Der spätmoderne Atheismus ist die Fortschreibung der Globalisierung mit anderen Mitteln

Von Alexander Kissler

| 1927 klicks

WÜRZBURG, 9. Januar 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Als im vergangenen Herbst der Dalai Lama durch Europa tourte, da begrüßte Deutschlands auflagenstärkstes Nachrichtenmagazin das politische und geistliche Oberhaupt der Tibeter als einen „Gott zum Anfassen“. Die Formulierung war halbironisch gemeint und hatte einen wahren Kern: Wenn es denn einen Gott gäbe, auf den sich der säkularisierte Westen im 21. Jahrhundert einigen könnte, dann müsste dieser Gott die Kriterien des 21. Jahrhunderts für Plausibilität und Wahrhaftigkeit ganz erfüllen.



Dieser Gott – nennen wir ihn den Gott der globalisierten und unausweichlichen Gegenwart – müsste berührbar sein, weil heute nur begriffen werden will, was sich angreifen lässt, sehen lässt. Dieser Gott müsste unentwegt lächeln, weil gute Laune das Eintrittstor ist zu den Vergnügungen dieser Welt. Und dieser Gott müsste die letzten Fragen in das Belieben des Einzelnen stellen, dürfte keine Dogmen vertreten, sondern Ansichten und Anregungen feilbieten aus dem Schatzkästlein der Weltweisheit. Sein großes Ziel aber müsste sein, dass im Lächeln Nichts werde, wo Etwas war, denn die verleugnete Sehnsucht der Gegenwart ist die Erlösung von sich selbst, ist das Aufgehen im All oder in der Natur, ist das blanke Nirwana. Früher nannte man eine solche Suchbewegung die Flucht vor Gott. Heute scheint sie die einzig konsensfähige Religion des Westens geworden.

Mit all dem, mit leichter Fasslichkeit und Berührbarkeit, mit der Auslöschung von Zukunft und Vergangenheit, mit seelischer Unerschütterlichkeit und dem Versprechen eines heiteren Untergangs kann der Globalisierungsgott prunken, nicht aber der Christengott. Diesem sind gerade die Verwandlung der Gegenwart in Ewigkeit und der Abstieg zu den tiefsten Tiefen des Leids, der Verzweiflung, des Scheiterns eingeschrieben. Sein Heil ist nicht von dieser Welt. Und anfassen lässt er sich nur mittelbar, in den Menschen, die in seinem Namen Tränen trocknen. Ein Dalai Lama hingegen, dessen buddhistische Glaubenslehre keineswegs so dogmenfrei ist, wie es den Anschein hat, gewinnt die Herzen, indem er Religion zu einem Mittel der innerweltlichen Selbsterfahrung und Selbstveredlung erklärt. Der Weg zum Himmel ist ersetzt durch den Weg nach innen und ebendort lauert: ein auflösungsbereites Ich.

Parallel zur Huldigung an den Dalai Lama wechselte die Lufthoheit über Deutschlands Bestsellerlisten. Zwar hielt sich dort tapfer die Selbsterfahrungsgeschichte des ehemaligen Kirchenmitglieds Hape Kerkeling, der auf dem Jakobsweg Gott suchte und fand, doch selbst derlei ernst gemeinte Sinnsuche war eher Ausdruck der Midlife-Crisis eines Prominenten denn Resultat glaubensfrommer Leidenschaft. Und den Debattenton bestimmten im Herbst des Jahres 2007 längst andere, die sogenannten Neuen Atheisten. Der „Gotteswahn“ des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins verkaufte sich derart phänomenal – weltweit wurde die Millionenmarke weit überschritten –, dass in der medialen Wahrnehmung aus dem Zweifel an Gottes Existenz das „Wissen“ um dessen Nichtexistenz wurde. „Warum es Gott nicht gibt“, titelte der „stern“ und gewährte dem redefreudigen Professor viele Seiten für die eine These: dass da kein Gott sei, weil Erfahrung und Geschichte und Naturwissenschaft dagegensprächen.

Wenn falsche Experten in fremden Revieren wildern

In seiner Streitschrift erklärt Dawkins knapp, Kern des monotheistischen Glaubenssystems sei die Behauptung, ein Gott könne die Grenzen von Raum und Zeit und die Bedingtheiten der Physik und der Biologie frei überwinden. „Wunder“, schreibt Dawkins, „verletzen definitionsgemäß die Gesetze der Naturwissenschaft.“ Das kann er nicht dulden: „Weckte Jesus Lazarus von den Toten auf? Kam er selbst lebend wieder, nachdem er drei Tage zuvor gekreuzigt worden war? Auf jede derartige Frage gibt es eine Antwort, [...] und diese Antwort ist ausschließlich naturwissenschaftlicher Art.“ Natürlich heißt diese Antwort, folgt man Dawkins, stets Nein.

Keiner allzu großen denkerischen Anstrengung bedarf es, um die Anmaßung und das untaugliche Argument hinter den Aussagen zu entdecken. Dawkins sagt wie fast alle naturwissenschaftlich geschulten Glaubenskritiker, dass die Naturwissenschaften darüber befinden, was wahr ist und was falsch. Ergo muss er alles, was sein eigenes Fachgebiet nicht erklären kann, als unwahr bezeichnen, und er muss jene, die an die Gottheit Jesu Christi und die Tatsächlichkeit seiner Wunder glauben, als geisteskrank denunzieren. Ein Zirkelschluss ist diese Argumentation, weil von vornherein ausgeschlossen wird, was doch erst bewiesen oder widerlegt werden soll. Und eine Anmaßung ist es: Warum sollen Biologen und Neurowissenschaftler und Physiker und Genetiker das Monopol haben auf Welterklärung? Warum soll deren Wahrheitsbegriff – wahr ist, was sich im Experiment beweisen lässt – der einzige allgemein anerkannte Begriff von Wahrheit sein? Beruht nicht unser ganzes Leben auf der Wahrheit von Sachverhalten, die sich allesamt nicht experimentell überprüfen lassen, auf der Wahrheit etwa von Liebe und Treue, Solidarität und Opferbereitschaft?

Mit solchen Einwänden brauchen sich die „Neuen Atheisten“ nicht abzugeben. Sie bauen auf spontane Evidenz und profitieren von dem, was man in der Wirtschaft einen „windfall profit“ nennt – einen unverdienten Gewinn außerhalb des eigentlichen Geschäftsfeldes. Sie erscheinen auf dem Markt der Meinungen mit dem Renommee ihrer Profession und erhalten so jenes vorauseilende Vertrauen, das ihnen auf sachfremdem Gebiet sonst nicht zufiele. Dawkins und Co. äußern sich auf Feldern, auf denen sie Expertenstatus fälschlich beanspruchen, zu einer Frage, die nicht in ihre professionelle Zuständigkeit fällt, die zu beantworten es sie aber aus weltanschaulichen Gründen drängt. Atheistische Psychologen erklären die Bibel zum „Unsinn“, atheistische Biologen den Glauben zur „Geisteskrankheit“ und vertuschen so: Es handelt sich um die Privatmeinung von Menschen, die als Wissenschaftler tätig sind. Es handelt sich keineswegs um wissenschaftliche Aussagen.

Vom Nimbus der Wissenschaft kann die atheistische Elite zehren, weil im späten 20. und beginnenden 21. Jahrhundert zur Basis allen Wirtschaftens (und jedes Denken vollzieht sich heute nach ökonomischem Muster) die Gleichung erhoben wurde: Wissen ist das, was die Wissenschaft bereitstellt. Stets wird darunter die experimentelle Naturwissenschaft verstanden. Die „Neuen Atheisten“ sind der vollkommene Ausdruck einer Zeit, in der die Entstehungsbedingungen des tatsächlichen oder vermeintlichen Wissens nicht mehr hinterfragt werden. Die Hermeneutik des Wissens, wie sie ein Dilthey oder ein Habermas noch betrieben, wird kaltgestellt zugunsten einer reichlich unaufgeklärten Hinnahme beliebiger Forschungsergebnisse. Damit ist ein Rückfall verbunden ins Vorreflexive, und dieser Rückfall zeigt sich am dramatischsten, wenn atheistische Naturwissenschaftler im fremden Revier wildern und den Glaubensexperten mimen. Nachdem Dawkins auf der Frankfurter Buchmesse seinen Gotteshass eindrucksvoll bestätigt hatte, tuschelte ein Ehepaar: Das also sei Richard Dawkins gewesen, der berühmte Religionsphilosoph.

Wirklich neu ist der Umgang mit Aversion und Aggression

Vorreflexiv ist der Verzicht auf Selbstkritik und Relativierung der eigenen Einsichten, wie ihn die „Neuen Atheisten“ praktizieren. An die Stelle des Diskurses ist das Poltern getreten, Dünkel ersetzen Argumente. So etwas, mag man sagen, hat es immer schon gegeben, und warum sollen Atheisten schonend mit ihren weltanschaulichen Gegnern verfahren? Ja, neu ist nichts an den „Neuen Atheisten“ mit den langen Bärten, fundamental neu aber ist die vorherrschende Nonchalance im Umgang mit soviel Aversion und Aggression. „Der Gotteswahn“ gilt tatsächlich als Sachbuch, philosophisch anspruchsvoll obendrein; Christopher Hitchens „Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet“ verkauft sich als Manifest der Aufklärung. Sehr falsch sind diese Zuschreibungen.

Wie aber kam es dazu, dass eine Weltgesellschaft, die sich aufgeklärt wähnt, auf die Mindeststandards eines vernünftigen Argumentierens bereit ist zu verzichten, sofern nur monoton genug eigene Urteile und Vorurteile bestätigt werden? Wird hier Honig ums spätmoderne Maul geschmiert? Man stelle sich den umgekehrten Fall vor: Theologen, Philosophen, Literaturwissenschaftler erklärten große Teile der Quantenmechanik oder der Kernphysik für Humbug, weil diese sich aus ihren theologischen, philosophischen, literaturwissenschaftlichen Büchern nicht ableiten lassen. Ein solcher Fall wäre reif fürs Kabarett oder die geschlossene Abteilung. Naturwissenschaftlern aber wird oft eine Allkompetenz zugestanden, ohne ihr Spezialistentum auf seine weltanschauliche Grundierung hin abzuklopfen.

Der Grund für die Disproportionalität liegt in dieser Weltanschauung hinter den Fakten, Emotionen, Vorbehalten. Wenn es denn stimmt, dass das 21. Jahrhundert ein Zeitalter ist der wirbelnden Globalisierung, dann hat der Atheismus trotz wellenförmig wiederkehrender religiöser Aufschwünge gute Chancen, zur Weltdoktrin aufzusteigen. Was nämlich zeichnet ihn aus? Eine kühle Leidenschaft, die alles Besondere aussondern, alles Uneinheitliche vereinheitlichen will. Genau das aber deckt sich mit der Geschäftsgrundlage der Globalisierung. Dawkins schreibt, auf das Judentum gemünzt: Dessen „sorgfältig geförderte Spaltungstendenzen“ reichten aus, um die Religion zu einer „bedeutsamen Kraft des Bösen in der Welt zu machen“. Kurz und unfroh: Böse ist, wer sich dem „Fortschritts-rend“ (Dawkins) widersetzt.

Damit ist in der Tat das entscheidende Merkmal der monotheistischen Religionen benannt. Wer über allen irdischen Herren einen höheren, absolut gerechten Herrn glaubt, der muss den Tendenzen der Zeit grundsätzlich, weil sie eben vorläufig sind, mit Skepsis begegnen, auf Distanz drängen. In seiner Enzyklika „Spe salvi“ schreibt Benedikt XVI.: „Die gegenwärtige Gesellschaft wird von den Christen als uneigentliche Gesellschaft erkannt. Sie gehören einer neuen Gesellschaft zu, zu der sie miteinander unterwegs sind und die in ihrer Wanderschaft antizipiert wird.“ Eine solche Wanderschaft führt immer wieder zu Frontstellungen gegen den „Fortschrittstrend“, zu Abschottungen und Verweigerungen. Der Atheismus hingegen kann das Allerneueste für das jeweils Wahre halten, weil keine Vergangenheit seine Gegenwartseuphorie zähmt und kein Himmel sein Vorwärtsstürmen richtet.

Deshalb sind die „Neuen Atheisten“ in ihrer Verwerfung vor allem des Judentums um keinen Deut klüger, geschweige denn origineller als die Glaubenskritiker der ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Die meisten Anklagepunkte anno 2007/2008 finden sich schon bei dem antiken Schriftsteller Celsus, der um das Jahr 180 „Gegen die Christen“ und zugleich gegen die Juden vom Leder zog. Worüber echauffierte er sich am meisten? Es kränkte ihn sehr, wenn Christen „heimliche Verbindungen untereinander außerhalb der gesetzlichen Ordnungen“ bilden. Der „Religionseinheit der Weltvölker“ stünde der „Separatismus der Juden und Christen“ im Weg. Diesen Zusammenhang hat auch Peter Sloterdijk im Sinn, wenn er schreibt: „Schon gebildete Römer der frühen Kaiserzeit fühlten sich vom Separatismus der Juden so sehr irritiert, dass sie ihnen den Titel ,Feinde des Menschengeschlechts‘ anhefteten (den Cicero ursprünglich zur Ächtung von Seeräubern geprägt hatte).“

Auch bei Celsus also ist das unbefragte Ideal der faktisch in den Atheismus führende Polytheismus. Die Vermischung des Glaubens versteht sich demnach von selbst, das Eigene ist begründungspflichtig – daran hat sich bis heute nichts geändert. Man betrachte nur die schleichende Überführung der Theologie in Religionswissenschaft. Die Urchristen hatten zudem den ordentlichen Verfahrensweg verlassen, es versäumt, bei der zuständigen Behörde einen Antrag zu stellen auf Kultusfreiheit in der Nachfolge Jesu. Das kann Celsus, wie die meisten Religionskritiker ein Verteidiger des Üblichen, Normalen, Wohltemperierten, nicht gutheißen.

Ebensosehr verstören ihn die Christgläubigen selbst, „verschrieene Menschen, die schlimmsten Zöllner und Schiffer“, allerorten nur „die Einfältigen und Niedrigen und Unverständigen und Sklaven und Weiblein und Kindlein“. Was Celsus „den Ausschluss der Weisen und Guten“ nennt, ist nichts anderes als der christliche Protest gegen die von Celsus propagierte Hochkultur. Der neue Bund will eben gerade kein Klub der klügsten oder angesehensten Köpfe sein. Derlei intellektualistische Anmaßung ist Sache des Celsus (und heute des Richard Dawkins und des Christopher Hitchens), nicht des galiläischen Zimmermanns. Bis in unsere Tage ist der christliche Stachel offenbar: Über eine Milliarde Menschen lassen sich von den klugen Argumenten atheistischer Wissenschaftler partout nicht den Glauben rauben. Sünde, als theologisches Konzept längst der Lächerlichkeit geziehen, scheint einzig in dieser Form noch virulent zu sein, als Unbotmäßigkeit im Angesicht der Professoren. Auf diesem Feld, so scheints, kann man noch schuldig werden. Sündig ist es, aufzubegehren gegen das Diktat der Diesseitigkeit.

Den äußeren Widerständen entsprechen bei Celsus innere, gewissermaßen philosophische Widerstände. Der Kern seines Menschenbildes ist jene Überzeugung, die damals wie heute die Glaubensfernen, die Polytheisten wie die Atheisten, von den Frommen trennt. Für Celsus steht fest: „Jedem ist wohl klar, dass die zum Sündigen Geborenen und Gewöhnten niemand auch nicht durch Strafen, geschweige denn durch Erbarmen ganz zu ändern vermöchte; denn Natur vollkommen zu ändern, ist ganz schwer. Die Sündlosen aber sind bessere Genossen der Gemeinschaft.“ Ein böser Mensch kann demnach nicht aus seiner Haut. Mancher ist gemäß Celsus an das Böse gewöhnt, mancher kennt seit Kindesbeinen nichts anderes. Bei solchen Leuten sei jedes Werben um Besserung und jedes Drohen mit Bestrafung vergebliche Liebesmüh. Unmögliches begehren die Christen, sagt der Heide, und reklamiert die größere Menschenkenntnis für sich.

In diesem Graben können Weltreiche versinken

Celsus hat genau hingeschaut. Hier tut sich tatsächlich ein Graben auf, in dem Weltreiche versinken können. Christen sind davon durchdrungen, dass der Mensch bis in buchstäblich allerletzter Sekunde umkehren, dass er bereuen und sich von Grund auf ändern kann. Jede andere Ansicht widerspräche dem Langmut, mit dem der von Jesus verkündigte Gott den „verlorenen Schafen“ seiner Herde nachgeht. Wer den Glauben ablehnt, der hat ein starreres Menschenbild. Diesem zufolge sind Menschen zwar tendenziell eher gut als schlecht – daher die Erziehungsphantasien der Sozialisten und Utopisten, der Glaube an eine diesseits mit Gewalt zu perfektionierende Welt. Menschen sind aber in dieser Lehre auch tückische Wesen, die man, wenn sie eine gewisse Strecke in die falsche Richtung zurückgelegt haben, verloren geben muss – daher die Leugnung der Willensfreiheit und zugleich die Leugnung der Sünde, das Festhalten am „sündlosen“ Ideal.

Diese Verbindung von Determinismus und Entsündung prägt die Debatten auch des 21. Jahrhunderts. Das Menschenbild der Neurobiologie ist an vielen Stellen identisch mit dem Menschenbild der Gottesleugner in der Celsus-Nachfolge. Die von der atheistischen Dachorganisation Nummer Eins, der Giordano-Bruno-Stiftung, herausgegebene „Enzyklopädie für freie Geister und solche, die es werden wollen“ behauptet: „Je mehr sich das empirische Wissen über die Funktionsweise von Hirn und Körper erweiterte“, desto stärker trete die „erdrückende Beweislage“ hervor. Das „Konzept der Willensfreiheit“ sei ruiniert; „hatte man zuvor geglaubt, dass der Mensch tue, was er wolle, so zeigt sich jetzt, dass der Mensch nur im Nachhinein will, was er ohnehin schon zu tun im Begriff ist.“ Damit lasse sich der Sündenbegriff nicht länger aufrechterhalten. „Nur ein Individuum, das prinzipiell in der Lage wäre, anders zu handeln, als es gehandelt hat, kann für seine Vergehen moralisch verantwortlich gemacht werden.“

Wenn jede menschliche Handlung das Resultat unkontrollierbarer biochemischer Prozesse ist, dann darf keine Lüge, kein Raub, kein Mord, kein Genozid Anlass sein für „moralische Verurteilung“. Es ist dann sinnlos, dem Vergewaltiger oder dem Serienmörder Vorwürfe zu machen – und ebenso sinnlos ist es, von einer gewissen Schwere des Delikts an auf Rehabilitation zu hoffen. Dann bleibt nur das Wegsperren oder Ärgeres. Dann bleibt nur die Gesinnungsdiktatur der Sündlosen, wie sie während der Französischen Revolution und später, zur vollendeten Perversion gesteigert, unter Hitler, Mao, Pol-Pot, Enver Hoxha praktiziert wurde. Der Preis für den Abschied von der Willensfreiheit wäre ein Achselzucken – als Antwort auf wirklich jedes Verhalten.

Ein solches Achselzucken erspart lästige, da produktivitätshemmende moralische Debatten. Und es leitet über zum vielleicht entscheidenden Pfund, mit dem der Atheismus des 21. Jahrhunderts wuchert: zur Kongruenz mit der sogenannten globalen Ethik. Der „Fortschrittstrend“ enthält eine fest umrissene Agenda, die abzuarbeiten die atheistische Elite entschlossen ist. Dawkins, Hitchens und die Protagonisten der Giordano-Bruno-Stiftung eint nicht nur die Verwerfung des Gottesbegriffes. Sie alle sind auch für ein maximal liberalisiertes Abtreibungsrecht, für Sterbehilfe, für Embryonenforschung und Klonversuche, für „gender mainstreaming“, die politische Einebnung also der Geschlechterdifferenz, und für eine Abkehr von Naturrecht und Menschenwürdedenken zugunsten von Utilitarismus und Interessenethik.

Der vorläufige Endpunkt einer solchen Aufwärtsentwicklung, die ein radikaler Abschied wäre von der Welt, wie wir sie kennen, bleibt für Dawkins nicht im Dunkeln: „Der Philosoph Peter Singer vertritt [...] die Ansicht, wir sollten auch den ,Speziesismus‘ hinter uns lassen und die menschliche Behandlung auf alle biologischen Arten ausweiten, die es aufgrund der Leistungsfähigkeit ihres Gehirns zu schätzen wissen. Vielleicht ist das ein Hinweis, in welche Richtung sich der ethische Zeitgeist in zukünftigen Jahrhunderten entwickeln könnte. Es wäre die natürliche Fortschreibung früherer Reformen wie der Abschaffung der Sklaverei und der Frauenemanzipation.“

Erst also wenn der letzte Schimpanse das Wahlrecht und der letzte Delphin die Staatsbürgerschaft erhalten haben, wird die Menschheit sich im Zustand vollendeter Aufklärung befinden: Ein solches Szenario verkauft Dawkins als möglichen Endpunkt einer rationalen Betrachtung von Welt und Mensch. Man soll abermals und wie bei Celsus die Vernunft daran erkennen, dass sie Unterschiede einebnet, Ungleiches gleich behandelt und keine Absonderung duldet. Die Menschen sollen sich nicht länger verschließen vor den anderen Lebewesen und diese in ihre „Gemeinschaft der Gleichen“ (Singer) eingemeinden – wenn, ja wenn die Tiere nur ähnlich schlau sind wie der Homo sapiens. Nicht das Menschsein an sich, sondern die „Leistungsfähigkeit ihres Gehirns“ (Dawkins) macht Lebewesen zu Menschen. Der Leitspruch des René Descartes, „Ich denke, also bin ich“, zeigt seine Kehrseite: Wer sein will, der muss denken können.

Ein anschwellender Appell an den Egoismus im Menschen

Daran aber könnten die Atheisten scheitern. Attraktiv mag es noch lange erscheinen, den entbehrungsreichen Weg zum jenseitigen Heil ersatzlos zu streichen und einen gottlosen Gott im Innern zu etablieren; Gilbert Keith Chesterton warnte schon 1908, „von allen schrecklichen Religionen ist die schrecklichste der Kult um den ,Gott im Innern‘“, er führe zur Selbstanbetung. Scheitern könnten die Atheisten an ihrer Unempfindlichkeit für das, was Jürgen Habermas „das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“ nennt. Gewiss, groß sein kann der Trost der Philosophie, auch beste Taten sind diesseits-humanistisch begründbar: aber eben immer nur im Einzelfall. Von der angemaßten Allerklärungskompetenz und der „globalen Ethik“ führt kein Pfad zum universalen Mitleid.

Auf Dauer kann keine Gesellschaft, wie umfassend sie auch sein mag, es sich leisten, als vollgültige Mitglieder nur jene Menschen zu akzeptieren, die artikulationsbereit und -fähig sind, autark, autonom, leistungsstark, Rechner auf zwei Beinen mit Empathiemodul. Nein, die Spätmoderne ist auch jene Epoche, da stärker als je der Grundsatz gilt: Die Humanität einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit sozialen Asymmetrien umgeht, wie die ganz Jungen und die ganz Alten einander verstehen, die Gesunden und die Kranken, die Armen und die Reichen, die Schwachen und die Starken. Das naturalistische Menschenbild der Atheisten kann diese Herausforderungen nur mit dem Hinweis parieren: Mache das Beste daraus, nutze deine Chance, Carpe diem. Insofern ist der spätmoderne Atheismus die Fortschreibung der Globalisierung mit anderen Mitteln. Er ist ein Appell an den Egoismus im Menschen. Er lädt dazu ein, Verantwortung hinwegzulächeln und die Fernwirkungen des eigenen Handelns auszublenden. Er wird anschwellen, solange die zentrale Frage nicht ernsthaft gestellt wird: Was aber ist der Mensch?

[Vom Autor erscheint im März das Buch „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ (Pattloch Verlag, 16,95 Euro); © Die Tagespost vom 29. Dezember 2007]