Der Papst und der Friede

In Papst Franziskus findet die Menschheit den Grund ihrer Einheit und Brüderlichkeit wieder

Vatikanstadt, (ZENIT.org) P. Alfonso M. A. Bruno FI | 437 klicks

Beim Frieden verhält es sich wie mit der Luft: Seine Notwendigkeit erkennt man erst dann, wenn er abhandenkommt. Europa hat 68 Jahre des Friedens erlebt, in denen Generationen von Männern und Frauen – zu ihrem Glück – in der Abwesenheit von Krieg das Licht der Welt erblickten und heranwuchsen. Nun sehen sich diese neuen Europäer plötzlich mit einer ihnen unbekannten Perspektive konfrontiert. Dies betrifft sowohl die materielle Dimension mit ihren Risiken und Entbehrungen, als auch die moralische Dimension, die durch Hass und Angst gekennzeichnet ist.

Dennoch war die große Menschenmenge auf dem Petersplatz zum weitaus größten Teil aus jungen Menschen zusammengesetzt und die durch diese Präsenz manifestierte kollektive Sensibilität zeigt, dass die Kirche in dieser langen Zeit eine grundlegende Aufgabe erfüllt hat: die Erziehung zum Frieden als Tag für Tag zu erneuernde und zu verteidigende Errungenschaft.

Ferner gibt es Gläubige von anderen Kontinenten, die in all den Jahren seit 1945 den Preis unseres ruhigen Lebens bezahlt haben: in den Kriegen der Dritten Welt; in jenen, die paradoxerweise in Zeiten des Friedens ausbrachen und nunmehr eine größere Zahl an Todesopfern gefordert haben als der Weltkrieg.

Hier liegt der Berührungspunkt zwischen der historischen und der vom Papst vorgenommenen spirituellen Betrachtung.

Jemand merkte an, dass die israelischen Abgeordneten aufgrund der vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Samstag währenden Schabbat-Ruhe erst nach dem Beginn der Vigil auf dem Petersplatz eingetroffen waren.

Den Ausgangspunkt der Worte des Papstes bildete die biblische Bedeutung des siebten Tages, als Gott – seine Schöpfung betrachtend – sagte, dass die Welt „gut“ sei. Der siebte Tag ist daher jener der universalen Heiligung, den der Mensch nur durch die Wahrung der Harmonie mit dem Universum achten kann.

Die Erbsünde Adams und Evas und später die Sünde Kains sind schwere Verfehlungen und eine Beleidigung Gottes, da sie die Harmonie der Welt zerstören. Der Ermahnung des Papstes zufolge sei die Konsequenz der Zerstörung der Harmonie nicht die Disharmonie sondern das Chaos, d.h., die vollkommene Ablehnung der der Schöpfung innewohnenden Ordnung.

Wenn wir kein Chaos hervorrufen wollten, müssten wir den Vorsatz des Kain umkehren, der angibt, nicht der Hüter seines Bruders zu sein, und uns gerade als Hüter und Verantwortliche unserer Brüder erkennen. Der Spiegel der Harmonie in der Schöpfung sei gerade die Brüderlichkeit, das Einvernehmen der menschlichen Familie. Daraus folge, dass die Ursache des Friedens als Gegensatz der Sünde und der Gewalt unteilbar sei.

Bezeichnenderweise sprach der Papst über den Krieg in Syrien erst gegen Ende seiner Rede und erwähnte diesen beinahe nur am Rande. Dieser Umstand rührte nicht daher, dass der Papst die Schwere der Geschehnisse in jenem Land unterbewerte. Vielmehr betrachtet er diese als eine von vielen Folgen einer allgemeinen Ablehnung der göttlichen Harmonie der Welt, des dem Hochmut und der Sünde des Menschen entspringenden Chaos. An dieser Stelle erfolgt ein Rückgriff auf die Geostrategie des Papstes: die notwendige Voraussetzung des Friedens ist selbstverständlich die Gerechtigkeit, deren Verneinung der Auslöser der Konflikte ist, sowohl in Syrien als auch anderswo.

Das ausschließlich Syrien gewidmete Gebet und Werk, die Hingabe für die Beendigung dieses oder jenen Krieges wäre dennoch gleichbedeutend mit einem Verlust des Blickes auf die Gesamtheit der Probleme der Welt. Auch wenn es gelingt, einen einzelnen Krieg zu verhindern oder zum Stillstand zu bringen, werden weiterhin Kriege existieren und sich ausbreiten.

Das ihnen zugrundeliegende Übel muss daher an der Wurzel gelöst werden, indem der Egoismus aus der menschlichen Seele beseitigt wird durch eine Haltung des Verantwortungsbewusstseins und des Miteinander angesichts der Schwierigkeiten der Welt.

In der Sprache der Spiritualitätbedeutet dies den Kampf gegen die Sünde, doch historische Begriffe bezeichnen damit die Anwendung einer „reductio ad unum“ der Menschheit: nicht die erzwungene und vergebens von Ideologien versuchte, sondern jene, die in der Annahme des Gesetzes Gottes und in der Wiederherstellung der Harmonie der Schöpfung besteht.

Aus diesem Grund befanden sich unter dem Säulengang von Bernini, der eine Nachbildung der Umarmung des Christus Pantokrator in der Architektur der romanischen Apsis darstellt, etwa 50 Beichtstühle, in denen die sich die anwesenden Gläubigen das Sakrament der Versöhnung empfangen konnten.

Die Worte des Papstes sind daher keine Rede im Sinne eines gegen jemanden gerichteten Planes. Dennoch wurde eine Trennlinie zwischen Befürwortern und Gegnern gezogen. Wenn seine Worte Anklang finden, so werden die verschiedenen Religionen, Nationalitäten und Identitäten unter Wahrung des Respektes vor den anderen zu einer gerechten Lösung gelangen. Andernfalls bleibt nichts als die gefährliche Illusion des Kampfes gegen den Krieg durch den Krieg, wobei die negativen Folgen des Hasses und der Zerstörung vervielfacht werden.

Das Kreuz ist insofern die einzige Antwort auf die Gewalt, als sie die verneinende Antwort darstellt und stets ein Zeichen eines horizontalen und vertikalen Sieges darstellt.