Der Vatikan und das Verhältnis zu Israel

Zur Pilgerreise von Papst Benedikt XVI. ins Heilige Land

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JERUSALEM, 18. Mai 2009 (ZENIT.org).- Reich an eindrucksvollen Ereignissen und interreligiösen Begegnungen war die Nahostreise des Papstes. In Jordanien herrschte harmonische Eintracht. Offenkundig trafen sich die Bemühungen des jordanischen Königs Abdullahs II. mit jenen von Papst Benedikt um eine Verbesserung des interreligiösen Dialogs. Und auch in Israel und Palästina gab es teils sehr positiven Austausch mit einzelnen jüdischen und islamischen Vertretern.

Wie einen Helden empfingen die Christen im Nahen Osten Benedikt XVI. Das zentrale Anliegen seiner Pilgerreise - die Stärkung der dort lebenden Christen - konnte der Heilige Vater verwirklichen; mit Begeisterung wurden seine bestärkenden Worte aufgenommen. „Der Papstbesuch motiviert uns, in unserem Land zu bleiben", meinte etwa ein 27-jähriger christlicher Palästinenser.

Eines muss man aber deutlich aussprechen: Das Klima war in Israel merklich angespannter. Eine belastete jüdisch-christliche Geschichte, das jüdische Trauma angesichts des Holocausts und der Nahostkonflikt mit einem fehlenden Verständnis für die Sichtweise der jeweils anderen Seite werfen ihre Schatten auf das Verhältnis der Kirche zum Judentum. All das wurde leider deutlich.

Hochgeschraubt waren die Erwartungen für die Rede in Yad Vashem - doch sie wurden nicht erfüllt. Mehrere israelische Zeitungen bekundeten tagelang ihre Enttäuschung über die aus ihrer Sicht verhaltenen Papstworte. Daran änderten auch einige positive Stimmen - etwa von Israels Präsident Shimon Peres und von mit dem Papst befreundeten Rabbinern - nichts.

Der Holocaust ist für Israel nicht eine Frage der „political correctness". Der jüdische Staat ist noch heute von der Erinnerung an die Dezimierung des jüdischen Volkes vielfach traumatisiert. Dazu tragen auch heutige Gegner Israels bei, die nicht davor zurückschrecken, Israel selbst mit dem Naziregime gleichzusetzen, sein Existenzrecht zu leugnen, die Ermordung israelischer Zivilisten zu propagieren und die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis als jüdische Propaganda hinzustellen.

Und so spielt der Holocaust sogar in den Nahostkonflikt hinein. Kritische internationale Israel-Berichte gerade in Europa im Hinblick auf das Palästinenserproblem werden von Israel mitverfolgt. Einige Israelis halten Europas Israelkritik schlicht für antisemitisch - nicht weil sie Kritik an israelischer Politik prinzipiell mit Antisemitismus gleichsetzen, sondern weil sie klare Worte gegen die antisemitische Propaganda in der arabischen Welt vermissen. Dass aus Sicht vieler Israelis Europa als Ganzes für die Judenvernichtung verantwortlich ist, verstärkt noch das Misstrauen. Vom Papst als moralischer Autorität erwarteten sich viele deshalb mehr.

Am Montag (11. Mai) wollten der Großmufti und der frühere lateinische Patriarch von Jerusalem gemeinsam eine Pressekonferenz abhalten. Von der israelischen Regierung wurde die gemeinsame Veranstaltung in Jerusalem verboten. Auch die Sicherheitsvorkehrungen erreichten in der ganzen Woche ein exorbitantes Ausmaß. Halb Jerusalem war teilweise blockiert, selbst dort, wo Papst Benedikt überhaupt nicht vorbeikam. Auch das Passieren der israelisch-palästinensischen Grenze und Sperrmauer wurde besonders mühsam. Kurz: Europäer, die Israel für seinen Umgang mit den Palästinensern kritisieren, sahen sich voll und ganz bestätigt, obwohl der Befehlshaber der Operationsabteilung der israelischen Polizei, Benzi Sau, die Weltpresse darüber informierte, dass es diese Sicherheitsvorkehrungen aufgrund von Anschlagsdrohungen gegen den Papst gab und man dadurch auch Unruhen vorbeugen wollte.



Die palästinensische Seite tat hingegen alles, um während des Papstbesuchs auf ihre politischen Interessen aufmerksam zu machen und die „israelische Aggression" zu verurteilen. Während sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu klare Worte Benedikts zur anti-israelischen Hetze des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad wünschte, nahmen die Palästinenser wohlwollend kritische Papstworte zur Sperrmauer und dem Recht auf einen eigenen Palästinenser-Staat auf.

Überwiegend begegnete dem Heiligen Vater in der Westbank großer Jubel. „Unser Papst ist unsere Hoffnung", verkündeten Plakate in Bethlehem auf Arabisch und Englisch. Die Straßen waren mit Flaggen des Vatikans und der Palästinenser geschmückt. „Es wurde in den letzten Tagen viel über Gefühle gesprochen", erklärte die palästinensische Tourismusministerin Khouloud Daibes in Anspielung auf die israelische Empörung über den Papst. „Wir empfingen den Papst mit offenen Herzen und sind sehr glücklich über seine Anwesenheit." In Nazareth war am nächsten Tag die Stimmung etwas ruhiger.

Manche jüdische Stimmen stellten den Papstbesuch im Hinblick auf das jüdisch-christliche Verhältnis sogar als Misserfolg hin, andere sind vorsichtig optimistisch. Tatsächlich ist es noch zu früh, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Maßgeblich dafür werden die Ereignisse der kommenden Monate sein. Eines aber ist klar: Gute Beziehungen zum Judentum und zum Staat Israel erfordern auf beiden Seiten Einfühlungsvermögen und Verständnis.

Von Stefan Beig