"Der Schein ist eine Kapitulation"

Interview mit AlfA-Vorstandsmitglied Alexandra Linder

Regensburg, (ZENIT.org) Michaela Koller | 403 klicks

Erstmals bei einem Deutschen Katholikentag ist der Verein Donum Vitae mit einem Stand in Regensburg vertreten, was im Vorfeld für Debatten sorgte. Mitglieder des Zentralkomitees deutscher Katholiken gründeten den Verein 1999, nachdem es katholischen Verbänden kirchenrechtlich untersagt wurde, sich weiter am System der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung zu beteiligen. Die Bescheinigung über eine Beratung ist rechtliche Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung. Deren Ausstellung steht im Widerspruch zum Recht auf Leben vom Moment der Empfängnis an, für das die Kirche eintritt. Donum vitae stellt aber weiterhin staatlich anerkannte Beratungsbescheinigungen aus. Aus diesem Grund betonten die deutschen Bischöfe, dass es sich um eine Vereinigung außerhalb der katholischen Kirche handelt.Über das Für und Wider des Engagements innerhalb der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung fand am Freitag eine Podiumsdiskussion statt, als Bedingung an Donum Vitae, einen Informationsstand aufbauen zu dürfen. Im Gespräch mit Michaela Koller berichtet Alexandra Maria Linder, Erste stellvertretende Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), über ihre Erfahrungen bei der Beratung von Schwangeren in Not, ohne den Frauen eine Bescheinigung auszustellen.

Es gab im Vorfeld heftige Kritik an der Präsenz von Donum Vitae auf dem Katholikentag. Nun mußte sich der Verein der Diskussion stellen. War das so die beste Lösung?

Es war fair, dass sie diese Gelegenheit bekommen haben. Andererseits muss man sich klar machen, dass sie nicht konsequent katholisch handeln. Durch ihr Handeln schließen sie sich selbst aus. Und sie bringen die katholische Kirche in eine schwierige Lage: In der öffentlichen Meinung entsteht der Eindruck, die Kirche sei mit Abtreibung irgendwie doch einverstanden. Die innerkirchliche Debatte ist der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt.

Auf früheren Katholikentagen ist doch das Lebensrecht nicht so prominent in der Agenda vorgekommen...

Nein, es war praktisch überhaupt nicht präsent. Daher freuen wir uns, dass dieses grundlegende Thema so aufgegriffen wird und hoffen, dass die Diskussion auch bei künftigen christlichen Veranstaltungen konstruktiv weitergeht.

Wie haben Sie das Podium empfunden?

Die Position von Donum Vitae erschien mir kompromisslos, ja verhärtet. Es ging den Vertretern mehr darum, ihre Position darzustellen, als über Argumente zu diskutieren. Sie beharrten zum Beispiel darauf, dass wir in Deutschland das beste Abtreibungsgesetz in Europa haben. Auf Gegenargumente, wie etwa, dass es bei jungen Leuten so ankommt, es sei legal abzutreiben, gingen sie nicht ein. Insofern fand deutlich weniger sachliche Diskussion statt, als wir es uns eigentlich gewünscht haben.

Mit welchen Erwartungen sind Sie in das Gespräch gegangen?

Mein Vorschlag war, gemeinsam auf der vorhandenen guten Beratung für Mutter und Kind aufzubauen, ohne Abtreibung als Option anzubieten. Donum Vitae berät ja prinzipiell zum Leben hin und hat insofern dieselbe Motivaton wie wir. Das zweite Ziel war, darzustellen, dass das Gesetz, das wir haben, nicht hilfreich ist, und gemeinsam herauszuarbeiten, was verbessert werden muss. Das Gesetz setzt Beratungsstellen ja auch unter Zwang: Wenn eine Frau zum Beispiel gar nicht beraten werden möchte, muss der Schein trotzdem ausgestellt werden.

Wieso darf Beratung für Schwangere in Not nicht ergebnisoffen sein?

Ein Christ kann niemals eine Option anbieten, die mit der Verletzung oder Tötung eines Menschen zu tun hat. Die Schwangeren kommen zu uns, weil sie auch Unterstützung gegen den Druck ihres Umfelds suchen. Wenn man dann nach einer guten Beratung einen Schein ausstellt, ist das eine Kapitulation. Das macht das Gespräch zuvor zunichte, denn ich sage ja damit, dass ich es ihr im Grunde doch nicht zutraue, das Leben mit dem Kind zubewältigen.

Sie helfen selbst konkret Schwangeren in Not Beratung zu kommen zu lassen. Was machen Sie da genau?

Im Rahmen der Lebensrechtsarbeit der ALfA (Aktion Lebensrecht für Alle) haben wir eine Patenschaftsaktion gegründet, um vor allem in den ersten drei Lebensjahren des Kindes auch finanziell helfen zu können. Mein persönliches Projekt ist die Notrufnummer 0800 – 3699963. Unter dem Namen vitaL – Es gibt Alternativen ist 24 Stunden täglich eine Beraterin erreichbar, die zum Gespräch bereitsteht und Hilfe vermitteln kann. Ausserdem bieten wir diese Hilfe auch im Internet an:http://www.vita-L.de. Je nach Bedarf der Anrufer genügt manchmal ein anonymes Beratungsgespräch, manchmal ein Rat, wo man Hilfe bekommt.

Manchmal führt das aber auch zu monatelanger konkreter Hilfstätigkeit, von der Unterstützung bei Anträgen bis hin zur Wohnungssuche oder Babysitting. Wenn wir Geld haben, senden wir kurze Spots im Kino, in denen die Frauen mit ihren Problemen im Mittelpunkt stehen und die Telefonnummer beworben wird. Der größte Anteil der Arbeit wird ehrenamtlich geleistet und wir finanzieren uns ausschließlich von Spenden und Zuschüsse.

Welche Erfahrungen machen Sie denn bei dieser Arbeit mit den Anruferinnen?

Die Frauen melden sich bei uns, in dem Augenblick, in dem sie in den Konflikt geraten. Die häufigste kritische Situation besteht in einem Partnerschaftskonflikt, weil der Mann das Kind nicht haben will. Die erste Frage ist, ob wir Zeit für sie haben und nicht, ob wir einen Schein ausstellen. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass man sich nicht am staatlichen System beteiligen muss, um Frauen in Konfliktschwangerschaften zu erreichen. Damit hat sich diese Argumentation von Donum Vitae als hinfällig erwiesen. Deshalb ist es an der Zeit, dieses Konzept zu überdenken.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass alle christlichen Beratungsstellen ein 100prozentig klares Zeugnis geben. Dann können wir als Christen gemeinsam glaubwürdig und ohne faule Kompromisse für die Frauen und ihre Kinder einstehen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview.