Der Papst bittet die Bischöfe, „den neuen Bewegungen mit viel Liebe zu begegnen“

Interview mit Prof. Arturo Cattaneo, Dozent für Kirchenrecht in Venedig

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ROM, 16. Mai 2008 (ZENIT.org).- Morgen, Samstag, wird in Rocca di Papa bei Rom die zweite Studientagung für Bischöfe zum Thema „Kirchliche Bewegungen“ zu Ende gehen. Im Mittelpunkt der Begegnung, die gestern, Donnerstag, auf Einladung des Päpstlichen Rates für die Laien, begonnen hat, stehen die Worte Benedikts XVI. an die deutschen Bischöfe: „Ich bitte euch, den Bewegungen mit viel Liebe zu begegnen“ (vgl. ZENIT vom 14. Mai).



Die beiden Hauptvortragenden bei der Arbeitstagung sind Professor Piero Coda, Ordentlicher Professor für systematischer Theologie an der Lateranuniversität in Rom und Präsident der theologischen Vereinigung Italiens, sowie Professor Arturo Cattaneo, Dozent für Kirchlichenrecht in Venedig. Letzterer sprach über „Bewegungen und neue Gemeinschaften in den Teilkirchen. Gegenüber ZENIT ging der Priester und Gelehrte näher auf dieses Thema ein.

ZENIT: An Pfingsten 1998 richtete sich Johannes Paul II. an die kirchlichen Bewegungen und erinnerte sie, dass ihre Entstehung im Leben der Kirche etwas unerwartet Neues verursacht habe, gewissermaßen etwas „Aufbrechendes“. Und das habe auch Fragen ausgelöst sowie unangenehme Gefühle und Spannungen hervorgebracht. Was lässt sich heute, zehn Jahre später, dazu sagen?

Professor Cattaneo: Ich möchte zuerst einmal daran erinnern, dass der Heilige Vater gegenüber den Bewegungen bestätigte, dass sich nach einer „Zeit der Prüfung“ eine „neue Etappe“ für sie öffnen würde, die Etappe der „kirchlichen Reife“. Diese „Reife“ hat sich in den letzten zehn Jahren gefestigt – auch dank der Fürsorge Benedikts XVI.

Man schätzt die sie vor allem aufgrund ihrer Eingliederung in die Pfarreien. Das heißt natürlich nicht, dass alle Probleme gelöst sind, auch weil die Kirche – als lebendiger Organismus – verlangt, dass jede Realität kontinuierlich erneuert wird.

ZENIT: Was macht die Lösung der noch vorhandenen Probleme so schwierig?

Professor Cattaneo: Zu Schwierigkeiten kommt es unter anderem häufig aufgrund von Vorurteilen, Unverständnis oder Lokalpatriotismus seitens der Gläubigen einer Pfarrei einerseits und aufgrund von Unüberlegtheit, mangelnder Erfahrung und Überschwänglichkeit seitens der Mitglieder der Gemeinschaften andererseits. Außerdem – wie P. Jesús Castellano bemerkte – „existieren Charismen nicht in einem reinen Zustand. Oft wird im Namen von Charismen Missbrauch geübt.“

Es bedarf daher einer ständigen Reinigung. Der Bischof soll den Reichtum an Charismen nicht nur fördern, sondern bei etwaigem Missbrauch auch Unterscheidung, Vorsicht und Korrektur walten lassen.

ZENIT: Wie kann man die Schwierigkeiten und Spannungen überwinden?

Professor Cattaneo: Vor allem durch einen von Liebe getragenen Dialog, mit ein wenig Geduld und gutem Willen, um zu verstehen und verstanden zu werden. Alle müssen sich – wie Kardinal Ratzinger bemerkte – „vom Heiligen Geist erziehen lassen“, bis sie eine „innere Haltung der Zustimmung zur Vielfalt der Formen gelebten Glaubens annehmen können“. Beide Seiten – die Pfarreien und die Gemeinschaften – müssen den Weg zu jenen Verhaltensweisen finden, die Paulus im Hohenlied der Liebe anspricht.

ZENIT: Sie haben zu den Bischöfen gesprochen. Könnten Sie uns sagen, wie Sie deren Aufgabe beschrieben haben?

Professor Cattaneo: Ich habe das in vier Punkten zusammengefasst, in Anlehnung an die wesentlichen Merkmale der Kirche, die ein Geschenk, aber auch eine Aufgabe sind. Christus gewährt der Kirche durch den Heiligen Geist, dass sie die eine, heilige, katholische und apostolische ist. Er ruft sie, diese Merkmale immer besser zu verwirklichen. Jeder Diözesanbischof muss in der ihm anvertrauten Kirche die Einheit in der Vielfalt fördern, die Katholizität im Sinne der Öffnung für die Weltkirche und die Apostolizität, die eine Verbindung von Institution und Charisma beinhaltet. So trägt der Bischof als erster Diener des Heiligen Geistes zur Heiligkeit seiner Ortskirche bei.

ZENIT: Könnten Sie uns kurz erklären, wie das die Eingliederung der kirchlichen Gemeinschaften garantieren kann?

Professor Cattaneo: Der Dienst des Bischofs an der Einheit muss sich im Wissen um die Vielfalt der Dienste, Charismen, Lebensformen und Apostolate zeigen, die kein Hindernis für die Einheit in der Ortskirche sind, sondern deren Reichtum.

Es wird angenommen, dass der Gemeinschaftscharakter der Kirche einerseits eine tiefere Einheit mit sich bringt, andererseits aber auch eine Vielfalt, die die Einheit nicht behindert. Ein engstirniges Verständnis von Einheit brächte einen pastoralen Uniformismus mit sich, der die Eingliederung und das Apostolat der verschiedenen Bewegungen schwierig gestalten würde.

Andererseits hat das Katholischsein der Kirche eine besondere Bedeutung für das Thema, mit dem wir uns gerade beschäftigen. Eine der herausragendsten Eigenschaften der neuen kirchlichen Gemeinschaften ist ihre universale Dimension. Diese Realität der Weltkirche, in Verbundenheit mit Welt- und Ortskirche, sind die Bewegungen gerufen, in den einzelnen Pfarreien sichtbar zu machen. So bereichern sie sie und bewahren sie vor der Gefahr des „Partikularismus“ und des „Lokalismus.“

ZENIT: Gibt es aber nicht auch die andere Gefahr: dass sich eine Bewegung nicht ausreichend in einer Ortskirche verwurzelt?

Professor Cattaneo: Natürlich! Der universale Charakter der Bewegungen darf sie nicht vergessen lassen, dass die Kirche auch eine bedeutende partikulare Dimension hat. Die Bewegungen werden deshalb in dem Maße ganz kirchlich sein, in dem sie sich in die einzelnen konkreten Pfarrgemeinden eingliedern können. Die universale Dimension der Kirche, die ein wertvoller Beitrag der Gemeinschaften zu den Pfarreien darstellt, wäre entstellt und würde zu einer platonischen universalistischen Sicht führen. So etwas würde auf Kosten der Aufmerksamkeit für die Realität und die Probleme der konkreten Pfarrgemeinde geschehen.

Auch das ist Liebe zur Kirche. Wenn die Mitglieder der Bewegungen ihrem eigenen Charisma treu bleiben wollen, müssen sie sich kreativ in das Leben einer konkreten Pfarrgemeinde einbringen. Sie dürfen sich nicht darauf beschränken, in den diözesanen Stellen vertreten zu sein. Das kirchliche Betätigungsfeld der gläubigen Laien ist die Familie, das soziale, berufliche, politische, kulturelle und sportliche Leben usw.

Mit dieser Präsenz im Leben der Diözesen verhindern sie, dass das Charisma der Gemeinschaften in ihnen wie ein Fremdkörper erscheint. Es ist wie wenn ein neuen Instrument in ein bestehendes Orchester eingefügt wird, das seine Eigenschaften zwar bewahrt, sich aber dennoch an die Gegebenheiten anpasst, die es vorfindet, um so eine echte Symphonie hervorzubringen, und das Dank der Leitung des Dirigenten, der in unserem Fall der Bischof ist.

ZENIT: Und wie soll man die Komplementarität zwischen Institution und Charisma verstehen?

Professor Cattaneo: Zwischen Institution und Charisma kann es keinen Gegensatz geben, wie es ja auch keinen zwischen Christus und seinem Geist gibt. Es herrscht Komplementarität, dessen Verwirklichung Aufgabe des Diözesanbischofs ist, der eine exzessive Entwicklung sowohl der institutionellen als auch der charismatischen Dimension verhindern muss.

Wenn man über die Eingliederung der Bewegungen in die Ortskirchen nachdenkt, ist man versucht, sich zu sehr mit dem Wortpaar Institution-Charisma zu beschäftigen. Dann lässt man sich von einer Dialektik treiben, die so natürlich inakzeptabel ist.

Bei verschiedenen Anlässen hob Johannes Paul II. hervor, dass der institutionelle und der charismatische Aspekt der Kirche „gleich wichtig sind“. Deshalb muss man darauf hinweisen, dass sich in jeder kirchlichen Wirklichkeit sowohl die institutionelle als auch die charismatische Dimension wiederfindet, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Es wäre daher falsch, die pastoralen diözesanen Strukturen als rein institutionell zu betrachten, wie es ebenfalls falsch wäre, die kirchlichen Bewegungen in einem rein charismatischen Ambiente anzusetzen, ohne Bezug zur Institution.

ZENIT: Und welche Verantwortung hat der Bischof bei der Förderung der Komplementarität?

Professor Cattaneo: Ratzinger betonte, wie wichtig es ist, den heiligen Dienst charismatisch zu verstehen und zu leben. Nur so „gibt es keine institutionelle Verhärtung: sondern eine innere Öffnung für das Charisma, den Heiligen Geist und sein Handeln […], und so werden sich fruchtbare Wege zur Unterscheidung der Geister finden.“

Er warnte vor der Gefahr einer exzessiven Institutionalisierung. Die Kirche bedürfe natürlich organisatorische Strukturen, auch in rechtlichen Angelegenheiten, aber wenn diese Institutionen „zu zahlreich und vorherrschend“ werden, gefährden sie die Orientierung und die Vitalität ihrer spirituellen Natur. Die Kirche muss immer wieder ihre Institution überprüfen, damit sie nicht zu schwerfällig wird, nicht rigide in einer Armatur, die ihr eigene spirituelle Leben erstickt.

ZENIT: Sie haben vom Bischof als Diener des Heiligen Geistes gesprochen. Inwiefern?

Professor Cattaneo: Der Bischof ist der erste Diener des heilig machenden Geistes. Er übt die Funktion des Moderators aus, des episkopé, im Dienst des Geistes Christi. Er wacht darüber, dass die verschiedenen apostolischen Initiativen, die aus den Charismen hervorgehen, in Eintracht ausgeübt werden und zum Aufbau der Kirche in Treue zur apostolischen Tradition beitragen. Seine Gewalt ist somit nicht wie der Mittelpunkt zu verstehen, von dem die Fülle aller Ämter und apostolischen Initiativen in der Kirche hervorsprudeln, sondern wie das Zentrum, das vereinheitlicht und koordiniert beziehungsweise ermutigt, fördert und mäßigt, und zwar immer im Bewusstsein darüber, was es heißt, den vielgestaltigen Wirken des Heiligen Geistes zu sekundieren.

[Das Interview führte Jesús Colina; Übersetzung von Anna-Katharina Solta]