Der Papst lädt in die Torre di San Giovanni

In den Vatikanischen Gärten hat der Johannesturm eine wechselvolle Geschichte – Morgen wird Präsident Bush hier empfangen

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Von Ulrich Nersinger

WÜRZBURG, 12. Juni 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Von der „Torre di San Giovanni“ erhält man einen einzigartigen Blick über die Vatikanischen Gärten. Der Turm des heiligen Johannes besetzt gemeinsam mit dem Hubschrauberlandeplatz des Papstes den höchsten Punkt in der Vatikanstadt – 78,5 Meter über dem Meeresspiegel. Papst Nikolaus V. (1447–1455) hatte 1451 die im neunten Jahrhundert errichteten Leoninischen Mauern, die das Gebiet rund um St. Peter als Schutzwall umgaben, von Grund auf erneuert, durch Zinnen gekrönt und mit einer Reihe von Wach- und Wehrtürmen versehen. Die Torre di San Giovanni sollte im Süden des Vatikans möglichen Angreifern der päpstlichen Residenz Einhalt gebieten. Trotz seiner martialischen Bestimmung fristete der Turm jedoch mehr als fünfhundert Jahre ein recht beschauliches Dasein. Im Pontifikat Johannes XXIII. (1958–1963) verlor er dann gänzlich seine ursprüngliche Bestimmung.

Im Turm sind bequeme Wohnräume eingerichtet

In den Vatikanischen Gärten hatte der Roncalli-Papst von den Strapazen seiner zahlreichen Verpflichtungen, den Audienzen, Gottesdiensten und Vorbereitungen auf das II. Vatikanische Konzil Erholung gesucht. Sooft es der Terminkalender erlaubte, ließ sich der Papst in die Gärten fahren und unternahm dort alleine oder in Begleitung seines Privatsekretärs ausgedehnte Spaziergänge. Besonders oft zog es den Papst zu dem Turm, der nach seinem Namenspatron benannt war. Hier standen immer ein Stuhl und ein Tisch für eine päpstliche Ruhepause bereit. Da Johannes XXIII. in der heißen Jahreszeit nur sehr ungern nach Castel Gandolfo fuhr, beschloss er, die Torre di San Giovanni zu seiner Sommerresidenz zu machen. Er ließ den Turm aufwendig restaurieren und in ihm bequeme Wohnräume einrichten. Seinen neuen Sommersitz zu genießen, war dem Papst nur kurze Zeit vergönnt; viel zu früh verstarb Johannes XXIII. am 3. Juni 1963.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger sah man Paul VI. (1963–1978) nur selten in den Vatikanischen Gärten. Die Sommermonate in der Torre di San Giovanni zu verbringen, kam ihm nicht in den Sinn – er fuhr gerne nach Castel Gandolfo. Dennoch wusste der Papst den Johannesturm zu nutzen. Als der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras I., 1967 den Vatikan besuchte, wurde der Turm zum Gästehaus für den orthodoxen Würdenträger. Jahre später nahm auch dessen Nachfolger, Dimitrios I., bei einem Aufenthalt in der Ewigen Stadt dort seine Unterkunft. 1971 konnte der Primas von Ungarn, Kardinal József Mindszenty, sein langjähriges Exil in der Budapester US-Botschaft verlassen; bei seinem Eintreffen in Rom bot Papst Paul VI. dem Purpurträger die Torre di San Giovanni als neuen Wohnsitz an – doch schon im Oktober 1971 zog Mindszenty nach Wien um. Zu Beginn seines Pontifikates übersiedelte Johannes Paul II. (1978–2005) für einige Wochen in den Johannesturm, da die päpstlichen Appartements im Apostolischen Palast einer Renovierung unterzogen werden mussten. Auch nach der Wahl Benedikts XVI. im April 2005 hatte man alles für eine Übersiedlung des Papstes in die Vatikanischen Gärten vorbereitet; der Großteil der notwendigen Arbeiten in der päpstlichen Wohnung fand jedoch in der Zeit statt, die Benedikt XVI. in seiner Sommerresidenz in den Albaner Bergen verbrachte.

Am 9. Juni kam eine ungewöhnliche Meldung aus dem Pressesaal des Heiligen Stuhls. P. Federico Lombardi SJ teilte den Medien mit, dass der für den morgigen Freitag geplante Abschiedsbesuch des amerikanischen Präsidenten beim Papst vom üblichen Protokoll abweichen werde. Benedikt XVI. werde George Bush und dessen Ehefrau Laura bei der Torre di San Giovanni in den Vatikanischen Gärten willkommen heißen. Nach einer Unterredung im ersten Stockwerk des Turms sei ein gemeinsamer Spaziergang durch die Gärten geplant. Bei der „Madonna della Guardia“ würde sich dann der Papst von seinen Gästen und deren Begleitung verabschieden. Diese besondere Geste wolle Benedikt XVI. als Dank verstanden wissen für die freundliche Aufnahme, die ihm zu Beginn seiner USA-Reise bei der Begrüßungszeremonie im Garten des Weißen Hauses zuteil wurde.

Die Gefahr angreifender Rüsselkäfer ist gebannt

Eine Audienz für den mächtigsten Mann der Welt in den Vatikanischen Gärten stellt für die beteiligten Sicherheitskräfte der USA, Italiens und des Vatikanstaates eine enorme Herausforderung dar. „Wir sind für den Besuch gut gerüstet, die Zusammenarbeit mit den italienischen und amerikanischen Kollegen verläuft problemlos“, heißt es aus Kreisen der vatikanischen Gendarmerie. Kurzzeitig hat eine Pressemitteilung aus Ligurien für etwas Verwirrung gesorgt. Aus San Remo kam die Nachricht, die „Operazione Vaticano“ sei ein voller Erfolg gewesen. Bei dem „Unternehmen Vatikan“ handelte es sich jedoch nicht um eine verdeckte Operation zum Personenschutz in den Vatikanischen Gärten, sondern um eine Rettungsmaßnahme botanischer Art.

Im März dieses Jahres hatten Bordighera und San Remo – die beiden Orte gelten als die „Palmenstädte“ Italiens – eine ganz besondere „Task Force“ in den Vatikan entsandt. Erstmals wurden die Palmen des Kirchenstaates von Experten des „Centro Studi e Richerche per le Palme“ (Zentrum für das Studium und die Erforschung der Palmen) genauestens unter die Lupe genommen.

Die Fachleute nahmen den gesamten Palmenbestand des Vatikans in einem Katalog auf, spezifizierten ihn, versuchten festzustellen, ob die Pflanzen schon von einer Krankheit befallen seien, und ergriffen vorbeugende Maßnahmen, so durch das Anbringen von Radiofrequenz-Chips und das Aufstellen von Duftfallen. Als größter Feind der Palmen gilt der Rote Rüsselkäfer (Rhyncho-phorus ferrugineus), der im Umkreis von Rom schon beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Nach dreimonatiger Überwachung können die Experten aus Ligurien und Elio Cortellessa, der Gartenbaudirektor des Vatikans, Entwarnung geben: „Der Heilige Vater und Präsident Bush brauchen bei ihrem Spaziergang weder herabfallende Palmwedel noch angreifende Rüsselkäfer zu befürchten!“

[© Die Tagespost vom 12. Juni 2008]