Der Retour- und Gelegenheitssünder

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 292 klicks

Ich bin Student und bin dreiundzwanzig Jahre alt. Ich bin katholisch erzogen, und ich gehe in die Kirche. Ich beichte ziemlich oft, und in diesem Zusammenhang habe ich große Probleme. Ich glaube, einen guten Willen zu besitzen, aber trotzdem falle ich immer wieder in gleiche Sünden, und ich beichte immer wieder gleiche Sünden. Ich schäme mich bereits sehr. Ich weiss es nicht, ob meine Beichten gültig sind, denn während ich beichte und bereue, weiss ich zur gleichen Zeit, dass ich erneut sündigen werde. Und so geschieht mit mir immer dasgleiche. Es überkommt mich deshalb oft die Mutlosigkeit und Willenlosigkeit. Ich war schon öfter versucht, die Beichte völlig zu verlassen, weil sie mir nichts bringt. Von der anderen Seite, habe ich Angst, mit einem unreinen Gewissen zur Kommunion zu gehen, aber ich möchte nicht zeigen, dass ich schlechter bin als die anderen.

Aber das ist nicht alles. In der Gesellschaft an der Fakultät gerate ich immer wieder in gleiche Gelegenheiten und führe schamlose Gespräche, die mich dann verfolgen und zu erneutem Sündenfall führen. Über diese Dinge denke ich weiter nach, ich suche in den Zeitschriften und Illustrierten nach entsprechenden Bildern, und ich schaue mir auch da und dort einen Pornofilm an. Das alles führt mich zur Faulkeit und Vernachlässigung der Arbeit. Manchmal vergehen Tage, und ich habe nichts gelernt.

Was soll ich mit mir tun? Gibt es für meinen Zustand noch eine Medizin?

Vlado R.

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Aus deinem Breif ist offensichtlich, dass du ehrlich und offen bist, und dass du dich bemühst, deine Taufe zu leben: du betest, gehst in die Kirche, empfängst die Sakramente. Es ist aus deinen Bekenntnissen nicht zu sehen, dass du in schwere Laster gefallen bist: Alkochol, Droge, Flucht von zu Hause, Unzuchtleben und ähnliches. Du bist ein junger Mann, der sich bemüht, höhere Werte, echte christliche und menschliche Ideale zu verwirklichen, der wahrscheinlich auch gute Beziehungen zu den Eltern und anderen Menschen hat, der es wünscht, in größerer Beständigkeit und auch im vollkommeneren christlichen Leben zu leben. Das muss man alles erwähnen, damit du nicht (Gott bewahre!) mutlos und pessimistisch wirst, denn das resultiert mit Willenlosigkeit und nicht selten mit Verlassen des Glaubens- und Moralgrundsätze.

Es gibt hauptsächlich drei Dinge, die dich quälen. Erstens, „immer wieder die gleichen Sünden beichten“. Zweitens, während du beichtest und bereust, „weißt du Bescheid, dass du erneut sündigen wirst“. Drittens, „Gelegenheiten für die Sünden“ in der Gesellschaft von Kollegen und Kolleginnen an der Fakultät, und wahrscheinlich auch anderswo, was du dann auf verschiedene Weisen verstärkst.

1.  Sünden, die zurückkehren. In einem gewissen Sinne sind wir alle Sünder dieser Art, „wiederkehrende“ Sünder (lat recidiv), weil wir mehr oder weniger die gleichen Sünden wiederholen, die gleichen Schwächen beichten. Deshalb sind wir im „materiellen“ oder „untypischen“ Sinne dieses Ausdrucks Retoursünder. Hier sprechen wir nicht darüber. Ein echter Retoursünder ist derjenige, der nach einer guten Beichte der schweren und lässlichen Sünden, immer von neuem gleiche Sünden begeht, in der Regel auf die gleiche Weise und unter gleichen Umständen. Der Beichtvater, und auch der Pönitent selbst, können bei solchen dauernden Wiederholungen in Zweifel geraten, noch mehr zum Schluss, dass es in dem Fall keine echte Reue und keine Entscheidung gibt, nich mehr zu sündigen, weil gar kein Erfolg zu sehen ist. In diesem Zusammenhang stellt man die Gültigkeit der früheren Beichten in Frage: ob sie nicht einfach aus Gewohnheit gemacht wurden, formalistisch, also Sakrileg?

Man muss unterscheiden. Es existiert „wiederkehrender Sünder“, der zum ersten Mal eine Sünde bekennt, zum Beispiel, ein Ehemann, der jahrelang mit Hilfe der Kontrazeption eine Empfängnis verhindert, und der diese Sünde noch nie gebeichtet hatte, obwohl er wusste, dass es schwere Sünde sei. Ein anderer Typ des „wiederkehrenden Sünders“ ist derjenige, der nach einer ganzen Serie von Beichten nichts unternommen hat, um sich von dieser Sünde zu befreien, die Gelegenheiten zu vermeiden oder andere Mittel zu benützen, um sich zu bessern: Gebet, Fasten, Lesen und Meditieren des Wortes Gottes und ähnlich. Bei einem solchen Sünder kann man mit Recht sagen, dass es am „guten Willen“ fehlt, er lässt sich von seinem „bösen Willen“ führen, und er trägt dem keine Rechnung, er erfoscht nicht sein Gewissen, und er bemüht sich nicht. Dritter Typ des „wiederkehrenden Sünders“ ist dein Fall: das sind diejenigen, die, wie du sagst, „einen gewissen guten Willen“ haben, aber trotzdem die gleichen Sünden begehen.

Dieser letzten Gruppe von Pönitenten wird der Beichtvater in der Regel die Absolution erteilen, weil sie den guten Willen zum Ausdruck bringen, sie bereuen und fassen den Entschluss, nicht mehr zu sündigen. Der zweiten Gruppe der Pönitenten muss der Beichtvater eine ernsthafte Ermahnung erteilen, und wenn der Pönitent überhaupt keinen guten Willen zeigt, ist er verpflichtet, ihm die Absolution zu verweigern. Der erste Fall muss nicht fatal sein, wenn der Pönitent, nachdem er viele Jahre in der gleichen Sünde gelebt und sie nicht gebeichtet hat, jetzt aufrichtig und ehrlich bereut und bereit ist, Buße zu tun und sich ernsthaft zu bessern.

Man muss betonen, dass viele Pönitenten in der heutigen Zeit einen schwachen Glauben haben, weil sie zu sehr mit den irdischen Sorgen beschäftigt sind. Diesen schwachen Glauben muss man in der Beichte unterstützen, anregen und lebendig machen: durch die Verweigerung der Lossprechung könnte man größeres Übel anrichten und nicht größeres Gut erreichen. In jedem Fall darf der Beichvater nicht nach einem „leichteren Prinzip“ gehen, und der Disposition des Gewissens des Pönitenten keine Rechnung tragen, sondern er muss den „kleinen Funken des Glaubens“ und das „Krümchen des guten Willens“ richtig beurteilen und nach dem Beispiel des Herrn in seinem Umgang mit solchen Sündern vorgehen. Es handelt sich hierbei in der Regel um die Sünder aus Schwäche und nicht aus „bösem Willen“. Aber es ist gut zu wissen, dass auch Sünden „aus Schwäche“ grosse Sünden und Todsünden sein können, wenn der Pönitent nichts unternimmt, um seinen Zustand zu ändern. 

2.  Während du beichtest, weißt du, dass du wieder sündigen wirst. Hier muss man gut unterscheiden: man muss das Wissen vom freien Willen unterscheiden. Du weißt, dass du wieder Sünde begehst, weil dir das deine langjährige Erfahrung sagt, dein Wille will es aber nicht: eines ist Wissen und anders ist Wille. Wenn du beichtest, hast du guten Willen und feste Entscheidung, nich mehr zu sündigen. Also, während du beichtest, ist dein Wille in Ordnung und du hast den Wunsch, dich zu bessern. Aber deine schlechte Gewohnheit, das Wissen, dass du wieder fallen wirst, verwirrt dich. Ich erinnere mich an einen „wiederkehrenden Sünder“, der weinte, weil er überzeugt war, wieder zu sündigen. „Überzeugt sein, wieder zu sündigen“ bedeutet keine Entscheidung sündigen zu wollen. Im Gegenteil, man fällt die Entscheidung, sich zu bessern und nicht zu sündigen, aber die bisherigen Gewohnheiten und die bisherige Art zu leben stiften Unruhe. Es ist dabei wichtig zu wissen, dass diese Beichten in Ordnung sind. Solchen Pönitenten kann man sogar eine heufige Beichte empfehlen, nach Möglichkeit beim gleichen Beichtvater, der einen gut kennt und besser helfen kann. Durch den heufigen Empfang des Sakramentes besteht die Hoffnung, dass man mit Hilfe der Gnade des Sakramentes besser die Schwächen überwinden kann, und dass die Gnade Gottes gegen die Schwächen der menschlichen Natur siegen wird.

3.  Derjenige, der unter gleichen Umständen immer sündigt. Das gilt in der Regel auch für den „Gelegenheitssünder“ Die heutigen Umstände sind ziemlich an die allgemeine Mentalität gebunden, die uns allen verschiedene Versuchungen suggeriert. Die Gelegenheit zur Sünde ist meistens etwas Äußeres, was zur Sünde anregt: gewisse Person oder bestimmte Personnen, bestimmte Gegenstände, Bücher, Zeitschriften, Illustrierte, Programme im Fernsehen oder im Kino, im Internet usw. Diese Dinge provozieren Fall in die Sünde. Streng gesprochen, „Gelegenheit zur Sünde“ ist nicht eine unordentliche Leidenschaft und Schwäche des Sünders, weil diese und ähnliche Realitäten innerlich und nicht äußerlich sind.

Außerdem muss man eine „fernere Gelegenheit“, mit weniger Gefahr, zu sündigen, von einer „näheren Gelegenheit“, die in sich schwerwiegende und dauerhafte Gefahr der Sünde verbirgt, unterscheiden. Sie „kann an sich“ schwerwiegend und gefährlich oder nur „relativ“ gefährlich sein, je nach den Umständen. In einer an sich schwerwiegenden Gefahr für die Sünde sündigen in der Regel fast alle gewöhnlichen Menschen und schwächeren Christen (denken wir an die Betrachtung der obszönen Bilder und Ereignisse, an die Situationen der schweren Skandale und ähnliches). Jemand kann das wünschen und danach suchen, also bewusst und mit freiem Willen. Ein anderer kann notgedrungen in eine solche Situation geraten: physdische Notwendigkeit, wenn er z.B. mit der Person, die für ihn Versuchung bedeutet, im gleichen Haus oder im gleichen Zimmer zusammenlebt, oder moralische Notwendigkeit, z.B. die Sympatie zwischen dem Sohn der Familie und dem Mädchen, das bedient.

Das Prinzip ist klar: der Beichtvater darf nicht die Lossprechung verweigern, wenn es sich um fernere sündige Gelegenheit handelt: sonst müsste wir alle aus dieser Welt fliehen, denn wir befinden uns alle in irgendeiner Weise in einer ferneren sündigen Gelegenheit. Und wenn es sich um eine nahe sündige Gelegenheit oder um eine notgedrungene Sündengelegenheit handelt, muss man sehen, ob der Pönitent bereut und ob er den Willen hat, aus der nahen eine fernere sündige Gelegenheit zu machen: „Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet. Und wenn dich deine Hand oder dein Fuss zum Bösen verführt, dann haue sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füssen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiss es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu gelangen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden“ (Mt 18, 7-9).

Aber wenn sündige Handlungen wiederholt werden, muss man mit einem solchen Pönitenten vorgehen wie mit einem „wiederkehrenden Sünder“, nach den oben erwähnten Prinzipien. Und dir sage ich in aller Freundschaft: sei nicht mutlos, hab Mut, mit jeder Beichte ein neues Leben anzufangen, im Gebet, vor allem, zum eucharistischen Heiland und zur Mutter Gottes, und auch indem du systematisch kleinere und grössere Verzichte, die den Willen stärken, auf dich nimmst.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 347-350)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.