Der Religionsunterricht, Ort der Begegnung mit Christus

Fastenhirtenbrief von Bischof Algermissen

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FULDA, 6. März 2009 (ZENIT.org).- Christ ist man nicht, sondern man wird es immer mehr. Von dieser Erfahrung ausgehend, verweist der Fuldaer Diözesanbischof Heinz Josef Algermissen in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief auf die Bedeutung des Religionsunterrichts. Der programmatische Titel des Schreibens ist dem Evangelium entnommen und bezieht sich auf Jesus Christus: „Er saß mitten unter den Lehrern“ (Lk 2,46).

„Der konfessionell geprägte Religionsunterricht bietet den christlichen Schülern die einzigartige Chance, das Christentum von innen heraus zu verstehen, den eigenen Standpunkt zu reflektieren und vernünftige Rechenschaft über den Glauben zu geben“, so Bischof Algermissen.

„In einer Zeit, die ständig nach Werten sucht, vermittelt der Unterricht eine Orientierung in ethischen Fragen, die in den Zehn Geboten (vgl. Ex 20, 1-17) gründet, die man sich an den zehn Fingern abzählen kann. Wer das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. Mt 22, 36-40) kennt, wird auch sein Handeln daran ausrichten können.“ Das glaubwürdige Zeugnis der Religionslehrer sei für einen erfolgreichen Religionsunterricht von entscheidender Bedeutung.

„Möge die spirituelle Präsenz Christi das religiöse Lernen in der Schule prägen und dem Religionsunterricht seine geistliche Mitte geben! Das wünsche ich allen Lehrenden in den Schulen und unserer jungen Generation auf ihrem Weg zum Glauben.“

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!



Christsein ist keinem in die Wiege gelegt, man muß es im Lauf des Lebens erst erlernen. Diese uralte Einsicht gilt bis heute. Der frühchristliche Konvertit und Schriftsteller Tertullian hat sie schon im 2. Jahrhundert nach Christus auf eine prägnante Formel gebracht: „Christ wird man, man ist es nicht von Geburt an.“ („Fiunt, non nascuntur Christiani“, Apologeticum 18, 4). Wer schon als Kind die Gnade und Gabe der Taufe empfangen hat, der steht als Jugendlicher und Erwachsener vor der Aufgabe, das Christsein zu erlernen. Und wer sich erst im Jugend- oder Erwachsenenalter zur Taufe entscheidet, wird den christlichen Glauben im Vorfeld kennenlernen und einüben. In jedem Fall also geht es darum, sich das Geschenk des Glaubens mit Kopf, Herz und Hand zu Eigen zu machen und im Leben zu verwirklichen.

Es gibt verschiedene Lernorte, an denen der Glaube eingeübt und gelernt werden kann. Ein erster, lebensprägender Ort ist die Familie, in der Eltern ihre Kinder religiös erziehen. Hier können Kinder vertrauensvolles Beten erfahren und die wunderbaren biblischen Geschichten von Gott und den Menschen hören. Hier werden Eltern zu den ersten Zeugen des Glaubens, wenn sie ihre Kinder altersgemäß in die christliche Tradition einführen, in den Gottesdienst mitnehmen und ihnen Glaube und Ethik vorleben.

Andere Orte sind die christlichen Gemeinden, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen, im kirchlichen Kindergarten Gemeinschaft erfahren und Feste feiern, als Ministrantinnen und Ministranten beim Gottesdienst „dienen“, die Feiern der Erstkommunion und Firmung erleben, in der Jugendgruppe der Gleichaltrigen ihre Identität ausbilden und sich sozial engagieren.

Wir wissen jedoch alle, daß nicht überall solche ideale Bedingungen herrschen, weder in Familien noch in Gemeinden. Viele Elternpaare fühlen sich überfordert, ihr Kind im christlichen Glauben zu erziehen, weil sie unsicher sind oder einer religiösen Erziehung ihres Kindes skeptisch gegenüberstehen. „Seine Religion soll das Kind später einmal selbst wählen“, hört man vielfach. Wie aber soll man sich für etwas entscheiden können, was man gar nicht kennt? Würde eine Mutter oder ein Vater jemals sagen: „Wir wissen nicht, ob unser Kind geliebt werden möchte, dazu soll es sich später selbst entscheiden“? Nein, in der Erziehung wollen Eltern vielmehr alles weitergeben, was ihnen im Leben wichtig geworden ist. Mit dem Glauben an Gott darf es nicht anders sein.

Schule als Ort religiöser Bildung
Ein weiterer wichtiger Ort der Begegnung mit dem Christentum ist der schulische Religionsunterricht. Er gewinnt heute als Lebensraum und Lernort des Glaubens zunehmend an Bedeutung, zumal viele Kinder und Jugendliche nicht unter idealen familiären und gemeindlichen Bedingungen aufwachsen und daher kaum einen Zugang zum gelebten Glauben erfahren. Im Wissen darum haben die deutschen Bischöfe in der letzten Zeit zwei Dokumente zu dieser Frage veröffentlicht. Darin betonen sie die „bildende Kraft des Religionsunterrichts“ (1996) und sehen den „Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen“ (2005). In dieser Linie greife auch ich aus meiner bischöflichen Verantwortung das Thema erneut auf, um alle zu ermutigen und zu bestärken, die im Feld der religiösen Erziehung und Bildung Verantwortung tragen.

Als Fachleute vor einigen Jahren nach der Akzeptanz des Religionsunterrichts in der Schule fragten, erlebten sie eine Überraschung. Schülerinnen und Schüler, so fanden sie heraus, sind keineswegs desinteressiert, vielmehr ist der Religionsunterricht für die überwältigende Mehrheit ein „beliebtes Fach“, das sie als wichtig für ihr Leben einstufen. Der Religionsunterricht vermittelt ein lebensdeutendes Glaubenswissen, das Verantwortungsbewußtsein und Urteilsfähigkeit fördert. So lernen die Schülerinnen und Schüler die Bibel kennen, angefangen vom Bericht über die gute Schöpfung Gottes im Alten Testament bis zu den Evangelien im Neuen Testament, die von Jesus Christus und seinen Gleichnissen und Wundern erzählen. Auch mit dem Wirken des Heiligen Geistes unter den Menschen und Völkern macht der Religionsunterricht bekannt, mit den Aposteln wie Petrus und Paulus und mit den großen Heiligen wie Benedikt von Nursia und Franz von Assisi, Bonifatius, Elisabeth und Mutter Teresa von Kalkutta, Vorbildern gelebten Glaubens in ihrer Zeit.

Ein solches orientierendes Grundwissen stärkt den Glauben an den dreifaltigen Gott, der sich in Jesus Christus als Liebe geoffenbart hat, der Hoffnung auf Versöhnung und ewiges Leben schenkt. Schließlich zeigt der Religionsunterricht auch die Weite der in allen Kulturen verwurzelten Katholischen Weltkirche und weckt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren.

Religiöses Grundwissen brauchen alle von der Grundschule bis zum Gymnasium und zur Berufsschule. Das gilt für die jungen Leute, die in einem christlichen Elternhaus aufwachsen ebenso wie für diejenigen, die kirchlich distanziert oder abständig leben und daher keine eigenen Erfahrungen mit dem Glauben aufbauen können. Die öffentliche Schule, in der alle Schulpflichtigen zusammenkommen und verschiedene soziale und kulturelle Milieus vertreten sind, ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die religiös und weltanschaulich pluraler wird. Kinder und Jugendliche lernen sich über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus kennen und schließen nicht selten auch Freundschaften. Dieses Miteinander im Schulalltag bildet eine gute Möglichkeit, sich selbst und die anderen kennenzulernen.

Der konfessionell geprägte Religionsunterricht bietet den christlichen Schülern die einzigartige Chance, das Christentum von innen heraus zu verstehen, den eigenen Standpunkt zu reflektieren und vernünftige Rechenschaft über den Glauben zu geben. In einer Zeit, die ständig nach Werten sucht, vermittelt der Unterricht eine Orientierung in ethischen Fragen, die in den Zehn Geboten (vgl. Ex 20, 1-17) gründet, die man sich an den zehn Fingern abzählen kann. Wer das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. Mt 22, 36-40) kennt, wird auch sein Handeln daran ausrichten können.

Recht auf Religionsunterricht
Wenn die Schüler und Schülerinnen ihren eigenen katholischen Glauben kennen und darüber Rechenschaft ablegen können, dann werden sie auch befähigt, andere Positionen zu verstehen und tolerante Beziehungen aufzubauen. In diesem Sinn bildet der Religionsunterricht die Urteilskraft und das Unterscheidungsvermögen aus und hat Anteil am Bildungsauftrag der Schule. Er fördert die Integration und das dialogische Verhalten. Daher ist es nicht verwunderlich, daß der Religionsunterricht hohe Wertschätzung genießt und die meisten Eltern ihm zutrauen, ihren Kindern religiöses Grundwissen zu vermitteln und damit eine Wertorientierung für das Leben zu geben. Diese Orientierung ist in der zerklüfteten religiösen Landschaft von heute besonders vonnöten, um zwischen wahr und falsch unterscheiden und das an Gut und Böse orientierte Gewissen bilden zu können.

Im Konzert der schulischen Fächer kommt dem Religionsunterricht eine besondere Bedeutung zu, da er nicht nur Wissen vermittelt und Glaubensinhalte erschließt, sondern auch mit der Praxis des Glaubens vertraut macht und Grundfragen des Lebens thematisiert. Daher ist er kein „Laberfach“, wie manche argwöhnen, sondern ein Lernort, an dem auch jene Grundfragen diskutiert werden können, die Schüler und Schülerinnen existentiell interessieren. Dazu zählen Fragen nach der Existenz Gottes, dem Sinn des Lebens und des Leidens, nach Freundschaft, Liebe und humaner Gestaltung der Sexualität. Auch die Sorge um Gerechtigkeit und Solidarität, die Frage nach Schuld und Verantwortung, die Suche nach Glück, persönlicher Identität und gelungener Beziehung gehören dazu. Kinder und Jugendliche haben ein Recht, auf solche Fragen im Licht des Glaubens glaubwürdige Antworten zu erhalten, die ein Leben lang tragen.

Daß der konfessionell profilierte Religionsunterricht zum Fächerangebot der öffentlichen Schulen in unserem Land gehört, verdanken wir dem Grundgesetz, das „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“ (Präambel) die volle Religionsfreiheit gewährleistet (Art. 4 GG). Das bedeutet, daß die Religion frei ausgeübt werden kann, nicht nur privat, sondern auch öffentlich. Ausdruck der Religionsfreiheit ist der schulische Religionsunterricht, der nach dem Grundgesetz als „ordentliches Lehrfach“ an den öffentlichen Schulen erteilt wird. Da nun der Staat zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist und die Inhalte nicht vorschreiben kann, wird der Religionsunterricht „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt“ (Art. 7 Abs. 2 und 3 GG), die Ziel und Inhalte verantworten. Damit sind Religionsunterricht und kirchliche Mitverantwortung rechtlich verankert und können nicht zugunsten anderer Formen aufgegeben werden.

Der schulische Religionsunterricht ist also als positiver Ausdruck der Religionsfreiheit ein hohes Gut, das Staat und Religionsgemeinschaften zu hüten haben. Er wird von Lehrerinnen und Lehrern erteilt, die an den Hochschulen gut ausgebildet sind, über eine kirchliche Sendung verfügen und in Übereinstimmung mit der Kirche unterrichten.
Im Bundesland Hessen wird der Religionsunterricht in den Grundschulen erfreulicherweise gut abgedeckt, während er in den berufsbildenden Schulen leider nur sehr unzureichend angeboten wird. Daher sind alle Bemühungen zu begrüßen, welche die in den Stundentafeln vorgesehene Erteilung des Religionsunterrichts und seine Qualität im Schulalltag sichern und verbessern.

Kann man Religion lernen?
In allen Schultypen stellt der Religionsunterricht jenen sozialen Ort dar, an dem Schülerinnen und Schüler Religion lernen können. Ist das aber in der Schule wirklich möglich? Aus Sachsen berichtet eine Schülerin, die Religion zunächst weit von sich gewiesen hatte, wie alles anders kam als befürchtet: Sie habe erkannt, daß es keinerlei Zwang gebe und der Lehrer sich für die Schüler und ihre Probleme interessiere. Sie sei inzwischen froh, das Christentum kennengelernt zu haben, von dem sie bis dahin keine Ahnung hatte. Zu Hause habe niemand über Religion geredet, und nun bekomme sie durch den Religionsunterricht ganz neue Impulse für ihr Leben.

Sicher kann der Religionsunterricht nicht ersetzen, was an Glaubenspraxis in Familie und Gemeinde einzuüben ist. Aber im Rahmen des Bildungsauftrags der Schule macht er mit der christlichen Tradition vertraut, die unser Land und Europa geprägt hat und den Kern unserer Kultur bildet. Auch fördert er Kinder und Jugendliche bei ihrer Suche nach Orientierung für das Leben. Dies gelingt dort am besten, wo Religion nicht distanziert, sondern ganzheitlich dargeboten und didaktisch angemessen unterrichtet wird.

Eine entscheidende Rolle im Lerngeschehen spielen die Lehrerinnen und Lehrer, die durch ihre fachliche und soziale Kompetenz ein positives Verhältnis zu ihren Schülern entwickeln und sie als Person wertschätzen. Religionsunterricht gelingt dann am besten, wenn die Lehrerinnen und Lehrer menschlich überzeugende Persönlichkeiten sind und als glaubwürdige Christen das Evangelium vorbildhaft bezeugen. Nicht selten stellen sie den einzigen Kontakt zur Kirche dar.

Allen, die in unserem Bistum Fulda als Religionslehrerinnen und -lehrer tätig waren und sind, möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen. Wer den Lehrberuf engagiert ausüben will, ist auf die Mithilfe seines Umfeldes angewiesen. Er braucht die Unterstützung der Schulleitung und der Elternschaft, besonders auch der Pfarrgemeinden.

Die Evangelien berichten oft von Jesus dem Lehrer. Es begann damit, daß schon der Zwölfjährige „mitten unter den Lehrern saß“ (Lk 2, 46), zuhörte und Fragen stellte. Diese Szene hat im damaligen Kontext Aufsehen und Erstaunen ausgelöst. Können wir Seine geistliche Gegenwart nicht auch in unserer Zeit wahrnehmen? Hat Christus doch verheißen, mitten unter uns zu sein, wenn wir uns in seinem Namen versammeln (vgl. Mt 18, 20) oder uns den materiell und spirituell Bedürftigen zuwenden (vgl. Mt 19, 14; 25, 40). Wie das Rad eine Nabe, so braucht auch der Religionsunterricht eine geistliche Mitte, um die alles kreist.

Möge die spirituelle Präsenz Christi das religiöse Lernen in der Schule prägen und dem Religionsunterricht seine geistliche Mitte geben! Das wünsche ich allen Lehrenden in den Schulen und unserer jungen Generation auf ihrem Weg zum Glauben.

Dazu segne Sie auf die Fürsprache der Gottesmutter und des heiligen Bonifatius der gütige Gott: der +Vater und der +Sohn und der +Heilige Geist.

Ihr

Heinz Josef Algermissen
Bischof von Fulda

[Vom Bistum Fulda veröffentlichtes Original]