Der Psalm ist unersetzlich

Enthält alle Dialogformen des Menschen mit Gott

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 443 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen.

Frage: Darf man den Psalm, der auf die erste Lesung Bezug nimmt, durch eine auf die zweite Lesung oder das Evangelium Bezug nehmende Hymne ersetzen? Musikgruppen haben selten ein Repertoire, das alle Psalmen umfasst, doch können sie in der Regel etwas finden, was zur zweiten Lesung oder zum Evangelium passt. -- J.S., London

P. Edward McNamara: Kurz gefasst lautet die Antwort: „Nein“. Die Grundordnung des Römischen Messbuchs (GORM) hält in recht deutlicher Sprache unter Nr. 61, wo vom Psalm die Rede ist, fest:

„Auf die erste Lesung folgt der Antwortpsalm, der ein wesentlicher Bestandteil der Liturgie des Wortes ist und große liturgische und pastorale Bedeutung hat, weil er die Betrachtung des Wortes Gottes fördert.

Der Antwortpsalm hat der jeweiligen Lesung zu entsprechen und ist in der Regel aus dem Lektionar zu nehmen.

Der gesungene Vortrag des Antwortpsalms ist vorzuziehen, wenigstens was die Antwort des Volkes betrifft. Dementsprechend trägt der Psalmist beziehungsweise der Psalmsänger am Ambo oder an einem anderen geeigneten Ort die Verse des Psalms vor; die ganze Versammlung sitzt und hört zu, ja beteiligt sich auch in der Regel durch einen Kehrvers, es sei denn, der Psalm werde ununterbrochen, d. h. ohne Kehrvers vorgetragen. Damit jedoch das Volk leichter einen Kehrvers zum Psalm singen kann, wurden einige Kehrverse und Psalmen für die verschiedenen Zeiten des Jahres und für die unterschiedlichen Gruppen von Heiligen ausgewählt; diese kann man an Stelle des zur Lesung gehörenden Psalms verwenden, wenn man den Psalm singt. Kann der Psalm nicht gesungen werden, wird er auf eine Weise rezitiert, die geeignet erscheint, die Betrachtung des Wortes Gottes zu fördern.

An Stelle des im Lektionar angegebenen Psalms kann man auch das Graduale aus dem Graduale Romanum oder den Antwort- beziehungsweise Hallelujapsalm aus dem Graduale Simplex in der dort beschriebenen Form singen.“

Obwohl man also – um ein Singen des Psalms zu fördern – recht flexibel ist und hierzu die Ersetzung des Tagespsalms und Verwendung einer zugelassenen metrischen Version erlaubt, darf den Psalm in keinem Fall eine Hymne ersetzen, die nicht aus der Heiligen Schrift stammt.

Das Werk eines Menschen, unabhängig davon, wie vollkommen es vom musikalischen oder literarischen Standpunkt aus sein mag, kann nämlich niemals das von Gott inspirierte Wort ersetzen. Diese Weisung findet man auch schon in der Grundordnung unter Nr. 57:

„In den Lesungen werden den Gläubigen der Tisch des Wortes Gottes bereitet und die Schatzkammern der Bibel aufgetan. Es ist daher angemessen, dass die Leseordnung eingehalten wird, durch welche die Einheit der beiden Testamente und der Heilsgeschichte herausgestellt wird. Auch ist es nicht erlaubt, die Lesungen und den Antwortpsalm, die Gottes Wort enthalten, gegen andere, nichtbiblische Texte auszutauschen.“

Nur Gottes Wort birgt in sich die besondere Gegenwart Christi, die bei seiner Verkündigung im liturgischen Zusammenhang zum Tragen  kommt. Wie der hl. Augustinus in seinen Vorträgen über das Johannes-Evangelium schrieb (Tractatus in Iohannis Euangelium 30,1):

„Meine Lieben, auf die Lesung des heiligen Evangeliums, über das wir kürzlich zu euch gesprochen haben, folgt die heutige, die soeben verlesen wurde. Sowohl die Jünger als auch die Juden hörten dem Herrn beim Reden zu; sowohl die Wahrheitsliebenden als auch die Lügner lauschten der Rede der Wahrheit; sowohl Freund als auch Feind hörte die Liebe reden; sowohl Gut als auch Böse lauschte dem Guten. Jene hörten, er aber unterschied sie voneinander: Wem seine Rede nützte und nützen würde, sah er und sah er voraus. In jenen nämlich, die damals lebten, sah er es; in uns hingegen, die wir später kommen sollten, sah er es voraus. Lasst uns also das Evangelium so hören, als hörten wir dem Herr selbst zu, der ja zugegen ist. Wir wollen nicht sagen: O jene Glücklichen, die ihn sehen konnten! Denn viele unter denen, die ihn sahen, haben ihn dennoch getötet, viele aber unter uns, die ihn nicht sahen, sind dennoch gläubig geworden. Denn die kostbare Wahrheit, die aus dem Mund des Herrn erklang, wurde unseretwegen aufgeschrieben und bewahrt, unseretwegen wurde sie vorgelesen und sie wird auch wegen unserer Nachkommen und bis zum Ende der Welt vorgelesen werden. Der Heer ist in der Höhe, aber der Herr – die Wahrheit – ist auch hier. Denn der Leib des Herrn, in dem er von den Toten auferstanden ist, kann nur an einem Orte sein, seine Wahrheit aber ist überall verbreitet. Lasst uns also den Herrn hören und was er selbst uns von seinen Worten gegeben hat, das wollen wir auch sagen.“

Gott teilt sich uns durch alle Lesungen mit, nicht nur durch das Evangelium. Wir antworten ihm auch, indem wir uns gerade jener inspirierten Worte bedienen, die alle möglichen Dialogformen enthalten, die der Menschen bei seiner Begegnung mit Gott wählen kann. 

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus den englischen Originalartikeln Substituting the Psalm