Der Sommersitz des Papstes im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges

Castel Gandolfo gedenkt heute der mehr als fünfhundert Menschen, die in der päpstlichen Sommerresidenz ums Leben kamen

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Von Ulrich Nersinger

WÜRZBURG, 10. Februar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Etwa fünfundzwanzig Kilometer südöstlich von Rom entfernt erhebt sich über dem Lago di Albano Castel Gandolfo, die Sommerresidenz des Heiligen Vaters. Der päpstliche Besitz in den Albaner Bergen ist zehnmal so groß wie die Vatikanstadt selber; auf ihm befinden sich der Apostolische Palast mit seinen Gärten, zwei imposante Landhäuser (die Villen Cybo und Barberini), ein Frauenkloster, ein Priesterkolleg der Propaganda Fide und die weltweit bekannte Sternwarte des Papstes. Mit der Gründung des Vatikanstaates vor genau achtzig Jahren erlangte die Sommerresidenz exterritorialen Status, ein Umstand, der in den Jahren 1943-44 mehr als 12 000 Menschen Zuflucht vor den Schrecken des II. Weltkrieges bieten sollte.

Als im September 1943 deutsche Truppen die Ewige Stadt besetzten und SS und Gestapo ihr verbrecherisches Handwerk auch in Rom ausübten, ordnete Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli, 1939-1958) an, in Gotteshäusern, Klöstern und kirchlichen Einrichtungen Verfolgten Zuflucht zu gewähren. Vor allem die exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls nahmen viele Flüchtlinge auf, unter ihnen auch tausende Männer, Frauen und Kinder jüdischer Abstammung. Der Heilige Stuhl sah sich in die schwierige Pflicht genommen, den kaum möglichen Spagat zu wagen, einerseits seine Neutralität in diesem Krieg zu wahren, andererseits aber allen, die um seine Hilfe baten, diese auch zukommen zu lassen. So fanden auch in Castel Gandolfo zahlreiche Menschen Schutz vor Verfolgung. Sie wurden mit großer Diskretion untergebracht, um bei den deutschen Besatzern keinerlei unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. In den Ruinen der antiken Kaiservilla, die sich in den Gärten der Sommerresidenz befinden, schuf man unter der Anleitung eines Jesuitenbruders, der zur Equipe der päpstlichen Sternwarte gehörte, tief unter der Erde sichere Verstecke.

Am 20. Januar 1944 begann bei Anzio und Nettuno die Landung anglo-amerikanischer Verbände. Die heranrückende Kriegsfront brachte die Bevölkerung der Albaner Berge in beträchtliche Gefahr, die unbeteiligten Zivilisten drohten zu Opfern der Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und den Alliierten zu werden. Todbringende Bombengeschwader unterstützten die Offensive der amerikanischen und britischen Truppen. Pius XII. ließ in diesen Tagen den damaligen Substituten im Päpstlichen Staatssekretariat, Monsignore Giovanni Battista Montini, den späteren Papst Paul VI. (1963-1978), zu sich kommen. Der Papst trug dem Prälaten auf, die Verantwortlichen in Castel Gandolfo anzuweisen, die Pforten der Sommerresidenz nun auch offiziell zu öffnen - ohne nach Herkunft, Religion oder politischer Gesinnung zu fragen. „Im Hause des Vaters ist jeder willkommen", hatte sich der Papst erklärt. Monsignore Montini bekam zudem den Auftrag, die Flüchtlinge mit Matratzen, Decken und Lebensmitteln zu versorgen.

Die Versorgung vor Ort übernahm Monsignore Ferdinando Baldelli, der Präsident des Päpstlichen Kriegshilfswerkes. Baldelli richtete eine Küche ein, in der täglich mehrere tausend Mahlzeiten zubereitet werden konnten. Eine beeindruckende Logistik war geschaffen worden, um niemanden in Castel Gandolfo hungern zu lassen. Lastwagen mit vatikanischem Kennzeichen brachten aus ganz Mittelitalien Lebensmittel in die Sommerresidenz. Die Wagen hatte man gelbweiß angestrichen und mit dem Schriftzug „Vaticano" versehen; auf den Dächern war das Kürzel „SCV" (Stato della Città del Vaticano) aufgemalt worden. Dennoch war jede Fahrt mit einem unvorstellbaren Risiko verbunden. Die Wagen wurden bombardiert und beschossen, manche von ihnen beschlagnahmt und geplündert. Einer der Fahrer, Alberto Bovi, musste seinen Einsatz mit dem Leben bezahlen; er starb durch eine Maschinengewehrsalve, die von unbekannter Seite auf ihn abgefeuert worden war.

Den militärischen Schutz von Castel Gandolfo hatte im Oktober 1943 eine Abteilung der Päpstlichen Palatingarde übernommen. Die Garde war eine der vier Palastwachen des Papstes und bestand aus römischen Freiwilligen. In der Zeit der deutschen Besatzung wurde sie durch die Anwerbung von Hilfsgardisten auf über 2 000 Mann aufgestockt. Um auf dem weitläufigen Gelände unter den zigtausend Flüchtlingen eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten, hatte der Direktor der Päpstlichen Villen, Emilio Bonomelli, aus ehemaligen Karabinieri und pensionierten Soldaten eine „Hauspolizei" zusammengestellt; als Dienstabzeichen ließ er seine „Polizisten" eine gelbweiße Armbinde tragen. Die medizinische Versorgung auf dem päpstlichen Besitz konnte man als professionell bezeichnen: Im Priesterseminar der Propaganda Fide war eine Krankenstation eingerichtet worden, und das Hospital von Albano hatte sich wegen der Bombenangriffe, denen es permanent ausgesetzt war, für eine vollständige Übersiedlung in die Villa Barberini entschieden.

Alle Räumlichkeiten der Sommerresidenz wurden für die Unterbringung der Flüchtlinge genutzt. In den Gärten errichtete man Baracken und stellte Zelte auf; selbst in den unterirdischen Gängen aus der Zeit Kaiser Domitians waren Schlafstätten eingerichtet worden. Seine Privatgemächer hatte der Papst werdenden Müttern zur Verfügung gestellt - das Schlafzimmer Pius XII. wurde zur Hebammenstation. Sechsunddreißig Kinder kamen im Apostolischen Palast von Castel Gandolfo wohlbehalten zur Welt, darunter auch ein Zwillingspaar. Die beiden Jungen erhielten von ihren Eltern, den der Kommunistischen Partei nahestehenden Eheleuten Zevini, die Vornamen „Eugenio" und „Pio". Sie waren aber nicht die einzigen, die aus Dankbarkeit auf die Namen des Papstes getauft wurden. Die eineiigen Zwillinge Eugenio und Pio Zevini sind noch heute fest davon überzeugt, dass sie ihr Überleben Pius XII. verdanken.

An allen Gebäuden des päpstlichen Sommersitzes wehten die gelbweißen Fahnen des Vatikans und signalisierten den Kriegsparteien den völkerrechtlichen Status des Territoriums. Der Heilige Stuhl war in Washington und London vorstellig geworden, um den Schutz der Zivilbevölkerung zu erreichen. Doch die Alliierten setzten ihre Angriffe unvermindert fort, und so flohen die Bewohner der Castelli Romani zu Tausenden auf das vermeintlich sichere vatikanische Hoheitsgebiet. Am 1. Februar warfen alliierte Geschwader wiederum Bomben über Albano und Castel Gandolfo ab - auch auf die päpstlichen Villen. Offiziere und Mannschaften der Palatingarde leisteten sofort Hilfe. Sie transportierten die Verletzten in die Notquartiere und holten Verwundete und Tote aus den Trümmern hervor. In dem Kloster der Klarissinnen waren sechzehn tote Ordensfrauen zu beklagen gewesen, die verstümmelten Leichen konnten nur unter größten Schwierigkeiten geborgen werden. Neun Tage später sollte sich das ganze schreckliche Szenario wiederholen; nur dass diesmal noch mehr Tote und Verletzte zu beklagen waren - allein im und beim Priesterkolleg der Propaganda Fide verloren mehr als fünfhundert Menschen ihr Leben.

„Das erste, was ich sehe, ist der Leichnam einer Ordensfrau, furchtbar zugerichtet. Dann zwei tote Kinder unter einem Marmortisch .... Mir zeigt sich ein furchtbares Bild von apokalyptischem Ausmaß. Ein Bombenkrater neben dem anderen, Trümmer auf Trümmer, und Opfer, viele Opfer, überall. Beim Atmen spüre ich den Tod in meinen Lungen", beschrieb ein Augenzeuge, Monsignore Giovanni Antonazzi, das Geschehene. Für die hohe Zahl der Toten war ein tragischer Umstand verantwortlich gewesen - gegen neun Uhr in der Früh, zum Zeitpunkt des Bombardements, wurde bei dem Seminar die tägliche Milchration verteilt. Mehr als drei Tage dauerte es, bis die letzten Leichen geborgen waren. Als man das fünfhundertste Opfer zählte, verzichtete man auf eine Fortführung der Statistik und setzte alle Kraft für die Versorgung der Verletzten und die Behebung der Schäden ein.

Fünfundsechzig Jahre später gedenkt man in Castel Gandolfo, im wiedererrichteten Kolleg der Propaganda Fide des Bombardements vom 10. Februar 1944 - mit einer Gedenkveranstaltung und einer heiligen Messe, die der Bischof von Albano, Monsignore Marcello Semeraro, feiert. „Wir begehen den heutigen Tag in Trauer, aber auch in Dankbarkeit", verlautete es in der „Associazione Vittime Bombardamenti ,Propaganda Fide‘" (Vereinigung der Opfer des Bombardements der Propaganda Fide), „in Trauer, weil wir so viele unserer Angehörigen und Mitbürger verloren haben, in Dankbarkeit, weil Papst Pius XII. die Pforten seiner Sommerresidenz öffnete und Tausenden von Menschen Zuflucht gewährte; kein einziger Flüchtling, der dort aufgenommen wurde, ist den deutschen Besatzern oder den italienischen Faschisten in die Hände gefallen".

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© Die Tagepost vom 10. Februar 2009]