Der Opfercharakter der hl. Messe und seine Grundlagen in der Schrift

Pater Edward McNamara, Professor für Liturgie, beantwortet Leserfragen

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 616 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen.

FrageWo steht geschrieben, dass zu unserem Gottesdienst ein Opfer gehört? Evangelische Christen begehen ihren Gottesdienst meist mit Gesang, einigen gemeinsamen Gebeten und längeren Predigten. Wo steht in der Bibel geschrieben, dass wahrer Gottesdienst die Darbringung eines Opfers beinhaltet? Eine Übersicht über die biblische Grundlage der verschiedenen Teile der Messe wäre in diesem Sinne nützlich und dass gesagt würde, warum diese Stellen in Bezug zur Messe stehen. Wie kann man also jemanden, der nach der Maxime „die Schrift allein“ argumentiert, davon überzeugen, dass die Schrift uns aufträgt, ein Opfer darzubringen? Ich wäre Ihnen für jede Hilfe dankbar. -- J.C., Leavenworth, Kansas (USA).

P. Edward McNamara: Eine vollständige Antwort auf diese Frage würde die Möglichkeiten dieser Rubrik bei weitem sprengen. Es sind jedoch zu dieser Frage viele wertvolle Ressourcen online verfügbar. Websites wie z.B. „Catholic Answers“ enthalten unter anderem P. Mitch Pacwas „Is the Mass a Sacrifice?“ (Ist die Messe ein Opfer?) [für Material in deutscher Sprache siehe das Ende des Artikels. – Anm. der Redaktion]

Im Alten Testament ordnet Gott viele Male die Darbringung eines Opfers an. Die detaillierten liturgischen Vorschriften für Riten, wie wir sie z.B. im Buch Levitikus vorfinden, wurden ganz offensichtlich auf Gottes Geheiß von Mose angeordnet.

Den alttestamentarischen Opfern, durch die Gott, der Allmächtige, einen Bund ratifizierte, kommt dabei wahrscheinlich eine größere Relevanz zu. Dazu gehört z.B. der Bund, den Gott mit Noah nach der Sintflut schloss, aber auch der Bund mit Abraham, – vor allem aber jener Bund, der mit dem Schlachten des Pascha-Lammes in Ägypten besiegelt und 50 Tage später mit einem weiteren Opfer am Berg Sinai vollendet und bestätigt wurde.

Dieser Bund war es, der jedes Jahr zum Paschafest durch ein Opferritual, das als „Gedächtnis“ (hebräisch „zikkaron“) galt, erneuert wurde. Es handelte sich aber nicht um eine bloße Gedächtnisfeier. Vielmehr vergegenwärtigte, ratifizierte und erneuerte diese Feier auf rituelle Weise die Heils-Ereignisse, die sich lange Zeit vorher zugetragen hatten.

Katholiken entnehmen nun die zentrale Weisung für eine Gottesdienstfeier, bei der ein Opfer dargebracht wird, Christi eigenen Worten, da er den Aposteln beim Letzten Abendmahl auftrug: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Während er diese Anordnung traf, nahm er eigens Bezug auf das als Gedächtnisfeier geltende jüdische Paschafest und wendete es auf sich selbst und sein bevorstehendes Kreuzesopfer an, wobei er ihm jedoch eine völlig neue und endgültige Bedeutung verlieh.

In diesem Zusammenhang gibt es einen Parallelismus zwischen dem Herrenwort „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ (Lk 22,19) und den Worten von Ex 12,27, die in Verbindung mit der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten stehen: „Es [diese Feier] ist das Pascha-Opfer zur Ehre des Herrn.“

Die Worte „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28) bilden ihrerseits ein Echo jener Worte, mit denen Mose in Ex 24,8 verkündet: „Das ist das Blut des Bundes, den der Herr … mit euch geschlossen hat.“

Wir haben es also mit einem einzigartigen Opfer zu tun, mit der sakramentalen Gedächtnisfeier des Pascha-Opfers Christi. Durch dieses Opfer hat er der ganzen Menschheit die Erlösung gebracht und den Neuen und Ewigen Bund mit seinem Blut besiegelt.

Obwohl die Apostel wohl nicht sofort die volle Bedeutung der Geste Christi im Abendmahlssaal erfassten, brachte sie ihr Nachdenken über seine Worte und Taten sowie ihre Vertrautheit mit dem Paschafest als Gedächtnisfeier schnell zu der Erkenntnis, der Herr habe ihnen aufgetragen, den von ihm eingesetzten Ritus zu wiederholen. Sie erkannten, dass dieser Ritus das endgültige Paschaopfer darstellte, welches das einmal auf dem Kalvarienberg dargebrachte Opfer Christi gegenwärtig setzte und hierdurch den Neuen und Ewigen Bund ratifizierte und erneuerte.

Gott hat uns also aufgetragen, ihn mit einem Opfer – seinem eigenen, einmalig dargebrachten Opfer – zu verehren.

Da Christi Opfer unendlichen Wert besitzt und alle Verdienste beinhaltet sowie alle Zwecke erfüllt, die mit den antiken Opfern verbunden waren, wurden sämtliche anderweitige rituelle Opferformen hierdurch verdrängt.

Die hl. Messe ist also ein Opfer, insofern als es jene Gedächtnisfeier ist, die das einmal dargebrachte Kreuzesopfer Christi im Laufe der Jahrhunderte auf rituelle Weise erneuert und für uns gegenwärtig macht.

Das persönliche Gebet und Opfer der Christen erreicht seine volle Wirkungskraft, wenn es mittels einer vollständigen, andächtigen und aktiven Teilnahme an der Messfeier mit Christi Opfer verbunden wird.

Was die Bibelstellen anbelangt, auf die die verschiedenen Teile der Messe Bezug nehmen, können wir hier allerdings keine so klare Antwort geben. In gewisser Weise befinden sie sich überall und nirgends.

Überall, weil die ganze Messfeier die Schrift als Inspirationsquelle benutzt. Fast alle Gebete und Texte nehmen Bezug auf die Schrift, und der ganze Ritus hat sich als Antwort auf die Weisung Christi, seine Gesten zu wiederholen, entwickelt.

Nirgends, insofern als wir keine ausdrückliche Anweisung finden werden, in der es heißt „Nach der Präfation wird das Sanctus gesungen“. Der Ritus hat sich vielmehr über einen großen Zeitraum hinaus entwickelt und ist zu verstehen als eine Antwort auf die Mahnung der Schrift zum Gebet, zur Wiederholung des Opfers, usw.

Allerdings müsste in diesem Fall auch ein protestantischer Christ akzeptieren, dass die Details seiner gottesdienstlichen Ordnung (Gesänge, Psalmen, längere Predigten, usw.) in der Bibel lediglich in sehr allgemeiner Weise vorformuliert sind.

P. Edward McNamara beantwortet seit 2005 Leserfragen im Bereich seines Faches (Liturgie). Bücherangebote in deutscher Sprache, in denen der Opfercharakter der hl. Messe behandelt wird sind z.B.: Raniero Cantalamessa: „Die Eucharistie – unsere Heiligung“; Johannes H. Emminghaus „Die Messe.Wesen-Gestalt-Vollzug“; Joseph Ratzinger, Gesammelte Werke Bd. 11 („Theologie der Liturgie“), Teil C: Die Feier der Eucharistie — Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens, Abschnitt II: „Ist die Eucharistie ein Opfer?“ (Ss. 259-270).

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel (Scriptural Basis of the Mass as Sacrifice).