Der Rücktritt Benedikts XVI. vor einem Jahr

Ein ganz normaler Mensch

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 264 klicks

Heute vor einem Jahr kündigte Benedikt XVI. vor den im Konsistorium versammelten Kardinälen seinen Rücktritt an. Es folgten in den kommenden Wochen seine letzten Amtshandlungen; danach trat Benedikt XVI. nicht mehr in der Funktion als Oberhaupt der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit auf.

Mit dieser Entscheidung ging das Pontifikat eines ganz „normalen“ Menschen zu Ende. Wie sein Biograf Peter Seewald erzählt, liebte Benedikt XVI. Demutsbekundungen wie zum Beispiel den Ringkuss nie besonders. Als ein ehemaliger Schüler sich ihm mit einer Verbeugung näherte und Anstalten machte, den Fischerring zu küssen, winkte der Papst ab und antwortete: „Lass uns doch normal bleiben.“ Normal durfte Benedikt XVI. sein Leben als Papst nicht mehr führen. Als am 1. Mai 2005 seine langjährige Haushälterin an den Fenstern der Papstwohnung zu sehen war, gab es einen Aufruhr, gleich hieß es: „Die Päpstin!“ Für Benedikt XVI. bedeutete das, dass ein Papst also keine Haushälterin wie jeder normale Pfarrer haben durfte. Während seiner Zeit von 1981 bis 2005 als Präfekt der Glaubenskongregation lebte Joseph Kardinal Ratzinger in Distanz zur kurialen Bürokratie, in einer Wohnung außerhalb des Vatikans, und konnte so ein Stück Normalität bewahren. Umso stärker, nach einem der kürzesten Konklaven der Kirchengeschichte, gestaltete sich die Umstellung nach seinem Umzug in die Wohnräume des Papstappartements.

Kaum einem Papst ist das Leben von den Angehörigen seines Staates so schwer gemacht worden wie Benedikt XVI. Nach Ansicht seiner Kritiker aus den eigenen Reihen habe ein Papst keine Bücher zu schreiben wie ein Theologieprofessor – eine Tätigkeit, die Joseph Ratzinger viele Jahre lang an Universitäten wie Münster und Regenburg ausgeübt hatte. Dahinter stand der Vorwurf, er vernachlässige seine Amtspflichten.

Das Pontifikat Benedikts XVI. ist durchzogen von internen Skandalen und geprägt vom Unverständnis für seine Entscheidungen und Gesten. Was ihm alles zu verdanken ist, geriet und gerät oft in den Hintergrund, wie beispielsweise sein seit den 80er Jahren geführter kontinuierlicher und tatkräftiger Einsatz gegen den Missbrauch an Minderjährigen. Als Papst griff er hart durch, ordnete eine staatliche Rechtsverfolgung der Täter an und setzte reihenweise Bischöfe ab. Was immer bleiben wird, sind seine Texte, die von seinem außergewöhnlich klaren und analytischen Verstand Zeugnis ablegen. Kein Satz zu viel und kein Satz ohne Bedeutung. Wegbegleiter und Anleitungen für ein erfülltes Glaubensleben und Erklärungen für die vielen Fragen der Gläubigen.

Mit seinem Rücktritt wollte Benedikt XVI. seinem Nachfolger eine Situation wie die, in der er selbst sein Amt antreten musste, ersparen. Er ging rechtzeitig und verhielt sich anders als alle Päpste vor ihm. Er verhielt sich normal: voller Aufrichtigkeit und Demut, in vollem Bewusstsein über seine Situation. Mit den folgenden Worten verabschiedete sich Benedikt XVI. bei den Gläubigen:

„Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben. … Um das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Köpers als auch die Kraft des Geistes notwendig.“

Diese Kraft habe „in den vergangenen Monaten derart abgenommen“, dass er sein „Unvermögen“ zur weiteren Amtsführung erkenne. Für viele ein schmerzlicher Verlust.