Der subtile Zauber von Narnia

Interview mit dem C.S.-Lewis-Biografen Michael Coren

| 433 klicks

TORONTO, 13. Dezember 2005 (Zenit.org).- \"Der König von Narnia\" könne für Erwachsene ein willkommener Anlass sein, um über Themen des Glaubens ins Gespräch zu kommen. Von den Kindern sollte man sich das allerdings nicht erwarten, betont Michael Coren, Autor von \"C.S. Lewis, der Mann, der Narnia schuf\", im folgenden Interview. Diese würden die christlichen Themen im neuen Kinofilm nicht erkennen, dafür aber in eine großartige Welt voller christlicher Tugenden eintauchen, die sie eines Tages vielleicht zum Glauben führen werde.



Gegenüber ZENIT erklärt Michael Coren außerdem, wie die meisten Erwachsenen die subtilen Anspielungen auf das Christentum im \"König von Narnia\" erkennen werden.

ZENIT: Was müssen Katholiken über Clive Staples Lewis wissen?

Coren: Sie sollten wissen, dass er kein Katholik war, was aber nicht bedeutet, dass er nicht katholisch hätte werden wollen. G.K. Chesterton konvertierte 1922 zum Katholizismus, obwohl er ja schon zwanzig Jahre lang als katholisch lebte.

C.S. Lewis wurde in Belfast geboren, im sektiererischen Nordirland. Deshalb wurde ihm wie den meisten Kindern der dort lebenden Protestanten eine antikatholische Erziehung zuteil. Lewis war ein Mann seines Umfelds, aber seine Ansichten waren sehr katholisch: Er glaubte an das Fegefeuer und die Sakramente, und er ging zur Beichte.

Ansonsten war er der feinsinnigste Verteidiger des Christentums in der Moderne und verstand es, die Botschaft des Evangeliums ausgesprochen ansprechend zu kommunizieren, in einer Weise, die zum Denken anregt.

ZENIT: Ist es offensichtlich, dass C.S. Lewis in seinen \"Chroniken von Narnia\" den Löwen Aslan als Sinnbild für Christus verwendet?

Coren: Einerseits ja, andererseits aber auch nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen modernen christlichen Autoren war Lewis subtil und hintergründig. Als ich seine Narnia-Bücher in jungen Jahren das erste Mal las, war ich von der Großartigkeit überwältigt, die sich mir offenbarte, erkannte aber nicht die darin enthaltene christliche Botschaft. Die wurde mir erst später klar, als ich erwachsen war.

Wenn man älter ist, wird der christliche Bezug klarer, aber ich glaube nicht, dass man den Kindern das unbedingt erklären sollte. Später einmal werden sie selbst darauf stoßen. Sie brauchen keine ständige Erläuterung. Sie sollten dieses Buch lesen und sich verzaubern lassen, ohne jetzt schon verstehen zu müssen, was tatsächlich dahinter steckt.

ZENIT: Welche konkreten Parallelen werden im \"König von Narnia\" zwischen Aslan und Jesus gezogen?

Coren: Es gibt da sehr viele Parallelen, genauso wie in den übrigen sechs Bänden auch, aber einige liegen klar auf der Hand: Das Auseinanderbrechen des Steintisches und die Aufhebung des alten Gesetzes, aber auch der andauernde Winter ohne Weihnachtsfest, das erst nach dem Kommen Aslans gefeiert wird. Dann auch jene Stelle, an der Aslan sein Leben für einen Sünder hingibt, für einen kleinen Jungen, der für jeden Menschen steht, und wie Aslan diesem Jungen die Sünden vergibt. Und natürlich auch, wie Aslan wieder zum Leben erwacht und die Welt neu gestaltet.

Bevor sich der Löwe für den kleinen Jungen Edmund aufopfert, stellt die weiße Hexe fest, dass Edmund ihr gehöre, weil er gesündigt habe. Und sie beabsichtigt, den Jungen zu töten. Darauf antwortet Aslan, sie könne ihn selbst anstelle von Edmund töten. Die Hexe willigt ein und tötet Aslan, der aber von den Toten aufersteht.

ZENIT: Wie kann man von C.S. Lewis lernen, Romane mit christlichen Inhalten zu schreiben?

Coren: J.K. Rowling hat einmal gesagt, dass Lewis auf sie einen großen Einfluss ausgeübt habe, aber dennoch gibt es viele Christen, die ein Problem mit Harry Potter haben. Ich kenne viele Schriftsteller, die gesagt haben, C.S. Lewis habe sie beeinflusst, und die sich darum bemühen, ihn zu kopieren. Das Ergebnis ist dann oft viel zu ähnlich. Alle diese Bücher sind schwache Nachahmungen.

Lewis war ein Mann seiner Zeit und schrieb seine Bücher zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt. Einige seiner Charaktere lassen sich nicht einfach in die Gegenwart übertragen. Würde heute jemand ein Buch mit diesen Figuren schreiben, wären die Kinder unfähig, sich mit ihnen zu identifizieren. C.S. Lewis war ein Mann des Jahres 1963.

ZENIT: Lässt sich eine tiefere Bedeutung hinter der Tatsache erkennen, dass im Zuge der \"Passion Christi\" nun ein weiterer christlicher Film in die Kinos gekommen ist?

Coren: Ich glaube nicht, dass \"Der König von Narnia\" ein \"christlicher\" Film ist. Wir sollten mit dieser Bezeichnung vorsichtig umgehen. Ich glaube auch nicht, dass dieser Film im Zuge von \"The Passion\" entstanden ist, sondern schon eher im Zuge von \"Der Herr der Ringe\".

Bedeutungsvoller ist vielmehr die Tatsache, dass es seit der \"Passion\" keinen biblischen Kinofilm mehr gegeben hat Dabei könnte man sogar mit einem schlechten Film finanziell sehr erfolgreich sein, weil der Hunger für christliche Filme so groß ist. Aber Hollywood würde alles Mögliche tun, um nur keinen Film mit christlichen Werten machen zu müssen. Es ist wirklich eigenartig, warum nach \"The Passion\" nichts nachgekommen ist.

ZENIT: Welche Hoffnungen und Ängste verbinden Sie mit dem \"König von Narnia\"? Glauben Sie, dass er Menschen zu Christus führen wird?

Coren: Hinsichtlich des Films hege ich keinerlei Ängste. Immer wird es Christen geben, die ihren Glauben an jenen Dingen festmachen, die sie verletzen, und solchen Menschen ist nichts gut und wahrheitsgetreu genug. Dann wird es Leute geben, die sagen werden, dies oder jenes sei falsch, und wieder andere werden der Meinung sein, dass dieser Film nie hätte gemacht werden dürfen.

Ich glaube, dass dieser Film eine gute Gelegenheit ist, um über den christlichen Glauben zu sprechen. Die Menschen werden beginnen, C.S. Lewis zu lesen und über ihren Glauben, den Film und andere gute Dinge zu reden.

Ich las das Buch, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Ich wuchs nicht in einem christlichen Umfeld auf und kam mit dem Christentum auch nicht in Berührung. 20 Jahre später wurde ich ein gläubiger Mensch, und ich bin davon überzeugt, dass dieses Buch die Samen dafür legte. Mein Glaube hat mit der Lektüre dieses Buches begonnen.

Aber wir dürfen uns nicht erwarten, dass jeder, der den Film sieht, eine mystische Glaubenserfahrung hat, auf den Knien aus dem Kinosaal kommt uns sagt: \"Rette mich!\" Wir sollten nicht darauf vertrauen, dass sich durch diesen Film alles ändern wird. Was hat \"Die Passion\" schon groß verändert? Das sind alles nur Filme. Der Heilige Geist kann sich eines Kinofilms bedienen, muss es aber nicht.