIN, 24. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Am vierten Adventsonntag strahlte der Deutschlandfunk das folgende längere Interview mit dem neuen offiziellen Vertreter des Heiligen Stuhls in Deutschland aus. Mit dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Jean-Claude Pèrisset sprach Hartmut Kriege.


Hartmut Kriege: Exzellenz, nach Rumänien und Moldawien hat der Heilige Stuhl Sie als Apostolischen Nuntius nach Deutschland entsandt, gleichsam aus einer osteuropäischen Region ins Herz Europas. Mit welchen Erwartungen kommen Sie nach Deutschland?

Jean-Claude Pèrisset: Also, ich komme nach Deutschland mit der Erwartung, dass ich eben meine Mission in Treue zum Papst mache und in Treue zu Deutschland mache. Denn der Nuntius ist, wie jeder Botschafter, eine Brücke zwischen seiner Regierung und dem Land, wohin er gesandt ist. Und für mich, weil der Papst Deutscher ist, ist das eine größere Verantwortung. Und deshalb: Die Erwartung, die ich habe, ist, dass ich wirklich die Meinung des Papstes immer mehr gelten lasse und dass ich eben in Rom die heutigen Erwartungen Deutschlands auch gelten lasse

Und ich muss jetzt am Anfang die Lage der Kirche in Deutschland, die soziale Lage auch, besser verstehen, die Geschichte auch immer mehr, obwohl ich als Westschweizer schon etwas weiß über Deutschland. Aber es wird mir eine Freude sein, dass ich durch diese Tätigkeit eben etwas mehr an Menschlichkeit, für mich selber und andere, bringen kann. Also, die Erwartung ist nicht, dass wir Wunder vollbringen, die Erwartung ist, dass wir Tag für Tag unsere Tätigkeit ausüben, so dass diese Beziehung wirklich zu einer lebendigen Beziehung wird für das Wohl aller.

Kriege: Sie haben gerade auf die Treue zum Papst verwiesen. Der Papst selber kommt aus dem deutschen Sprachraum. Ist das für Sie auch eine Art Verpflichtung, in besonderer Weise gerade und auch für Sie, eine Anoblierung, um diesen Dienst zu tun?

Pèrisset: Ja, Anoblierung, wenn Sie wünschen, aber für mich ist es eine größere Verantwortung. Nicht dass ich aufpassen muss, ich habe meine eigene Verantwortung, aber ich muss vielleicht besser hören, was der Papst wünscht, denn er gibt der ganzen Kirche heute die Richtung an, dass wir in der neuen Evangelisierung wirklich alle Kräfte mitnehmen, um eben die frohe Botschaft Christi gelten zu lassen.

Kriege: Sie haben gerade auf die Verbindung zum Papst verwiesen. Aber dennoch haben Sie natürlich ein großes Paket an Rüstzeug mitgebracht: Eine gediegene Ausbildung. Sie haben verschiedene Stationen hinter sich: Sie waren in Rumänien, Moldawien, aber Sie waren auch in Pakistan, in Japan, in Frankreich, in Peru, ganz unterschiedliche Länder zu Deutschland. Was verbindet aber Ihre Arbeit mit all diesen Stationen?

Pèrisset: Aber eben, dass ich katholisch bin, das gilt weltweit. Die verschiedenen Posten waren wie ein Ruf, dass ich selber das bleiben muss, was ich bin seit meiner Taufe als Christ, und dass ich in meiner Mission in den verschiedenen konkreten Fällen eben das gelten lasse, was mein Erbe ist als Christ und jetzt eben als Gesandter des Papstes in Deutschland. Also, dieser Charakter der Universalkirche ist ein Plus, und das habe ich auch bei meinen Kollegen schon als Sekretär, meinem ersten Posten in Südafrika, schon gespürt, als die sagten: Wie ist das, dass Sie zu den Schwarzen gehen können und wir nicht? Das war noch in der Zeit der Apartheid. Als Priester ging ich Samstagabend oder sonntags als Hilfe die Runde und ich wusste viel mehr von der Lage des Volkes als meine Kollegen von großen Botschaften. Als Priester wurde ich sofort angenommen.

Ich bin wie die Ohren des Papstes: Das sagte Roncalli, als er Nuntius in Bulgarien und später in Istanbul war, dass der Nuntius die Ohren des Papstes ist, um die Bitten der Leute zu hören, er ist die Augen des Papstes, um eben die Lage zu betrachten und zu sehen, wie schön das Leben der Kirche in diesem Land ist oder die Schwierigkeiten der Kirche in diesem Land, aber hauptsächlich: Der Nuntius ist das Herz des Papstes im Land, wo er eben diese Liebe für alle Leute im Land zeigen kann. Und für mich in Deutschland jetzt, weil der Papst auch aus Deutschland kommt, ist diese Verantwortung viel größer.

Kriege: Wie war es eigentlich in Rumänien, in einem Land, das ja lange dem Ostblock zugehörte, das eine katholische Minderheit besitzt, eine orthodoxe Kirche, die sehr stark ist? Wie spürte man dort "Weltkirche" aus der Sicht eines Nuntius?

Pèrisset: In Rumänien, als ich dort ankam, hatte man schon über den Besuch von Papst Johannes Paul II geredet, und ich musste diesen Besuch vorbereiten. Und für mich war es eine große Gnade, denn man wünschte diesen Besuch, den ersten Besuch einen Papstes in einem Land mit orthodoxer Mehrheit, und deshalb wurde ich sofort angenommen als einer, der für das Land auch wichtig war. Also, ich habe gespürt, dass die Universalkirche wie eine Macht angesehen wird, aber man muss aufpassen, dass wir nicht diese Macht ausüben gegen andere. Man muss viel mehr erinnert werden an das, was es heißt, katholisch zu sein in der Universalkirche, während jede orthodoxe Kirche eine Nationalkirche ist, obwohl wir praktisch in der Hauptsache den gleichen Glauben haben.

Meine Zeit in Rumänien, neun Jahre, war für mich eine Zeit, in der ich die Ecclesiologie praktisch mehr erlebt hatte als früher im Seminar, obwohl mein Professor Journet, der neue Kardinal, der ein großer Ecclesiologe war: Also, dass man erlebt, was sind diese Wahrheiten im täglichen Leben.

Kriege: Sie kommen nach Deutschland, Sie kennen Deutschland aus zwei Perspektiven: Einmal aus der Lage der Akten als Diplomat, der die Akten studiert, der die Berichte studiert, die aus den Nuntiaturen im Laufe der Jahre auch in Rom eingegangen sind. Die andere Seite ist aber auch die des Nachbarn. Sie sind Schweizer, Sie kommen aus der Westschweiz, aus der französischen Schweiz, aber dennoch ein Nachbar. Aus der Perspektive der Kirchengeschichte war Deutschland ja, das kann man sagen, nicht immer ein sehr bequemes Land. Wenn Sie einmal aus der Perspektive des Schweizers auf dieses Land schauen: Hat sich das Bild des Landes nördlich der Alpen in der diplomatischen Wahrnehmungsweise des Vatikans, aber auch in Ihrer persönlichen geändert, oder ist vieles gleich geblieben?

Pèrisset: Das ist nicht einfach zu beantworten, aber wenn ich die Geschichte Deutschlands erwähne: Ich habe Deutschland besonders durch die Taten des Heiligen Petrus Canisius, der eben in Fribourg, wo ich studiert hatte, im Kollegium, das er selber gegründet hat, kennengelernt.

Ich kannte eben die Geschichte Deutschlands in jener Zeit, wo er so viel gemacht hat, um die Beziehungen Deutschlands mit Rom zu erhalten. Und er war selber in gewisser Weise mein Vorgänger als Nuntius, denn er hatte in jener Zeit gewisse Macht als Gesandter des Papstes für Deutschland. Also, ich kann sagen, dass auch, als ich früher gewisse Besuche in Deutschland machte, besonders im ökumenischen Bereich in Paderborn am Johann-Adam-Möhler-Institut, ich habe immer die Kirche in Deutschland wirklich als eine Kirche gesehen, die die mit dem Papst verbunden ist. Ich habe nie einen antirömischen Affekt gespürt in Deutschland, was man vielleicht in der Schweiz hier und da fühlt; wo Hans Urs von Baltasar das gespürt hatte, und sein Buch über den antirömischen Affekt geschrieben hat. Dieses Buch wurde für die Schweiz gemacht, nicht für Deutschland.

Und deshalb muss ich sagen, dass für mich das Bild des Landes nördlich der Alpen ein schönes Bild ist, obwohl man immer etwas zu tun hat, dass diese Beziehungen stärker werden und vielleicht auch lebendiger. Das mag uns helfen, aber von außen her muss ich auch sagen, wegen meiner verschiedenen Posten in der ganzen Welt, dass die ganze Welt, die ganzen Kirchen der Welt auf Deutschland gezählt hatten als Unterstützer, besonders finanziell, aber nicht nur. Es waren auch Missionare, Leute, Laien, die aus Deutschland kamen, die mit großer Begeisterung eine Hilfe waren für die Lokalkirche. Meine Meinung ist, dass die Kirche in Deutschland wirklich eine weltweite Kirche ist. Und ich hoffe, dass ich jetzt das auch spüre, wenn man eben von den deutschen Katholiken eine Unterstützung für andere Kirchen wünscht oder dass man auch gewisse Versammlungen macht mit Leuten, die aus der ganzen Welt kommen. Und man kann auch auf der zivilen Ebene oder der wirtschaftlichen Ebene alles, was Deutschland macht für die ganze Welt, sehen - in der Wirtschaft, in der Unterstützung, die Deutschland auf Weltebene anderen Ländern bringt. Und ich muss sagen, Deutschland ist sehr offen zur Welt und das ist gut.

Kriege: Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Rolle, die die deutsche Theologie der Weltkirche gegeben hat?

Pèrisset: Ich schätze diese Theologie sehr. Ich erinnere mich, als ich Student war in Rom an der "Gregoriana": Ich hatte viel von Karl Rahner und seinem Bruder Hugo Rahner übernommen, und ich hatte als Unterstützung für meine Studien das "Handbuch der Pastoraltheologie", das aus Deutschland kam. Und ich fühlte mich, würde ich fast sagen, zu Hause mit dieser Führung. Und ich hoffe, das die jungen Generationen es weitermachen werden, denn man weiß, wie in Deutschland die Studien sehr gründlich gemacht werden, und dieses Experiment, das ich mit dem "Handbuch der Pastoraltheologie" machte, bleibt für mich wie ein Licht, das die deutsche Theologie der Welt bringt.

Kriege: Die deutsche Theologie ist wichtig, wichtig gewesen, aber auch immer im Zusammenspiel mit der anderen Konfession, die es in Deutschland gibt. Diese christliche Prägung, die Deutschland hat, ist gleichsam in zwei Bekenntnissen ausgedrückt, eine einmalige Situation, wenn man so will, verglichen mit anderen Ländern in Europa. Welche Tatsache ergibt sich aus dieser, ich will nicht sagen konfessionellen Zweiteilung, aber immerhin doch einer Imprägnierung des Denkens auch in Deutschland für Ihre Arbeit als Nuntius in diesem Land?


Pèrisset: Also, das werde ich sehen und ich hoffe, dass ich bei meinen Reisen in Deutschland auch Kontakt mit den lutherischen Fakultäten habe, nicht nur mit den katholischen. Und eben das ist eine gute Sache, dass man in vielen Universitäten zwei theologische Fakultäten hat, die auch hier und da gewisse gemeinsame Seminare machen, dass man sich helfen kann. Und niemand ist Besitzer der Wahrheit. Wir sind alle Diener der Wahrheit, und wir können von unseren lutherischen Brüdern viel lernen. Meine Laufbahn hatte mich eben das gelehrt, als ich beim "Rat für die Einheit der Christen" angefangen hatte. Und eine meiner ersten Aufgaben war eben, das Projekt über die Lehre über "Rechtfertigung" zu studieren, um zu sehen, um was es geht. Und dann dauerte es noch einige Zeit, und ich hatte dieses Projekt und den Text über die Rechtfertigungslehre als ein Beispiel der Zusammenarbeit mit verschiedenen Theologietraditionen.

Das ist auch durch die Geschichte geprägt, aber man hatte einen gemeinsamen Boden gefunden darüber, was das Wichtigste ist, und man lernt zuzuhören. Und für mich ist eben diese Tatsache, die in Deutschland so lebendig ist, wie eine Hilfe, dass ich durch den Dialog mit unseren Brüdern der lutherischen Kirche, dass wir auch unsere eigene Theologie besser verstehen und formulieren. Ich hoffe also, dass es in dieser Beziehung so geht, wie ich es in Rumänien mit den Orthodoxen gemacht hatte, dass wir uns eben viel näher fühlen.

Kriege: In der Rechtfertigungsfrage hat man eine Einigung gefunden, dennoch bleiben natürlich offene Fragen. Welche sind das aus der Sicht der römischen Kirche, die sozusagen die Hemmnisse sind, die zu einer Einheit der beiden christlichen Gemeinschaften führen könnte?

Pèrisset: Als Antwort auf diese Frage gebe ich Ihnen eine Antwort, die mir in meiner Zeit in Rumänien zu besserem Verständnis geholfen hat, dass die Einheit nicht nur in den Ideen der freien theologischen Fragen liegt und nicht nur im gemeinsamen Gebet, sondern dass wir wirklich zur gleichen Gemeinde gehören, denn Sie wissen, dass die Orientalen uns nicht an ihren Sakramenten teilnehmen lassen, weil wir nicht zu ihrer Gemeinde gehören. Es gibt keine Mischehen mit den Orthodoxen - oder sollte zumindest keine geben. Wir dürfen nicht bei ihnen kommunizieren, obwohl wir Orthodoxe in unseren Kirchen annehmen.

Und warum? Für die ist die Gemeinde wirklich eine Vermittlerin der Gnade. Ich bin nicht Christ allein, ich bin Christ in der Kirche Christi und deswegen ist für mich die Gemeinde Vermittlerin der Gnade Christi. Ich kann nicht sofort, weil wir in gewissen Fragen einig sind, sofort zur Kommunion gehen oder sofort alle Schwierigkeiten überwinden. Für mich ist dieses Erlebnis sehr wichtig, denn ich habe das praktisch gefühlt. Und ich glaube, diese orthodoxe Theologie ist eine richtige, Jahrhunderte lange gute Antwort auf unsere ökumenischen Problemen von heute. Ich bin Christ mit anderen, nicht allein.

Kriege: Darf ich Sie so verstehen, dass gleichsam die Annäherung an die orthodoxe Kirche auch eine Möglichkeit ist, die Annäherung an die lutherischen Kirchen voranzubringen?


Pèrisset: Sicher, denn die Geschichte der orientalischen Kirchen gehört zur Kirche Christi, und die Lutheraner gehören auch zur Kirche Christi, so dass wir uns wirklich einmal annähern und unsere Werte zusammen schätzen. Niemand kann sagen, ich habe die ganze Wahrheit und die anderen haben nichts. Nein, ich suche, dass meine Wahrheit auch bei den anderen angenommen wird, dass wir zusammenfinden und dass wir alle zur tieferen Wahrheit gelangen. Und die Orthodoxen habe eben seit Jahrhunderten gewisse Werte behalten, ich würde sagen, mehr im Leben als in den Ideen. Und das ist für heute sehr wichtig.

Kriege: Es ist zwar nicht Ihre Aufgabe, in das ökumenische Gespräch direkt einzugreifen. Da sind andere Gremien. Das ist Sache der Bischofskonferenz, der Bischöfe untereinander. Aber inwieweit ist es Ihnen möglich, auch aus der diplomatischen Sicht heraus und in Ihrer Funktion als Nuntius dieses Gespräch in Deutschland zu begleiten und zu stützen?


Pèrisset: Meine Aufgabe ist, die Richtlinien, die von Rom kommen, besonders vom Rat für die Einheit der Christen, vom Zweiten Vatikanischen Konzil und von verschiedenen Gremien gelten zu lassen. Und wie? Indem ich Verständnis dafür schaffe, als Vermittler hier und da etwas öffne, was man vielleicht im ersten Moment nicht verstanden hat. Ich komme darauf zurück, was ich am Anfang gesagt hatte, der Nuntius ist eine Brücke. Er muss etwas bringen, damit es leicht zu den anderen kommt.

Kriege: Die Brückenfunktion wird auch auf einem anderen Gebiet sehr wichtig für Sie. Deutschland kennt, so bestimmt es das Grundgesetz, keine Staatskirche gegenüber anderen Ländern, dennoch sind die beiden christliche Konfessionen in Deutschland ein wichtiger, wenn nicht sogar einer der wichtigsten Partner in diesem Land. Sie gestalten auf ihre Weise Politik mit, greifen in die Politik ein. Diese Partnerschaft kommt in vielen Verträgen auch zum Ausdruck bis hin zu Fragen der Erziehung. Die Kirche erhebt immer wieder auch mahnend und warnend ihre Stimme, wenn es gerade in der sozialen Balance in dem Lande zu einer Schieflage kommt oder dass man vielleicht vermeintlich in einen Abgrund abrutschen könnte. Wie weit könnten Sie gerade diese Aufgabe der Kirche mit stützen, auch deutlich machen, als Nuntius in dieser doch sehr exponierten Stellung?

Pèrisset: Nun, ich würde das nicht über diese Gremien aber mit ihnen machen. Man muss zuerst verstehen, um was es geht und was die Werte sind, die in Frage stehen, wie man die unterstützen kann. Und dann bringe ich die verschiedenen Beziehungen, die ich mit den Staatsobrigkeiten durch meine Besuche habe, ins Spiel, immer mit der Hoffnung, dass ich gehört werde, dass ich eben wirklich eine Hilfe sein kann, denn die Kirche wünscht nicht zu herrschen, sie wünscht zu helfen, zu dienen. Und ich hoffe nur, dass die Kirchen wirklich in diesen Beziehungen zusammen handeln, so dass eben die Gesellschaft im Großen und Ganzen versteht, um was es geht. Wenn wir zu gewissen ethischen Problemen eine andere Lösung geben, dann verstehen die Leute das nicht. Und als Nuntius werde ich das so machen, aus Treue zu der Kirche, zu der ich gehöre, denn ich bin Gesandter des Papstes als Haupt der Kirche, nicht jemand, der mit seinen eigenen theologischen Meinungen kommt.

Kriege: Diese Arbeit hat ihren Sinn gleichsam in der Krippe von Bethlehem, Exzellenz. In wenigen Tagen feiert die Christenheit den Ursprung ihres Glaubens, die Entwicklung, gleichsam der Strom, der sich aus der Quelle entwickelt. Die unterschiedlichsten Ausgestaltungen dieses Erinnerungsfestes rund um den Globus zeigen - und Sie waren in Südafrika, Sie kennen japanische Traditionen - wie multikulturell, wie verschieden inkulturiert das Christentum auch in Erscheinung tritt in vielen Ländern der Erde. Zeigt auch, gerade in dieser Weise Weihnachten zu feiern, die Universität des Christentums, den weltumspannenden Gedanken, den dieses Kind von Bethlehem gebracht hat?

Pèrisset: Ja sicher, denn die Geburt eines Kindes ist überall in der Welt. Aber die Art und Weise, wie ein Kind angenommen wird, hängt von kulturellen Bedingungen ab. Zum Beispiel, als ich in Japan war und unsere Krippe in der Nuntiatur eine typische japanische Krippe war, war es für mich das gleiche Geheimnis wie früher bei mir zu Hause, als ich ein Kind war. Ich machte die Krippe in unserer Familie mit diesen kleinen Figuren, die bei uns üblich sind. Es gab für mich keinen Unterschied. Und das gleiche war, als ich in Afrika oder in Peru war, wo eben Weihnachten mit peruanischen Zügen gefeiert wurde. Das ist immer das gleiche Geheimnis. Dieses Kind ist Sohn Gottes, er ist für uns gekommen. Und was Papst Benedikt in Mariazell sagte, das habe ich in diesem Jahr für meine Weihnachtsglückwunschkarten genommen, dass nämlich Gott durch seine Geburt an Weihnacht sich in der Ohnmacht zeigt, aber diese Ohnmacht ist die Macht der Liebe. Diese Idee ist wie ein Schlüssel, durch den wir verstehen, warum Weihnachten überall in der Welt angenommen wird.

Ich war auch sehr erstaunt, als ich Anfang Dezember in Istanbul war, wir waren dort wegen des Festes des Andreas am 30. November, und überall hat man Tannenbäume und Weihnachtsschmuck gesehen. Warum in dieser Stadt? Christus war auch für diese Leute wichtig, weil er ein Prophet ist, aber das ist das Fest der Christen, und die wollten daran teilhaben. Also ich glaube, man kann in diesen Sachen wirklich ein Mittel der weltweiten Verkörperung der Kirche im Weihnachtsfest sehen.

Kriege: Wenn Sie abschließend einen Wunsch formulieren für Ihre Arbeit, aber auch für das Land, in das Sie gesandt sind, was würden Sie ganz spontan sagen?


Pèrisset: Ganz spontan? Dass ich bei anderen angenommen werde als das, was ich bin, also Gesandter des Papstes; und mit den Grenzen, die mir gegeben sind, dass ich nicht alles kann, aber dass ich als ein Freund oder Bruder angenommen werde. Das ist mein Wunsch, denn ohne das könnte ich auch keine Brücke werden.

[Interview der Woche, ausgestrahlt am 23. Dezember; © 2007 Deutschlandradio]