Der Ursprung ist das Ziel

Brauchen wir eine Kirchenreform? Robert Spaemann und Martin Mosebach zu Gast in Freiburger katholisch-theologischen Fakultät

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Von Regina Einig



ROM, 25. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Will eine theologische Fakultät in Deutschland einen Abend über ein etwas abgedroschenes Thema wie „Kirchenreform“ nicht vor einem exklusiven Seniorenstudentenkreis abhandeln, muss das Podium originell besetzt sein. Der Philosoph Robert Spaemann und der Schriftsteller Martin Mosebach enttäuschten ihrer Hörer am Freitagabend in der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nicht: Auf Bitten der Gastgeber sollten sie im Gespräch mit dem Dogmatiker Helmut Hoping und dem Pastoraltheologen Hubert Windisch den Ton angeben.

Erfrischend und in bildkräftiger Sprache schilderten beide ihre Sicht der Kirche in Deutschland. Vor schmunzelnden Studenten breiteten sie ein akademisches Sittengemälde aus, das die schwarzen Flecke der Universitätstheologie in Deutschland unverhüllt zutage treten ließ. Deren Hauptdefizit besteht Spaemann zufolge in dem Irrglauben, zu meinen, man könne Theologie voraussetzungslos – ohne die Wahrheit des katholischen Glaubens – betreiben. Die Ergebnisse der schulischen Religionsstunden sprächen für sich. Auch jahrelange Teilnahme am Unterricht ändere nichts am eklatanten Kenntnismangel der Schüler. „Kinder wissen fast nichts über den Glauben“, stellte der Philosoph fest.

Der gesunde Menschenverstand fordert Alternativen. „Wenn Fakultäten nicht imstande sind, Religionslehrer auszubilden, dann sollte der Unterricht lieber gläubigen Handwerkern übertragen werden“, so Spaemann wörtlich. Dass seine erwachsenen Kinder noch sonntags zur Messe gingen sei in erster Linie der elterlichen Entscheidung zu verdanken, sie vom schulischen Religionsunterricht abzumelden. Ganz hoffnungslos sah der Philosoph die Lage allerdings nicht: „Wenn die Theologie orthodox wird, gewinnt sie ihre Respektabilität wieder.“

Vom Versuch, den Pudding an die Wand zu nageln

Auch Mosebach zeichnete ein düsteres Szenario der akademischen Theologie und beklagte eine „eigentümliche Fetischisierung von Wissenschaftlichkeit“ und einen „fatalen Hang zum Feuilleton und zur Lyrisierung“. Moderne Theologen ersetzten klare Glaubensaussagen oft durch einen „sentimentalen Wortschwall“, der an den Versuch erinnere, „einen Pudding an die Wand zu nageln“. Kein Wunder, dass Mosebach, der von der universitären Theologie „nichts erwartet“, Windischs kokettes Gedankenspiel über eine Kirche, in der mit Theologie kein Geld mehr zu verdienen sei, sympathisch fand. Der Gedanke, die Privilegien eines verbeamteten Theologieprofessors zugunsten gegen das Dasein eines wissenschaftlich tätigen Mönch zu tauschen schien die anwesenden Hochschullehrer allerdings nicht zu packen, trotz Mosebachs wohlwollender Einschätzung monastischer Forschungsaktivitäten. Ob der Abend in Theologenschelte enden sollte, fragte ein ergrauter Hörer. „Wenn Theologen zu schelten sind, einschließlich wir, warum soll man sie nicht schelten?“, lautete Windischs Gegenfrage.

Themawechsel. Auch theologische Fakultäten kommen an sichtbaren Erfolgen nicht vorbei: Martin Mosebach hat mit seinem mittlerweile in neunter Auflage und vier Übersetzungen erschienenen Buch „Häresie der Formlosigkeit“ über die Ästhetik der römischen Liturgie erreicht, wovon viele Liturgieprofessoren nur träumen können. Ist es dem prestigeträchtigen Namen des Büchnerpreisträgers oder einem allgemeinen Klimawandel im katholischen Milieu zuzuschreiben, dass sich das Thema in Freiburg als hörsaaltauglich erwies? Der Besuch der alten Messe, vor wenigen Jahren noch eine Garantie für innerkirchliche Ausgrenzung, bedeutet offensichtlich kein Stigmatisierungsrisiko mehr, wenn sich auch Lehrstuhlinhaber als Besucher der alten Messe outen und ungeniert eine offene Debatte über Kardinalfehler der Messbuchreform moderieren. Hopings Bekenntnis, er feiere gelegentlich die Liturgie im außerordentlichen Ritus mit, traf auf ein gelassenes Publikum.

Erwartungsgemäß klar fiel Mosebachs liturgische Analyse aus: Er sei der Überzeugung, dass „das Wesen der Kirche in diesem Ritus begründet ist.“ Die Kirche entferne sich auf gefährliche Art von sich selbst, wenn sie die Verbindung zu dem Ritus aufgebe, der ihr Wesen am vollkommensten ausdrückt. Man kann ihn überhaupt nicht wichtig genug nehmen.“ Neben soviel glühender Bekenntnisfreude fiel Windischs Bekenntnis zum Vollzug im Novus Ordo „Ich schaffe den Ritus nicht und versuche zu glauben, was ich feiere“ etwas farblos aus.

Der These vom Bruch in der katholischen Kirche durch des Zweiten Vatikanischen Konzils widersprach Mosebach: „Wenn ich ernsthaft glauben würde, dass es einen Bruch gegeben hat, obwohl es viele Anzeichen dafür gibt, würde ich dieser katholischen Kirche nicht mehr angehören.“ Die katholische Kirche könne und dürfe sich nicht in Brüchen entwickeln. Als Christen seien wir auf den Anfang bezogen und das organische Wachstum dessen, was anfänglich gestiftet worden sei, so der Schriftsteller. „Wenn das Zweite Vatikanum tatsächlich einen unversöhnlichen Bruch hervorgerufen hätte, dann wäre dies ein wichtiger Punkt, um an der Kompetenz dieses Konzils ernsthaft zu zweifeln. Es wäre für einen Katholiken nicht mehr möglich, sich diesem Konzil zu unterwerfen.“ Darum werde es immer darauf ankommen, beim Zweiten Vatikanum die Kontinuitätslinien zu entdecken und das Konzil in die Reihe früherer Konzilien einzuordnen.

An dieser Herausforderung scheitert die Universitätstheologie heute allerdings oft. Spaemann wies darauf hin, dass sich viele konzilsbezogenen Streitpunkte auch im Sinne der Kontinuität interpretieren ließen. Als Beispiel zitierte er konstruierte Widersprüche wie den Einwand von der veränderten Ekklesiologie, die Kirche als wanderndes Gottesvolk verstehe. Dies, so der Philosoph, sei nichts Neues. Im römischen Kanon erwähne der Priester nicht von ungefähr „dein heiliges Volk“. Auch setzten Strukturen, die sich im Lauf der Zeit änderten, das grundlegende Prinzip nicht außer Kraft: „Warum soll nicht ein wanderndes Gottesvolk hierarchisch aufgebaut sein?“

Die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft hat in Theologenkreisen seltsame Phänomene hervorgerufen: Professoren, die trotz defizitärer Lehren nie suspendiert oder exkommuniziert wurden, fordern eilfertig deren erneute Exkommunikation. Mosebach erinnerte an die Wiederaufnahme der Vokabel „Häresie“ in den aktiven professoralen Wortschatz. Theologen, die sich den bloßen Gebrauch des Wortes unter Verweis auf „finsterste Inquisitionszeiten“ verbäten, geißelten die Nichtanerkennung von Beschlüssen des Zweiten Vatikanums als solche. Aus dieser Spannung ein Dogma zu machen, sei grotesk. Mit Blick auf die künftigen Gespräche Roms mit der Piusbruderschaft wies Spaemann darauf hin, dass „das Konzil eine Pflicht nicht getan habe“, als es am Anfang des Dekrets über die Religionsfreiheit festhielt, dass die überlieferte Lehre der Päpste über diesen Gegenstand unangetastet bleibe, aber keine Anstrengung machte, um zu zeigen, wie der approbierte Text diesem Anspruch genügen kann: „Das muss nachgeholt werden.“

Kritisch beurteilte Spaemann die – von Hoping und Windisch nicht mitunterzeichnete – Erklärung der Freiburger katholisch-theologischen Fakultät vom 29. Januar 2009. Darin hatten die Professoren das Entgegenkommen Benedikts XVI. gegenüber der Priesterbruderschaft kritisiert. Spaemanns Bedenken angesichts der Haltung von Universitätstheologen, die „kaltblütig über viele Verlautbarungen des Konzils hinweggehen“ und nun aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein dogmatisches Konzil machen wollten, um die Zustimmung oder Ablehnung zu seinen Beschlüssen mit der Exkommunikation in Verbindung zu bringen, konnte Hoping nachvollziehen. Gleichwohl sei „die theologische Fakultät hier noch einigermaßen katholisch“.

Muss sich der gute Katholik um Weltoffenheit Sorgen machen? Windisch zitierte Norbert Bolz, der kürzlich in dieser Zeitung erklärt hatte, die Kirche dürfte unzeitgemäßer sein: Das Wichtigste sei der Mut zur Unzeitgemäßheit.

Die Kirche sei natürlich weltoffen, weil sie wisse, woher die Welt stamme und welche Impulse sie bewegten und fühle sich mit ihr identisch. Doch Unzeitgemäßheit sei die charakteristische Eigenschaft und Stärke der Kirche, unterstrich Mosebach unter Applaus. Die Kirche solle „einen Schritt neben jeder Zeitepoche zu stehen und nicht vollständig in ihr aufgehen.“ Kritik ernte sie im historischen Rückblick meistens für zeittypische Reaktionen, die mangelnden Abstand zum jeweiligen Zeitgeschehen verrieten. Gerade die Liturgie der Kirche sei nur zum kleinsten Teil in der Gegenwart angesiedelt.

Die Zeit erzieht sowieso – und nicht immer zum Besten

Spaemann argumentierte in Anlehnung an Jean Paul: Jede Zeit braucht unbedingt Unzeitgemäßheit. Darum müssten auch Kinder immer gegen ihre Zeit erzogen werden, denn die Zeit erziehe sowieso – und nicht immer zum Besten des Menschen. Mit dieser Haltung knüpfe man auch an die alte Kirche an, die in ihrer Welt zunächst ein Fremdkörper gewesen sei. „Das Pathos, das die Apostel erfüllte, ist der Kirche heute weitgehend abhanden gekommen.“ Aufrufe wie der des Apostels Petrus, sich „aus einem verkehrten Geschlecht“ retten zu lassen, seien kaum noch zu hören, weil auch über die Ursache des Rettungsbedarf, nämlich die Sünde, kaum noch gesprochen werde.

Windisch ließ im Zusammenhang mit seinen Überlegungen über einen weltoffenen Katholizismus das Stichwort „Donum vitae“ fallen. Den Verein in diesem Kontext zu sehen, lehnte Spaemann kurz und bündig ab. Schon die Terminologie, „Frauen bei einer Entscheidung zu helfen, mit der sie später leben können“ zeige, dass das ganze System auf dem falschen Gleis liege. Diese Form des Konsequentialismus – Schlechtes tun, um Gutes zu erreichen oder: einige Kinder preisgeben, um andere zu retten – habe schon der verstorbene Papst verurteilt.

Der Einwurf des Freiburger Moraltheologen leitete zu einer aufschlussreichen Passagen des Gesprächs über, zeigte er doch, dass ausführliche Überlegungen über eine utilitaristische Moral und die Frage der Vereinbarkeit von kirchlichen Ämtern und einer Mitarbeit bei „Donum vitae“ tabu waren. Eine Kirchenreform, die den Namen verdient, dürfte allerdings nicht ohne Klärungsprozesse im Laienapostolat und einschneidende personelle Änderungen durchzusetzen sein. Hoping wollte das „sensible Thema“ nicht weiter vertiefen und traf damit auch die Stimmungslage der Hörer. Aus dem Saal gab es in der anschließenden Diskussion keine Nachfragen. Bedenkt man, dass geschlossenen katholischen Reihen gegen die Abtreibungslobby noch im Pontifikat Johannes Pauls II. für eine ganze Generation identitätsstiftend waren, zeigte sich hier eine bemerkenswerte Verschiebung.

Tradition sei im Verschwinden, wenn sie sich gegen den Geist ihres Anfangs definiere, hatte Spaemann eingangs unterstrichen. Der Glaube an den Erlöser, der sein Blut für alle Menschen vergoss, hat die Kirche durch die Jahrtausende darin bestärkt, möglichst vielen den Weg zur Taufe und einem menschenwürdigen Leben zu ebnen. Wenn es Sinn jeder Reform ist, „das ursprüngliche Ziel wieder zum Leuchten zu bringen und die Handlungen der Menschen auf dieses Ziel hin zu orientieren“ (R. Spaemann) müssen die Linien einer Kirchenreform bis zur Haltung der Institution zu Lebensschutzfragen ausgezogen werden.