Der stumme Ochse

Stimmen zu Thomas von Aquin

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1287 klicks

„Der Hauptgrund für diese Wertschätzung liegt nicht nur im Inhalt seiner Lehre, sondern auch in der von ihm angewandten Methode, vor allem in seiner neuen Synthese und Unterscheidung von Philosophie und Theologie. […] Die Tiefe des Denkens des hl. Thomas von Aquin entspringt – das dürfen wir nie vergessen – seinem lebendigen Glauben und seiner eifrigen Frömmigkeit, die er durch geisterfüllte Gebete zum Ausdruck brachte, wie durch dieses, in dem er Gott bittet: ‚Schenk mir, o Gott, Verstand, der dich erkennt, Eifer, der dich sucht, Weisheit, die dich findet, einen Wandel, der dir gefällt, Beharrlichkeit, die gläubig dich erwartet, Vertrauen, das am Ende dich umfängt‘.“ (Benedikt XVI., Generalaudienz am 16. Juni 2010)

„Die Vertrautheit mit dem natur- und kulturhistorischen Weltbild des heiligen Thomas lässt uns sicherer und auch vorsichtiger urteilen, wenn wir die thomistische Philosophie zu den philosophischen Strömungen und Bewegungen der Gegenwart in Beziehung bringen und für die modernen Probleme des philosophischen Denkens fruchtbar machen wollen. Nur vom Hintergrund dieses natur- und kulturwissenschaftlichen Weltbildes her tritt uns Thomas als eine lebendige geschichtliche Persönlichkeit entgegen, die einerseits mit dem Geistesleben ihrer Zeit verwachsen und verbunden ist, die aber auch andererseits Strahlen immer gültiger, fruchtbarer und vorwärtsdrängender Erkenntnisse für die Wahrheitssuchen aller Zeiten ausstrahlt. In diesem Sinne können wir Thomas mit Franz Sylvestris von Ferrara, dem Kommentator der Summa contra Gentiles, als den ‚homo omnium horarum‘, den ‚Mann aller Stunden‘, bezeichnen“. (Grabmann, Martin, Thomas von Aquin, Kösel, 2010, 194)

„Es ist hier zunächst das rein äußere Faktum zu bedenken, dass die ‚Summa theologica‘ des heiligen Thomas unvollendet geblieben ist. Übrigens ist es nicht ganz zutreffend, dies ein ‚äußeres Faktum‘ zu nennen. Denn es ist nicht so, dass der frühe Tod Thomas die Feder aus der Hand genommen hätte. In diesem Punkt sind die ein den Editionen durchweg anzutreffenden Anmerkungen der Herausgeber nicht richtig. Sondern Thomas hat eines genau datierbaren Tages, am 6. Dezember 1273, von der Feier des Messopfers in seine Zelle zurückkehrend, erklärt, es widerstrebe ihm, weiterzuschreiben: ‚Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Stroh – verglichen mit dem, was ich geschaut habe und was mit offenbart worden ist.‘ Und bei dieser Weigerung ist es geblieben. Das bedeutet, dass der Fragment Charakter der ‚Summa theologica‘ mit zu ihrer Aussage gehört“. (Pieper, Josef, Thomas von Aquin, dtv, 1981, 149)

„Diese gewaltige Corresponsion der Arten der Erkenntnis und der Arten des wirkenden Seins in Mensch, Engel und Gott kennt den nachschaffenden und empfangenden Geist im Leibe, den nachschaffenden und empfangenen Leib ohne Geist und den rein schöpferischen Geist. Das hat wichtige Folgen für die Metaphysik und Logik. Diese umfassendste Weltformel hat Thomas schon gefunden, als er dreißigjährig 1256 De ente et essentia schrieb, die erste reine Metaphysik des Abendlandes. Sie ist nur der Ausdruck dafür, dass nun das wesentliche Menschenerkennen und Menschensosein gesehen ist. Schon wusste Thomas, dass diese Metaphysik mit der öffentlichen, christlichen Lehre bruchlos zu vereinen war, denn sie war ja die Frucht seiner Vorlesungen über die Dogmatik der Zeit.“ (Dempf, Alois, Sacrum Imperium, WBG, 1954, 378)

„Was bedeutet es, so könnte man fragen, dass im Abendland seit Thomas das Sein des Seienden in der Tat nicht mehr metaphysisch und spekulativ gedacht wurde, sondern in die Begrifflichkeit der Subjektivität versank […]? Was bedeutet das Unheil des Verlustes des Lebenselementes des Geistes und seiner göttlichen Ermächtigung? Was bedeutet diese sterile Ohnmacht des nur noch Begrifflichen […]? Was bedeutet schließlich der umso unheilvollere Gang , der aus der Technik mathematischen Messens und Fügens anhebt und die absolut in sich selber versicherte Subjektivität als ‚Willen zum Willen‘, als ‚absolutes Wissen‘ oder ‚als allverfügendes Machen‘ in ein Äußeres und Letztes an seinsvergessener Irre trieb? (Siewerth, Gustav, Das Schicksal der Metaphysik, Patmos 1987, 613)

„Er war der erste Mensch, der bewusst sein Bewusstsein nutzte; dasjenige, was später Persönlichkeit genannt wurde. Er hatte selber eine sehr starke Persönlichkeit. Der Aquinate hatte geradezu eine mächtige Persönlichkeit: eine massive und magnetische Persönlichkeit; er hatte einen Intellekt, der als riesige Artillerie die ganze Welt unter Feuer nehmen konnte; er hatte eine intensive Präsenz in den Debatten, die man schon fast ‚gewitzt‘ nennt kann. Es schwebte ihm aber nie vor, etwas anderes zu tun, als seine Gewitztheit für die Wahrheit um der Wahrheit willen einzusetzen. Es schwebte dem Aquinaten nie vor, den Aquinaten als Waffe einzusetzen. Es gibt keine Hinweis darauf, dass er jemals seine persönlichen Vorteile, seine Familie, seinen Körper, seinen Geist oder seine Erziehung in einer Debatte für seinen eigenen Gewinn eingesetzt hätte. (Chesterton, G.K., The dumb Ox, 93.)

„Ihr nennt ihn den stummen Ochen; Ich sage Euch, dass dieser stumme Oche einmal so laut brüllen wird, dass sein Gebrüll die Welt erfülle“.

- Albert der Große