Der Rosenkranz – umstritten?

Impuls zu Rosenkranzfest

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 7. Oktober 2011 (ZENIT.org). - In der heutigen Mainstream-Zivilisation geht
man mit nicht genehmen Ansichten scheinbar sehr behutsam vor. Die Medien sprechen nicht
von abwegigen oder gar dummen Ideen, Personen oder Institutionen, sondern gebrauchen
gerne das objektiv klingende Wort „umstritten”. Nur wenn etwas doch gar zu schlimm
erscheint, nennt man es allenfalls „inakzeptabel”. Ja, es ist schon eine sehr verfeinerte Kultur,in der wir leben.

Nun aber hat es sich mit der Zeit herausgestellt, dass für viele Zeitgenossen nach den
Erfahrungen, die sie mit manchen Medien, aber auch manchen Politikern gemacht haben,
das Wörtchen „umstritten” aufhorchen lässt. Nicht selten wird es für den Eingeweihten zum
Gütemerkmal. Schon manch einer hat sich einer Idee oder einer Gemeinschaft angeschlossen, von der er in den Medien gelesen hatte, dass sie umstritten sei - und war am Ende davon sogar begeistert.

Nun hat neulich auch ein regionales Kirchenblatt anlässlich des traditionellen
Rosenkranzmonats Oktober dem Rosenkranzgebet das Etikett „umstritten” angeheftet,
und zwar mit der Begründung, dass es nicht zeitgemäß sei. Der wache Christ von heute
könne sich nicht mehr mit Gebeten befassen, die aus lauter Wiederholungen derselben
Worte bestehen. Was sich der Autor des Artikels allerdings ungeschickterweise entgehen
ließ, war der historische Zusammenhang, in dem das Rosenkranzfest, das am 7. Oktober
gefeiert wird, steht, nämlich die Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571, in der die
europäischen Truppen gegen eine türkische Übermacht siegten, und diesen Sieg dem Gebet
des Rosenkranzes zuschrieben, zu dem der Papst die Christenheit aufgefordert hatte. Hier
wäre eigentlich ein weiteres Reizwort unserer Zeit fällig gewesen: „politically incorrect”.

Aber Ironie beiseite, was hat es nun mit diesem Gebet auf sich? Auf der einen Seite gibt es
viele – auch Christen – die dieses Gebet nicht einmal mehr als umstritten ansehen, sondern es einfach ignorieren als etwas für allzu schlichte Gemüter. Auf der anderen Seite eine allerdings zahlenmäßig beachtliche Gruppe von Gläubigen, die dieses Gebet regelmäßig pflegen und ihm große Erhörungskraft zusprechen.

Die asketische und mystische Theologie spricht traditionell von zwei Grundformen des
Gebetes. Es gibt das „mündliche” und das „betrachtende” Gebet. Das mündliche Gebet
verwendet Texte mit fertigen Worten, die man „aufsagt”. Darunter das hervorragendste,
weil von Gott selber gegebene, das Vaterunser. Ferner das Gegrüßet seist du, Maria und Ehre sei dem Vater. Aus diesen drei Grundgebeten setzt sich der Rosenkranz zusammen, wo in fünf „Geheimnissen” je zehn Avemaria mit jeweils einem Vaterunser abwechseln.

Dagegen bemüht sich der Gläubige im betrachtenden Gebet darum, mit Gott in freien,
eigenen Worten zu sprechen, gerade so wie man mit einem Freund spricht, wobei man sich
der Hilfe des Heiligen Geistes versichert, der, wie Paulus sagt, „mit unaussprechlichen
Seufzern” für uns eintritt, „wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen”. Denn der Mensch
ist wetterwendisch: mal „gelingt” ihm die Betrachtung gut, und andere Male fühlt er sich
leer und trocken. Dennoch sollte er regelmäßig jeden Tag dieses betrachtende Gebet üben.

Er muss ja nicht jedes Mal Gott etwas Originelles mitteilen („Er weiß ja schon alles”),
vielmehr sollte er den Geist in sich beten lassen, d.h. sein Herz ihm öffnen und ihn bitten, „in
ihm zu beten”. Wie von selbst wird er mit der Zeit zu einem höheren und reiferen Gebet
aufsteigen. Durch die Regelmäßigkeit wird er nach und nach unabhängig von Stimmungen
und Zufälligkeiten.

Wenn wir in diesem Zusammenhang das Rosenkranzgebet anschauen, stellen wir fest,
dass es keineswegs ein Gebet nur für alte Mütterchen ist (wenngleich diese meist die
wirksamsten Beter sind). Vielmehr ist es eine äußerst geistreiche Kombination der beiden
Gebetsformen. Denn während der Beter immer wieder die gleichen Gebete, vor allem das
Avemaria, sagt, entfaltet er eine rege betrachtende Gedankentätigkeit – jedenfalls sollte es
so sein. Er betrachtet gleichzeitig, sozusagen mit Maria, die zentralen Geheimnisse unserer
Erlösung: die Menschwerdung Gottes und die Kindheit Jesu (freudenreicher Rosenkranz),
sein Wirken in der Öffentlichkeit (lichtreicher Rosenkranz), sein Leiden und Sterben
(schmerzensreicher Rosenkranz) und schließlich seine Auferstehung und Verherrlichung
(glorreicher Rosenkranz), tatsächlich das Wesentliche aus unserem Glaubensschatz.

Der Rosenkranz ist übrigens ganz und gar christozentrisch, Maria ist gewissermaßen die
Umhüllung, in der das von Christus gewirkte Heilsgeschehen gesehen wird. Genauso wie
jedes Avemaria in seinem Kern Jesus enthält. Also keine Angst: es handelt sich nicht um
übertriebene Marienfrömmigkeit!

Für den Rosenkranz als ideale Synthese der beiden Gebetsformen, mündliches und
betrachtendes Gebet, könnte man, um einen bildlichen Vergleich zu gebrauchen, von
einem Schifflein sprechen (die Betrachtung), das auf einem Wasser dahinsegelt (die vielen
Avemaria), in Bewegung gesetzt vom Hauch des Heiligen Geistes. Darüber hinaus man kann
noch eine dritte Gebetsebene ausmachen. Während die ruhig dahinfließenden mündlichen
Gebete zum Betrachten anregen, kann der Betende verschiedene Gebetsanliegen mit
bedenken. Und das immer in dem Wissen, dass ihm von höherer Warte und mit äußerstem
Wohlwollen zugehört wird.

In den Familien wurde früher abends gemeinsam der Rosenkranz gebetet. Jeder, der das
erlebt hat, weiß um die eigentümlich friedvolle Stimmung, die sich dann bei den Menschen
ausbreitet. Heute wird abends gemeinsam „in die Röhre“ geschaut.

Aber ist deswegen der Rosenkranz nicht mehr „in”? Nein, im Gegenteil. Auch heute, und
gerade in unserer unruhigen Zeit, ist der Rosenkranz angesagt. Auch heute sind durch großes Rosenkranzbeten große Dinge erreicht worden, bis hin zu weltpolitischen Ereignissen, wie dem unerklärlichen Abzug der Sowjets aus Österreich im Jahre 1955 oder der  Verhinderung der kommunistischen Machtübernahme in Portugal im Jahre 1975.

Oder sind wir jetzt schon wieder „politically incorrect”?

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.