Der Papst: Teilnahme am öffentlichen Leben Aufgabe der Gläubigen

Rosenkranzgebet mit den italienischen Bischöfen zur 150-jährigen Einheit Italiens

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ROM, Freitag, 27. Mai 2011 (ZENIT.org). - Bei einem feierlichen gemeinsamen Rosenkranzgebet am Donnerstagnachmittag in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore in Rom mit den Bischöfen Italiens, die zur ihrer Generalversammlung zusammengekommen waren, forderte der Papst die Bischöfe auf, ihre Gläubigen einzuladen, ihren Glauben im Alltag umzusetzen, zum Beispiel durch die persönliche Teilnahme am öffentlichen Leben.

Das Treffen war auch eine Gelegenheit, Italiens Weihe an die Jungfrau Maria zu erneuern, das „zurecht stolz auf die Präsenz und auf das Wirken der Kirche sein kann“, so der Papst, der dabei auch unterstrich, dass „die Kirche weder Privilegien verfolgt, noch im Sinne hat, sich an die Stelle der verantwortungstragenden politischen Institutionen zu setzen; sie respektiert den legitimen Laizismus des Staates und ist darauf bedacht, die Grundrechte der Menschen zu unterstützen“.

„Gestärkt von  gemeinschaftlichen Überlegungen und direkten Erfahrungen auf dem Gebiet“, fügte er hinzu, leiste die Kirche „weiterhin ihren Beitrag zur Errichtung des Gemeinwohls und erinnert einen jeden an die Pflicht, das menschliche Leben in all seinen Phasen zu fördern und zu schützen und tatsächlich die Familie zu verteidigen“, welche „die erste Wirklichkeit“ bleibe, „in der freie und verantwortungsbewusste Personen heranwachsen können, die gebildet sind mit jenen tiefgreifenden Werten, die zur Brüderlichkeit öffnen und die es auch erleichtern, die Widrigkeiten des Lebens zu bewältigen“.

„Heutzutage besteht eine dieser Widrigkeiten nicht zuletzt in der Schwierigkeit, eine vollständige und würdige Arbeit zu finden“, hob der Papst hervor und stellte sich damit auf die Seite jener, „die von der Politik und der Welt der Unternehmer verlangen, jede Anstrengung auf sich zu nehmen, um die Arbeitslosigkeit zu überwinden, die bei den jungen Menschen die Gelassenheit der Lebensplanung gefährdet und auf diese Weise der authentischen und harmonischen Entwicklung der Gesellschaft großen Schaden zufügt“.

In diesem Kontext bat der Papst die italienischen Bischöfe, die „Gläubigen anzuspornen, jeden Geist des Abschottens, der Ablenkung und der Gleichgültigkeit zu überwinden und persönlich am öffentlichen Leben teilzunehmen“, um eine Gesellschaft zu erbauen, die in ihrer Gesamtheit die Menschenwürde achtet.

„Ermutigt die Bildungsunternehmen, sich an der Soziallehre der Kirche  zu inspirieren, auf dass jene, die gerufen sind, politische oder leitende Verantwortung zu übernehmen, nicht in Versuchung geraten, ihre Position für eigennützige Zwecke oder reinen Machthunger auszunutzen“, forderte er. „Unterstützt das weite Netz der Verbände und Vereine, die kulturelle, soziale oder karitative Werke vollbringen“.

„Lasst die Gelegenheiten der Zusammentreffen im Zeichen der Gegenseitigkeit zwischen dem Norden und Süden wieder aufleben. Helft dem Norden, jene Motivation zurückzugewinnen, die den Ursprung jener Bewegung christlich inspirierter Kooperation bildete, welche die Kultur der Solidarität und der wirtschaftlichen Entwicklung, darstellte“; „provoziert den Süden, die Ressourcen und Qualitäten, über die er verfügt, sowie jene Züge der Aufnahmebereitschaft und der Gastfreundlichkeit zum Nutzen aller in Umlauf zu setzen“.

„In einer Zeit, in welcher der Ruf nach soliden geistigen Bezugspunkten immer stärker auftritt, sollt ihr in der Lage sein, allen die Besonderheiten der christlichen Erfahrung zu bieten: den Sieg Gottes über das Böse und über den Tod, der gleich einem Horizont ein Licht der Hoffnung auf das Gegenwärtige wirft“.

Maria, Leitbild der Christen

Daran erinnernd, dass Santa Maria Maggiore die erste Basilika im Okzident ist, die der Muttergottes geweiht wurde, unterstrich der Papst sodann, dass die Jungfrau das Leitbild der Kirche sei. „Sie ist es, die uns den Spiegel reicht, in dem wir eingeladen werden, unsere Identität zu erkennen“.

„Ihr Leben ist eine Aufforderung, das, was wir sind, zurückzuführen auf das Hören und das Aufnehmen des Wortes, um so im Glauben zum Lobpreis des Herrn zu gelangen, vor dem die einzig mögliche Größe sich in kindlichem Gehorsam ausdrückt“, fügte er hinzu.

„Maria hat vertraut: Sie ist die ‚Gebenedeite‘, und sie ist es, weil sie geglaubt hat“. Sie habe sich dem Wirken des Heiligen Geistes geöffnet und „zeugt so den Sohn, die Gegenwart Gottes, der kommt, in der Geschichte zu wohnen, und dieser einen neuen, endgültigen Anfang eröffnet, nämlich die Möglichkeit für jeden Menschen, von oben wieder geboren zu werden, gemäß dem Willen Gottes zu leben und sich so vollkommen zu verwirklichen“.

„Der Glaube ist nämlich keine Entfremdung: Andere Erfahrungen sind es, die die Würde des Menschen und die Qualität des sozialen Zusammenlebens trüben!“, so der Papst. „In jedem Zeitalter war die Begegnung mit dem immer neuen Wort des Evangeliums eine Quelle der Zivilisation“.

Rückgrat

In seinem Gruß an den Papst erinnerte Kardinal Angelo Bagnasco, Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz (CEI), daran, dass das 150. Jubiläum der Einheit Italiens „alle dazu drängt, ein Lied des Dankes an Gott zu richten für das Erleben eines Weges, der uns zu unserer heutigen Beschaffenheit geführt hat, nach einer langen Zeit des kulturellen und sozialenWandels, während der der Katholizismus eindeutig ein Vorreiterrolle spielte“.

Die in der katholischen Tradition verwurzelte „nationale Identität“, meinte er, könnte als das „Rückgrat“ Italiens bezeichnet werden, „und wenn dieses zerfällt, dann wird das Volk zerbrechlich, der Staat wird schwach und verliert seine Stellung“.

Aus diesem Grund, fügte er hinzu, „wollen wir erneut aus der Quelle des christlichen Glaubens schöpfen und ein neues Zeitalter des erzieherischen Eifers beginnen, im Bewusstsein, dass nur auf diese Weise feste Fundamente für die Zukunft unserer geliebten Heimat gelegt werden können“.

„Wir fühlen uns gedrängt, die Katholiken und besonders die Jungen, welche die Berufung dazu verspüren, einzuladen, sich in jener anspruchsvollen Form der Nächstenliebe, wie es der politische Einsatz, ist zu üben.

Der Kardinal schloss dann ab, indem er im Namen aller italienischen Bischöfe Benedikt XVI. die herzlichsten Glückwünsche zum 60. Jubiläum seiner Priesterweihe am 29. Juni aussprach und indem er den Willen der Bischöfe bestätigte, dem Papst zu folgen „in seiner unermüdlichen Suche nach dem Antliz Gottes und in seinem unermüdlichen Dienst, der die Kirche dazu bringt, vor der ganzen Welt ohne Komplexe für die christliche Hoffnung mit Freude und Vertrauen Zeugnis zu geben“.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Josef Stolz]