Der Strom ist ausgefallen!

Der Alltag des Notfallchirurgen Dr. Alberto Reggiori in Afrika

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Von Britta Dörre

ROM, 16. März 2012 (zenit.org). Dr. med. Alberto Reggiori ist Unfallchirurg in der Notaufnahme. Sein ruhiges Dasein in Varese gibt er 1985 gemeinsam mit seiner Frau Patrizia auf, um fortan Leben und Arbeit in den Dienst sozialer und medizinischer Hilfsmaßnahmen in Krisengebieten wie Uganda, Rwanda, Albanien, Kasachstan, Mexiko, Bosnien und Irak zu stellen.

In seinem 2004 erschienenen Buch „Dottore, è finito il Diesel“ erzählt Reggiori von seiner Arbeit in Uganda während der 80er und 90er Jahre. Die Lebens-und Arbeitsbedingungen sind für den an europäischen Lebensstandard gewohnten Leser unfassbar. Reggiori vermittelt ein beeindruckendes und authentisches Bild. Er berichtet von Einzelschicksalen, echter Verbundenheit, wahrer Freundschaft und der Bedeutung seines Glaubens bei seiner täglichen Arbeit.

In tagebuchähnlichen Einträgen beschreibt Reggiori die Situation vor Ort, das Elend der Bevölkerung, die alltäglichen Probleme bei der Bewältigung seiner Arbeit: Umstände, die ein hartes Nervenkostüm und viel Kraft erfordern.

Oft ist es Reggiori nur wegen seines tiefen Glaubens möglich, sich den Herausforderungen zu stellen und sie zu bewältigen. Die Initialzündung für seinen sozialen Einsatz waren die Worte von Papst Johannes Paul II. während einer Generalaudienz 1984 „Geht und tragt die Schönheit, die Wahrheit und Gerechtigkeit, die in Jesus sind, in die ganze Welt.“ Durch die Worte fühlt Reggiori aufgerufen, sein Leben in den Dienst am Nächsten und in die Mission des katholischen Glaubens zu stellen.

Die Arbeitsbedingungen, die der Chirurg im Hospital aus Kolonialzeiten in Kitgum vorfindet, machen medizinische Behandlungen fast unmöglich. Die für eine korrekte Behandlung erforderliche Ausstattung ist nur bedingt vorhanden, die Einrichtung primitiv und die hygienischen Bedingungen katastrophal. Gemeinsam mit seinen italienischen und afrikanischen Kollegen gelingt es ihm, erhebliche und vor allem dauerhafte Verbesserungen durchzusetzen.

Was Reggiori bis heute tief beeindruckt, wenn er von seinem Aufenthalt berichtet, sind das freundschaftliche Verhältnis der Kollegen ungeachtet ihrer Nationalität und Hautfarbe sowie die Zufriedenheit. Der Arbeitsalltag nimmt ein jähes Ende mit dem Sturz der Regierung 1986. Alle Ausländer werden aufgefordert, das Land unverzüglich zu verlassen. Regggiori entschließt sich, allein in Uganda zu bleiben, um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Die zurückgebliebenen Ärzte und Pfleger sind eine eingeschworene Gruppe, in der jeder auf den anderen zählen kann, gelebte Solidarität und Freundschaft. Allgegenwärtig ist ihre Hoffnung, dass das Gute gewinnen wird. 

Das Team stellt sich den Gefahren, versteckt unter Lebensgefahr Flüchtlinge und verhilft Kollegen aus dem afrikanischen Pflegepersonal zur Flucht. Die Lebensbedingungen sind äußerst hart, die Versorgung mit Lebensmitteln ist unzureichend.

Reggiori beschreibt das gemeinsame Mittagsmahl als Höhepunkt des Tages. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich während des Gebetes und des Teilens der Speisen die tiefe innere Verbundenheit der Anwesenden.

Die täglichen Herausforderungen charakterisiert Reggiori nicht als beschwerlich, sondern als wundervolle Erfahrung, für die er dem Herrn dankbar ist. Um immer weiter zu machen, ist es wichtig, den Standpunkt zu ändern, den Blick nicht nur auf das unmittelbar vor einem Liegende zu werfen, sondern den Blick zu weiten, um das Schöne zu sehen.

1988 kehrt Reggiori nach einem einjährigen Aufenthalt in Italien erneut nach Afrika zurück. Sein Einsatzort ist Hoima. Reggiori ist tief beeindruckt von der Schönheit der Landschaft: Im Gegensatz zum kargen Norden zeichnet sich der Süden durch eine reiche Flora und Fauna sowie eine entsprechend prächtige Farbenvielfalt aus.

Das auf drei Jahre angelegte Arbeitsprogramm der AVSI ist anspruchsvoll. Gemeinsam mit drei weiteren italienischen Ärzten soll Ruggieri das Krankenhaus in Hoima in einen funktionsfähigen Zustand bringen.

Das Krankenhaus stammt aus Kolonialzeiten, und seine Glanzzeiten liegen lang zurück. An sechs von sieben Wochentagen gibt es keinen Strom. Die Operationssäle, die Apotheke und die Radiologie sind seit Monaten oder sogar seit Jahren nicht mehr in Gebrauch. Die Latrinen quellen über. Operationswerkzeuge, sofern die Ausstattung vorhanden ist, werden über das Feuer gehalten, damit sie beim Einsatz „steril“ sind.

Reggioris Ehefrau Patrizia kümmert sich um die mittlerweile siebenköpfige Familie und betreut den Meeting Point für AIDS-Kranke vor Ort. In den 80er Jahren steigt die Zahl der HIV-Infizierten und AIDS-Kranken drastisch. Der Meeting Point wird zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für die Kranken. Viele kommen nachmittags vorbei, um sich auszutauschen, Rat einzuholen oder Hilfe für die Sterbenden daheim zu erbitten.

Reggiori wendet den größten Einsatz auf, um den Entbindungssaal in einen brauchbaren Zustand zu bringen. Die Frauen kommen häufig nach beschwerlichen Reisen – oft zu Fuß – im Krankenhaus an. Amina ist nur eine der Patientinnen, deren Leben Reggiori retten kann. Die Schwangere kommt nach einer mehrstündigen Anreise - auf dem Fahrradsattel und der Ladenfläche eines Pickup – mit hohem Fieber und in letzter Minute im Krankenhaus an.

Ein weiteres Kapitel erzählt von Zamu. Zamu ist eines der 46 Kinder, die Amootie gemeinsam mit seinen zwei Frauen hat. Zamu ist wie ihr Vater Moslem; doch seit langem hegt sie den Wunsch, zum katholischen Glauben überzutreten. Diesen Schritt möchte sie aber nicht ohne das Einverständnis ihrer Familie tun. Reggiori begleitet Zamu zu dem eindrucksvollen Familientreffen und legt ihr Anliegen dar. Zamus Vater sieht keinerlei Bedenken, ihre Entscheidungsfreiheit und ihr Glück liegen ihm mehr am Herzen als Traditionen oder Konventionen.

Einen wichtigen Meilenstein stellt die Gründung der Schule in Hoima dar.

In Afrika sind, wie Reggiori schreibt, 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. In den Dorfschulen teilen sich 40-50 Kinder unterschiedlicher Altersgruppen einen Lehrer. Besonders tragisch ist die Situation der Mädchen, in ihre Ausbildung wird nicht investiert. Die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen ist für die Verbesserung der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse fundamental.

Gemeinsam beginnen die italienischen und afrikanischen Eltern Räumlichkeiten und Einrichtungsgegenstände für die „St. Francisco Parents' Primary School“ zu finden. Es gelingt, Gelder zu sammeln und große Unterstützung für das Projekt zu finden.

Die Schule ist eines der gelungensten Beispiele in Hoima für die Freundschaft und Solidarität zwischen Schwarzen und Weißen. Das Geheimnis dieser Freundschaft liegt darin, so Reggiori, dass bei dem Projekt das Glück des Einzelnen im Vordergrund und weniger das Endresultat stand .

Ein weiteres Beispiel für die gelungene Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und Weißen ist die Verbesserung der medizinischen Versorgung im Bezirk von Hoima. Krankheiten wie Gelbfieber, Tuberkulose, Lepra, Ebola oder AIDS gehören hier zum Alltag.

Im Februar 1993 kommt es zu einer einzigartigen Begegnung. Papst Johannes Paul II. besucht während seiner Afrikareise im Februar unter anderem Kasese, das circa 320 km entfernt von Hoima liegt.

Reggiori bricht mit Kollegen und Freunden zu der anstrengenden Reise über die holprigen Straßen auf. Um 3.30 Uhr triffen sie schließlich in Kasese ein. Wenige Stunden später, um 7.00 Uhr morgens begibt sich die Gruppe zum Flughafen, wo Papst Johannes Paul II. landen wird. Unerwarteterweise kommt das Flugzeug nur wenige Meter entfernt von der Gruppe zum Stehen. Als Papst Johannes Paul II. das Flugzeug verlässt, steuert er zu ihrer großen Überraschung direkt auf sie zu. Es folgt eine kurze Unterredung, die allen für immer in Erinnerung bleiben wird. Reggiori erzählt in seinem Buch, daß die Ugandesen tief beeindruckt vom Respekt waren, den der Papst ihnen und ihrer Kultur entgegenbrachte.

Der Arbeitsalltag holt alle schnell wieder ein. Reggiori muss eine Eileiterschwangerschaft im Dunkeln operieren. Der Dieselvorrat ist aufgebraucht, und die Stromgeneratoren funktionieren nicht mehr. Auch diese Hürde meistert das Team.

1995 praktiziert Reggiori einige Zeit in Kitgum, die Familie bleibt in Hoima.

Das Schicksal des elfjährigen Osco Boyet ist nur eines der tausenden Kinder und Jugendlichen. Auf dem Weg zur Schule tritt Osco in eine Landmine, in einer Notoperation müssen beide Unterschenkel amputiert werden.

Der Junge kann glücklicherweise zwei Monate später in das Rehabilitationscenter der AVSI in Gulu verlegt werden. Wenige Monate nach dem schrecklichen Unfall kehrt der Junge in sein Dorf zurück. Mit seinen Protesen kann Osco sich frei bewegen und gewinnt seinen Lebensmut wieder. Beeindruckend ist die Größe des erst Elfjährigen: Während der Messe ergreift er im Anschluss an die Fürbitten das Wort und bittet um Vergebung für diejenigen, die Schmerz und Trauer säen und dafür, dass sie ihr Handeln verstehen und sich ihr Herz öffnet.

Im Jahr 2003 kehrt Reggiori für einen Monat nach Kitgum zurück. Uganda ist vom Krieg gezeichnet, 800.000 Menschen sind auf der Flucht. Das durchschnittliche Höchstalter liegt bei 46 Jahren. Die Zustände sind erschreckend. In Brüssel, Genf und New York werden Projekte entworfen, die Situation der Menschen vor Ort aber ändert sich nicht.

Eine der grausamen Realitäten ist das Schicksal der Kindersoldaten. Die Kinder werden ihren Familien, ihrer Kindheit beraubt und ihren Seelen unendliches Leid zugefügt. AVSI hat mehrere Projekte ins Leben gerufen, um den Kindern die Rückkehr in ein „normales“ Leben zu ermöglichen. Eine der Schwestern, die sich um die Kinder kümmert, ist selber Opfer einer Entführung. Ihr gelang nach drei Monaten die Flucht nach Hause.

Schwester Rachele trägt - wie alle anderen, über deren unermüdlichen Einsatz das Buch erzählt, dazu bei, die Welt besser und menschlicher zu machen. „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Mt. 18, 10); mit diesem Bibelzitat schließt Alberto Reggiori sein eindrucksvolles Buch über Nächstenliebe, wahre Freundschaft und gelebten christlichen Glauben.

Für Leser, die Italienisch verstehen: Alberto Reggiori: Dottore, è finito il Diesel. La vita quotidiana di un medico in Uganda, Frau ammalati, poveri e guerriglia (1985-1996). Presentazione di Giancarlo Cesena. Genova, Milano 2004.