Der Papst in der Türkei: Entdämonisierung und „Triumph des Dialogs“

Interview mit Paul Badde für die Zeitschrift „Kirche heute“ (Nr. 1, Januar 2007)

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ROM, 9. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir ein Interview mit dem Journalisten Paul Badde, das vor drei Tagen in Rom geführt wurde und im Januar des kommenden Jahres in der Zeitschrift „Kirche heute“ erscheinen wird.



Herr Badde, Sie haben die Reise Papst Benedikts XVI. in die Türkei miterlebt. Nach dem Papstbesuch konnte man den Eindruck gewinnen, dass alle Beteiligten zunächst einmal erleichtert waren. Können Sie dieses Empfinden bestätigen?

--Badde: Unbedingt. Den meisten ging es am Schluss ein wenig ähnlich wie den Tauben, die Benedikt XVI. vor seiner Heimkehr nach Rom in der Heiliggeist-Kathedrale in Istanbul freiließ. Vor der Reise war in den Medien wie in den noch undurchsichtigeren Kanälen des Internet ein enormer Druck aufgebaut worden, für den jede Falschmeldung gerade recht kam, auch jeder Drohung. Was echt war, ließ sich da kaum noch unterscheiden, und auch nicht die wirklichen Gefahren. Vieles war irrational, anderes gezielte Propaganda. Persönlich konnte ich das an vielen besorgten E-Mails, Anrufen oder sonstigen Anfragen erfahren – bis hin zu der Bitte, dieses gefährliche Abenteuer doch besser nicht einzugehen. Das war bei vielen nicht ohne Wirkung geblieben.

Was hat Ihrer Meinung nach die Reise so erfolgreich werden lassen?

--Badde: Weil sie eben diese virtuelle Scheinwelt durch die persönlichen und realen Erfahrungen und Begegnungen ersetzte und entsprechend korrigierte. Die Reise wurde dadurch wie von selbst ein Prozess der gegenseitigen Entdämonisierung. Davon waren auch die Berichterstatter betroffen, von denen viele die Türkei – und die zum größten Teil hinreißend freundlichen Türkinnen und Türken - auf dieser Reise zum ersten Mal kennen lernten.

Würden Sie auch von einem Triumph des Papstes sprechen, wie es in manchen Medien geschehen ist?

--Badde: Ja, aber mehr noch war es ein Triumph des Dialogs. Denn hier wurde ja wirklich miteinander geredet und nicht nur übereinander, wie es im so genannten „Clash of Civilisations“ leider zumeist geschieht – mit dem Ergebnis einer immer größeren Entfremdung und Angst vor einander, in die sich die Kontrahenten da in ihren Selbstgesprächen hinein reden.

Die Berichterstattung in der Türkei wurde von Tag zu Tag positiver. Am Ende machte sich eine regelrechte Begeisterung breit. Haben die Türken den Papst tatsächlich in ihr Herz geschlossen?

--Badde: Ja, doch es war ein gegenseitiges Ins-Herz-Schließen. Das ließ sich auch sehr schön an der Körpersprache des Papstes ablesen, der sich am Anfang noch oft etwas linkisch bewegte und am Schluss so sicher wurde wie ein Seiltänzer auf dem Hochseil – bevor er einen Teil seines Herzens in der Türkei zurück ließ, wie er vor seinem Abflug sagte. Das alles war sehr authentisch.

Wie ist dies dem Papst gelungen?

--Badde: Am ehesten, würde er wohl selber sagen, durch die vielen betenden Hände, die ihn auf dieser Reise begleitet haben. Da kann und will ich ihm nicht widersprechen. Dazu ist er aber auch jemand, der selbst im hohen Alter noch erstaunlich dazu zu lernen versteht. Sein Text aus Regensburg war also nicht nur eine Vorlesung für ihn; im Nachhinein wurde er für ihn auch zu einer außerordentlich großen Lektion.

Wie beurteilen Sie den Besuch in der blauen Moschee? Was wollte der Papst zum Ausdruck bringen, als er bewusst die Gebetshaltung der Moslems einnahm?

--Badde: Der Gang in die Moschee war nicht spontan, sondern natürlich lange vorher geplant – sicher auch ganz bewusst in der Tradition Johannes Paul II., der vor Jahren schon der ehrwürdigen Moschee von Damaskus einen spektakulären Besuch abgestattet hatte. Dahinter kann heute kein Papst mehr zurück. Dieser Aufgabe kam Benedikt XVI. nun in Istanbul mit souveräner Sicherheit nach. Dass er dabei die Gebetshaltung eines Muslims einnahm, lässt sich eigentlich nicht sagen. Dass er die Schuhe vor der Moschee auszog, ist normal. Das macht jeder. Er ging aber nicht in die Knie, wie es die Beter in der Moschee normalerweise tun, und er machte auch keine muslimische Gebetsgebärde. Er betete nur einfach leise. Pater Lombardi, sein neuer Pressesprecher, hat nachher gesagt, dass er dort über das Gesicht Gottes meditierte. So wurde es im Pressesaal erzählt. Und er betete länger als der Mufti von Istanbul an seiner Seite. Dass er sich aber nach Mekka wandte, darf am wenigsten überstrapaziert werden. Er ging und stand ja einfach Seite an Seite mit dem Mufti, und wie sonst hätte er sich auch wenden sollen. Nach Mekka aber wendet er sich auch jedes Mal, wenn er in Sankt Peter und auf dem Petersplatz die heilige Messe liest. Weil der Petersdom – im Gegensatz zu den allermeisten Kirchen – „gewestet“ ist, schaut der Papst seit der Liturgiereform am Altar immer nach Osten.

Der Papst habe sein Kreuz bei seiner Ankunft auf dem Flughafen verborgen getragen. Wollte er damit ein Signal geben?

--Badde: Das würde ich nicht überbewerten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er sein Kreuz versteckt hat und mir ist es auch nicht aufgefallen. Sicher weiß ich, dass er sich Ratschlägen oder gar Forderungen, zu dem einen oder anderen Ort besser ohne Kreuz hinzugehen, bisher immer energisch widersetzt hat. Es wäre auch unsinnig. Keinem war doch verborgen, dass er als Christ kam, und mehr noch: als der Repräsentant der größten Kirche der Welt. Wie bei seinen Audienzen in Rom oder bei den Repräsentanten der Judenheit in Auschwitz hat er jedenfalls auch in Ankara und Istanbul jedem seiner muslimischen Gesprächspartner am Schluss einen Rosenkranz überreicht – mit eben jenem Kruzifix, das auch seinen Hirtenstab schmückt.

Der Papst wurde ohne besondere Ehrenbezeugungen auf dem Flughafen empfangen und auch ohne jedes Zeremoniell wieder verabschiedet. Wie ist dies zu beurteilen? Geht es auf einen Wunsch des Vatikans oder auf die alleinige Entscheidung der türkischen Regierung zurück? Was sollte damit zum Ausdruck gebracht werden?

--Badde: Empfang und Abschied waren lange vorher so geplant gewesen. Im Nachhinein betrachtet, könnte man sich leicht vorstellen, dass beide Seiten es wohl heute etwas anderes gestalten würden. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass der Besuch des Papstes in erster Linie dem Patriarchen Bartholomaios I. galt, der in Istanbul nicht nur einer kleinen aussterbenden und überalterten Gemeinde vorsteht, sondern in gewisser Weise auch der letzte Statthalter des byzantinischen Reiches ist, das schon lange nicht mehr existiert – als eine Art König ohne Land. All das will die türkische Regierung von ihrer streng laizistischen Staatsdoktrin her jedoch nicht anerkennen. Für ihn ist der Patriarch nur ein einfacher Bürger. Es ist eine ebenso komplexe wie delikate Lage, die in jedem Schritt viel Fingerspitzengefühl verlangte.

Im letzten Augenblick hatte Ministerpräsident Erdogan den Beschluss gefasst, doch noch in Ankara zu bleiben und den Papst persönlich zu begrüßen. Was hat Ihrer Meinung nach den Ausschlag für diese Entscheidung gegeben?

--Badde: Es war am Schluss politische Klugheit. Viele Türken hätten ihrem Premier nicht so ohne weiteres verziehen, wenn er diese Gunst der Stunde nicht genutzt hätte – und vor dem Papst quasi geflohen wäre, der ja nicht zuletzt auch das Oberhaupt eines Zwergstaates ist.

Wie beurteilen Sie die Aussage Erdogans, der Papst habe sich für einen Beitritt der Türkei in die EU ausgesprochen? Ist es tatsächlich nur eine gewisse Vereinnahmung bzw. Manipulation von Seiten des Ministerpräsidenten oder hat sich der Papst in dieser Frage gegenüber seiner früheren Auffassung nicht doch bewegt?

--Badde: Das war etwa so listig, wie wenn im Basar ein Teppichhändler jemanden zu einem Kaffee einlädt und nachher ganz erstaunt ist, wenn man – unter Freunden! – dafür nicht auch einen kleinen Teppich kauft. Der Papst hat aber nichts gekauft – und er wird sich gewiss auch nicht dafür einsetzen, dass die klaren Kriterien für den Beitritt zur Union im Fall der Türkei außer Kraft gesetzt werden. Er ist gewiss ein Anwalt der Türkei – aber noch mehr ein Anwalt der Religionsfreiheit. Das wird den Menschen auch in der Türkei nur zugute kommen.

Der Papst hat bei jeder nur denkbaren Gelegenheit die Religionsfreiheit angemahnt. Kam diese Botschaft zur Geltung? Welches Echo fanden seine klaren Worte in der Türkei?

--Badde: Das bleibt natürlich abzuwarten. Jedoch genau das meinte ich oben: der Papst hat auch immer wieder daran erinnert, was die Standards in Europa sind. Wenn die Türkei es ernst meint mit ihrem Beitrittsbegehren, wird sich da noch etwas bewegen müssen. Vergessen darf man aber auch hier nicht, dass sich hier oft um Jahrhunderte alte Gewohnheiten handelt, die dafür abgeschafft werden müssten. Das wird nicht einfach und auch nicht so schnell möglich sein.

Indirekt sprach der Papst auch den Völkermord an den Armeniern an. War es klug oder gar eine Pflicht des Papstes?

--Badde: Der Papst hat den Hinweis sehr deutlich auf eine Weise formuliert, mit der jeder verstand, wovon er sprach – ohne dabei an die Schuldfrage der armenischen Tragödie zu rühren oder gar mit dem Finger auf irgend jemanden zu zeigen. Nach der Vorgeschichte in Regensburg war dieser Hinweis sehr mutig – und sehr weise formuliert. Dieser Text zeigt auch, dass er sich nicht hat einschüchtern lassen von allen Drohungen.

In Ephesus begann der Papst mit seinem eigentlichen Verkündigungsdienst. Inwiefern hat sich Benedikt XVI. in der Türkei als ein Missionar erwiesen?

--Badde: Das Haus Mariens oberhalb von Ephesus eignete sich dafür besonders, weil es ein Pilgerort der Christen und Muslime ist. Interessant dabei ist, dass das Haus Marias der wohl intimste Ort der ganzen Pilgerreise war, wo der Papst sich „zu Hause“ fühlte, wie er später sagte – und dennoch missionarisch für den Frieden der ganzen Welt gebetet hat.

Der Höhepunkt der Reise war die Begegnung mit Patriarch Bartholomäus I. in Istanbul. Worin sehen Sie die Bedeutung dieses Ereignisses für die Ökumene? Hat es außer atmosphärischer Verbesserung wesentlich Neues gebracht?

--Badde: Der Besuch war kein Aufbruch, sondern ein weiterer bedeutender Schritt in dem fast schon revolutionären Prozess der Wiederannäherung der Kirche Roms mit der Kirche Ostroms, der kaum fünfzig Jahre alt ist. Der bittere Prozess der Entfremdung hatte davor eine halbe Ewigkeit gedauert, der über Paul VI., Johannes Paul II. und den drei letzten Patriarchen Konstantinopels nun in einen Weg zur „vollständigen Einheit“ gemündet ist. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass diese Einheit noch viele Zeitgenossen erleben dürfen. Sie muss ja auch bald kommen, weil die klein gewordene Kirche Konstantinopels akut in Gefahr ist, auszusterben. Die Vereinigung dieser beiden apostolischen Pole wird aber ein unglaublich starkes Signal für die ganze Ökumene werden. Der Besuch Benedikt XVI. hat schon jetzt alle Christen und Kirchen gestärkt – innerhalb und außerhalb der Türkei.

Was wird von dieser Papstreise in die Geschichte eingehen?

--Badde: Sicher diese Impulse für die Ökumene. Vielleicht aber auch sein wortloses Gebet in der Blauen Moschee – dessen Wirkungen den Papst selbst recht offensichtlich auf ähnliche Weise erstaunt und überrascht haben, wie vorher die ungeahnten Wirkungen seiner klugen Rede in Regensburg, nur geradewegs anders herum! Seine stille Zwiesprache mit Gott hatte hier viele Herzen erreicht – von denen sich viele nur einen Monat zuvor durch seine Worte verletzt gefühlt hatten.

Was hat Ihnen persönlich an diesen Tagen am besten gefallen? Was hat Sie am tiefsten beeindruckt?

--Badde: Die leuchtende Schönheit des Nachtigallenhügels beim Haus Mariens, an diesem wundervollen Herbsttag. Und auch die Rufe der Muezzine, die mich sowohl in Izmir wie in Istanbul morgens in der Früh im Dunkeln an Jerusalem erinnert haben.