Der ungläubige Thomas und die unentwegte Rivalität

Ein Gast aus Florenz

Rom, (ZENIT.org) Elizabeth Lev | 786 klicks

Während der Karwoche weilte in der „Galleria Borghese“, einem der Schmuckstücke Roms, ein regulärer Gast aus Florenz: die von Andrea del Verrocchio gefertigte Statuengruppe Christus und der Ungläubige Thomas, die gewöhnlich auf der „Via die Calzaiuoli“, der Hauptstraße von Florenz, anzutreffen ist. Unter Berninis mythologischen Skulpturengruppen von Pluto und Persephone oder Apollo und Daphne verbreitet sie ein Gefühl der Nüchternheit.

Um ein kleines Geheimnis zu verraten, ist der Ungläubige Thomas lange schon mein Favorit unter den Skulpturen in Florenz. Zu ihm fühle ich mich sogar mehr hingezogen als zum monumentalen David von Michelangelo. Er war mein Weggefährte, als ich mich als säkulare Kunsthistorikerin dem Reichtum des Glaubens näherte, als sich mir die wahre Schönheit der Renaissancekunst durch deren christliche Botschaft offenbarte. Das Faszinierende daran ist manifeste Erforschung des Zweifels und des Glaubens in der christlichen Kunst.

Die Fertigung und der Guss dieser beiden Statuen war ein gigantisches Projekt, das sich über einen Zeitraum von mehr als 15 Jahren erstreckte. Im Jahre 1466 erhielt die umtriebige Werkstatt von Andrea del Verrocchio (was wörtlich übersetzt bezeichnenderweise so viel wie „wahres Auge“ bedeutet) einen Auftrag vom Handelsgericht, einem aus sechs Richtern bestehenden und mit der Entscheidung von Streitfällen unter den Zünften betrauten Gremium, für den Palast der Zünfte „Orsanmichele“.

Dieses elegante Gebäude entlang der Hauptstraße von Florenz war ab dem 14. Jahrhundert von den berühmtesten Bildhauern der Republik geschmückt worden. In den 14 Nischen waren die Arbeiten Ghibertis, Donatellos und Nanni di Bancos ausgestellt. Für den damals 31-jährigen Verrocchio war dieser Auftrag der mit Abstand prestigereichste bisher. Die für das Werk vorgesehene Nische befand sich im Zentrum der Fassade. Zuvor hatte dort die Bronzeskulptur von St. Louis of Toulouse des legendären Donatello Platz gefunden, der im selben Jahr gestorben war.

Verrocchio entschloss sich zu einer Nachahmung der Leistung Lorenzo Ghibertis, dessen Bronzestatue von Johannes dem Täufer die benachbarte Nische ausfüllte und 1416 aus einem einzigen Guss geschaffen worden war. Jede Statue war mehr als zwei Meter groß, auf der Rückseite jedoch offen, sodass sie sich in die Nische einfügte und weniger Bronze benötigt wurde. In der „Galleria Borhgese“ ist es tatsächlich seltsam, zunächst fülligen, runden Figuren gegenüberzustehen und dann herumzugehen und auf der Rückseite einen klaffenden Hohlraum vorzufinden.

Im Gegensatz zu allen anderen für „Orsanmichele“ tätigen Bildhauern hat Verrocchio eine der ergreifendsten Erzählungen aus dem Johannesevangelium festgehalten:

„Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20, 24-25).

Die Skulptur fängt jenen Augenblick ein, in dem Thomas, in der Nische tiefer gestellt, nach Jesus greift, seine Finger nur wenige Zentimeter von der Wunde entfernt haltend. Jesus hebt seinen Arm in die Höhe und entblößt seine Seite, um Thomas ein Berühren und Sehen zu ermöglichen. In einem der eindringlichsten künstlerischen Verarbeitungen von Christus in der Kunstgeschichte wirft Jesus einen von Traurigkeit und zugleich Mitgefühl erfüllten Blick auf Thomas hinab. Er versteht Thomas’ Bedürfnis zu begreifen, doch er begegnet dem Zweifel mit der Rüge, die auf dem Saum seines Gewandes geschrieben steht: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29).

Dieses sanfte Gesicht hinterließ im Geist von Verrocchios Schüler Leonardo da Vinci, der das 30. Lebensjahr damals noch nicht vollendet hatte, eine unauslöschliche Spur und erfuhr im Christus beim Letzten Abendmahl, der seinen Jüngern den Verrat ankündigt, eine erneute Umsetzung.

Verrocchios Werkstatt brachte nicht nur Leonardo hervor, sondern auch Botticelli und Perugino. Jeder der Künstler nahm ein Stück des erlesenen Stils des Meisters auf seinen Weg mit. Mit den Faltenwürfen der Gewänder, der weichen Modellierung der Gesichter und anmutigen Gesten gibt das Werk Anlass zur friedlichen Kontemplation des Zweifels, nicht des gewalttätigen Kampfes.

Wenngleich das Werk als Sinnbild für die vom Gericht verlangten Nachweise betrachtet wird, ist seine Platzierung meines Erachtens bemerkenswert: Es befindet sich im Mittelteil der Vorderseite eines Gebäudes zwischen dem Palazzo Vecchio, dem Zentrum der Stadtverwaltung und Sitz des Handelsgerichtes und dem Dom, der Kathedrale von Florenz.

Verlässt man das geschäftige Stadtzentrum und begibt sich in Richtung Kirche, erweckt ein aus einer Nische hervortretender mit einer Sandale bekleideter Fuß als erstes Element der Gruppe die Aufmerksamkeit des Betrachters. Mit den Augen gespannt den Wellen der Faltenwürfe folgend, tritt man näher bis hin zu den Einbuchtungen der Nische und wird Zeuge des intimen Augenblicks zwischen Christus und Thomas, genannt Didymus, unserem Zwilling.

Es entsteht der Eindruck, als habe diese Gruppe an die Gläubigen Florentiner auf ihrem Weg hinaus aus der geschäftigen Welt der Gewichte, Maße und Überprüfungen die Einladung gerichtet, die weltliche Anschauung hinter sich zu lassen und sich für die durch den Glauben offenbarte Wahrheit zu öffnen.

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Den Weg weisen

Diese lebendige Auseinandersetzung mit dem Zweifel, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Kirchengeschichte zieht, beeindruckt mich stets aufs Neue, denn sie ist ein Zeichen für die Furchtlosigkeit wahren Glaubens.

Oft ist man versucht zu glauben, dass die Christen des Mittelalters gleich unwissenden Kindern den Lehren der Kirche blind Folge leisteten und aufgrund ihrer Einschüchterung zu eigenständigem Denken unfähig waren. Gläubige vergangener geschichtlicher Epochen werden häufig als verstandeslose Masse wahrgenommen, die Hühnerknochen als Reliquien verehrten, oder infolge der stundenlangen ihnen unverständlichen Gesänge eine Benebelung ihres Geistes erfuhren.

Nun mag es verwundern, dass in dieser Welt von Neo-Neandertalern der Bau von Kathedralen, die Wiederentdeckung der Bautechniken des alten Roms und die Erzeugung von Glasmalereien gelingen konnte, die selbst den erschöpftesten Reisenden in Blendung versetzen, Reisen von Großbritannien nach Syrien und Compostela unternommen wurden und Thomas Aquinas, Bonaventure und die ersten Universitäten hervorgegangen sind. Mit der Entdeckung der Erforschung der Realität des Zweifels dieser Welt erlebte ich jedoch gleichsam eine Erschütterung.

Die ersten Bilder des Ungläubigen Thomas entstanden bereits im fünften und sechsten Jahrhundert; in einer Zeit, da die Häresie des Arius Überhand zu nehmen schien. Ikonen erinnern an Thomas’ Bedürfnis nach Gewissheit während der turbulenten Zeitalter der Eroberung einst christlicher Länder durch den Islam.

Einige Zeitgenossen Verocchios schufen ebenso Darstellung von Thomas und Christus; das Thema des Zweifels erlebte jedoch mit der Reformation eine durchschlagende Wiederkehr. Im Jahre 1601 hinterließ Caravaggio der Nachwelt eine unvergessliche Version der Begegnung, bei der Thomas die von der Lanze zugefügte Wunde mit seinem Finger erkundet, wobei Christus selbst seine Hand führt. Die anderen Apostel drängen sich dicht an die Szene, um sie mitverfolgen zu können. Unterhalb des Thomas hat der Künstler hat sogar einen Platz für den Betrachter vorgesehen.

Das Mittelschiff der Lateranbasilika, der Kathedrale Roms und ältesten Kirche des Christentums, ist gesäumt von Statuen der Apostel aus dem 18. Jahrhundert. Auf die meisten Besucher üben die grauenvolle Haut des hl. Bartholomäus oder die sich in der gebeugten Haltung spiegelnde Inbrunst des hl. Matthäus besondere Anziehungskraft aus. Lässt man den Blick jedoch entlang des Mittelschiffes schweifen, so erkennt man nur eine Figur, die sich aus der Nische herausragt. Wie der Fuß der von Verrocchio angefertigten Skulpturengruppe hält die von Pierre le Gros geschaffene Marmorstatue des Thomas ihren berühmten ausgestreckten Finger in das Mittelschiff hinein. Während unseres Rundgangs durch das Mittelschiff geraten wir wie in unserem Leben ins Zweifeln und ins Wanken, doch da steht Thomas, der gesehen hat und glaubt, und den Weg zu seinem Herrn und seinem Gott weist (vgl. John 20,28).

Ich werde häufig um Informationen zu Reliquien, deren Authentizität und Herkunft gebeten. Letztlich führt dies hin zur Frage nach meiner Lieblingsreliquie. Sie ist in der Kirche „Santa Croce in Gerusalemme“ in einem Glaskasten im für die Passionsreliquien vorgesehenen Marmorschrein untergebracht. Neben dem Fragment des Kreuzes Jesu, seiner Holztafel (dem „titulus“) und den Nägeln und Dornen befindet sich dort auch ein kleines Behältnis mit dem Finger des Thomas, der allgegenwärtigen Versuchung des Zweifels. 

In seiner „Einführung in das Christentum“ schrieb der emeritierte Papst Benedikt und damalige Kardinal Ratzinger, dass diese Ungewissheit, diese „unbeendbare Rivalität zwischen Zweifel und Glauben“ Gläubige und Nichtgläubige vereinen könne und „zum Ort der Kommunikation“ werde. Der Zweifel, so Ratzinger, bewahre beide vor dem Genuss der vollkommenen Selbstzufriedenheit; er öffne den Gläubigen für den Zweifler und den Zweifler für den Gläubigen. Letztlich rette er beide Seiten vor einer Einschließung in der eigenen Welt.

Thomas war vielleicht nicht der Fürst oder der von Jesus am meisten geliebte unter den Apostel, doch wir sind ihm, unserem „Zwilling“, zu tiefen Dank verpflichtet.