Der Priester und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts (Teil 2)

Interview mit einem Mitarbeiter des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur

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ROM, 9. September 2009 (ZENIT.org).- Auch wenn die Priester im Leben der Pfarrgemeinde eine unersetzbare olle spielen, ist die Mitarbeit von Laien der Schlüssel, um sie zu befähigen, ihre gottgegebene Aufgabe zu erfüllen. Das erklärt Franziskanerpater Nikolaus Schöch, Mitarbeiter des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur. ZENIT sprach mit ihm über die Zukunft der Pfarrgemeinden sowie darüber, wie die Laien dazu beitragen können, dass die Pfarreien echte Werkzeuge der Gnade Gottes sind.

Teil 1 dieses Interviews wurde am vergangenen Freitag, dem 4. September, veröffentlicht.

ZENIT: Wie können Laien an der pastoralen Entwicklung der Pfarrgemeinde mitarbeiten?



P. Schöch: Der Pfarrer ist nicht verpflichtet, alle Initiativen der Pfarrgemeinde persönlich durchzuführen. Vielmehr soll er dafür sorgen, dass sie zum Wohl der Menschen ausgeführt werden, dass sie im Einklang mit der Lehre der Kirche stehen, gemäß den jeweiligen Umständen und immer unter seiner Leitung.

Das Ideal ist nicht eine Pfarrei, in der der Priester alles tut. Der Priester sollte den Laien helfen, ihre spezifische Berufung in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen zu entdecken und zu verwirklichen. Der Heilige Geist ist es, der diese Gemeinschaft bewirkt und den Priester in diese Gemeinschaft des Volkes Gottes integriert. Da der Heilige Geist den gesamten Bereich des Daseins erfüllt und begründet, so durchdringt und formt er auch die besondere Berufung jedes Menschen. Dem entsprechend ist die besondere Spiritualität von Priestern, Ordensleuten, Eltern,  Unternehmern, Katechisten usw. geformt und entwickelt. Jede Berufung hat einen konkreten und unverwechselbaren Weg, die eigene Spiritualität zu leben, die den übernommen Aufgaben Tiefe und Begeisterung verleiht.

Das Apostolat der Laien wird hauptsächlich innerhalb von Gemeinschaften und Bewegungen verwirklicht, die sich in Übereinstimmung mit der Kirche und im Gehorsam gegenüber den pastoralen Richtlinien einbringen. Diese Gemeinschaften von Gläubigen sollten ermutigt und unterstützt werden. Innerhalb der Pfarrstruktur sollte jedoch jede Form von exklusiven oder abgesonderten Aktivitäten seitens einzelner Gruppen  vermieden werden.

Andererseits sind die Pfarreien wie die Gemeinschaften nicht vor inneren Gefahren gefeit wie Bürokratisierung, Funktionalismus, Demokratismus oder einer Planung, die den Fokus mehr auf die Verwaltung als auf pastorale Initiativen setzt.

ZENIT: Was ist die größte Herausforderung eines Pfarrers in der heutigen Gesellschaft?

P. Schöch: Jede Pfarrei muss von der umfassenden Perspektive der Diözese her betrachtet werden und nicht umgekehrt. Es muss eine angemessene Manifestation von Laien, Ordensleuten und anderen geweihten Personen in der Kirche geben, sowohl innerhalb der christlichen Gemeinschaft, als auch in der ganzen Welt.

Das Bewusstsein wächst, dass es neben den Problemen, die die postmoderne Kultur mit sich bringt, einen hoher Prozentsatz an nicht praktizierenden Katholiken gibt, einen aus verschiedenen Gründen drastischen Abfall jener Leute, die meinen, Katholiken zu sein. Gleichzeitig gibt es eine außergewöhnlich starke Zunahme an so genannten evangelikalen Pfingstsekten und anderen Sekten.

Angesichts dieser Situation sollte es eine dringliche und großherzige Antwort auf die Aufforderung Benedikts XVI. in Brasilien geben, eine echte „Mission" durchzuführen, die besonders all jene in den Blick nimmt, die - wenngleich getauft - aus verschiedenen Gründen nicht ausreichend mit der Botschaft des Evangeliums konfrontiert worden sind.

Für diese Sendung müssen wir alles tun, was uns die Kommunikation in die Hand gibt. So können wir die Ausbreitung einer Kultur verhindern, die versucht, Gott zu verwerfen; einer Kultur, die vom Relativismus, von religiöser Gleichgültigkeit und Agnostizismus geprägt ist, und mitunter auch von einem militanten religionsfeindlichen Säkularismus.

ZENIT: Die pastorale Arbeit in der Pfarrgemeinde ist oft sehr vielfältig und gestaltet sich je nach der konkreten Situation unterschiedlich. Welche Aspekte pastoraler Tätigkeit sollten heute Priorität haben, wenn man an die Zukunft denkt?

P. Schöch: Ich denke, dass die sieben pastoralen Prioritäten, die der Diener Gottes Johannes Paul II. in seinem Schreiben Novo Millenio Ineunte hervorgehoben hat, nach wie vor gültig sind: Heiligkeit, Gebet, die sonntägliche Eucharistie, das Sakrament der Versöhnung, der Vorrang der Gnade, das Hören des Wortes und die Verkündigung des Wortes.

Gemäß dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars und anderer beispielhafte Hirten ist das Herz der Pastoraltätigkeit des Pfarrers die Spendung der Sakramente, insbesondere die der Eucharistie und der Buße.

Unter den vielen Initiativen, die in Pfarrgemeinden zu finden sind, ist keine so entscheidend und für die Gemeinde so prägend wie die sonntägliche Feier des Tages des Herrn und seine Eucharistie. Letztlich gründet ja jede Pfarrgemeinde auf einer theologischen Wirklichkeit, weil sie eine eucharistische Gemeinschaft ist.

Aus diesem Grund empfiehlt das Zweite Vatikanische Konzil, dass die Hirten dafür sorgen, dass die Feier des eucharistischen Opfers das Zentrum und der Höhepunkt des gesamten Lebens der christlichen Gemeinde ist (vgl. Christus Dominus, 30). Das bedeutet, dass die Pfarrgemeinde eine Gemeinschaft ist, die für die Feier der Eucharistie gut gerüstet ist, die die lebendige Quelle ihres Aufbaus und das sakramentale Band ihrer Existenz in voller Gemeinschaft mit der ganzen Kirche ist.

Die Pfarrer sollten sich mit besonderer Aufmerksamkeit der persönlichen Beichte widmen, gemäß dem Geist und der Methode, die von der Kirche festgelegt wurde, und ebenso der geistlichen Begleitung all jener Gläubigen, die dies wünschen. Niemand kann langfristig evangelisieren, ohne Gott den Vorrang zu geben und ohne inneres Leben. Die moralische und soziale Krise unserer Zeit mit ihren problematischen Folgen für die Menschen und die Familien verstärkt die Notwendigkeit des priesterlichen Beistands im geistlichen Leben. Die Priester sollten nachdrücklich dazu ermutigt werden, dem Dienst der Beichte und der geistlichen Begleitung eine neue Anerkennung und feurigen Eifer entgegenzubringen, gerade auch aufgrund des neuen Bedarfs unter den Laien, die mehr dem Weg christlicher Vollkommenheit folgen wollen, der im Evangelium dargelegt wird.

Und im Kontext des Priesterjahres, das ja vor kurzem begonnen hat, gehört auch die Aufmerksamkeit für Berufungen zum Priestertum und geweihten Leben zu den pastoralen Prioritäten.

ZENIT: Wie können Priester in einer globalen Gesellschaft den heiligen Pfarrer von Ars, Johannes-Maria Vianney, in ihrem priesterlichen Dienst nachahmen?

P. Schöch: In einer Welt, in der die allgemeine Sicht des  Lebens immer weniger Verständnis für das Heilige zu haben scheint und in der die „Funktionstüchtigkeit" das einzig wichtige Kriterium wird, lauft die katholische Sicht vom Priestertum Gefahr, ihre natürliche Vorstellung zu verlieren -manchmal sogar innerhalb kirchlicher Kreise.

Die Pfarrgemeinde von Ars war sehr klein; ihr gehörten nur 230 ärmliche Kleinbauern an. Der heilige Johannes Vianney half jedoch nicht nur den kranken Priestern benachbarter Pfarreien, sondern bot zudem ständig seine Dienste als Beichtvater und Seelenführer an - für Tausende von Gläubigen, die in immer größer werdenden Scharen aus ganz Frankreich herbeiströmten.

Oft werden sowohl in theologischen Kreisen, als auch in der konkreten pastoralen Praxis und in der Priesterausbildung zwei verschiedene Sichtweisen des Priestertums unterschieden, die auch manchmal in Konfrontation geraten. Benedikt XVI. sprach diesbezüglich:

a) von einer sozial-funktionalen Sichtweise, die die Natur des Priestertums als „Dienst" an der Gemeinde in der Erfüllung einer Funktion definiert. Die Sichtweise des Dienstes ist dem Primat des Wortes zugeordnet und dem Dienst, es zu verkünden; und

 b) von der ontologisch-sakramentalen Sichtweise, die - ohne den Dienstcharakter des Priestertums zu leugnen - „das Priestertum in der Existenz des Dienstes betrachtet, einer Existenz, die durch eine Gabe vermittelt wurde, die ein Sakrament genannt wird, und die ihm vom Herrn durch die Kirche verliehen wurde" (vgl. J. Ratzinger, „Leben und Dienst der Priester", in: „Elementi di Teologia fondamentale. Saggio su fede e ministerio", Brescia 2005, S.165).

Die ontologisch-sakramentale Sichtweise ist dem Primat der Eucharistie zugeordnet, im zweifachen „priesterlichen Opfer".

ZENIT: Welche Aufgabe sollte die Pfarrgemeinde in der heutigen Welt erfüllen? Oder ist sie eine veralterte Institution?

P. Schöch: Die Pfarrgemeinde ist eine ganz konkrete „communitas christifidelium" (Gemeinschaft von Christgläubigen), die innerhalb einer bestimmten Ortskirche ihren beständigen Platz hat und deren pastorale Aufgabe einem Pfarrer als verantwortlichen Hirten unter der Autorität des Diözesanbischofs anvertraut ist. Daher wird die Pfarrei immer ihre Gültigkeit behalten, immer eine Zukunft haben. Die Pfarrei ist nicht dazu bestimmt zu verschwinden.

Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Bedarf für Veränderungen gibt. In einigen Teilen Europas gibt es Pfarrgemeinden, die über tausend Jahre alt sind und deren Grenzen über die Jahrhunderte hinweg unverändert geblieben sind. Es sollte kaum überraschen, wenn sich Pfarreien zusammenschließen, da in einigen Regionen die Pfarrmitglieder infolge von Migration weniger werden bzw. da die Pfarrgebiete hauptsächlich von Nicht-Katholiken bewohnt werden.

An anderen Orten ist der Klerus unzureichend, um alle Dienste eines Pfarrers zu gewährleisten. In vielen Diözesen Afrikas und Lateinamerikas ist die große Aufgabe, überbevölkerte Pfarrgemeinden aufzutrennen, um die Gläubigen besser betreuen zu können, nach wie vor unerledigt.

Stadtgemeinden sind überbevölkert. Für einen Pfarrer mit 100.000 Pfarrmitgliedern ist es unmöglich, seine Herde persönlich zu kennen. Solche Pfarreien müssen in kleinere und übersichtlichere Einheiten aufgeteilt werden.

Ein Priester aus meiner Heimat war Pfarrer in einer ländlichen Pfarrgemeinde in Bolivien, die größer war als eine bestimmte europäische Diözese und 50 Gemeinschaften umfasste. Auch in solchen Fällen sollten neue Pfarrgrenzen gezogen werden, um die pastorale Arbeit zu vereinfachen und näher bei den Gläubigen zu sein.

Pfarrgemeinden haben zweifelsohne eine Zukunft. Der Punkt ist, wie viel Neustrukturierung in manchen Regionen erforderlich sein wird, damit sie in der Lage sind, ihre Aufgaben zu bewältigen. In Zukunft wird es aufgrund von Verkehr und Kommunikationsmitteln nötig sein, die Zusammenarbeit zwischen den Pfarreien zu verbessern.

In einigen europäischen Ländern entstehen „pastorale Einheiten", die wiederum aus mehreren Pfarrgemeinden bestehen. Sie werden von ihrem Bischof aufgefordert, wirksame „missionarische Gemeinschaften" zu bilden. Diese Pfarreinheiten arbeiten innerhalb eines bestimmten Gebiets als Teil des diözesanen Pastoralplans. Folglich ist dies eine Form der Zusammenarbeit und Koordination zwischen zwei oder mehreren angrenzenden Pfarreien. Pfarrgemeinden werden also nicht abgeschafft, sondern ihre Zusammenarbeit wird gefördert.