Der Papst betrachtet die Dinge mit den Augen Gottes

Interview mit dem französischen Theologen Laurent Touze

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ROM, 15. März 2005 (ZENIT.org).- Papst Johannes Paul II. ist in den Augen des französischen Theologen Laurent Touze ein wahrer Lehrmeister für Gebet und Kontemplation.



Der Priester und Fachmann auf dem Gebiet der spirituellen Theologie, der am vergangenen Donnerstag an einem zweitägigen Kongress über “Christliche Kontemplation: Erfahrung und Lehre” an der theologischen Fakultät der Päpstlichen Universität della Santa Croce in Rom teilgenommen hat, beleuchtet im Gespräch mit ZENIT die kontemplative Komponente im Leben des Heiligen Vaters.

-- Verschiedene Aussagen haben auf dem Kongress gezeigt, dass Papst Johannes Paul II. ein Lehrmeister für Gebet und Kontemplation ist. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptthemen in seiner Lehre über das Gebet?

-- Msgr. Touze: Von den vielen Dingen möchte ich nur zwei nennen, wegen ihrer besonderen Bedeutung und ihrer Schönheit – eine Schönheit, die wirklich zum Beten einlädt. Der erste Aspekt ist, dass Christus der Weg zum Vater ist. Deshalb muss unser Gebet unweigerlich über Christus gehen, dem wir in seinem Wort und in der Eucharistie begegnen. Der zweite Aspekt ist, dass die Neuevangelisierung von allen Getauften – von Priestern, Laien und geweihten Personen – die Neigung verlangt, immer mehr zu Menschen zu werden, die im Gebet verankert sind.

-- Kommt eine solche Lehre eher aus der Erfahrung oder aus der Glaubenslehre?

-- Msgr. Touze: Ich würde sagen, dass diese Lehre sicher auch durch die persönlichen Erfahrungen des Papstes mit dem Gebet erwachsen ist. Zwar bin ich mit Johannes Paul II. nicht sehr oft zusammengetroffen, aber immer, wenn ich das Glück dazu hatte, dann wurde mir bewusst, was viele sagen: Er ist ein Mann des Gebetes, der die anderen mit Augen des Gebetes anschaut. Man kann tatsächlich sehen, wie ihm das Gebet dabei hilft, Menschen und auch die großen und kleinen Begebenheiten mit den Augen Gottes zu betrachten.

-- Was lehrt uns der Papst jetzt über das Gebet, sozusagen als stiller gewordener Papst, wie wir ihn aus der Gemelli-Klinik und jetzt auf Rekonvaleszenz im Vatikan kennen?

-- Msgr. Touze: Zweifellos eine ganze Menge. Seitdem der Heilige Vater aus dem Krankenhaus entlassen worden ist, muss ich unentwegt daran denken, was mir einmal einer seiner Helfer erzählt hat. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als der Papst früher einmal auch krank war, verlor er eine Schwester. Wenig später wurde er vom Papst empfangen, der zu ihm sagte: "Die Kirche braucht Ihren Schmerz und Ihr Leid."

Eben weil er Christus liebt und weil er das Kreuz liebt, sieht der Papst sein ganzes Leben mit den Augen eines Kontemplativen. Und so erkennt er, was wir intuitiv von den Plänen Gottes erfassen können.

-- Wenn das christliche Leben vorrangig darin besteht, das Antlitz Christi zu betrachten, wie ist dann so etwas mitten in der Hektik und im Lärm des Alltags möglich, denen ja die meisten Christen ausgesetzt sind?

-- P. Touze: Viele zeitgenössische Mystiker haben sich dieselbe Frage gestellt, weil sich heute die Kirche der universellen Berufung zur Heiligkeit viel bewusster ist. Wenn alle Getauften und unter ihnen besonders die Laien, die ja die Mehrheit ausmachen, Jünger Christi und heilig sein müssen, dann bedeutet das, dass jeder in seinem jeweiligen familiären und gesellschaftlichen Umfeld kontemplativ werden muss. In diesem Zusammenhang muss ich an das Beispiel von Raissa und Jacques Maritain denken. Besonders nahe steht mir hier der heilige Josemaría Escrivá, der vielen berufstätigen Menschen Wege des Gebetes erschlossen hat.